VG-Wort Pixel

Biodiversität Der große Fang im Regengebirge: Wie Forschende eine Arche für 1400 Arten schufen

Jeder Falter zählt: Der Insektenforscher Marek Bakowski keschert Motten und Schmetterlinge. Am Ende der Expedition hat er Exemplare von 450 Arten gefangen
Jeder Falter zählt: Der Insektenforscher Marek Bakowski keschert Motten und Schmetterlinge. Am Ende der Expedition hat er Exemplare von 450 Arten gefangen
© Jennifer Guyton
Im einsamen Chimanimani-Gebirge ist ein Forschungsteam auf einen Hotspot der Biodiversität gestoßen: Es entdeckten mehr als 1400 teils unbekannte Tier- und Pflanzenarten – und half, ihre Welt zu retten

Mit Fangnetzen, Kisten und Rucksäcken schwer bepackt, brechen 14 Männer und Frauen im Dezember 2018 ins Chimanimani-Gebirge auf, an der Grenze zwischen Simbabwe und Mosambik. Sie betreten Neuland: eine nahezu unerforschte Natur – und ein vermintes Gefahrengebiet, das der Bürgerkrieg hinterlassen hat.

Als erstes zoologisches Team erkunden sie den mosambikanischen Teil des Gebirges, schlagen sich durch das Dickicht von Schraubenbäumen und Lianen, klettern durch Canyons. Sie balancieren durch Flüsse, durchstreifen das bergige Grasland der Klippspringer-Antilopen und Kronenadler. Vom Morgengrauen bis spät in die Nacht sind sie unterwegs. Ihr Ziel: eine Arten-Inventur.

Weit über 2000 Meter ragen einige Gipfel des Chimanimani-Massivs aus dem Flachland auf. Der höchste ist der Monte Binga mit 2436 Metern. Wälder und steppenartige Hochebenen umgeben Steilwände – ein Gebiet fern der Zeit, das Schamanen aus der Umgebung zuweilen aufsuchen, um die Geister der Berge um Regen zu bitten.

Wandgemälde: Von den Tieren im Chimanimani-Gebirge erzählen auch Malereien aus der Steinzeit. Sie stammen vom Volk der San
Wandgemälde: Von den Tieren im Chimanimani-Gebirge erzählen auch Malereien aus der Steinzeit. Sie stammen vom Volk der San
© Jennifer Guyton

Felszeichnungen belegen, dass Menschen vom Volk der San bereits in der Steinzeit hier Elefanten und Krokodile jagten. Während der Bürgerkriege in Mosambik, zwischen 1977 und 1992, wilderten in den Bergen Soldaten; für die Wissenschaft aber blieb die umkämpfte Region verschlossen. Bis jetzt.

Das zoologische Team ist nun im Regengebirge auf Schätze gestoßen. Unter anderem an der Entdeckung beteiligt: Expeditionsleiter Piotr Naskrecki, die Insektenexpertin Norina Vicente, die Fotografin Jen Guyton und der Amphibien- und Reptilienforscher Mark-Oliver Rödel. Was hat ihr Vorstoß ins Unbekannte erbracht?

GEO: Zwei Mal, 2018 und 2019, habt ihr euch über Wochen quer durch die Wildnis des Chimanimani-Gebiets geschlagen. Sind alle im Team unversehrt geblieben?

Piotr Naskrecki (lacht): Ja, alle 14 Expeditionsteilnehmerinnen und -teilnehmer sind wieder wohlbehalten zurückgekommen.

Jen Guyton: Es gab ein paar Schrammen, Erschöpfungsanfälle und schwere Wespenstiche, aber nichts Schlimmes. Gefährliche Tiere hatten wir kaum zu fürchten – bis auf die Giftschlangen, aber die flüchten in aller Regel, bevor man ihnen zu nahe kommt. Wir haben uns eher Sorgen um Tretminen aus dem Krieg gemacht. Einige Bergpässe mussten wir deshalb umgehen.

