Waldgipfel Wie unsere Wälder aussehen - und wie sie eigentlich aussehen müssten

Beim nationalen Waldgipfel diskutieren Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verbänden über den Umbau der deutschen Forste im Angesicht des Klimawandels. Wie unsere Wälder aussehen müssten, um für die Zukunft gewappnet zu sein, erklärt Förster Peter Wohlleben in einem Beitrag aus dem Naturmagazin "Wohllebens Welt"
Wald

Für viele sieht ein solcher Kiefernforst (links) aus wie ein typischer Wald. Doch mit einem echten, natürlichen Wald hat eine solche Plantage nach Ansicht von Peter Wohlleben wenig gemein. Naturbelassene Urwälder zeichnen sich durch eine hohe Artenvielfalt aus und dadurch, dass totes Holz verrotten darf

Ursprünglich wuchsen in Mittel- und Westeuropa fast nur Buchen, durchsetzt mit einigen Dutzend weiteren Baumarten. Diese Wälder waren sehr stabil. Brach ein Riese zusammen, wuchs an seiner Stelle ein Jungbaum nach.

Auf großer Fläche änderte sich dieses Ökosystem über Jahrhunderte nicht. Kleinere Klimaschwankungen überlebten Europas Ur- wälder leicht, weil ihre Bäume ein eigenes Lokalklima formten und dabei Extreme abpufferten: Gegen große Kälte schirmten sie sich eben- so ab wie gegen starke Hitze.

Dies ermöglichte rund 10000 Tierarten, ihre Nischen zu besetzen. Manche Käfer verlernten sogar das Fliegen, da es in solch einem Waldozean nicht wichtig war, den Standort zu wechseln — die Bedingungen waren ja überall gleich.

Doch dann kam der Mensch. Schon Kelten und Römer holzten ab; im Mittelalter gab es dann einen riesigen Holzbedarf für Schiff- und Häuserbau sowie zur Energiegewinnung, und das war fast schon das Ende der deutschen Urwälder.

Zum Teil blieben nur noch Heidelandschaften übrig: der Tiefpunkt vorindustrieller Landschaftszerstörung. Die Reste, etwa die Lüneburger Heide, stellen wir heute kurioserweise unter Naturschutz.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden große Flächen wieder aufgeforstet — allerdings vor allem mit Fichten und Kiefern. Sie kommen auf ausgelaugten Böden besonders gut zurecht und können sich als noch junge Bäumchen gegen den Fraß von Schafen, aber auch Rehen und Rotwild besonders gut wehren, weil ihre Nadeln stechen und sie schlecht schmecken. Zudem sind sie in der Anzucht billiger als Buchen und Eichen.

Das Resultat: Heute bestehen mehr als die Hälfte aller deutschen Wälder aus Nadelbäumen: aus Arten also, die aus der kühlen nörd­lichen Taiga stammen und die Waldbrände und Borkenkäferplagen nicht so gut aushalten wie unsere natürlichen Laubwälder. Kein Wunder, dass sie nun als Erste dem Klimawandel zum Opfer fallen.

Streng genommen legen die Hitzeperioden die Fehler der Vergangenheit nur offen. Und weil ein Umsteuern zu mehr Laubbäumen Jahrzehnte braucht, müssen wir uns noch auf weitere Katastrophenmeldungen aus Deutschlands Wäldern einstellen.

Gepflanzt, ausgedünnt, geerntet

Immerhin ernten die Forstverwaltungen heute nicht mehr Holz als nachwächst. Doch reicht dies aus, um nachhaltig zu wirtschaften? Geht es nicht vielmehr darum, das Ökosystem mit all seinen Arten voll funktionsfähig an die nächsten Generationen weiterzugeben? Und sind unsere Fichten-, Kiefern- und Laubwälder nicht Plantagen — so wie die Ölpalmenanpflanzungen in Asien?

