Antarktis Bizarre Kreaturen mit Vaterinstinkt: Wie Seespinnen ihre Eier beschützen

Antarktishe Seespinne
Antarktische Seespinnen (hier Decolopoda australis) bergen bis heute viele Rätsel
 
© British Antarctic Survey / Image Professionals
Antarktische Seespinnen wirken wie Wesen aus einer Horrorshow, waren lange Zeit aber vor allem rätselhaft. Inzwischen weiß man mehr über sie: Wie sie ihren Nachwuchs betreuen

Unter dem teils meterdicken antarktischen Eis leben Wesen, die einer Geisterbahn entsprungen sein könnten: Seespinnen, ausgestattet mit Körpern, oft kleiner als ein menschlicher Finger. Und Beinen, die bei manchen Arten Spannweiten von bis zu 50 Zentimetern erreichen. Die Tiere gehören zu einer Gruppe spinnenartiger Gliederfüßer, die in allen Ozeanen vorkommen. Viele von ihnen sind winziger als ein 50-Cent-Stück, aber vor allem antarktische Spezies zählen zu den Giganten. Darunter Colossendeis megalonyx, eine Art vom Südpol, die ein niederländischer Zoologe nach der Reise des britischen Expeditionsschiffs "HMS Challenger" 1881 erstmals beschrieb.

Seit mehr als 140 Jahren ist diese Seespinne der Wissenschaft also bekannt – und doch blieben zentrale Geheimnisse lange ungelüftet: Wie pflanzen sich die Riesen eigentlich fort, die an der Küste leben und vermutlich sogar noch in 5000 Meter Tiefe auf die Jagd nach Fischen, Krebstieren oder Quallen gehen? Und wie kümmern sie sich um den Nachwuchs? Eine Expedition der Universität Hawaii brachte Licht in dieses Dunkel. Bereits im Oktober 2021 tauchte ein Wissenschaftsteam unter das Eis der Antarktis und sammelte dort Exemplare von Colossendeis megalonyx ein, die – übereinander gestapelt – offenbar gerade intensiv mit der Fortpflanzung beschäftigt waren. Das Team brachte sie vorsichtig in provisorischen Aquarien unter – was die Tiere offenbar nicht störte. Sie machten einfach weiter. So konnten die Forschenden etwas beobachten, was zuvor niemand gesehen hatte. 

Spektakulärer Tauchgang unter antarktischem Eis: Seespinnen zum Anfassen
Spektakulärer Tauchgang unter antarktischem Eis: Seespinnen zum Anfassen
© Video: Tim Dwyer; Rowan McLachlan; Steve Rupp / University of Hawai’i

Das Team vermutet, dass hier die Väter am Werk waren

Die Tiere brachten Nachwuchs auf die Welt – zunächst in Form gelatinöser Wolken aus Tausenden von Eiern. Zwar war zu diesem Zeitpunkt schon bekannt, dass bei vielen Seespinnenarten die Männchen die Eier am Körper tragen und den Nachwuchs betreuen. Bei den antarktischen Riesen jedoch verlief alles anders. Denn anstatt die Eier mit sich herumzutransportieren, befestigte eines der Elterntiere die Eipakete über zwei Tage hinweg emsig direkt am felsigen Untergrund in den Aquarien. Dort blieben sie monatelang, bis schließlich Larven schlüpften. Die Forschenden glauben, dass hier die Väter am Werk waren.

Warum dieses Verhalten so lange unentdeckt blieb, zeigte sich bald: Schon wenige Wochen nach der Eiablage waren die Gelege von mikroskopisch kleinen Algen überwuchert. Die Eier waren nahezu unsichtbar, selbst für geübte Augen. Genau diese perfekte Tarnung könnte erklären, weshalb Generationen von Forschenden an ihnen vorbeigeschaut hatten.

Diese Entdeckung könnte uns Einblick in die Evolution väterlicher Fürsorge verschaffen

Die Entdeckung ist mehr als eine zoologische Kuriosität. Sie könnte einen Einblick in die evolutionäre Entwicklung verschaffen, die dazu geführt hat, dass auch die Väter sich um ihren Nachwuchs kümmern. Die Fachleute betonen zudem, dass über die Ökologie und Fortpflanzung antarktischer Meerestiere bislang erstaunlich wenig bekannt ist. Jede neue Beobachtung trage dazu bei, die Funktionsweise eines der am wenigsten erforschten Ökosysteme der Erde besser zu verstehen – gerade in Zeiten rapider klimatischer Veränderungen.

Die Ergebnisse der Studie wurden bereits vor knapp zwei Jahren in der Fachzeitschrift "Ecology" veröffentlicht. Sie beweisen bis heute, dass selbst eine anscheinend gut dokumentierte Tiergruppe noch mit Überraschungen aufwarten kann – verborgen unter Eis und Algen.