Weite Teile des Chimanimani-Massivs sind unpassierbar wie diese Felskuppe. So marschiert das Team oft tagelang um Hindernisse herum. Oder vertraut auf Hubschrauber
Weite Teile des Chimanimani-Massivs sind unpassierbar wie diese Felskuppe. So marschiert das Team oft tagelang um Hindernisse herum. Oder vertraut auf Hubschrauber
© Jennifer Guyton

Was macht das Chimanimani-Gebiet für die Forschung so spannend?

Naskrecki: Es ist eine einzigartige Berggegend, die von den Savannen in ihrer Umgebung weitgehend isoliert ist. Und man wusste eben fast nichts über sie. Im kleineren Teil im Westen, der zu Simbabwe gehört, gab es schon mehrere Expeditionen – vor allem für die botanische Forschung. Auf mosambikanischer Seite aber waren wir tatsächlich das erste zoologische Forschungsteam überhaupt. Wir sind daher fest davon ausgegangen, dass wir hier besondere Tiere und Pflanzen entdecken könnten.

Im Chimanimani-Gebirge steht der höchste Berg Mosambiks, der Monte Binga, 2436 Meter. Wie hat die Landschaft auf euch gewirkt?

Guyton: Fantastisch! Entlang der Flussläufe wachsen verschlungene Feuchtwälder, aus Schluchten brechen gewaltige Wasserfälle hervor. In manchen Hochtälern wiederum gedeihen im Quarzsand nur ganz besondere Pflanzen – meist Sukkulenten, die wenig Wasser benötigen.

Um ihre Funde zu konservieren, greifen die Botaniker*innen im Team auf eine uralte Methode zurück: die Pflanzenpresse. Hier legen sie ein Kreuzkraut aufs Papier
Um ihre Funde zu konservieren, greifen die Botaniker*innen im Team auf eine uralte Methode zurück: die Pflanzenpresse. Hier legen sie ein Kreuzkraut aufs Papier
© Jennifer Guyton

Für mich war das einer der spektakulärsten Orte, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Wir sind in Täler hineingewandert, an denen riesige dunkle Felswände links und rechts von uns steil in den Himmel ragten: Das hat mich ans Yosemite-Tal in Kalifornien erinnert, wo ich aufgewachsen bin. Aus unseren Zelten im Basislager konnten wir mitverfolgen, wie morgens die ersten Sonnenstrahlen auf diese Kathedralen aus Fels schienen. Das war ehrfurchtgebietend!

Hast du das auch so gesehen, Norina? Die Chimanimani-Tour 2018 war ja deine erste wissenschaftliche Expedition.

Norina Vicente: Ich hatte anfangs Angst vor der Höhe. Ich komme aus einer Region Mosambiks, die sehr flach, heiß und trocken ist. Im Gebirge war ich zuvor noch nie. Aber als wir dann aufgestiegen sind zum Monte Binga, hat sich das angefühlt, als würde ich fliegen. Die Zeit geht so schnell vorbei, weil man andauernd Arten sammelt und sie bestimmt: Schmetterlinge und Käfer, Ameisen, Heuschrecken. Wir haben es dann zwar nicht ganz bis zum Gipfel geschafft, weil wir einfach zu müde waren. Aber es hat sich gelohnt.

Mark-Oliver Rödel Wer ist mit wem verwandt? Nicht nur bei afrikanischen Krallenfröschen analysiert der deutsche Biologe die Evolution und Verwandtschaftsverhältnisse, ihn interessieren die Amphibien in Zentral- und Westafrika. Nur wer deren Geschichte versteht, glaubt Rödel, kann die Auswirkungen des Klimawandels auf bedrohte Tiere prognostizieren
Mark-Oliver Rödel Wer ist mit wem verwandt? Nicht nur bei afrikanischen Krallenfröschen analysiert der deutsche Biologe die Evolution und Verwandtschaftsverhältnisse, ihn interessieren die Amphibien in Zentral- und Westafrika. Nur wer deren Geschichte versteht, glaubt Rödel, kann die Auswirkungen des Klimawandels auf bedrohte Tiere prognostizieren
© Jennifer Guyton

Weshalb war die Region für die Forschung so lange Terra incognita?

