Aquafarming Selbst zertifizierter Lachs ist stark mit Läusen befallen

Eine einzigartige Überblicksstudie enthüllt: Die meisten ASC-zertifizierten Lachsfarmen halten sich nicht an die Standards
Lachs

Wer zertifizierten Lachs kauft, glaubt ein umweltfreundliches Produkt zu erwerben. Doch eine Studie zum ASC-Siegel macht misstrauisch.

In diesem Artikel
3726 Verstöße gegen ASC-Regeln
Nur ein Fünftel der zertifizierten Betriebe hält sich an ASC-Standards
WWF mahnt Verbesserungen am ASC-Label an – Greenpeace rät ganz ab

Lachsfarmen boomen. Das Fleisch des Fisches ist beliebt. Und immer mehr davon stammt aus Farmen, so genannten Aquakulturen. Meist werden die Fische in riesigen Gehegen gehalten und in zwei bis drei Jahren bis zu Schlachtreife gemästet. Doch die Massentierhaltung im offenen Meer hat Nachteile: Oft müssen die Tiere mit Medikamenten behandelt werden, die im Meerwasser landen, verfüttert wird meist Wildfisch, der dann im Ökosystem fehlt. Und Tiere, denen die Flucht gelingt, können zu einer Verfälschung der Meeresfauna führen.

Um die Umweltauswirkungen des Aquafarming zu begrenzen, gründete der Worldwide Fund for Nature (WWF) 2009 den Aquaculture Stewardship Council. Mit dem dazugehörigen, türkisfarbenen Label werden laut Aufdruck "verantwortungsvolle Fischzuchten" ausgezeichnet. Elf Prozent aller Lachsfarmen weltweit schmücken sich heute schon damit. Und nach den Niederlanden ist Deutschland der weltweit größte Markt für ASC-Produkte.

Das Label bescheinigt den ausgezeichneten Farmen, dass sie nachhaltig wirtschaften – und gibt Konsumenten das Gefühl, ein gutes, umweltfreundliches Produkt zu erwerben.

3726 Verstöße gegen ASC-Regeln

Genau das kritisiert jetzt SeaChoice. Die Organisation mit Sitz in Kanada ist ein Zusammenschluss dreier renommierter Umwelt- und Meeresschutzorganisationen. Für die weltweit erste Studie dieser Art mussten SeaChoice-Mitarbeiter nicht selbst um die Welt reisen. Sie nahmen dafür unabhängige Prüfberichte über insgesamt 257 Lachsfarmen rund um den Globus unter die Lupe – und glichen sie mit Angaben der Farmen und den Anforderungen des ASC-Siegels ab. Das Ergebnis:

In den Jahren zwischen 2014 und 2018 zählte SeaChoice insgesamt 3726 Verstöße gegen den ASC Salmon Standard, davon 790 „schwere“. Nur 32 der insgesamt 456 Prüfberichte zeigten keinerlei Verstöße. Der Befall mit Seeläusen, ein häufiges Problem in Aquafarmen, lag zum Teil um das 149-Fache über dem ASC-Standard. Dass in vier Fällen Hunderte oder Tausende von Zuchtlachsen entkommen konnten, fand in keinem der Prüfberichte Erwähnung. Und in keinem Fall führten die Verstöße zum Entzug der Zertifizierung.

Lachsfarmen, in denen die Tiere dicht zusammengedrängten leben, gelten als eine Brutstätte für Seeläuse, die die Lachse befallen und unter anderem das Hautgewebe der Fische zerstören. Wenn kranke Zuchtlachse aus einer Farm entkommen, tragen sie die Seeläuse ins offene Meer und übertragen die Parasiten auf wildlebende Tiere.

Aquafarming

Die Massentierhaltung im offenen Meer hat Nachteile: Lachsfarmen sind eine Brutstätte für Seeläuse, die wiederum eine Bedrohung für wildlebende Fische darstellen

Nur ein Fünftel der zertifizierten Betriebe hält sich an ASC-Standards

SeaChoice kritisiert außerdem, dass die Farmen Abweichungen vom ASC-Standard beantragen können, ohne ihre Zertifizierung zu verlieren – und so Nachhaltigkeitskriterien unterlaufen. Nur etwas mehr als ein Fünftel der Betriebe hält sich demnach an die vom ASC definierten Kriterien für die Lachszucht. Und das, obwohl offiziell eine 100-prozentige Erfüllung die Voraussetzung für eine Zertifizierung ist.

Immerhin kamen 95 Prozent der Prüfberichte zu dem Ergebnis, dass nicht mehr Fischmehl und –öl verfüttert wurde als erlaubt. Und 96 Prozent aller Berichte zeigen, dass bei der Behandlung gegen Seeläuse nicht mehr Medikamente eingesetzt werden als zulässig.

SeaChoice kritisiert nicht nur die dokumentierten Regelverstöße – sondern das ganze System: "Wenn Verbraucher Produkte mit diesem Label kaufen, bekommen sie nicht das, was sie denken", sagt Kelly Roebuck, die Hauptautorin des Berichts. Um das Vertrauen der Verbraucher nicht zu unterlaufen, sei ein Öko-Siegel notwendig, das nicht business as usual, sondern best practice belohne.

WWF mahnt Verbesserungen am ASC-Label an – Greenpeace rät ganz ab

Während der WWF das ASC-Label grundsätzlich unterstützt und darauf hinweist, dass es sich nicht um ein Premium-Label wie etwa die Naturland-Zertifizierung für Zuchtfische handle, zeigen andere Umweltorganisationen ASC die rote Karte.

So stufte Greenpeace Österreich in einem großen Label-Check das türkisfarbene Siegel schon im Februar dieses Jahres als „nicht vertrauenswürdig“ ein. Einer der Hauptkritikpunkte: Der verfütterte Fisch muss lediglich MSC-Kriterien erfüllen. Somit basiere ein ineffektives Gütezeichen auf einem anderen.

Das Resümee der Umweltschützer: "Der ASC schafft es nicht, sich den wirklichen Problemen im Bereich der Aquakulturen zu stellen; stattdessen wird dieser ganz allgemein nicht nachhaltigen Industriesparte ein ökologischer Mantel verliehen." Die einzige nachhaltige Konsumentscheidung, schreibt Greenpeace Österreich in seinem Ratgeber, sei der Verzicht auf den Kauf von Meeresfisch. Oder - zur Not - der Kauf von Fisch aus heimischer, bio-zertifizierter Teichwirtschaft.