Severn Cullis-Suzuki Legendäre Umweltaktivstin: "Greta hat recht mit ihrer Wut"

Severn Cullis-Suzuki hielt als Zwölfjährige eine flammende Rede auf dem Umweltgipfel von Rio 1992. Und brachte die Welt für sechs Minuten zum Schweigen. Im GEO.de-Interview erzählt sie, wie sie heute über Konsum, Klimapolitik und die 16-jährige Aktivistin Greta Thunberg denkt
Severn Cullis-Suzuki, 2017

Immer noch Aktivistin: Severn Cullis-Suzuki heute

Als sie neun war, gründete Severn Cullis-Suzuki in der Schule einen Umweltclub: die Environmental Children’s Organization (ECO). Die Kinder diskutierten Umweltprobleme und deren Lösung. Drei Jahre später fuhr die Kanadierin mit drei Mitschülerinnen von Vancouver nach Rio de Janeiro - um vor dem Plenum des legendären Umweltgipfels von 1992 eine engagierte Rede zu halten: über die sinn- und maßlose Ausbeutung des Planeten, Naturzerstörung und soziale Ungerechtigkeit. Und wurde bekannt als das Mädchen, das die Welt zum Schweigen brachte.

Heute ist Cullis-Suzuki fast 40, hat zwei Söhne. Und ist immer noch Aktivistin, Autorin und Moderatorin. Wie denkt sie 27 Jahre nach der Konferenz von Rio über die Entwicklung von Politik, Wirtschaft und Umweltschutz?

GEO.de: Auf dem Umweltgipfel von Rio im Jahr 1992 lauschten die Mächtigen der Welt andächtig Ihrer flammenden Rede. Treffen Politiker ein Vierteljahrhundert später verantwortlichere Entscheidungen?

Severn Cullis-Suzuki: Auf dem Umweltgipfel von Rio wurde tatsächlich Pionierarbeit geleistet. Aber die folgende Dekade war eine der schlimmsten überhaupt für den Planeten. Seither werden Unternehmensinteressen immer wichtiger; wir müssen zusehen, wie die Gier und die Zerstörung biologischer Vielfalt immer weiter zunehmen. Wir hätten den Klimawandel in den 70er und den 80er-Jahren stoppen können, als wir verstanden hatten, was passiert. Aber trotz aller unserer Intelligenz und Zivilisiertheit bedrohen uns heute Feuer, Hurrikane und Überschwemmungen. Was den Klimaschutz betrifft, wartet heute jeder Politiker darauf, dass ein anderer die Führung übernimmt. Und mit jeder Wahlperiode wird unser Planet heißer.

Wo sehen Sie den Grund für diese Lähmung?

Unsere politischen Systeme sind nicht auf wirkliche politische Führerschaft ausgerichtet – sondern auf Popularität. Außerdem haben die progressiven Kräfte seit den 90er Jahren viel Boden verloren. Was wir heute sehen, sind die Früchte konservativer Anstrengungen, Wissenschaftler in Misskredit zu bringen, den medialen Diskurs nach rechts zu verschieben und die Profitgier anzukurbeln. Der Aufstieg des zügellosen Kapitalismus hat uns von einem Konsum abhängig gemacht, der den Planeten auffrisst. Das Thema Wirtschaftswachstum steht bei den Regierungen ganz oben – eine Agenda, die auf die Kassen der Unternehmen ausgerichtet ist.

Das klingt nicht sehr optimistisch. Woher nehmen Sie die Kraft, sich weiterhin für Natur und Umwelt einzusetzen?

Ich habe mich entschlossen, Kinder zu haben. Also kämpfe ich für die Zukunft, komme, was wolle. Außerdem: Wir wissen nicht, was vor uns liegt, welche gewaltigen Transformationen uns bevorstehen. Niemand hatte einen Monat zuvor mit dem Fall der Berliner Mauer gerechnet. Also dürfen wir nicht aufgeben. Und schließlich: Die Natur ist eine endlose Quelle des Lebens, des Wachstums, der Erneuerung. Die Natur ist unser Ursprung. Die Natur hat Recht. Was auch immer geschehen mag, die Natur wird am Ende gewinnen, ob wir uns selbst vernichten oder nicht. Dieses Wissen schützt mich davor, an der Zerstörung der natürlichen Umwelt zu verzweifeln.

Die Schwedin Greta Thunberg sorgt weltweit für Aufmerksamkeit mit ihrem Protest gegen die internationale Klimapolitik. Viele Tausende Schüler folgen ihrem Beispiel. Wie denken Sie über diese neue Bewegung?

Greta hat Recht mit ihrer Wut. Sie erhebt Anschuldigungen, fordert von uns, endlich aufzuwachen, aufzustehen und erwachsen zu werden. Ich bin stolz auf sie. Diese 16-Jährige weiß, dass die Menschheit ihren Erfolg der Wissenschaft verdankt. Und diese Wissenschaft ist sich einig: Wir müssen jetzt massiv gegensteuern, um die verheerenden Folgen des Klimawandels für unsere Kinder und nachfolgende Generationen abzuwenden. In den Zeiten von Wifi und unbegrenztem Zugang zu Informationen hat die Jugend erkannt, dass unsere Gesellschaft ihre Zukunft verscherbelt. Sie muss mit ansehen, wie erwachsene politische Führer um eine Abkehr von fossilen Brennstoffen herumeiern – weil sie vor den Superkonzernen Angst haben. Sie sieht, dass unsere gegenwärtige Gesellschaft nicht auf Werten gründet, die ihre eigenen Kinder priorisieren. Sie sieht außerdem, dass die Veränderung nicht durch bloßes Wünschen kommt. Wir müssen handeln.

Gretas Kritik ist unverblümt, und sie muss für ihre Haltung auch selbst Kritik einstecken. Haben Sie einen Rat für sie?

Ich war ein sensibles Kind, das sich über die Zerstörung der Erde geärgert und nachts darüber geweint hat. Meine Mutter half mir, aktiv zu werden – den Strand zu säubern oder Geld zu sammeln für Organisationen, die gute Sachen machen. Ich hoffe, dass Greta Trost darin findet, dass sie etwas tut. Ich hoffe, sie sieht, dass es zahllosen anderen Menschen, die sie ermutigen, so geht wie ihr. Dass sie kritisiert wird, bedeutet, dass ihre Botschaft ankommt, dass sie eine Bedrohung für den Status Quo bedeutet. Ich hoffe, dass sie Menschen um sich hat, die dafür sorgen können, dass sie gesund bleibt. Ich hoffe, dass sie einen Weg findet, sich sicher zu fühlen, Spaß zu haben und ein Kind zu sein – und dass sie in der Natur ihren Kampfgeist erneuern kann. Denn der Kampf dauert das ganze Leben an. Wir brauchen sie gesund und unversehrt, um die Bewegung noch viele Jahre lang anzuführen.