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Überlastete Tierheime Was überforderte Hundebesitzer über unser Verhältnis zum Tier verraten

Immer mehr Tierheime geraten in Corona-Zeiten an den Rand ihrer Kapazitäten
Immer mehr Tierheime geraten in Corona-Zeiten an den Rand ihrer Kapazitäten
© VILevi/Shutterstock
In der Corona-Pandemie gehen Tiere über den virtuellen Ladentisch wie teures Spielzeug. Ohne Respekt, ohne Verantwortung. Es ist Zeit für ein besseres Verhältnis zu allen Lebewesen

Zu anderen Tieren haben wir Menschen oft ein ambivalentes Verhältnis. Pelzige Fleischfresser hätscheln wir und behandeln sie wie Familienmitglieder. Schweine dagegen, intelligenter als Hunde, nennen wir "Nutztiere" und essen sie. Und was davor mit ihnen passiert, wollen wir gar nicht so genau wissen. Wir messen, so scheint es, ebenso entschieden wie irrational mit zweierlei Maß.

Doch es könnte sein, dass der Widerspruch nicht so groß ist, wie er auf den ersten Blick erscheint. Sichtbar gemacht hat das die Corona-Pandemie.

Schon im vergangenen Jahr begannen Menschen, sich Tiere anzuschaffen, als gäbe es kein Morgen.

Im Homeoffice, so scheint es, ist nichts tröstlicher als ein flauschiger, treuherziger Gefährte, der uns bei der Arbeit zusieht, mit dem wir spazieren gehen und spielen können, der zum Knuddeln da ist. Der überhaupt immer da und verfügbar ist. Ein immer gut gelaunter Kumpel für die isolierten Kinder. Die Züchter, die illegalen wie die legalen, kommen vor Nachfrage mit dem Züchten gar nicht mehr hinterher, die Preise schießen in die Höhe. Verkauft wird nun auch über Ebay Kleinanzeigen, an der Autobahnraststätte, aus dem Kofferraum, unter der Hand.

Überraschung: Ein Tier ist ein lebendes Wesen mit Bedürfnissen und Eigenschaften

Dann die Ernüchterung: Aus einem Welpen wird irgendwann ein erwachsener Hund mit einem Charakter, mit Eigenheiten, Ungezogenheiten. Manche sogar mit einem Trauma. Zum Beispiel, weil die Tiere schon beim Züchter oder der Züchterin schlecht behandelt wurden oder ihrer Mutter zu früh entrissen wurden. Wegen der hohen Nachfrage eben. Hunde, so mussten viele Neu-Besitzerinnen und Besitzer erkennen, befriedigen nicht nur die Bedürfnisse von Herrchen oder Frauchen. Sie sind selbst Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen. Sie brauchen Aufmerksamkeit und Pflege. Sie können krank werden. Sie haben seltsame Angewohnheiten. Sie müffeln. Sie leben bis zu 15 Jahre. Ach ja, und irgendwann, auch das eine Überraschung, mussten wir dann auch wieder ins Büro. Stundenlang allein zu Hause, das mag kein Hund. Kurzum: Das Tier muss wieder weg.

Die bis heute anhaltende Überforderungs-Welle, von der die Tierheime berichten, ist eine Katastrophe mit Ansage. Und sie zeigt: Viele Neu-Hundehalter und Halterinnen sind sich nicht darüber im Klaren, welche Verantwortung sie mit der Anschaffung eines Tieres übernehmen. Es ist dieselbe Gedankenlosigkeit, derselbe Egoismus, der viele gleichgültig auf die Tierindustrie blicken und in ein Stück Fleisch beißen lässt. Hunde und andere Haustiere, das zeigt das Corona-Debakel, sind für viele Besitzer nichts anderes als "Nutz"-Tiere.

Bleibt zu hoffen, dass wenigstens die gesetzlichen Hürden für die Anschaffung eines Haustieres höher gelegt werden – etwa mit einem Verbot des Internet-Handels (Frankreich macht es vor) – und mit einem generellen Eignungstest: Tiere müssen vor verantwortungslosen Halterinnen und Haltern geschützt werden.


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