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Elend der Rassetiere Zwergkaninchen, Perserkatzen & Co.: Nicht nur bei Hunden gibt es "Qualzuchten"

Zwei junge Zwergkaninchen sitzen nebeneinander auf Strohballen
Wegen ihres verkürzten Kopfs leiden Zwergkaninchen häufig unter Zahnproblemen und Atembeschwerden
© DoraZett - Adobe Stock
Beim Wort "Qualzucht" denken viele sofort an Hunderassen wie Französische Bulldoggen oder Chihuahuas. Weitaus weniger präsent sind hingegen die Qualzuchten bei Nagetieren, Vögeln, Fischen und Reptilien. Sie alle leiden gesundheitlich unter den Folgen des unnatürlichen Eingriffs durch den Menschen

Sie bekommen kaum Luft, leiden unter Augen- und Gelenkproblemen oder erkranken auffallend häufig an Krebs: Immer häufiger werden Tiere nach bestimmten menschlichen Idealvorstellungen gezüchtet – und leiden unter den gesundheitlichen Folgen der unnatürlichen Zucht.

Die ungesunde Zucht bei Tieren, die wir Menschen als "Haustiere" in den eigenen vier Wänden halten, ist mittlerweile zu einem höchst fragwürdigen Trend geworden. Das Dilemma der modernen Zucht hängt mit der Kundschaft zusammen. Die Nachfrage nach auffälligen Tieren unterliegt wie Kleidung oder Mobiliar der Mode.

Ist das Angebot dazu noch knapp, wird Züchten zu einem lukrativen Geschäft, bei dem das Interesse, ob die Zuchtergebnisse überhaupt gesund sind, in den Hintergrund rückt. So kommt es in der Heim- und Kleintierzucht zu so genannten Qualzuchten. Zwar ist die Qualzucht nach Paragraf 11b des Tierschutzgesetzes verboten. Doch was genau eine Qualzucht definiert, hat der Gesetzgeber so schwammig definiert, dass Qualzüchter juristisch nur selten belangt werden können.

Viele denken beim Wort "Qualzucht" zuallererst an Hunderassen wie die Französische Bulldogge. Doch neben Hunden werden auch andere Tierarten zunehmend nach menschlichen Idealvorstellungen gezüchtet und vermehrt und damit immer häufiger Opfer von immer absurderen Schönheitsidealen und Modeerscheinungen. Sechs Beispiele.

Zwergkaninchen

Unter den Kaninchenarten gibt es auffallend viele Rassen, die als Qualzuchten anzusehen sind. Dazu zählt auch das beliebte Zwergkaninchen, das durch eine genetisch bedingte Wachstumsschwäche mit einer bereits bei der Geburt nachweisbaren, allgemeinen proportionierten Unterentwicklung des gesamten Körpers, gezielt systematisch gezüchtet wird. Kaninchen mit einem Gewicht von unter einem Kilogramm gelten als Qualzucht.

Wie die "Sachverständigengruppe Tierschutz und Heimtierzucht" des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) berichtet, führen der kleine gedrungene Körper und der verkürzte Kopf oft zu Zahnproblemen. Auch Verengungen des Tränennasenkanals und Atembeschwerden sind häufige Leiden. Nicht selten kommt es zu Totgeburten.

Angorakaninchen

Angorakaninchen
Markenzeichen der Angorakaninchen ist ihr langes Fell
© Rita Kochmarjova - Adobe Stock

Sie sehen aus wie niedliche Plüschtiere und stehen deshalb bei vielen Kindern auf der Wunschliste ganz weit oben: Angorakaninchen. Die langhaarige Kaninchenrasse, dessen Fell zu einer ständig nachwachsenden Wolle umgezüchtet worden ist, wurde ursprünglich für die Wollproduktion gezüchtet. Mittlerweile ist das Angorakaninchen aber auch ein beliebtes Haustier.

Wegen des starken Fellwachstums müssen Angorakaninchen vier- bis fünfmal im Jahr geschoren werden – eine Prozedur, die für die Fluchttiere puren Stress bedeutet. Trotzdem ist das Scheren für die Tiere überlebenswichtig, ansonsten steigt bei warmen Temperaturen ständig das Risiko eines Hitzestaus.

Ein weiteres mitunter tödliches Gesundheitsproblem, welches durch das lange Fell entsteht, ist die Entstehung sogenannter Bezoare – verschluckte Haarballen, die im Magen mit Futterresten verklumpen und so zu lebensbedrohlichen Verstopfungen führen. Angorakaninchen verschlucken beim Putzen viele sehr feine Haare, daher sind die Tiere typische Notfallpatienten in Tierarztpraxen.

