Auf dem Arlberg Trail ist aller Anfang leicht. Vom sommerverschlafenen St. Anton aus geht es früh mit der Galzigbahn auf 2.082 Meter Höhe. Doch nach der Seilbahn wird es knackig: Je nach Route liegen bis zu 42 Kilometer Wanderweg und 6.132 Höhenmeter vor einem, dazwischen drei Übernachtungen, wahlweise mit Gepäckservice zwar. Aber vor allem auf der letzten Etappe muss man trittsicher und schwindelfrei sein.
Dafür erlebt man die Gegend am Arlberg in einer Ruhe, wie sie im winterlichen Skibetrieb, für den man hier bekannt ist, kaum denkbar ist. Wo im Winter Skifahrermassen entlang brettern, ist es nun leer und still. Nur das ferne Rauschen der Gebirgsbäche ist allenthalben zu hören. Es geht los: Gleich hinter der Bergstation führt ein Trampelpfad weg von der Piste und auf den Fernwanderweg.
1. Etappe: St. Anton - Stuben
Zwischen wilden Blaubeeren und purpurfarbener Schneeheide beginnt der vielleicht geheimnisvollste Abschnitt, dessen Mystik sich erst entfaltet, wenn regenschwere Wolken das alpine Panorama verbergen. Nebel wabert über die kristallklaren Albonaseen und hüllt die Natur in sepiafarbene Schleier. "Sie gehören zu den schönsten Seenlandschaften der Alpen", sagt Bergführer Martin, der es schließlich wissen muss.
Und doch ist trotz Ferienzeit kaum jemand unterwegs - weder am höchsten Punkt des sich kreuzenden Jakobswegs noch entlang der Hospiz Alm von St. Christoph. Ursprünglich dazu gedacht, erschöpfte Wanderer aufzupäppeln, trifft sich hier jedes Jahr ab Dezember die genussfreudige High Society, um sich an der gigantischen Bordeaux-Sammlung zu laben.
An diesem Ort wurde 1901 der Ski-Club Arlberg gegründet, einer der ersten seiner Art weltweit. Wenig später brachte der Visionär Hannes Schneider mit seinen neuartigen Skikursen die Wiege des alpinen Skisports endgültig zum Schaukeln. Bis in den 1960er-Jahren die Anzahl der Winter- die der Sommergäste erstmals überstieg.
Nun geht es hinauf in leise, baumlose Höhen, die kein Skifahrer je erreicht. Der Pfad führt über ein riesiges, von Wasserfällen durchzogenes Blaubeerfeld, durch das es sich kilometerweit naschen ließe. Zumindest probieren sollte man, denn die Früchtchen schmecken nicht nur besser als ihre Supermarktversion, sie enthalten auch mehr Vitamine und entzündungshemmende Inhaltsstoffe.
Blaubeerbeseelt geht es weiter: über nasse Wiesen und matschige Hochmoorlandschaften, hinab auf endlosen Serpentinen, bis sich die ersten Dächer von Stuben zeigen. Die Sauna ist heiß, das Gepäck ist auch schon da.
Einkehren: Kaltenberghütte (nach ca. acht Kilometern) - Kleinod mit leckerem Kaiserschmarrn, nur Barzahlung
2. Etappe: Stuben - Lech
Die Arlberg-Region ist niederschlagsreich. Das sorgt im Winter für Schneegarantie und heute für einen vernebelten Aufstieg nach Zürs. Tropfender Dunst hängt in den dschungelgrün bewachsenen Felsen fest. Auch das hat Charme. "Vielleicht sehen wir einen Berggorilla", scherzt Martin. Immerhin ein schwarzglänzender Alpensalamander lässt sich blicken.
Oben in Zürs liegt der Hund begraben. Einwohner gibt es kaum, die Geschäfte sind geschlossen. Warten auf die Skisaison. Nur ein Hotel hat geöffnet. Ein Experiment sei das, erklärt Katharina Laimer vom Tourismusverband St. Anton. "Wir sind auf Skitourismus gepolt. Mehr als drei Viertel der Gäste kommen im Winter."
Weil die touristische Infrastruktur nun mal da ist, möchte man dies auch im Sommer nutzen. Der 2021 eröffnete Arlberg Trail ist solch ein Versuch. Gepäcktransport und Übernachtungen in schicken Wellnesshotels zum halben Preis sollen die Weitwanderlust entfachen.
Bislang ist der Drei-Tages-Trip noch ein Geheimtipp: Denn die Region wird weiterhin hauptsächlich fürs Wintervergnügen wahrgenommen. Darüber freuen sich bislang alle, die den Arlberg Trail gehen. Denn der Fernwanderweg ist kaum frequentiert. In vielen beliebten Wanderregionen tritt man sich dagegen zur Saison auf die Füße.