Sie wurden in Reih und Glied gepflanzt, werden regelmäßig ausgedünnt und schließlich bei Er­reichen eines definierten Stammdurchmessers geerntet. Kann man solche Plantagen, in denen kein Baum sein natürliches Höchstalter erreicht, die dominiert werden von ortsfremden Baumarten und zerschnitten werden durch unzählige Wege, noch als Wald bezeichnen?

Ehrlicherweise muss die Antwort lauten: Nein! Selbst in den meisten Nationalparks wird nach wie vor Holz geerntet, schwerstes Gerät eingesetzt, kommt es zu Kahlschlägen.

Peter Wohlleben

Anstatt aufzuforsten, sollte man die Natur sich selbst überlassen — der Wald kommt von ganz allein zurück, meint Förster und Bestseller-Autor Peter Wohlleben

Echter Wald hat keine Probleme

Dass unsere Wälder in Wirklichkeit nichts als Plantagen sind, wurde mir klar, als mich vor einigen Jahren eine iranische Forstdelegation in meinem Revier besuchte. Im Nordiran gibt es die letzten großen Buchenurwälder der Erde — die dortigen Förster wissen also, wie echter Wald aussieht. Auf den deutschen Wald angesprochen, lautete die lakonische Frage des iranischen Forstchefs nur: „Wald? Welcher Wald?“

Echter Wald hat zum derzeitigen Stand des Klimawandels noch keine Probleme. Ein Bestand voller alter Laubbäume kühlt sich nach aktuellen Forschungsergebnissen im Sommer um rund zehn Grad Celsius stärker ab als die umliegenden Wiesen oder Felder.

Gewiss, auch in solchen Oasen stirbt hier und da einmal ein Baum im Verlauf einer Dürreperiode. Doch in den Buchenreservaten in meinem Revier sind keine Anzeichen einer Schwächung des Waldes zu erkennen.

Ganz im Gegenteil: Während die Fichtenplantagen im Umkreis eine nach der anderen vom Borkenkäfer heimgesucht werden, sind die alten Buchen gesund und voll sattgrünem Laub.

Doch Lobbyisten aus der Forst- und Holzwirtschaft wollen genau hier die Axt ansetzen; schließlich gibt es in diesen Wäldern noch viele wertvolle Stämme. Damit würden aber die letzten Reste unserer natürlichen Klimaanlage zerstört.

Und nun? Die Lage ist nicht hoffnungslos — und wir alle können für eine Verbesserung sorgen. Denn es gibt zunehmend öffent­lichen Druck auf die Forstverwaltungen, mit unseren Wäldern anders umzugehen.

Der Stadtwald von Lübeck ist dafür ein schönes Beispiel. Dort wird schon seit Jahrzehnten ein Modell erprobt, bei dem bewirtschaftete Bereiche mit unberührten Reser­vaten kombiniert werden.

Und selbst in den genutzten Teilen versucht das Stadtforstamt, möglichst nachhaltig zu wirtschaften. Das bedeutet den Verzicht auf Kahlschläge, die Förderung heimischer Laubbaumarten, die Geduld, Bäume sehr alt werden zu lassen, schonendere Methoden der Holz­ernte, den Verzicht auf Insektizide — und vieles mehr.

Überdies wird deutlich weniger Holz genutzt, sodass die lebende Biomasse stark zunimmt. So kann der Wald wieder sein eigenes, stabiles Kleinklima produzieren, wachsen die Bäume höher und gesünder als in konventionell bewirtschafteten Forsten.

Die Stadt Lübeck ist nicht der einzige Waldbesitzer, der solche Methoden anwendet — die Zahl der so wirtschaftenden Forstbesitzer nimmt immer weiter zu. Holz ist ein schöner Rohstoff, den man solchen Forsten ohne schlechtes Gewissen entnehmen kann. Vor allem kann man diese Baum- ansammlungen endlich wieder „Wald“ nennen.