Es klingt unrealistisch: Mit Milliarden Bäumen will China die Ausbreitung einer der größten Wüsten der Erde stoppen. Doch der Plan könnte aufgehen: Eine Studie der University of California zeigt, dass das größte je unternommene Aufforstungsprojekt nicht nur das Fortschreiten der Wüstenbildung stoppen konnte. "Chinas Grüne Mauer", wie das Projekt inoffiziell auch genannt wird, hat der Studie zufolge einen der trockensten Orte der Erde in eine Kohlendioxid-Senke verwandelt: Bäume und Sträucher entziehen beim Wachsen der Atmosphäre CO2 und binden das Klimagas so lange, bis das Holz verwittert oder verbrennt.
Mit einer Fläche von fast 337.000 Quadratkilometern ist die zweitgrößte Sandwüste der Erde nur wenig kleiner als Deutschland. Die Trockenheit der Region im Nordwesten Chinas ist zum einen ihrer Lage im Inneren des Kontinents und zum anderen den umgebenden Gebirgen geschuldet: An deren Flanken regnen sich Niederschläge ab, bevor sie in das Innere der Wüste gelangen können. Schon seit den 1970-er Jahren verfolgt die chinesische Regierung den Plan, die Ausbreitung des Dünenmeeres zu stoppen. Und zwar von den Rändern her.
Die gigantische Pflanzaktion begann im Jahr 1978. Seither wurden der Studie zufolge mehr als 66 Milliarden Bäume gepflanzt, vor allem die Euphrat-Pappel (Populus euphratica), sowie widerstandsfähige Tamarisken und Salpetersträucher. Im Jahr 2024 konnte der grüne Ring um die Wüste geschlossen werden.
Für ihre Studie nutzten die Forschenden Satellitendaten der vergangenen 25 Jahre zu Vegetationstypen und -bedeckung, Niederschlag, Kohlendioxid-Konzentration der Atmosphäre – und den Carbon Tracker der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), der CO2-Quellen und -Senken weltweit modelliert. Die Messreihen zeigten: Der Kohlendioxidanteil in der Atmosphäre über der Wüste hat sich reduziert, die Vegetationsdichte zugenommen. Zwei starke Indizien, die zeigen, dass die Begrünung der Wüstenränder funktioniert.
Im Inneren ist die Wüste weiterhin wüst
Man dürfe sich das Gebiet allerdings nicht vorstellen wie den Regenwald im Amazonasgebiet oder im Kongo, gibt Co-Autor King-Fai Li von der University of California in einer Presseerklärung zu bedenken. "Einige aufgeforstete Regionen sind nur Buschland. Aber die Tatsache, dass sie überhaupt kontinuierlich CO₂ binden, ist etwas Positives, das wir vom Weltraum aus messen können."
Laut der Studienautorinnen und -autoren sind die Gründe für das gigantische Projekt ökologischer und politischer Natur. "Die ungebremste Ausbreitung der Wüste bedrohte Ackerland und trug zur Instabilität in den westlichen Regionen bei, wo ethnische Minderheiten seit langem mit der Führung der Han-Chinesen in Konflikt stehen", erklären sie. Zudem sei die Umkehrung der Wüstenbildung auch als Strategie zur Verbesserung der Landwirtschaft und als Beitrag zur Verringerung des CO2-Fußabdrucks des Landes angesehen worden. Kritik gibt es gleichwohl an der beschränkten Auswahl der Bäume und Sträucher. Die entstehenden Monokulturen gehen demnach zulasten der Biodiversität und fördern großflächigen Schädlingsbefall.
Auch für den Kampf gegen den Klimawandel ist die Begrünung der Wüste offenbar keine Wunderwaffe: Selbst wenn die gesamte Wüste aufgeforstet würde, könnten damit jährlich nur etwa 60 Millionen Tonnen Kohlendioxid gebunden werden. Zum Vergleich: Das entspricht nur etwa zehn Prozent der jährlichen Emissionen Kanadas. "Wir werden die Klimakrise nicht allein durch das Pflanzen von Bäumen in Wüsten lösen können", sagt Li. "Aber es ist unerlässlich zu verstehen, wo und wie viel CO₂ unter welchen Bedingungen gebunden werden kann. Das ist ein Teil des weltweiten Puzzles."
In einer Welt, in der skalierbare, low-tech-basierte Lösungen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes gefragt seien, könne dieses Projekt sowohl als Inspiration als auch als Machbarkeitsstudie dienen.