Mark-Oliver Rödel: Nun, durch den Bürgerkrieg nach der Unabhängigkeit Mosambiks waren viele Gebiete des Landes für Expeditionen nicht zugänglich. Zu gefährlich! Das Chimanimani-Massiv zum Beispiel diente Rebellen als Rückzugsgebiet und als Korridor nach Simbabwe. Und selbst nach dem Ende der schlimmsten Kämpfe war dann die Infrastruktur noch sehr schlecht.

Naskrecki: In die Berge kommt man noch immer nur mit dem Hubschrauber oder zu Fuß. Man kann sich sehr schnell verirren, das Wetter ist extrem wechselhaft. Zum Glück hatten wir ein paar Helfer aus der Umgebung, die sich gut auskannten – und für die Ausrüstung zeitweise einen Hubschrauber. Aber oft waren wir über 80 Kilometer vom nächsten größeren Ort entfernt. Wenn dann ein Unfall geschieht und das Wetter für einen Hubschrauberflug zu schlecht ist, bräuchte man mehrere Tage ins nächste Krankenhaus.

Norina Vicente Eine imposante Sammlung von Sechsbeinern legte die Insektenkundlerin im Chimanimani an. Ansonsten studiert sie Ameisen, Termiten, Schmetterlinge im 180 Kilometer entfernten Gorongosa-Nationalpark. Für die Mosambikanerin steht nach den Expeditionen fest: Sie will sich noch mehr für den Naturschutz in ihrem Land einsetzen
Norina Vicente Eine imposante Sammlung von Sechsbeinern legte die Insektenkundlerin im Chimanimani an. Ansonsten studiert sie Ameisen, Termiten, Schmetterlinge im 180 Kilometer entfernten Gorongosa-Nationalpark. Für die Mosambikanerin steht nach den Expeditionen fest: Sie will sich noch mehr für den Naturschutz in ihrem Land einsetzen
© Jennifer Guyton

Beide Teams waren jeweils mit 14 internationalen Expertinnen und Experten aus vielen Disziplinen besetzt, darunter auch mehrere junge Forschende aus Mosambik. Was genau war das Ziel eurer Expeditionen?

Naskrecki: Wir wollten vor allem erst einmal eine Datengrundlage für die Artenvielfalt des Chimanimani-Gebiets erstellen: Was für Tiere und Pflanzen sind dort zu finden? Und was für Lebensräume besiedeln sie? Darüber hinaus aber war uns auch wichtig, Studierende aus Mosambik in die Forschung einzubinden, ihnen die Methodik der Artenbestimmung nahezubringen – damit sie den Schutz solcher Gegenden später weiter vorantreiben können.

Vicente: Ich finde es wichtig, dass junge Forscher*innen wie ich solche Orte in Mosambik kennenlernen, um unsere Faszination dafür weitervermitteln zu können. Wir müssen den Menschen bewusst machen, warum Elefanten und Ameisen für sie von Bedeutung sind, was für Schätze sich hier verstecken. Und für mich selbst steht seit den beiden Chimanimani-Expeditionen fest, dass ich mich weiterhin für den Naturschutz im Land engagieren will.

Im Schein seiner Stirnlampe bestimmen der Botaniker Bart Wursten und seine Student*innen die gefundenen Gewächse
Im Schein seiner Stirnlampe bestimmen der Botaniker Bart Wursten und seine Student*innen die gefundenen Gewächse
© Jennifer Guyton

Vor einigen Jahren habe ich auf einer Insel vor Panama einmal selber an einer Arteninventur teilgenommen: Das glich einer Schatzsuche bei einem Kindergeburtstag! Die Forscherinnen und Forscher sind wie wild ausgeschwärmt, um in der kurzen Zeit so viele Arten wie möglich zu finden. Geschlafen haben wir kaum. Wie war das bei euch?

