Streitschrift gegen Pestizide "Ich bekomme Hass-Anrufe von Landwirten"

Johann Zaller, Professor für Ökologie an der Universität für Bodenkultur Wien, hat unter dem Titel "Unser täglich Gift" ein aufrüttelndes Buch über Pestizide geschrieben. Und erntet damit wütenden Protest
Apfelplantage, Pestizide

Im konventionellen Obstanbau sind synthetische Pestizide der Normalfall

GEO.de: Angenommen, ich würde Ihnen einen gut aussehenden Apfel unbekannter Herkunft schenken. Würden Sie ihn essen?

Johann Zaller: Ich hätte schon ein komisches Gefühl dabei. Denn Äpfel aus konventionellem Anbau werden mit sogenannten Pflanzenschutzmitteln durchschnittlich 30 Mal behandelt.

Sie könnten den Apfel abwaschen ...

In einer aktuellen Studie empfehlen Forscher, gespritzte Äpfel zwölf Minuten lang mit Backnatron abzuwaschen. Einfach nur Wasser, das genügt nicht. Übrigens schon deshalb nicht, weil viele Stoffe systemisch wirksam sind und deswegen nicht nur auf der Schale, sondern auch im Fruchtfleisch zu finden sind.

Kommt im Apfel-Anbau auch Glyphosat zum Einsatz?

Ja, vor allem im Unterstockbereich, um die Fläche sauber zu halten. Und das ist nun wirklich eine Anwendung, die ich für sinnlos halte. Mir sind keine Studien bekannt, die zeigen, dass der Grasbewuchs im Unterstockbereich sich gravierend auf die Ernteerträge auswirkt. Es handelt sich überwiegend um ein ästhetisches Problem.

Im vergangenen Jahr gab es große Aufregung um die Frage, ob Glyphosat beim Menschen krebserregend ist oder nicht. Am Ende stand gefühlt Aussage gegen Aussage ...

Diese Debatte nützt in erster Linie den Herstellern, die Zweifel schüren wollen. Das hat Methode, das kennt man aus der Diskussion um die krebserregende Wirkung von Tabakrauch und aus der Klimadebatte. Die WHO nennt Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend". Auf der anderen Seite haben wir die Behörden und behördennahen Institutionen, die geheime Studien ausgewertet haben, die die Hersteller selbst zur Verfügung gestellt haben. Und auf dieser Grundlage kommen sie zu einem anderen Ergebnis. Die Politik müsste jetzt sagen, wir schauen uns dieses Hin und Her nicht länger an, denn das schadet allen. Alle Studien müssten auf den Tisch und von einem unabhängigen Expertengremium bewertet werden. Auf dieser Grundlage könnte man dann eine Entscheidung treffen.

Dann hätten wir aber nur die Frage geklärt, ob Glyphosat krebserregend ist ...

In der EU ist es gesetzlich verankert, dass eine Substanz, die im Verdacht steht, Krebs zu erregen, vom Markt genommen werden muss. Deswegen ist das der Hauptfokus. Ich finde das einseitig. Denn es gibt viele andere Aspekte, die man gegen Glyphosat anführen könnte: Dazu gehören der Biodiversitätsverlust in unseren Landschaften ebenso wie weitere gesundheitsschädliche Wirkungen.

Sie haben selbst die Auswirkungen von Glyphosat auf Regenwürmer erforscht. Was kam dabei heraus?

Der Haupteffekt war, dass die Regenwürmer ihre Aktivität eingestellt haben. Sie sind faul geworden. Und die Reproduktionsrate, also die Nachkommenschaft, ging um die Hälfte zurück. Wenn man weiß, wie wichtig die Regenwürmer für die Bodengesundheit sind, für die Bodenstruktur - sie werden sogar als Ökosystemingenieure bezeichnet, weil sie totes organisches Material aufbereiten, also Nährstoffe zur Verfügung stellen -, dann ist das schon ein sehr gravierender Effekt.

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Wie wurden Ihre Erkenntnisse aufgenommen?

Von der Wissenschaft wurden sie gut aufgenommen. Von den Herstellern wurde unsere Studie kritisiert, da wir nicht reines Glyphosat untersucht haben, sondern ein in der Landwirtschaft eingesetztes Produkt. Diese Produkte enthalten Glyphosat als Wirkstoff und noch eine Reihe anderer Stoffe. Auch war es eine Gewächshausstudie. Da kann man immer sagen, so etwas habe mit der Realität nichts zu tun. Wir haben die Kritik aber aufgenommen und Studien im Freiland nachgeschoben. Die Ergebnisse sind zwar noch nicht publiziert, weisen aber in eine ähnliche Richtung.

