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Überleben in der Wildnis Bear Grylls: "Einfallsreichtum und Resilienz sind Schlüsselqualifikationen"

Bear Grylls am Strand
Der Brite Bear Grylls zählt zu den bekanntesten Abenteurern und Dokumentarfilmern der Welt
© National Geographic
Bear Grylls ist einer der bekanntesten Survival-Experten und Abenteurer der Welt. Mit uns sprach der Brite über wichtige Überlebenstechniken, sein Familienleben und die Angst vor Cocktailpartys

Er filtert Wasser durch seine Socken, isst Ziegenhirn und Yak-Augen, hangelt sich an Ziplines über schwindelerregende Abgründe und stürzt sich aus Helikoptern in die Tiefen des Dschungels. Bear Grylls wurde mit seiner Serie "Ausgesetzt in der Wildnis" zum weltweiten TV-Star, der Kampf ums Überleben bescherte ihm Fans auf der ganzen Welt.

Heute gilt der naturverbundene Brite, der bereits mehrere Nahtoderfahrungen machte und diverse Weltrekorde aufgestellt hat, als eines der bekanntesten Gesichter in der Survival-Branche. Im Interview mit GEO Digital spricht Bear Grylls über seine Abenteuer in der Wildnis, seine Ängste und über seine neue TV-Serie "Running Wild with Bear Grylls: The Challenge", die am 27. August 2022 bei National Geographic startet.

GEO: In Ihrer neuen Show bringen Sie prominenten Gästen wichtige Überlebenstechniken bei. Welche zwei Techniken oder Fähigkeiten sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten, um in der Wildnis zu bestehen?

Bear Grylls: Wissen Sie, Menschen lieben es, Werkzeuge zu benutzen. Viele Abenteuerlustige beschäftigen sich deshalb sehr viel mit ihrer Ausrüstung und tauschen sich gern über bestimmte Geräte oder Materialien aus. Doch das, was tatsächlich den Spirit beim Survival ausmacht, ist ein starker innerer Geist. Ohne diesen hilft Ihnen auch die beste Ausrüstung nichts. Eine hohe Belastbarkeit ist das Herzstück des Überlebens. Darum ist für mich auch das Motto "Gib niemals auf" so ungemein wichtig.

In der Wildnis kann sich jeder plötzlich in einer gefährlichen und scheinbar aussichtslosen Situation wiederfinden und nicht jeder hat stets die passende Ausrüstung dabei oder ist entsprechend dafür trainiert worden. Und doch gibt es immer wieder Berichte von Menschen, die es ohne jegliche Vorkenntnisse über Tage oder gar Wochen geschafft haben, allein in der Wildnis zu überleben - Dank ihres Willens und der inneren Stärke. Deshalb bin ich der Meinung, dass dies auf jeden Fall die wichtigste Überlebensfähigkeit ist.

"improvisieren, anpassen, überwinden"

Eine zweite ungemein wichtige Fähigkeit ist Einfallsreichtum. Auch bei meinen Reisen, die ich für "Running Wild with Bear Grylls: The Challenge" unternommen habe, habe ich immer wieder festgestellt, wie wichtig es ist, in unerwarteten und neuen Situationen kreative Ideen und Lösungen zu finden. Einfallsreichtum ist definitiv ein Schlüsselfaktor für einen Überlebenden. Und dann gilt bei einer unvorhergesehenen Herausforderung: Improvisieren, anpassen, überwinden.

Denn in der Wildnis muss man ständig Entscheidungen treffen und Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen: Sollte ich diesen Weg gehen oder doch besser die andere Route wählen? Wie schaffe ich es, diesen Fluss überqueren? Soll ich schwimmen oder vielleicht besser ein Floß bauen? Wie könnte eine solche Konstruktion aussehen? Klug mit unerwarteten Situationen umzugehen, kreativ bei der Problemlösung zu sein - das ist die Art von Einfallsreichtum, die so entscheidend ist.

Ihre Ausführungen erinnern mich ein wenig an MacGyver, der sich mit großem Erfindergeist immer aus den schwierigsten und kuriosesten Situationen herausgekämpft hat...

Ja, tatsächlich war MacGyver ein Held meiner Kindheit. (lacht) Ich denke, ein bisschen von seinem Einfallsreichtum täte uns allen gut und sicher hat seine Figur auch mich und meine Einstellungen geprägt.

