Kräftige Füße mit langen Krallen, starke Stützschwänze und ausgeprägte Schnäbel statten Kleiber und Baumläufer ideal für das Leben an Baumstämmen aus. Wer ihre Kletterkünste in natura beobachten will, sucht Wälder und Parks mit altem Baumbestand auf – oder lockt die Vögel in den eigenen Garten.
Dazu braucht es große, möglichst alte Bäume, ein breites Nahrungsangebot in Form von Insekten, Nüssen und Beeren sowie ausreichend Versteck- und Nistmöglichkeiten für die Höhlenbrüter. Während der Kleiber recht flexibel ist, freuen sich Gartenbaumläufer über spezielle Nistkästen. Waldbaumläufer bekommt man im Siedlungsraum hingegen fast nie zu Gesicht.
Kleiber: Akrobat und Architekt
Der Kleiber (Sitta europaea) ist ein Standvogel in Europa, mit 14 Zentimeter Körperlänge und einer Flügelspannweite von 23 bis 27 Zentimetern ist er etwa so groß wie eine Kohlmeise. Er lebt in Laub- und Mischwäldern sowie Parks und Gärten. Man erkennt ihn an der bläulich-grauen Oberseite, der rostroten Hinterflanke, dem kräftigen Schnabel sowie einem schwarzen Augenstreif. In Mittel- und Südeuropa haben die Vögel eine gelborange gefärbte Unterseite, im Norden und Osten zeigt sie sich weiß.
Volkstümlich wird der Kleiber auch "Spechtmeise" genannt, er ist aber weder mit Spechten noch mit Meisen näher verwandt. Mit seinem kräftigen Schnabel arbeitet er zwar Insekten aus morschem Holz heraus, er kann damit aber nicht, wie Spechte, eine Höhle ins Holz hämmern. Was er dem Specht allerdings voraus hat, ist die Tatsache, dass er kopfüber an einem Baumstamm hinunterklettern kann. Das gelingt in der Form keinem anderen Vogel.
Kleiber sind nicht nur Kletterkünstler, sondern auch äußerst begabte Innenarchitekten. Wer die Vögel mit einer künstlichen Behausung unterstützen möchte, hängt lieber größere als zu kleine Nistkästen auf, denn Kleiber tragen ihren Namen, der sich von "kleben" ableitet, nicht umsonst: Sie modellieren Nistkästen und Baumhöhlen, die nicht ihren Anforderungen entsprechen, ganz einfach um. Mit Vorliebe nutzen sie vorhandene Spechthöhlen, die sie vor der Brutzeit fleißig bearbeiten. Ist das Einflugloch zu groß, verkleinert der Kleiber es, indem er es mit feuchtem Lehm beklebt. Ist eine Baumhöhle wiederum zu klein, kann er sie mit Schnabelhieben erweitern. Des Kleibers Herz scheint jedoch eher für zu große Behausungen zu schlagen: Selbst vor einem Waldkauzkasten oder großen Holzbetonhöhlen macht er nicht Halt. Um Einflugloch und Innenraum entsprechend auszustatten, fliegt der emsige Vogel Hunderte Male hin und her. Er benötigt nicht nur Lehm, sondern auch Rinden- und Holzstückchen sowie dürres Laub, um den Höhlenboden zu polstern. Während das Männchen das Material heranschafft, kümmert sich das Weibchen um die Inneneinrichtung. Einen geeigneten Nistplatz sucht das Paar mitunter schon ab Ende Februar. Dabei gilt: Je höher, desto besser.
Das ganze Jahr über legt der Kleiber Vorräte an. Je nach Verfügbarkeit versteckt er Insekten, Nüsse oder Früchte in Rindenspalten. Teilweise vergräbt er sogar Beute im Boden. Kerne und Nüsse nimmt er auch an winterlichen Futterstellen an, wobei er sich dort nur kurz blicken lässt, um sogleich wieder mit seiner Beute zu verschwinden.
Verwandte Arten sind der Felsenkleiber (Sitta neumayer) und der Korsenkleiber (Sitta whiteheadi). Ersterer kommt in Südosteuropa vor, Letzterer ausschließlich in Kiefernwäldern der Insel Korsika – mit nur 2000 Paaren ist er einer der seltensten Vögel Europas.
Baumläufer sind sich zum Verwechseln ähnlich
Baumläufer sind nur unwesentlich kleiner als Kleiber, lassen sich aber anhand des Gefieders leicht von ihnen unterscheiden. Außerdem geben ihre Kletterrouten Aufschluss: Sie steigen mit ruckartigen Bewegungen an Baumstämmen hinauf und picken dabei Insekten aus der Borke. Da sie nicht kopfüber wieder hinunterklettern können, fliegen sie zum Fuß des nächsten Stammes und beginnen von vorn. Bis zu drei Kilometer Kletterstrecke schaffen die Vögel auf diese Weise am Tag.
Der Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla) lebt in Laub- und Mischwäldern, kleineren Gehölzbeständen sowie Parks und Gärten, wobei er sogar in Städten anzutreffen ist. Sein Verwandter, der Waldbaumläufer (Certhia familiaris), kommt auch in Nadelwäldern vor, ist dafür aber kaum im Siedlungsbereich zu sichten. Beide Vögel sind etwa 13 Zentimeter groß und nutzen ihren langen Schwanz als Stütze beim Klettern. Bis auf ein paar Merkmale ähneln sie sich stark.
Der Gartenbaumläufer hat im Vergleich zu seinem Verwandten eine eher kurze Hinterkralle. Damit klettert er bevorzugt an Baumstämmen mit gefurchter Rinde, die ihm mehr Halt versprechen. Der weiße Überaugenstreif ist beim Gartenbaumläufer schmaler. Waldbaumläufer sieht man wiederum auch an glatten Stämmen klettern. Sie haben einen kürzeren Schnabel, und die Flügelbinde weist eine deutliche Stufe auf, während sie beim Gartenbaumläufer eher einheitlich verläuft. Wer einen Baumläufer im Garten sichtet, hat es wahrscheinlich, so viel verrät der Name schon, eher mit einem Gartenbaumläufer zu tun.
Nachts bilden Baumläufer enge Schlafgemeinschaften, sie kuscheln sich aneinander, um den Wärmeverlust zu reduzieren. Die Klettervögel stellen an Nistkästen besondere Anforderungen. Am besten geeignet sind Schlitzkästen, deren Eingang sich am oberen Rand der Rückseite befindet. Auf diese Weise gelangen die kleinen Kletterkünstler geradewegs vom Baumstamm in die Nisthöhle. Beim NABU finden Sie eine Bauanleitung. Alternativ gibt es Baumläufer-Nistkästen auch zu kaufen.
Baumläufer am Gesang unterscheiden
Am besten lassen sich die beiden Baumläufer anhand ihrer Stimme unterscheiden. Hörproben stellt der LBV online bereit: Der Gartenbaumläufer ruft scharf ("tüt) und singt laut und durchdringend ("tü-ti-tilüit"). Der Waldbaumläufer hingegen hat einen dünneren Gesang, der an den von Blaumeisen erinnert ("si-si-drrrr-si-drrrr"), seine Rufe ähneln denen des Goldhähnchens ("srriii").