Piranhas - verkannte Räuber

Der britische Journalist Michael Carniff über eine oft und zu Unrecht verteufelte Spezies. Auch als Audio-Datei, gelesen von Mathias Unger

Eines Morgens stand ich im Aquarium von Dallas vor einem der Becken, um dort während des Fütterns hineinzusteigen. Ich wollte sehen, wie sie auf mich reagieren würden - die in aller Welt so gefürchteten Piranhas. Und das wollten auch die siebenjährigen Kinder, die mich am Beckenrand umringten und sich gegenseitig begeistert erzählten, wie schnell diese Fische einen Menschen zu einem blutigen Fleischklumpen reduzieren können.

Piranhas - verkannte Räuber

Rote Piranhas sind - zu Unrecht, wie unser Autor meint - berüchtigte Räuber

Mit ungefähr 30 Zentimeter Länge, so stellte ich noch am Beckenrand fest, waren die Piranhas größer als ich erwartet hatte. Drei Dutzend davon drängten sich in einer Ecke und wirkten mit ihren nach vorn überstehenden Unterkiefern sehr angriffslustig. Der Kurator des Aquariums erläuterte mir, dass der Name Piranha von der indianischen Bezeichnung Tupi Patois abgeleitet ist - Fisch mit Zähnen. Von den rund 40 bekannten Piranha-Spezies seien aber nur drei wirklich gefährlich. "Und diese?", fragte ich den Mann.

"Dieses sind Rotbäuchige Piranhas - ganz gefährlich", antwortete er. Ich hielt das für übertrieben. Denn ich sagte mir, dass die Piranhas, wie andere gefürchtete Tiere auch, nur durch die Einbildungskraft des Menschen dämonisch erscheinen. Ich tauchte also erst meinen Zeh ins Becken und glitt dann mit dem ganzen Körper hinein. Die Piranhas flohen sogleich in die andere Ecke des Beckens und drängten sich dort ängstlich zusammen. Nach ein paar Minuten wendeten sich die Kinder auf der anderen Seite der Glaswand von den Piranhas und mir ab, um andere furchtbare Meeresbewohner zu suchen.

Der Piranha verdankt seine schlechte Reputation nicht unwesentlich dem ehemaligen US-Präsidenten Teddy Roosevelt. Der hatte 1913 nach einem erfolglosen Versuch, noch einmal Präsident zu werden, eine Expedition nach Brasilien unternommen. Er wollte sich dort wohl ablenken und eine neue Welt für sich entdecken. Begeistert schrieb er "über die teuflische und böse wilde Natur in den Tropen". Die Piranhas erschienen ihm als deren perfekte Verkörperung. "Piranhas", notierte er, "sind die furchtbarsten Fische der Welt. Sie beißen den Finger von der Hand, wenn sie unvorsichtigerweise ins Wasser gehalten wird. Sie zerreißen und verschlingen bei lebendigem Leibe jeden verletzten Menschen, jedes angeschlagene Rind." Der Ex-Präsident erwähnte auch einen Mann, der auf seinem Maulesel ausgeritten war - der Maulesel kam allein zum Camp zurück. Am Tag darauf fanden die Männer das Skelett des Reiters im Wasser, "seine Kleidung unbeschädigt, aber seine Knochen blank, ohne das kleinste Stückchen Fleisch".

Als reißende Wassermonster also sind die Piranhas in den Pantheon der Schreckenswesen aufgestiegen. Und dort sind sie bis heute geblieben, um für Horror zu bürgen. In dem Computerspiel "Tomb Raider III" etwa muss die Heldin Lara Croft einen von Piranhas aufschäumenden See durchqueren. Im Film "Piranha II" fliegen sie mit schrecklich entblößten Fängen auch über das Wasser." Ich fuhr nach Brasilien, auf der Suche nach der Wahrheit zwischen dieser Dämonisierung und meinem friedvollen Bad im Aquarium. Und schon bald stand ich bei einer Expedition mit Liebhabern tropischer Fische bis zum Hals im Amazonas und zog an Angelsehnen und an Senknetzen.

