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Reaktorunglück Schweizer Startup will Tschernobyl in fünf Jahren dekontaminieren

Seit 2017 schützt eine Stahlhülle die strahlenden Reste des Unglücksreaktors in Tschernobyl
Seit 2017 schützt eine Stahlhülle die strahlenden Reste des Unglücksreaktors in Tschernobyl
© Sved Oliver / Adobe Stock
Die radioaktive Strahlung um den Katastrophenreaktor von Tschernobyl ist ein Erbe für Jahrhunderte. Ein Schweizer Unternehmen verspricht nun Abhilfe im Handumdrehen

Die Probleme in Tschernobyl sind heute dieselben wie vor 35 Jahren, am Tag der Katastrophe: Sie heißen Cäsium, Strontium, Uran und Plutonium. Die radioaktiven Stoffe befinden sich nicht nur innerhalb der Stahlhülle, die seit 2017 den explodierten Reaktor umgibt. Sondern auch in einem großen Gebiet um den Unglücksreaktor herum. Mehr als 2800 Quadratkilometer wurden evakuiert. Und werden es wohl noch Hunderte Jahre bleiben.

Denn die Halbwertszeit der radioaktiven Stoffe beträgt, wie im Fall von Cäsium-137, dreißig Jahre. Bei Plutonium und Uran sind es sogar Tausende bis Milliarden Jahre. Mit der Halbwertszeit geben Atomphysiker die Zeit an, in der sich die Hälfte der radioaktiven in unschädliche Atomkerne umwandeln.

Keine schönen Aussichten. Lässt sich das nicht beschleunigen? Ja, sagt ein Schweizer Startup. Und verspricht, die verseuchten Gebiete innerhalb von nur fünf Jahren von der tückischen Strahlung zu befreien. Dass das funktionieren kann, das hat die Firma Exlterra nach eigenen Angaben sogar schon vor Ort demonstriert. Mit einer Technologie namens "Nucleus Separation Passive System", kurz NSPS.

Sind Positronen die Lösung?

Mitarbeiter der Firma rammten auf einer fußballfeldgroßen Fläche innerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone um den havarierten Reaktor 4849 Röhren aus Polyethylen in den Boden und ließen mit einer "revolutionären Technologie" schnelle Teilchen, so genannte Positronen, die im Boden vorhandenen radioaktiven Isotope aufbrechen. Der Chef des staatlichen Ökozentrums, in Tschernobyl für die Messung der Radioaktivität verantwortlich, wird mit den Worten zitiert, die Ergebnisse des Feldversuchs seien "bemerkenswert".

Im Schnitt, so teilt das Unternehmen mit, sei die radioaktive Verseuchung des Bodens zwischen November 2019 und September 2020 um 37 Prozent, die Strahlenbelastung der Luft um 46 Prozent gesunken. "Wir haben bewiesen, dass wir die Ressourcen der Natur nutzen können, um die Wunden zu heilen, die wir ihr zugefügt haben", frohlockt Exlterra-Chef Andrew Niemczyk. Und blickt schon auf weitere Anwendungsbereiche. In Fukushima etwa will er mit seiner Technologie dafür sorgen, dass kein radioaktives Wasser mehr ins Meer verklappt werden muss.

Experten sind skeptisch

Fachleute allerdings sehen wenig Grund zum Jubeln. Dem schweizerischen "Tagesanzeiger" sagte Horst-Michael Prasser, langjähriger Professor für Kernenergiesysteme an der ETH Zürich: "Die Angaben, die die Firma zur Funktionsweise macht, liefern keine Erklärung für die angeblich beobachteten Effekte." Die vergleichsweise seltenen Positronen würden bei einem Zusammenstoß mit den zahlreichen Elektronen schnell "zerstrahlen" – und hätten keinen Einfluss auf radioaktive Isotope.

Auf dem Gebiet der radioaktiven Dekontamination ist das Startup relativ neu. Die simplen Kunststoffröhren, mit dem Exlterra nun in Tschernobyl ground zero sanieren will, kamen seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 2013 zunächst als Überlebenshilfe für gestresste Stadt- und Parkbäume zum Einsatz. Über ihre Effektivität gibt es laut Zeitungsberichten widersprüchliche Aussagen.

Zumindest scheint die NSPS-Technologie auch im Bereich der Strahlungsbekämpfung keine weiteren Schäden anzurichten. Sie arbeitet "passiv" und kommt ohne künstlich zugeführte Substanzen im Boden aus. Ob sie wirklich Wunden heilen und Wunder wirken kann – muss sich noch zeigen.

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