Bear Grylls auf einer Zipline
Für Bear Grylls ist die Natur wie ein riesengroßer Abenteuerspielplatz – auch eine Talüberquerung mit der Zipline ist kein Problem
© National Geographic

Woher kommt dieser Enthusiasmus, den Sie in jeder Ihrer TV-Shows versprühen? Nicht jeder bekommt Höhenflüge bei der Aussicht darauf, um das eigene Überleben kämpfen zu müssen...

Ich denke, man muss sich bewusst machen, dass Enthusiasmus eine Frage der persönlichen Einstellung ist und dass einem diese nicht einfach in die Wiege gelegt wird. Mein verstorbener Vater hat immer zu mir gesagt: "Sei einfach die enthusiastischste Person, die du kennst. Dann wirst du nicht viel falsch machen und immer ein positives, gutes Leben führen." Das hat mich geprägt und sicher zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Trotzdem habe natürlich auch ich immer wieder mal meine Momente, in denen ich mich alles andere als neugierig und begeisterungsfähig fühle. Aber ich habe verinnerlicht, dass die beste Art und Weise, mit schwierigen Situationen umzugehen, die ist, den Enthusiasmus und Optimismus wie ein Hemd anzuziehen – wie eine unsichtbare, aber unverzichtbare Überlebensausrüstung.

Jeder von uns hat jeden Tag aufs Neue die Möglichkeit, seine Einstellung zu wählen. Und ich denke, dass diese Wahl im Laufe der Jahre zu einer solchen Gewohnheit für mich geworden ist, dass sich diese Begeisterung für Neues mittlerweile tief in mir verwurzelt hat.

Ein weiterer Grund für meinen Enthusiasmus ist aber auch der Gedanke: Was wäre denn die Alternative? Nicht begeistert zu sein, pessimistisch und niedergeschlagen? Das ist keine Option für mich. Also treffe ich jeden Tag die Wahl aufs Neue und entscheide, mein Leben mit Begeisterung leben zu wollen.

Sie haben bereits jede erdenkliche brenzlige Situation gemeistert vom Erklimmen einsamer Antarktis-Gipfel bis zur Everest-Umrundung mit dem Motorschirm. Welche Bedingungen fordern Sie auf Ihren Reisen am meisten?

Die extremen Temperaturen sind für mich – aber auch für das ganze Team, das mich auf meinen Expeditionen begleitet – immer wieder eine große Herausforderung. Man sollte wirklich niemals die Elemente unterschätzen und sich immer wieder bewusst machen, dass bereits eine Abweichung unserer Körpertemperatur um mehr als zwei Grad gefährlich werden kann.

Und selbst bei weniger extremen Temperaturen können Hitze und Kälte den Körper ernsthaft schwächen. Schneller, als Sie denken, erliegen Sie einer Erfrierung oder Unterkühlung. Oder Sie dehydrieren, wenn es Ihnen zu heiß wird und Sie nicht genügend Flüssigkeit zu sich nehmen.

Bear Grylls beim Fallschirmsprung
In seiner neuen Show "Running Wild with Bear Grylls: The Challenge" beginnen Bear und Ashton Kutcher ihr gemeinsames Abenteuer mit einem Helikoptersprung in den Pazifischen Ozean
© National Geographic

Aber dieser Kampf gegen die Elemente ist genau das, was den Reiz in der Wildnis für mich ausmacht. Wenn ich in einer Situation bin, in der ich entscheiden und mit mir kämpfen muss, wenn ich in Bewegung bleiben und versuchen muss, klug einen Ausweg oder eine Lösung zu finden, dann schlägt das echte Herz des Survivals. Und am Ende liebe ich dieses Gefühl von Stolz, wenn ich weiß, dass ich eine weitere Herausforderung bestanden und gemeistert habe.

Das klingt nach großer Anstrengung, sowohl körperlich als auch psychisch. Wie verbringen Sie Ihre Zeit abseits der Abenteuer und Survival-Shows? Kommen Sie zwischen Ihren Expeditionen, die Sie rund um den gesamten Globus erleben dürfen, auch mal zur Ruhe?