Berliner Guppy

Neben Nagetieren leiden auch diverse Fischarten unter den Folgen unnatürlicher Zucht. Besonders Zierfische werden Opfer menschengemachter Modeerscheinungen und entsprechend hochgezüchtet: Riesige Flossen, schillernde Farbgebungen und seltene Skelettformen sind gefragte Merkmale.

Manche Aquarienfische sind aufgrund von zuchtbedingten Veränderungen der Flossen, des Skeletts und manchmal sogar der inneren Organe nicht mehr in der Lage, richtig zu schwimmen. Beim Berliner Guppy beispielsweise sorgt eine angezüchtete Genmutation für ein lebenslanges, ungebremstes Flossenwachstum. Die Folge: Ist der Fisch ausgewachsen, kann er sich nur noch unter schlängelnden, unnatürlichen Bewegungen durch das Wasser fortbewegen, denn die hintere Flosse ist im Verhältnis zum restlichen Körper viel zu groß.

Leopardgecko

Der Enigma-Leopardgecko gilt als Qualzucht
In der Schweiz ist es verboten, Enigmas wie den Leopardgecko zu züchten, da sie unter die Qualzuchten fallen
© bennytrapp - Adobe Stock

 Auch Reptilien werden heute mehr und mehr den Wünschen des Menschen nach einem auffälligen Äußeren angepasst. Wie die "Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienkrankheiten" der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e. V. berichtet, lässt sich in der Terraristik in den letzten Jahren ein deutlicher Trend zu so genannten Morphen, Tiere mit einer veränderten Färbung oder Hautstruktur, beobachten.

Aus diesem fragwürdigen Trend heraus entstehen sogenannte Farbzuchten, die aus Gründen des "Designs" mit von der Wildform teils stark abweichenden, Farb-, Zeichnungs- und Gestaltvarianten gezielt vermehrt werden. Zu den besonders häufig betroffenen Tierarten zählen neben Königspythons, Kornnattern und Bartagamen in erster Linie die auffälligen Enigma-Leopardgeckos.

Einige dieser Farbschläge gehen mit ganz offensichtlichen körperlichen Behinderungen der Tiere einher. Fehlende Farbpigmente in der Haut lassen die Reptilien deutlich anfälliger gegenüber UV-Licht werden. Inzwischen konnte nachgewiesen werden, dass bei Königspythons der gezüchteten Farbform "Spider" eine schwere Schädigung des Gleichgewichtsorgans vorliegt, ganz ähnliche Probleme mit dem Gleichgewichtsorgan scheint es auch bei den Leopardgeckos der Farbmorphe "Enigma" zu geben.

Perserkatze

Perserkatzen zählen zu den kurzköpfigen Katzenrassen. Ihr rundes und breites Gesicht mit der sehr kurzen Nase, die großen Augen und ihre runden, mit Haarbüscheln besetzten Ohren machen sie zu einem der auffälligsten Vertreter im Katzenreich. Schnauze und Kiefer wurden so kurz gezüchtet, dass Perserkatzen wegen der Verengung der oberen Atemwege ihr Leben lang unter Atemnot und Schluckbeschwerden leiden.

Auch die Tränennasenkanäle werden oft in Mitleidenschaft gezogen, was zu permanentem Augenausfluss und Bindehautentzündungen führt. Ein weiteres Problem: Den Katzen fehlen oft Möglichkeiten, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden, wenn ihnen die Tasthaare fehlen.

Viele Perserkatzen, weltweit etwa 38 Prozent, leiden an einer Nierenerkrankung (Polycystic Kidney Disease), die zu Nierenversagen führen und tödlich enden kann. Weiße Perserkatzen haben außerdem ein erhöhtes Taubheitsrisiko.

Kropftaube

Englischer Kröpfer
Kropftauben blasen ihren Kropf bis zur Größe zweier Tennisbälle auf
© mauritius images / Joe Blossom / Alamy / Alamy Stock Photos

Auch in der Vogelwelt gibt es eine Reihe von Vogelarten, die sich mittlerweile als Qualzucht bezeichnen lassen. Ein Beispiel sind die hochgezüchteten Kropftauben, die sich von anderen Haustaubenarten durch ihr übersteigertes Imponiergebaren abheben. Kropftauben blasen mit Luft ihren Kropf bis zur Größe zweier Tennisbälle auf.

Die Folge: So genannte "Kröpfer" leiden nach Angaben des BMEL häufig an einer wiederkehrenden Entzündung ihres Hängekropfes infolge von Fehlgärung, Säuerung und Fäulnisbildung des Kropfinhalts. Als Spätfolge kann es zu einer Kropfruptur kommen, einem äußerst schmerzhaften Aufreißen der Kropfwand, die mitunter tödlich endet.


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