Trotz ihres Schreckensrufs in der westlichen Welt schien sich hier niemand vor den Piranhas zu fürchten. In fast jedem Dorf entlang des Flusses sprangen kleine Kinder jubelnd vom Ufer ins Wasser, um dort zu schwimmen. Piranhas, so erklärten sie, beißen nur, wenn sie hilflos in der Bilge eines Fischerboots zappeln. "Eine Maus beißt auch, wenn man sie am Schwanz hochziehen will", fügte einer der Kleinen hinzu. Eines Tages landeten wir auf einer Sandbank des Amazonas-Nebenflusses Rio Napo und warfen ein paar Angeln aus, die mit Leberstücken beködert waren. Sofort begannen Rotbäuchige und die angeblich ebenfalls sehr gefährlichen Schwarzen Piranhas anzubeißen. Aber sie kamen nicht in Schwärmen. Und das Wasser in der Nähe der Köder schäumte auch nicht auf. Die Tiere verhielten sich wie andere Fische. Sie umkreisten die Leine, um sich etwas vom Köder zu schnappen. Und manchmal wurden sie gefangen. Wir behielten einige zum Essen, und die anderen ließen wir frei, allerdings so, dass wir mit unseren Fingern den Zahnreihen in ihrem Maul nicht zu nahe kamen.

Da es Mittag war und die Sonne auf uns herunterbrannte, beschlossen wir, ein abkühlendes Bad zu nehmen und sprangen einem gerade frei gelassenen Schwarzen Piranha hinterher. Obwohl wir zuvor mit rohem Fleisch hantiert hatten, wurde niemand gebissen. Aber war das schon der richtige Test?

Der brasilianische Forscher Ivan Sazima und seine Kollegen haben einige Fälle von geborgenen Wasserleichen untersucht. Bei einem dieser Körper war nach nur vier Tagen kaum ein Stückchen Fleisch mehr an den Knochen. Hauptsächlich Rotbäuchige Piranhas waren in allen drei Fällen die Menschen- oder besser Leichenfresser. Denn alle drei Opfer, so fand Sazima heraus, waren bereits entweder durch eine Herzattacke oder durch Ertrinken umgekommen, bevor die Piranhas sich über sie hergemacht hatten. Nach Sazimas Meinung ist diese Aasfresserei die Ursache für die Vorstellung, dass Piranhas im Wasser schwimmende Menschen angreifen. Es gelang dem Forscher nicht, einen einzigen Fall aufzuspüren, in dem es zu einer tödlichen Attacke gekommen ist.

Da es Mittag war und die Sonne auf uns herunterbrannte, beschlossen wir, ein abkühlendes Bad zu nehmen und sprangen einem gerade frei gelassenen Schwarzen Piranha hinterher. Obwohl wir zuvor mit rohem Fleisch hantiert hatten, wurde niemand gebissen. Aber war das schon der richtige Test? Der brasilianische Forscher Ivan Sazima und seine Kollegen haben einige Fälle von geborgenen Wasserleichen untersucht. Bei einem dieser Körper war nach nur vier Tagen kaum ein Stückchen Fleisch mehr an den Knochen. Hauptsächlich Rotbäuchige Piranhas waren in allen drei Fällen die Menschen- oder besser Leichenfresser. Denn alle drei Opfer, so fand Sazima heraus, waren bereits entweder durch eine Herzattacke oder durch Ertrinken umgekommen, bevor die Piranhas sich über sie hergemacht hatten. Nach Sazimas Meinung ist diese Aasfresserei die Ursache für die Vorstellung, dass Piranhas im Wasser schwimmende Menschen angreifen. Es gelang dem Forscher nicht, einen einzigen Fall aufzuspüren, in dem es zu einer tödlichen Attacke gekommen ist.

Was, außer Aas, fressen also die Piranhas? Sazima und seine Kollegen haben rund 300 Stunden im Wasser von klaren Seen und Bächen des brasilianischen Strom- und Sumpflandes Pantanal geschnorchelt, um das Verhalten der Fische in freier Natur zu beobachten. Anstatt im Schwarm mit aufblitzenden Zähnen über ihr Opfer herzufallen, umlauern und beschleichen sie ihre Beute - und schnappen dann fast verstohlen zu. Meist beißen sie ihrem Opfer ein Stück aus dem Schwanz und jagen dann schnell davon. Nur eine der von Sazima beobachteten drei Spezies war ein richtiger Killer: die Rotbäuchigen Piranhas. Sie scharen sich in Gruppen von 20 bis 40 Fischen, verbergen sich bei der Jagd zwischen Wasserpflanzen und flitzen dann aus der Deckung auf einen kleinen Fisch zu, den sie mit wenigen Bissen verschlingen.