Mit der Hochzeit von Bayer und Monsanto ist der größte Saatgut- und Agrarchemiekonzern der Welt entstanden. Mit welchen Konsequenzen?

Das Geschäft mit der Agrochemie ist jetzt in noch weniger Händen gebündelt. Diese Machtagglomeration macht mir Sorgen. Und Sorgen mache ich mir auch um die Politik, weil der Einfluss dieses Konzerns noch größer wird. Wir haben schon bei der Glyphosat-Debatte gesehen, dass von Seiten der Industrie offen mit Schadenersatzforderungen gedroht wurde für den Fall der Nichtverlängerung der Zulassung. Und es geht ja nicht nur um Absatzschancen, sondern auch um noch einmal zigtausende Arbeitsplätze mehr, die bei der Argumentation in die Waagschale geworfen werden.

Die Landwirtschaft von morgen, suggerieren Agrokonzerne, gehört der Gentechnik und den dazugehörigen Pestiziden. Doch in der Schweiz wollen Bürger per Petition synthetische Pestizide komplett verbieten lassen ...

Da geht es auch darum, dass keine Produkte mehr importiert werden sollten, die mit synthetischen Pestiziden hergestellt wurden. Das sind schon Radikalforderungen ...

Radikal? Wenn man Ihr Buch gelesen hat, erscheint die Forderung doch nur als logische Konsequenz.

Das ist richtig. Für mich persönlich ist klar, dass die Zukunft dem ökologischen Landbau gehört. Wir können die Menschheit ernähren ohne synthetische Pestizide. Dazu gibt es große, seriöse Studien. Ich habe allerdings in den letzten Wochen gelernt, dass ich mit meiner Haltung viele Leute vor den Kopf stoße und als zu radikal rüberkomme.

Buchtitel "Unser täglich Gift" von Johann Zaller

Johann Zaller ist Professor an der Universität für Bodenkultur Wien. Er forscht seit Jahren über Pestizide und deren Nebenwirkungen, ist Mitherausgeber mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften, Experte der Österreichischen Biodiversitätskommission und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des WWF Österreich. Sein Buch „Unser täglich Gift. Pestizide – die unterschätzte Gefahr“ erschien im Deuticke-Verlag.

Sie meinen Reaktionen auf Ihr Buch?

Ja. Ich bekomme Hass-Anrufe von Landwirten. Ich gehe schon gar nicht mehr ans Telefon, wenn die Nummer unterdrückt wird. Ich werde auch im Internet auf das Übelste beschimpft. Viele Landwirte fühlen sich offenbar persönlich angegriffen. Ich frage dann immer, ob die Leute denn mein Buch gelesen haben. Denn da steht schon auf der zweiten Seite, dass ich mir um die Landwirte Sorgen mache. Und es wird auch von mehreren Seiten bei der Universitätsleitung interveniert. Dabei ist doch die Freiheit der Forschung eines der höchsten Güter in unserer Gesellschaft, ebenso wie das Recht auf freie Meinungsäußerung. Sonst könnte ich ja auch für ein Unternehmen arbeiten.

Landwirte sehen sich oft als Bewahrer der Lebensgrundlagen. Kein Wunder, dass die sich angegriffen fühlen ...

Wenn in Frankreich Parkinson eine anerkannte Berufskrankheit von Winzern ist, dann kann ich doch nicht zur Tagesordnung übergehen und weitermachen wie bisher. Da müssten sich doch auch die Vertreter der Bauern hinter ihre Klientel stellen und klären, ob das in Deutschland oder Österreich auch so ist! Seit mein Buch raus ist, bekomme ich immer mehr Geschichten zugetragen. Da erzählen mir Leute, dass sie sich nicht ins Freie trauen, wenn gespritzt wird, weil sie dann asthmatische Probleme bekommen. Ein Landwirt hat mir erzählt, dass er vom Spritzen Hautausschläge bekomme. Darum wird bei ihnen der Opa zum Spritzen geschickt. Beim Opa sei es eh schon egal. Das ist doch makaber.

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