Guyton: Ja, alle richten sich nach dem Rhythmus der Tiere, die sie untersuchen wollen. Die einen stellen Kamerafallen für Antilopen auf oder Netze für Fledermäuse. Die Ornitholog*innen wappnen sich morgens mit Ferngläsern, die Insektenforscher*innen mit Schmetterlingsnetzen – und nachts mit Lichtfallen aus weißen Tüchern.

Als Fotografin wusste ich da oft nicht, wem ich folgen sollte. Man denkt andauernd: Vielleicht verpasse ich gerade jetzt, wie eine andere Gruppe den spektakulärsten Fund unserer Reise macht! Abends im Camp tauschen sich alle dann aus: Wir tragen die Daten zusammen und kämpfen um etwas Strom aus dem Generator, um Akkus zu laden. Das ist schon anstrengend...

Federlesen: Die Ornitholog*innen Callie Gesmundo und Zak Pohlen pflücken Milben von einem Natalrötel und senden die Parasiten zur Bestimmung an ein Speziallabor
Federlesen: Die Ornitholog*innen Callie Gesmundo und Zak Pohlen pflücken Milben von einem Natalrötel und senden die Parasiten zur Bestimmung an ein Speziallabor
© Jennifer Guyton

Rödel: ... der beste Diätplan, den man sich ausdenken kann! Du läufst oft mehrere Hundert Höhenmeter durch unwegsames Gelände; und in der Ebene wurde es manchmal über 40 Grad heiß.

Guyton: Und dann gibt es doch immer wieder auch diese zeitlosen Phasen, in denen du nur warten kannst – weil die Tiere eben grad nicht aktiv sind. Dann haben wir im Camp gesessen, Instantkaffee aus Plastikbechern geschlürft und die Wolkenformen rund um die Berghänge analysiert. Eine sah aus wie ein Tyrannosaurus!

Jetzt öffnet mal die Schatztruhe! Was habt ihr gefunden?

Naskrecki: Insgesamt haben wir auf unseren beiden Expeditionen mehr als 1400 Tier- und Pflanzenarten entdeckt

Wow!

... ja, die Auswertung läuft noch, aber mindestens 76 davon kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor, bei den Vögeln zum Beispiel ein Bokmakiri-Würger. Wir haben auch viele Vertreter von Arten gefunden, wie vom Aussterben bedroht sind: wie die Fledermausart Rhinolophus smithersi, der Afrikanische Elefant und der Südliche Hornrabe.

Rödel: In meinem Fachgebiet, bei den Amphibien und Reptilien, sind wir auf eine Reihe von Arten gestoßen, die in Mosambik bisher nicht bekannt waren oder schon als verloren galten. Auf 1800 Meter Höhe haben wir einen Frosch aufgespürt, der sonst nur in Schwemmgebieten in Küstennähe vorkommt – auf Meeresniveau! Außerdem eine Schlange, die vermutlich zu einer ganz neuen Art gehört. Bei den Insekten-Proben werden mit Sicherheit Dutzende neue Arten sein, die noch niemals zuvor beschrieben wurden.

In der Nacht hilft ein bewährter Trick bei der Jagd nach Insekten – Norina Vicente und Marek Bakowski führen die Sechsbeiner hinters Licht
In der Nacht hilft ein bewährter Trick bei der Jagd nach Insekten – Norina Vicente und Marek Bakowski führen die Sechsbeiner hinters Licht
© Jennifer Guyton

Was genau nützt es, die Fledermäuse und Heuschrecken, Schwalben und Schlangen im Chimanimani-Gebiet zu kennen?

Naskrecki: Unsere Expeditionsberichte haben – gerade auch durch den Nachweis bedrohter Arten – mit dazu beigetragen, dass die Regierung diese Region im Mai 2020 von einem Naturreservat in einen Nationalpark verwandelt hat. Die Tiere und Pflanzen sind damit nun wesentlich besser geschützt.

Inwiefern?