Die beiden anderen von Sazima beobachteten Fischarten ernähren sich vorwiegend von Fischschuppen und Flossen. Die Forscher nehmen an, dass dieses Futter auch für die meisten anderen, noch nicht so genau studierten Piranha-Spezies typisch ist. Sogar die größte und von vielen am meisten gefürchtete, der knapp halbmeterlange Schwarze Piranha, schleicht meist umher und schnappt seine Beute am Boden. In den 1970er Jahren verglich ein Forscher, der noch dem üblen Image des Piranhas anhing, dieses Beißen in die Schwanzflossen mit dem Jagdverhalten von Wölfen, die versuchten, mit ihren Zähnen die Achillesferse eines Beutetieres zu durchtrennen, um das Tier zu verkrüppeln und dann umso leichter töten zu können.

Doch nach Meinung von Sazima und anderen aktuellen Forschern ist die für Gruselfreunde enttäuschende Wahrheit, dass die Piranhas ihre Beute nur sehr selten töten wollen. Ein Stück von der Schwanzflosse oder ein paar Schuppen, die sie wie Dachschindeln abraken, sei alles, worauf sie aus seien. Diese Schuppen und Flossen enthalten bis zu 85 Prozent Protein, sind also äußerst nahrhaft. Und es ist viel leichter, ein Maul voller Schuppen oder Flossen zu ergattern als einen ganzen Fisch zu töten. Hinzu kommt, dass die Schuppen und Flossen den Beutetieren nach ein paar Monaten wieder nachwachsen. Sie sind also eine erneuerbare Ressource. Deshalb notierte einer der Forscher: "Die Piranhas ähneln Pflanzenfressern, die zwar fortwährend ihre Futterquelle ausbeuten, sie aber nicht zerstören." Man solle nur an weidende Kühe denken.

Natürlich schätzen es die Beutefische nicht, Schuppen oder gar Teile ihrer Schwanzflosse zu verlieren. Es stört ihre Schwimmfähigkeit und damit eine erfolgreiche Futtersuche oder Paarung. Nach Sazimas Studie scheinen die meisten Opfer genau zu wissen, wonach es die Piranhas gelüstet. Wenn sich beispielsweise ein Piranha einer Gruppe von Buntbarschen nähert, verhalten die sich wie der Siedler-Treck mit seiner Wagenburg: Sie bilden, mit den Flossen zum Zentrum gerichtet, einen Kreis und bewegen sich dann zusammen in eine Zuflucht zwischen Wasserpflanzen. Manche Spezies verbergen sich in der Vegetation und halten den Schwanz flach auf den Boden gedrückt.

Aber Sazima beobachtete auch eine Piranha-Spezies, die anderen Fischen freundlich von den Seiten die Läuse abpickte, ohne sie noch weiter zu malträtieren. Es könnte sein, dass sich aus diesem Sozialdienst das heutige Futterverhalten entwickelt hat, während sich ein paar der Piranha-Spezies sogar auf zeitgemäße Weise nur als Vegetarier ernähren: Sie fressen Samen, ins Wasser gefallene Nüsse, Früchte, selbst Blüten. Auf meiner Reise durch Südamerika hoffte ich allerdings, weiterhin einen Rest des "Teufels mit dem bösen, wilden Wesen" zu entdecken. Venezuela schien für solch eine Suche vielversprechend zu sein, besonders jene Gegend, die Los Llanos genannt wird, die Ebenen. In den Flüssen dort sollen Rotbäuchige Piranhas wie verrückt hinter Fleisch her sein.

Mit dem Biologen Orlando Comacaro fuhr ich von Wasserloch zu Wasserloch. Wir hatten einen Kühlbehälter dabei, der mit frisch geschlachtetem Rind gefüllt war. An jedem Loch hielten wir ein Fleischstück an einer Leine ins Wasser und warteten so eine Weile. Meist gab es überhaupt keine Reaktion auf unseren Köder. Manchmal pickten die Piranhas auch behutsam an ihm. Einmal hielten wir an einem Fischmarkt, der sich direkt am Ufer des Rio Apure entlangzieht. Comacaro warf das Köderfleisch anderthalb Meter vom Ufer entfernt ins Wasser, und ich fragte gelangweilt: "Wie spät ist es eigentlich?" Aber bevor mein Begleiter mir antworten konnte, hatte er die Leine zurück ans Ufer gezogen - ein halbes Dutzend Piranhas hing an dem Köder. Mit ihren leuchtend orangefarbenen Bäuchen landeten sie direkt vor meinen Füßen und schlugen wild mit den Schwänzen. Sich krümmend und streckend, zappelten sie sich schließlich zurück ins Wasser. Das waren kleine Fische, nur sechs bis acht Zentimeter lang. Aber sie beeindruckten mich.

