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Göbekli Tepe Der erste Tempel der Geschichte

Vor 11.000 Jahren errichten Jäger und Sammler am Göbekli Tepe die erste Kultanlage überhaupt. Der Bau zeugt von Religiosität, von Fortschritt – und womöglich von einer grundlegenden Zeitenwende
Göbekli Tepe

Im Südosten der heutigen Türkei erhebt sich der Tempel von Göbekli Tepe. Um die aus Hunderten Pfeilern bestehende Anlage zu errichten, erfinden die Erbauer vermutlich die Arbeitsteilung: Träger schaffen die Stelen heran, Aufseher überwachen ihre Verteilung, Steinmetze verzieren sie mit Symbolen

Wie eine lang gestreckte Düne erhebt sich der Göbekli Tepe, der „gebauchte Berg“, über einem Kalksteinplateau, das im Südosten Anatoliens zum Zweistromland abfällt. Karges Steppengras wächst an seinen trockenen Hängen, von denen einst die Säulen der ersten Tempelanlage der Menschheit emporragten: eines Monuments, das Nomaden vor 11.000 Jahren errichtet haben – und das von einer Zeitenwende kündete. Viele Jahrtausende lang ziehen Jäger und Sammler durch die Region, auf der Jagd  nach Gazellen und Auerochsen, auf der Suche nach Beeren, Wurzeln und Früchten. Nie errichten sie feste Gebäude – bis sie um 9000 v. Chr. am Göbekli Tepe urplötzlich eine gigantische Kultstätte schaffen.

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Auf einer Fläche von 300 mal 300 Metern richten die Steinzeitmenschen rund 200 T-förmige Kalksteinsäulen von mehr als vier Meter Höhe auf. Die Stelen stehen in mehreren weiten Kreisen beisammen und umringen jeweils zwei besonders große Säulen von sieben Meter Höhe. Einzelne Steine sind mit stilisierten Köpfen, Armen und Händen versehen. Sie stellen vermutlich übermenschliche Wesen dar: Ahnen, Dämonen oder Götter.

Über Jahre arbeiten wohl Hunderte Menschen auf dieser ersten Großbaustelle der Weltgeschichte und erfinden dabei vielleicht sogar die Arbeitsteilung: Baumeister entwerfen zunächst die Anlage des Heiligtums, dann schlagen Arbeiter die Stelen mit Faustmeißeln aus dem Kalksteinbruch unterhalb des Hügels. Transporteure befördern die bis zu 50 Tonnen schweren Säulen hinauf, wahrscheinlich mit reiner Muskelkraft, vielleicht auch schon mithilfe von Rollschlitten. Vorarbeiter organisieren die Kolonnen.

Anschließend verzieren Künstler die Stelen mit Reliefs wilder Tiere, mit springenden Gazellen, Füchsen, Wildschweinen, aber auch mit Schlangen, Kröten und Spinnen. Vielleicht sind dies Darstellungen von Geistern, die das Heiligtum beschützen, womöglich Götter oder Begleiter von Toten (allerdings warnte der deutsche Archäologe Klaus Schmidt, der die Anlage 1994 entdeckt und erforscht hat, vor allzu einfachen Antworten).

Tempel forderte logistische Höchstleistungen

Zuletzt schließen Bauleute den Säulenkreis mit einer Rundmauer aus geschichteten kleineren Feldsteinen, bevor Priester oder Priesterinnen die ersten religiösen Zeremonien vornehmen. Sie beten wohl höhere Wesen an, ehren die Toten. Steinmetze haben solche kultischen Handlungen auf den Stelen festgehalten. Auf ihnen ist zu sehen, wie Vogelmenschen Schamanentänze aufführen und Geier kopflose Körper ausweiden. In den Erdboden haben die Handwerker Opferschalen eingelassen.

Um diese logistischen Höchstleistungen zu vollbringen, mussten Hundertschaften an Arbeitern, Künstlern und Konstrukteuren ernährt, gekleidet und ausgerüstet werden. Und sie mussten sich länger an diesem Ort aufhalten, vielleicht  sogar über viele Jahre. Wurden sie aus diesem Grund sesshaft?

Dann könnte der Tempelbau die Neolithische Revolution initiiert haben, die größte Zeitenwende der Menschheitsgeschichte. Denn überall in der fruchtbaren Region vom östlichen Mittelmeer über Mesopotamien bis zum Iran werden die Menschen bald erstmals in Dörfern siedeln, Getreide anbauen, Schafe, Ziegen und Rinder züchten.

1000 Jahre wird Göbekli Tepe für Totenkulte und Riten genutzt

Allerdings haben Archäologen weder Herdplätze noch Feuerstellen gefunden, die als Anzeichen dauerhafter Besiedlung gelten. Und die gefundenen Knochenreste von Gazellen, Hirschen und Wildschweinen beweisen, dass die Menschen noch keine Nutztiere hielten, sondern weiter zur Jagd gingen. Aber wildes Getreide, das noch heute am Göbekli Tepe wächst, diente ihnen bereits als Nahrung und wurde wahrscheinlich bald systematisch angebaut.

Klaus Schmidt hielt den Jenseitsglauben und die Totenverehrung für die Triebkräfte der bald darauf einsetzenden Neolithischen Revolution. Der lange Aufenthalt an einem Ort und die Versorgung der Arbeiter hätten die Jäger und Sammler überhaupt erst auf die Idee gebracht, sich dauerhaft in der Gegend niederzulassen. Erst war der Tempel, dann die Stadt, so lautet Schmidts These (doch könnten auch steigende Temperaturen und damit ein üppigeres Nahrungsangebot die Nomaden dazu gebracht haben, sesshaft zu werden).

Rund 1000 Jahre wird die Anlage für Totenkulte und Riten genutzt. Dann schütten die Menschen den Tempel mit Geröll zu. Und ziehen, so vermutete Schmidt, in die fruchtbaren Täler unterhalb des Göbekli Tepe. Um dort fortan als Bauern zu leben.

Foto: mauritius images
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