Wissen Sie, abseits meiner Survival-Abenteuer würde ich mich als ganz normalen Typen bezeichnen. Ich habe ein ziemlich geregeltes Privatleben, eine tolle Familie und ich versuche stets, ein guter Vater und halbwegs anständiger Ehemann zu sein. Ich liebe es, zu Hause zu sein und meine Familie um mich zu haben.

Meine Frau Shara, meine drei Söhne und ich leben auf einem Hausboot auf der Londoner Themse und verbringen auch immer einen großen Teil des Jahres auf unserer kleinen Insel vor der walisischen Küste. Dort leben wir weitab vom Schuss, unser Haus ist weder an das Strom- noch an das Gasnetz angeschlossen und auch fließend Wasser gibt es nicht. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, lieben wir es. Für uns als Familie ist dies ein wunderschöner Ort.

Zwar mögen diese Wohnorte unkonventionell erscheinen, aber mein Familien- und Privatleben ist wirklich ziemlich normal. Glanz und Glamour hingegen sind nicht so meins, für mich bedeuten große Veranstaltungen vor allem unbezahlte Zeit weg von der Familie.

Barack Obama haben Sie einmal auf dessen Frage hin, ob Sie überhaupt vor irgendetwas Angst hätten, geantwortet: "Cocktailpartys"...

Ja, das stimmt. Auch wenn ich eine bekannte Persönlichkeit bin, so bin ich von Natur aus nicht extrovertiert. Ich bin nicht gut darin, Smalltalk zu führen und in Räumen voller Menschen, die ich nicht kenne, kämpfe ich mit mir selbst. Ich bin einfach kein Partytyp und zu viele Menschen machen mir etwas Angst. Tatsächlich suche ich bei solchen Veranstaltungen immer irgendwann einen Ausweg. Dann gehe ich für eine Weile vor die Tür, setze mich irgendwo abseits unter einen Baum und hole erstmal Luft.

Es mag ironisch klingen, aber in der Wildnis fühle ich mich persönlich wesentlich sicherer und glücklicher als irgendwo in einer Bar in einer der großen Metropolen dieser Welt.

Heutzutage begeistern sich immer mehr Frauen und Männer für Survival-Themen und Mikroabenteuer. Woher, meinen Sie, kommt dieses stetig wachsende Interesse?

Ich denke, dass Abenteuergeist und die Sehnsucht nach der Natur irgendwo tief in jedem von uns stecken. Doch je weiter wir uns in unserem alltäglichen Leben von der natürlichen Umwelt entfernen, desto größer wird die Kluft zwischen dem, wie wir tagein tagaus leben, und dem, was wir wirklich tief im Inneren fühlen.

Bear Grylls und Natalie Portman
Wer mit Bear Grylls unterwegs ist, muss mitunter starke Nerven beweisen – wie Natalie Portman in der ersten Folge von "Running Wild with Bear Grylls: The Challenge"
© National Geographic

Umso größer wird dann der Wunsch, zwischendurch aus dem wenig anregenden Büroalltag auszubrechen und ein kleines Abenteuer zu erleben. Menschen möchten herausgefordert werden, sie möchten sich selbst testen und alles durchleben, was das Leben zu bieten hat. Ich denke, dieser innere Ansporn ist wunderbar, er ist ein Teil von uns.

Welchen Tipp können Sie all jenen geben, die gerne etwas mehr Abenteuer in ihren Alltag bringen möchten?

Man muss nicht gleich den Mount Everest besteigen, um etwas Aufregendes zu erleben. Jeder, der bereit ist, Neues auszuprobieren und dabei die eigenen Grenzen zu überschreiten, kann kleine Abenteuer vor der eigenen Haustür erleben. Es ist alles eine Frage der Einstellung.

Oft kann der erste Schritt sein, irgendetwas im gewohnten Alltag zu ändern, einfach mal etwas anders zu machen als sonst. Vielleicht gehen Sie nicht ins Fitnessstudio, sondern trainieren draußen – und zwar bei Wind und Wetter. Planen Sie am Wochenende einen Ausflug in eine Ecke Ihrer Stadt oder Region, in der Sie zuvor noch nicht gewesen sind. Irgendwo gibt es immer ein bisschen Wildnis, manchmal nur eine kurze Zugfahrt entfernt.


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