Denn als ein Fischer aus dem Ort einen toten Fisch in den Fluss warf, schien das Wasser vor uns zu explodieren. Der Körper des toten Fisches wirbelte herum, und Piranhas, die ihre Zähne in seine Seiten gehackt hatten, überschlugen sich mit ihm. Manchmal durchstieß einer die Wasseroberfläche mit dem pfeifenden Geräusch einer durch die Luft geschwungenen Peitschenschnur.

Ursache dieser Gier: Die Fischer schlachten ständig an der gleichen Uferstelle ihren Fang und werfen die Innereien ins Wasser, wodurch unnatürlich viele Piranhas angelockt werden. Diesen Sonderfall beiseite gelassen, konnte ich nur zwei natürliche Umstände entdecken, in denen Piranhas Schwarm-Verhalten zeigten: Sie kommen in der Trockenperiode zusammen, wenn sich das Flusswasser nur noch in kleinen Teichen sammelt und es wenig mögliche Beute gibt. Und sie konzentrieren sich dort, wo Vogelkolonien in solchen Bäumen siedeln, die über den Fluss hängen. Dort warten die Piranhas auf das, was die ausgewachsenen Vögel an Futter für ihre Jungen fallen lassen. "Das ist Gratis-Frühstück, Mittag- und Abendessen", sagt Don Taphorn, ein Vogelkundler der National-Universität von Venezuela. Taphorn hat viel Zeit seiner Laufbahn damit verbracht, bis zum Hals eingetaucht in den Wasserläufen der Llanos zu forschen. Aber in 22 Jahren hat er nur einmal die Killer-Attacke eines Piranha auf ein lebendes Tier miterlebt: auf einen Jungvogel, der aus dem Nest ins Wasser gefallen war.

Ich war jetzt allmählich bereit, mich vom Bild der Tod bringenden Piranha-Meuten zu verabschieden. Und es stellte sich auch am Rio Boquerones heraus, dass die Fische als blutrünstige Rudel immer nur dort auftauchen, wo sie an regelmäßige Fütterungen mit tierischen Abfällen gewöhnt sind. Dann allerdings greifen sie zu, wenn die Beute auch nur die Wasseroberfläche berührt. Und an solchen Stellen können sie dann auch Menschen gefährlich werden. Camacaro und ich liefen bei Boquerones zu einem kleinen, blau getünchten Laden direkt am Ufer, um uns von der Besitzerin von einem Unfall erzählen zu lassen, der hier einige Monate zuvor passiert war. Der sechs Jahre alte Sohn der Frau, Eduardo, und ihre elfjährige Tochter Carolina hatten am Ufersaum gespielt. Der kleine Junge war ins Wasser gestolpert. Und da er nicht schwimmen konnte, war ihm seine Schwester nachgesprungen. Sofort hatten die Piranhas angegriffen.

Die beiden Kinder hatten anschließend drei Wochen im Krankenhaus verbracht und zeigten uns nun ihre Wunden. Über die rechte Wade von Eduardo, der beim Unfall in Blue Jeans gesteckt hatte, zog sich eine lange Narbe. Seine Schwester Carolina war in Shorts gewesen. An einem Bein hatte sie Bisse bis auf die Knochen hinab erlitten, am anderen gerade eben an der Arterie vorbei. Die Verletzungen waren den Kindern in nur wenigen Sekunden beigebracht worden.

Es dauerte ein paar Tage, bis ich es wagte, wieder in den Fluss zu steigen. Und ich prüfte vorher sorgsam, dass nicht dort in der Nähe Fische ausgenommen wurden. Ich sagte mir, dass es irrational sei, Tiere für etwas zu dämonisieren, was wir Menschen selbst heraufbeschworen haben. Schließlich stieg ich ins Wasser und dachte: "Schau dir das an, Teddy Roosevelt, du hast übertrieben!" Aber ich musste feststellen, dass ich meine Arme forscher durchs Wasser zog als sonst.