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Plastikmüll im Meer The Ocean Cleanup: Gelingt dem Erfinder Boyan Slat nach Pannen nun der Durchbruch?

"System 002" besteht im Wesentlichen aus einem Netz, das von zwei Hochseechleppern gezogen wird
"System 002" besteht im Wesentlichen aus einem Netz, das von zwei Hochseechleppern gezogen wird
© The Ocean Cleanup
Vor einigen Jahren sorgte der Niederländer Boyan Slat mit seinem Projekt "Ocean Cleanup" weltweit für Schlagzeilen. Doch nach Fehlschlägen wurde es ruhiger um den jungen Niederländer. Nun hat er ein neues Plastiksammelsystem getestet

Als der Niederländer Boyan Slat im Jahr 2013 mit seiner Idee antrat, die Ozeane vom Plastikmüll zu befreien, horchte die Welt auf. Schließlich ist die Vermüllung der Weltmeere mit Kunststoffen ein ungelöstes Problem – das täglich drängender wird. Jedes Jahr gelangen Schätzungen zufolge rund elf Millionen Tonnen Plastikmüll in die Weltmeere. Bis zum Jahr 2040 könnten es sogar 29 Millionen Tonnen jährlich sein.

Doch den viel versprechenden Ankündigungen folgten Fehlschläge. Im Jahr 2018 zerbrach ein Sammelsystem auf hoher See, ein Nachfolgermodell zeigte sich wenig effektiv. Aber der enthusiastische Erfinder Slat gibt nicht auf.

Seine neueste Idee heißt "System 002", intern auch einfach "Jenny" genannt: ein 800 Meter langes Netz, das von zwei Hochseechleppern U-förmig durchs Wasser gezogen wird. In einer netzartigen Röhre in der Mitte werden die Plastikteile eingesammelt. Diesmal funktioniert das offenbar: Einer Pressemitteilung zufolge haben die Ozeanreiniger bei einem "Fischzug" knapp neun Tonnen Plastikteile aller Größen eingesammelt, die nun recycelt werden können.

Sorgen um Kollateralschäden an Meerestieren

Sorgen von Umweltschützern, in dem Netz könnten sich auch Seetiere verfangen, begegnen die Ozeanreiniger mit dem Hinweis auf die langsame Geschwindigkeit des ganzen Systems. Die meisten Meereslebewesen könnten dem Netz entkommen, das sich mit 2,8 Kilometern pro Stunde durch das oberflächennahe Wasser bewegt. Das Netz sei zudem so konstruiert, dass Tiere einen Ausweg finden.

Ganz so innovativ, wie sich das Unternehmen The Ocean Cleanup gibt, ist das Plastiksammelsystem allerdings nicht. "Sie haben ich weiß nicht wie viele Millionen Dollar ausgegeben, um die Netzfischerei zu erfinden", ätzt Miriam Goldstein vom Thinktank Center for American Progress in einem Beitrag.

Ähnliche – allerdings weniger medienwirksam inszenierte – Plastiksammelaktionen im großen pazifischen Müllstrudel gab es schon zuvor. 2020 etwa holte das Ocean Voyages Institute die Rekordmenge von mehr als hundert Tonnen Fischernetze und Alltagsgegenstände aus dem Pazifik. Mit einem herkömmlichen Kutter, Drohnen und aufmerksamen Spähern im Ausguck.

Ein Tropfen auf den heißen Stein?

Ungelöst bleibt außerdem das Problem, dass ein großer Teil der Kunststoffe mit der Zeit auf den Meeresboden sinken – wo viele von ihnen Jahrhunderte überdauern dürften. Ein weiterer Kritikpunkt: die Abgase der PS-starken Schlepper des Systems. Nach Unternehmensangaben sollen die Emissionen durch den Ankauf von Zertifikaten ausglichen werden.

Kritisch sehen manche Kommentator*innen auch die Effektivität der Aktion. Denn zum einen mutet die nun eingesammelte Menge Plastikmüll, gemessen am Ausmaß des Problems, bescheiden an. Allein der große pazifische Müllstrudel, die größte und bekannteste Ansammlung von Plastikteilen im Ozean, enthält  Schätzungen zufolge etwa 79.000 Tonnen Kunststoff – verteilt über eine Fläche dreimal so groß wie Frankreich.

Doch Slat gibt sich nach dem Probelauf  optimistisch: Binnen fünf Jahren, so schätzt er, könne man mit zehn "Jennys" die Hälfte des großen pazifischen Müllstrudels säubern.


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