Naskrecki: Ein Reservat kann jederzeit aufgelöst werden, wenn die Regierung das Land anders nutzen will, etwa für den Bergbau. Ein Nationalpark hingegen gewährt den strengsten Schutz, den ein Staat zu vergeben hat.

Vicente: Es darf zum Beispiel kein Holz geschlagen und nicht gejagt werden...

Naskrecki: ... und Mosambik stellt mehr Mittel bereit, um hier Wildhüter auszubilden und sie mit Fahrzeugen auszustatten oder um Wanderwege zu bauen. Für Trekking-Reisen wäre die Gegend grandios!

Guyton: Wenn du nicht weißt, was du hast, kannst du es auch nicht gut schützen: Weltweit sterben Arten aus, ohne dass wir sie jemals kennengelernt haben! Wir vermissen sie nicht, weil uns gar nicht bekannt ist, dass es sie einmal gab. Wir wissen nicht, welche Kostbarkeiten wir so verlieren. Doch schon einzelne fehlende Arten können ein Ökosystem ins Wanken bringen – das haben wir in anderen afrikanischen Nationalparks am Beispiel von Büffeln und Elefanten gesehen. Deshalb sind Inventurstudien so wichtig.

Jen Guyton Forscherin oder Fotografin? In Guytons Vita findet sich beides. Als Biologin arbeitete sie für Naturschutzprojekte, studierte Paviane in Tansania, Meerkatzen in Südafrika, Flusspferde in Kenia, Termiten in Namibia. Als Fotografin, hier im Hubschrauber über dem Chimanimani, nutzt sie die Kenntnisse, die sie gewann
Jen Guyton Forscherin oder Fotografin? In Guytons Vita findet sich beides. Als Biologin arbeitete sie für Naturschutzprojekte, studierte Paviane in Tansania, Meerkatzen in Südafrika, Flusspferde in Kenia, Termiten in Namibia. Als Fotografin, hier im Hubschrauber über dem Chimanimani, nutzt sie die Kenntnisse, die sie gewann
© Piotr Naskrecki

Waren die Folgen der Wilderei aus der Bürgerkriegszeit noch erkennbar?

Guyton: Ja, es muss in den Steppen des Chimanimani-Gebiets früher zum Beispiel viel größere Elefantenherden gegeben haben. Jetzt leben im ganzen Park noch vielleicht 100 Tiere. Auch Leoparden wurden schon lange nicht mehr gesehen – wobei das nicht viel heißen will. Die Gegend ist so zerklüftet, dass sie sich gut verstecken könnten. Sicher ist: Kriegstreiber haben über Jahrzehnte hier aus der Wildnis Profit geschlagen. Die Spuren sind deutlich.

Lässt sich das ökologische Gleichgewicht überhaupt wieder herstellen?

Guyton: Ich glaube, schon. Im Gorongosa-Park, der ja nur 180 Kilometer entfernt ist, haben wir die Erfahrung gemacht: Schon nach wenigen Jahren haben sich die Bestände der meisten Tierarten gut erholt. Einige Spezies hat man neu ausgewildert, die Artenzusammensetzung ist also jetzt etwas anders, aber die Anzahl der Tiere ist insgesamt wieder so groß wie früher.

Was sind die größten Bedrohungen für die Chimanimani-Region derzeit?

Naskrecki: Das eine große Problem sind illegale Goldschürfer, die in die Berghänge tiefe Narben graben. Wenn dann Stürme aufziehen wie im Jahr 2019 der Zyklon "Idai", kommt es an diesen Bruchstellen schnell zu verheerenden Erdrutschen. Und in den ländlichen Randzonen des Nationalparks roden die Menschen die Wälder – vor allem für Feuerholz.

Wie kann man dagegen vorgehen?

Guyton: Eine große Chance kann im Ökotourismus liegen. Wandergruppen würden Wilderer oder Goldsucher schnell verschrecken. Vor allem müssen die Leute in der Umgebung des Parks vom Schutz der Natur profitieren, sie brauchen Perspektiven. In Mosambik ist dafür ein Verständnis und eine Bewegung entstanden, die viele dem Land nach den Bürgerkriegen nicht zugetraut hätten.

