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FAQ Kontroverse um Flüssiggas: Das sollten Sie über LNG wissen

Flüssiggastanker transportieren auf minus 162 Grad heruntergekühltes Erdgas
Flüssiggastanker transportieren auf minus 162 Grad heruntergekühltes Erdgas
© Wojciech Wrzesień / Adobe Stock
Die Pipeline Nord Stream 2 steht wegen der Ukraine-Krise auf der Kippe. Kommt jetzt Flüssiggas aus den USA? Und wäre das ein Vorteil für Umwelt und Klima? Wir beantworten die wichtigsten Fragen

Inhaltsverzeichnis

1. Was ist LNG?

LNG steht für liquefied natural gas, zu deutsch: verflüssigtes Erdgas. Es handelt sich um Gas, das durch Herunterkühlen auf weniger als minus 160 Grad Celsius in einen flüssigen Zustand versetzt wird. Der Vorteil gegenüber gasförmigem Erdgas: LNG ist etwa um den Faktor 600 stärker verdichtet. Das macht den Transport in speziellen Tankschiffen ökonomisch attraktiv. Am Import-Terminal wird die Flüssigkeit wieder in einen gasförmigen Zustand versetzt (im Expertenjargon: regasifiziert) – und in das Gasnetz eingespeist.

2. Ist LNG klima- und umweltfreundlich?

Gas ist als fossiler Brennstoff, bei dessen Verbrennung CO2 freigesetzt wird, nie klimafreundlich. Bei LNG kommt hinzu, dass der Prozess der Verflüssigung, die Kühlung beim Transport, der Transport selbst und die Regasifizierung am Import-Terminal sehr energieaufwändig sind. All das zusammengenommen macht LNG in der Regel klimaschädlicher als Erdgas, das über Pipelines transportiert wird.

Für die Klima- und Umweltbilanz von LNG ist zudem die Herkunft entscheidend: "LNG aus den USA, dem zurzeit größten Importeur nach Europa, stammt außerdem oft aus Fracking-Quellen, die mit besonders hohen Umweltschäden und Emissionen verbunden sind", sagt Sascha Boden, Referent für Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Beim Fracking werden Wasser und Chemikalien mit hohem Druck in das Bohrloch gepresst, um schwer zugängliche Öl- und Gaslagerstätten zu erschließen. Während das Verfahren in Deutschland verboten ist, wird mit ihm in den USA der überwiegende Teil des Erdgases gewonnen.

Die Autor*innen einer Studie des Karlsruher Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung resümieren: Die Gesamtemissionen von LNG seien in der Regel zwar geringer als die von erdöl- und kohlebasierten Energieträgern. "Aus klimapolitischer Sicht und unter Energieeffizienzaspekten" sei aber "ein verstärkter Einsatz von LNG insbesondere im Vergleich zu per Pipeline transportiertem Gas nicht begründbar."

Zudem könnten sich auch die geplanten Terminals selbst als Bremse beim Klimaschutz erweisen. Umweltverbände weisen darauf hin, dass die Infrastruktur mit einer Lebensspanne von drei bis fünf Jahrzehnten dazu beitragen könnte, den Umstieg auf 100 Prozent erneuerbare Energien zu verzögern. "Zusätzliche Infrastruktur in Form von Pipelines oder LNG-Terminals würde unsere Abhängigkeit auf Jahrzehnte vergrößern und das fossile Zeitalter inmitten der Klimakrise völlig unnötig verlängern", sagt Sascha Boden, Referent für Energie und Klimaschutz bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

3. Wie stehen die Regierungen von Bund und Ländern zu LNG?

Im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien heißt es klar: "Erdgas ist für eine Übergangszeit unverzichtbar." Man wolle auch "moderne Gaskraftwerke errichten, um den im Laufe der nächsten Jahre steigenden Strom- und Energiebedarf zu wettbewerbsfähigen Preisen zu decken". Allerdings sollen nach dem Willen der Regierung neue Gaskraftwerke so gebaut werden, dass sie auf klimaneutrale Gase umgerüstet werden können – zum Beispiel Wasserstoff.

Während in Mecklenburg-Vorpommern das Herzensprojekt von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die Pipeline Nord Stream 2, wegen der russischen Aggression gegen die Ukraine auf der Kippe steht, könnte Niedersachsen von den internationalen Spannungen profitieren. Die Landesregierung setzt auf LNG, zum Beispiel aus den USA oder Katar – und hat eine landeseigene "LNG-Agentur" gegründet, um das Geschäft mit dem Flüssiggas voranzubringen.

4. Wie wichtig ist LNG für die künftige Energieversorgung in Deutschland?

Die Bundesregierung hat sich zum Pariser Klimaziel und zur Klimaneutralität bis 2045 bekannt. Allerdings hält sie Erdgas, so steht es im Koalitionsvertrag, "für eine Übergangszeit" für "unverzichtbar". Wenn die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 aus geopolitischen Gründen nicht in Betrieb genommen werden sollte – muss dann LNG aus Übersee her? Nein, sagt Sascha Boden von der DUH. "Neue Import-Infrastruktur für fossiles Gas ist in Deutschland unnötig, weil das Land auf das mehr als ausreichende europäische Verbundnetz zurückgreifen kann – das haben zahlreiche Analysen eindeutig gezeigt." Neue fossile Importrouten zu schaffen sei also nicht nur unnötig. Es sei auch unvereinbar mit den deutschen Klimaschutzzielen.

Ähnlich sieht man das beim Thinktank Agora Energiewende: Dessen Expert*innen gehen zwar von einem leichten Anstieg des Importbedarfs in Deutschland für die nächsten zehn Jahre aus – der sich allerdings "sehr wahrscheinlich" auch mit der bestehenden Import- und Speicherinfrastruktur abdecken lasse.

5. Sind LNG-Terminals in Planung?

Zurzeit gibt es in Deutschland noch kein einziges LNG-Terminal. Doch die Planungen laufen. Neben dem an der Elbmündung gelegenen Brunsbüttel ist vor allem Stade, nahe bei Hamburg an der Elbe gelegen, im Gespräch. Planungen für ein Terminal in Wilhelmshaven hat der Betreiber nach Protesten von Umweltverbänden im Jahr 2021 wieder aufgegeben; für die Anlage in Brunsbüttel liegt seit 2021 ein Antrag auf Planfeststellung vor.


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