Unterdessen haben sich die Wolken verzogen, und die Seekopfbahn bringt die wenigen Arlberg-Trailer hinauf zum türkisblauen Zürsersee. Kühen ausweichend geht es weiter hoch zum Madlochjoch. Ein bunt blühendes Bergwiesenplateau breitet sich aus.
Dann ein Piff, dann noch einer. Zwei Köpfchen lugen hervor. Wir sind in der Heimat der Murmeltiere. Dann zeigt sich der schroffe Gipfel der Damülser Mittagsspitze und weist den Weg Richtung Lech. Es ist ein langer, felsiger Abstieg.
Einkehren: "Bergrestaurant Seekopf" (nach ca. fünf Kilometern) - Hüttengerichte und heimische Klassiker wie Käsespätzle
3. Etappe: Lech - St. Anton
"Der Zauber des Weitwanderns ist", sagt Martin, der Bergführer, "dass jeder Tag vorgegeben ist. Du startest in der Früh und hast abends ein Ziel. Also gehst du los. Am nächsten Morgen wieder. Irgendwann verlassen die Gedanken deinen Kopf. Du setzt einfach nur einen Fuß vor den anderen." Corona hat die Sehnsucht nach diesem Zustand und damit Weitwandern zum Trend gemacht, der bis heute anhält.
Spätestens auf 2.350 Metern, irgendwo zwischen Monzabonsee und der Hochtalsenke Ochsengümple, stellt sich dieser Zustand ein. Hier gibt es weder Häuser noch Strommasten oder sonstige Anzeichen von Zivilisation. Nur raue hochalpine Wildheit. Der Blick ist weit und wunderbar. Über einen Bergkamm wandert wie bestellt eine Steinbockfamilie, ein Adler zieht Kreise. Murmeltiere sind auch wieder da.
Mittagspause auf der Stuttgarter Hütte bei Ang Kami Lama. Der aus einem nepalesischen Bergdorf stammende Sherpa hat schon Wanderer auf den Mount Everest gebracht. Heute serviert der 40-Jährige zwischen Gebetsfahnen, Filzhüten, Buddha und Kuckucksuhr Momo-Teigtaschen nach Familienrezept. "Ich komme vom Berg, ich kann nur auf dem Berg existieren", sagt er.
Sobald der Winter naht, packt ihn Heimweh. Dann schließt er die Hütte ab und begibt sich auf Himalaya-Expeditionen. Im Frühling zurück, müssen ihm die Alpen unglaublich klein vorkommen.
Doch unterschätzen sollte man die Berge nie: Nicht umsonst heißt der letzte Abschnitt des Arlberg Trails auch Königsetappe. Sie ist nur für trittsichere und schwindelfreie Wanderer geeignet. Alternativ bietet sich ab Stuttgarter Hütte ein zauberhafter Pfad nach Zürs an. Von dort fahren Busse nach St. Anton. Ganz gleich, auf welchem Weg der Arlberg Trail sein Ende findet – er lässt jeden von Bergglück durchströmt zurück.
Einkehren: Stuttgarter Hütte (nach ca. sechs Kilometern) - die Momo-Teigtaschen probieren!
Links, Tipps, Praktisches:
Reiseziel: Die Arlberg-Region gehört zu den bekanntesten, ältesten und größten Wintersportdestinationen Europas, ist Schauplatz zahlreicher Kultfilme sowie Promi-Treff. Kenner wissen die Bergwelt auch im Sommer zu schätzen.
Anreise: Ab München verkehren mehrmals täglich Züge nach St. Anton mit einmaligem Umsteigen.
Der Arlberg Trail: Die etwa 42 Kilometer lange Wanderroute über mittelschwere Bergwege verbindet St. Anton, St. Christoph, Stuben, Zürs, Lech und führt wieder zurück nach St. Anton. Die reine Gehzeit kann mit 20 Stunden angesetzt werden. Höchster Punkt ist die Bergstation Valluga I (2.647 m), tiefster St. Anton (1.304 m). Bis auf Weiteres sind die Vallugabahn I und II laut Trail-Website außer Betrieb, es werden Alternativrouten empfohlen: arlbergtrail.com/etappen. Für jede Etappe gibt es auch eine familienfreundliche oder eine anspruchsvollere Variante.
Veranstalter: Über die Website arlbergtrail.com können Komplettpakete mit vier Hotelnächten, Frühstück, Gepäcktransport und auf Wunsch Bergführer gebucht werden (ab 595 Euro pro Person). Hinzu kommt das Arlberg Trail Ticket für vier Lifte (regulär 72 Euro).
Beste Wanderzeit: Juni bis September
Übernachten: Hotels bieten vergünstigte Sommerpreise an - unter anderem das "Hotel zur Alten Post" in St. Anton, das "Das Johann" in Stuben oder das "Hotel Gotthard" in Lech.
Weitere Infos: stantonamarlberg.com/de/sommer/wandern/arlberg-trail