Unsichtbare Gefahr: Das Team fürchtet nicht die Tiere, es fürchtet die Tretminen, die der Bürgerkrieg hinterließ. So müssen die Forscher*innen einige Bergpässe umgehen
Unsichtbare Gefahr: Das Team fürchtet nicht die Tiere, es fürchtet die Tretminen, die der Bürgerkrieg hinterließ. So müssen die Forscher*innen einige Bergpässe umgehen
© Jennifer Guyton

Rödel: In Zusammenarbeit mit privaten Initiativen werden im nahegelegenen Gorongosa-Park interessierte Studentinnen und Studenten aus Mosambik in Naturschutz-Biologie ausgebildet. Das ist ein vorbildliches Programm, das inzwischen durch seine Absolvent*innen in das ganze Land ausstrahlt.

Naskrecki: Ja, dieser Aspekt ist vielleicht gar der wichtigste unserer Arbeit. Ein ehemaliger Student von mir zum Beispiel ist jetzt der Chefwissenschaftler im Chimanimani-Park. Er setzt sich sehr für die Forschung und für das Management ein, zieht Fachleute und Sponsor*innen an. Unsere Daten kommen ihm dabei zugute.

Gab es auch Pannen auf euren Expeditionen?

Guyton: Na klar! Wir hatten zum Beispiel, als wir im zweiten Jahr in die Berge geflogen sind, das gesamte Besteck vergessen. Nur ein einziger Löffel hat sich noch angefunden, den mussten wir uns unter 14 Leuten teilen – 10 Tage lang! Da wird man schnell kreativ: Manche haben aus Dosendeckeln dann neues Besteck gebastelt, andere haben ihre Bohnen direkt aus der Büchse geschlürft.

Vicente: Am besten fand ich eigentlich unseren Rückweg 2019. Wir mussten zwei Tage früher als geplant unsere Zelte abbrechen und ins Tal zurückwandern, weil es heftig zu regnen begonnen hatte. Der Hubschrauber konnte nicht fliegen, und wir hatten Angst, dass die Flüsse so anschwellen, dass wir sie nicht mehr durchqueren können mit unserem Gepäck. Ich selbst kann nicht einmal schwimmen, das war schon aufregend.

Als wir dann alle zurück im Basislager waren, erschöpft und vom Regen durchnässt, aber glücklich, war das ein wunderschöner Moment. Einen Tag später wären wir wahrscheinlich nicht mehr durch das Wasser des Flusses gekommen. Unvergesslich! Ich freue mich schon auf die nächste Expedition.

Piotr Naskrecki Wohin auch immer seine Arbeit den Expeditionsleiter und Entomologen führt, stets hat er die Unscheinbaren und oft Geschmähten im Blick: Insekten und Spinnentiere. Der in Harvard lehrende Forscher, hier bei einer Flussquerung im Chimanimani, feiert seine Schützlinge in wissenschaftlichen Aufsätzen und porträtiert sie als Fotograf
Piotr Naskrecki Wohin auch immer seine Arbeit den Expeditionsleiter und Entomologen führt, stets hat er die Unscheinbaren und oft Geschmähten im Blick: Insekten und Spinnentiere. Der in Harvard lehrende Forscher, hier bei einer Flussquerung im Chimanimani, feiert seine Schützlinge in wissenschaftlichen Aufsätzen und porträtiert sie als Fotograf
© Jennifer Guyton

Habt ihr denn Ziele im Chimanimani-Gebiet, die ihr unbedingt noch erkunden wollt?

Naskrecki: Ja, für den kommenden November planen wir eine Expedition, die uns tief in den unzugänglichsten Teil des Gebirges hineinführen soll. Ich habe die große Hoffnung, dass wir dort wieder neue, noch niemals gesehene Arten entdecken können.

Erschienen in GEO Nr.10 (2021)

Mehr zum Thema