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IPCC-Bericht "Wir sind an einem Scheideweg" – Weltklimarat ruft zu mehr Tempo auf

Zahlreiche Windkraftanlagen stehen bei sonnigem Wetter auf Feldern im Landkreis Aurich, Niedersachsen
Der dritte Teil des neuen IPCC-Sachstandsberichts behandelt die politischen und technologischen Maßnahmen zur Minderung des Klimawandels
© Hauke-Christian Dittrich/dpa
Im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe will die Welt die Erderhitzung bei 1,5 Grad stoppen. Dafür ist enormes Tempo in allen Lebensbereichen gefragt, wie der dritte Teil des neuen Sachstandsberichts des Weltklimarats zeigt. Doch es gibt auch Lichtblicke

Die Begrenzung der Erderhitzung auf maximal 1,5 Grad ist nach Ansicht des Weltklimarats nur noch zu erreichen, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen sofort und drastisch verringert wird. So steht es in einem Bericht, den der Weltklimarat (IPCC) am Montag veröffentlicht hat. "Wir sind an einem Scheideweg. Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, können eine lebenswerte Zukunft sichern", erklärte der IPCC-Vorsitzende Hoesung Lee. "Wir haben die Werkzeuge und das Wissen, um die Erwärmung zu begrenzen."

Die Vereinten Nationen hatten im vorigen Jahr ihr Ziel bekräftigt, die Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf 1,5 Grad zu begrenzen, um katastrophale Folgen des Klimawandels abzuwenden. Es seien mittlerweile Klimaschutzmaßnahmen, Regulierungen und Marktmechanismen bekannt, die effektiv seien, so Lee. "Wenn diese entsprechend skaliert und breiter angewendet werden, können sie tiefgreifende Einsparungen von Emissionen unterstützen und Innovationen ankurbeln."

So seien etwa die Kosten für Solar- und Windenergie seit 2010 um bis zu 85 Prozent gesunken, was den Ausbau erneuerbarer Energien angekurbelt habe.

Das Umsteuern im Energiesektor gilt als entscheidend. Dazu gehört den Forschenden zufolge unter anderem, erheblich weniger fossile Energieträger zu nutzen und alternative Kraftstoffe wie Wasserstoff zu nutzen. Besonders gute Möglichkeiten gebe es dafür in Städten - etwa indem man ihre Zentren so umgestaltet, dass Wege bequem und sicher zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt werden können, oder indem man den öffentlichen Nahverkehr elektrifiziert.

Lebensstil spielt eine wichtige Rolle für das Klima

Der Weltklimarat hat außerdem beleuchtet, welchen Einfluss es hat, weniger Fleisch zu essen oder sich klimafreundlicher fortzubewegen - und kommt zu dem Schluss: Der Lebensstil und das persönliche Verhalten spielen durchaus eine wichtige Rolle fürs Klima. Allerdings brauche es hier die richtigen Rahmenbedingungen durch die Politik, betonen die Autorinnen und Autoren.

Die Verantwortung dürfe nicht auf den Einzelnen abgewälzt werden. Mit Richtlinien, neuen Technologien und passender Infrastruktur könne man die Treibhausgas-Emissionen in diesem Bereich jedoch bis 2050 um 40 bis 70 Prozent reduzieren, heißt es - "ein erhebliches ungenutztes Potenzial".

Im Durchschnitt lag der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen zwischen 2010 und 2019 so hoch wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Allerdings habe sich die Wachstumsrate verlangsamt. Den Modellierungen der Wissenschaftler zufolge müssen die Treibhausgasemissionen für das 1,5-Grad-Ziel noch vor dem Jahr 2025 ihren Höhepunkt erreicht haben und bis 2030 um 43 Prozent gesenkt werden. Auch der Ausstoß des Klimagases Methan - etwa aus der Landwirtschaft - müsse sich bis dahin um rund ein Drittel reduzieren.

Grenze von 1,5 Grad globaler Erwärmung könnte reißen

Die Wissenschaft hält es für immer wahrscheinlicher, dass die Erhitzung der Erde zeitweise die kritische Schwelle von 1,5 Grad übersteigen könnte, bevor sie durch entsprechende Maßnahmen wieder darunter absinken könnte. Dabei wird auch die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre eine Rolle spielen, die vom Weltklimarat erstmals ausführlicher untersucht wurde.

"Deutschland hat dazu schon Ja gesagt und die EU auch", sagte der deutsche IPCC-Co-Autor Oliver Geden in einem Briefing zu Journalistinnen und Journalisten. Selbst bei erreichter Klimaneutralität werde es in einigen Jahrzehnten noch immer Rest-Emissionen geben. "Die sollten möglichst niedrig sein, und sie müssen ausgeglichen werden."

Der Weltklimarat befürwortet die Entwicklung und Erforschung solcher Techniken, warnt aber davor, sich darauf zu verlassen. Keine Technologie dieser Art könne auffangen, was an notwendigen Einsparungen in anderen Bereichen ausbleibe.

"Wenn der CO2-Ausstoß bis 2030 weltweit nicht deutlich sinkt, dann werden wir die Grenze von 1,5 Grad globaler Erwärmung wahrscheinlich reißen. Das zeigen die neuen Zahlen auf krasse Weise", sagte der Physiker Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), der ebenfalls an dem Bericht mitgearbeitet hat, der Deutschen Presse-Agentur.

Es sei bislang noch kein Durchbruch gelungen, die globalen Emissionen zu reduzieren, kritisierte Kriegler. "Dafür braucht es jetzt entschlossene und international abgestimmte Politik, kollektives Handeln und viele Investitionen." Bei fossilen Kraftwerken, insbesondere der Kohle, seien "frühzeitige Abschaltungen und die Streichung geplanter Vorhaben" notwendig.

Hunderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 65 Ländern haben für den Klimabericht in den vergangenen Jahren Zehntausende Studien ausgewertet. Er ist Teil des 6. Sachstandsberichts des Weltklimarats, dessen Veröffentlichungen als umfassendster und international anerkannter Stand der Klimaforschung gelten. In dem Teilbericht geht es um Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels.

dpa

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