Unterschätzter Lebensraum Forschende entdecken Hunderte Insektenarten – an Grashalmen

Nicht nur die auffallenden Blüten, auch Grashalme bieten Hunderten Insekten einen Lebensraum
Nicht nur die auffallenden Blüten, auch Grashalme bieten Hunderten Insekten einen Lebensraum
© Rosmarie Wirz / Getty Images
Auf und von Grashalmen leben verblüffend viele Insektenspezies. Die meisten sind parasitisch lebende Wespen

Wenn es um die Artenvielfalt auf der Wiese geht, denken viele zuerst an bunte Blüten und an ihre Besucher, wie Bienen, Fliegen und prachtvolle Schmetterlinge. Dabei tummelt sich auch im unscheinbaren Grün eine erstaunliche, oft übersehene Artenvielfalt: kleine, unscheinbare Wespen, Gallmücken, Fliegen, Käfer und andere Insekten, die in oder auf Grashalmen leben. Darauf macht jetzt ein deutsch-ungarisches Forschungsteam aufmerksam.

Für ihre im Fachmagazin "Basic and Applied Ecology"veröffentlichte Studie sammelten die Forschenden im Herbst und Winter mehr als 23.000 Halme von 15 in Deutschland weit verbreiteten Gras-Arten und nahmen sie unter die Lupe. Insektenlarven zogen sie im Labor auf, um die Art sicher bestimmen zu können. Das erstaunliche Ergebnis: In zehn mehrjährigen Gras-Arten entdeckten sie insgesamt 255 verschiedene Insektenspezies, in fünf einjährigen Sorten dagegen keine einzige. Dabei zeigte sich eine klare Korrelation zwischen der Länge der Halme und der Vielfalt der Arten: Je länger die Halme einer mehrjährigen Gras-Art sind, desto mehr Insekten leben darauf.

Auf Grashalmen leben mehr parasitisch lebende Wespen als Pflanzenfresser

Auch bei der Zusammensetzung der Arten fanden die Forschenden Verblüffendes: Nur rund ein Drittel der Spezies, darunter Halmfliegen oder Gallmücken, ernähren sich direkt von den Pflanzen, auf denen sie leben. Viele von ihnen sogar nur von jener Art, auf die sie spezialisiert sind. Doch die klare Mehrheit aller gefundenen Insekten lebt von den Pflanzenfressern – als Parasiten, darunter Erz- oder Zehrwespen.

Tropisches Grasland: Savanne (Kenia, Masai Mara)

Naturfotografie Faszinierende Graslandschaften

Der Naturfotograf Ingo Arndt reiste um die ganze Welt, um einen unterschätzten Lebensraum zu porträtieren: Landschaften, die durch zahllose Grasarten geprägt sind - und ihre Bewohner

Sie sind sehr viel kleiner und unscheinbarer als die bekannte Gemeine oder Deutsche Wespe. Und gehören doch zu den etwa 700 Arten von Wespen, die in Deutschland vorkommen. Mehr als hundert dieser Spezies legen ihre Eier auf oder in andere Insekten – der Brut dient der fremde Wirt dann als lebender Nahrungsvorrat. Die unfreiwillige Aufzucht der fremden Brut endet dann für die Wirtstiere meist tödlich.

Häufiges Mähen schadet der Artenvielfalt

Mini-Drama im Grünen: Zwei Weibchen der parasitischen Wespe Torymus arundinis stechen im Schilfhalm versteckte Reiskorngallen einer Gallmücke an
Mini-Drama im Grünen: Zwei Weibchen der parasitischen Wespe Torymus arundinis stechen im Schilfhalm versteckte Reiskorngallen einer Gallmücke an
© Tscharntke, T. et al., Basic and Applied Ecology, DOI: 10.1016/j.baae.2026.01.004, lizensiert nach CC BY 4.0

Das nun entdeckte, besondere Nahrungsnetz ist allerdings durch regelmäßiges Mähen bedroht, wie die Autoren der Studie erklären. "Der versteckte Reichtum an Insekten-Arten in Grashalmen wird von der Grünlandbewirtschaftung leider weitgehend ignoriert, obwohl die meisten Arten auf die ungestörte Entwicklung von Gräsern angewiesen sind", sagt Erstautor Prof. Dr. Teja Tscharntke von der Universität Göttingen in einer Presseerklärung.

 

Regelmäßiges Mähen, wie etwa bei der extensiven Grünlandbewirtschaftung üblich, sehen die Forschenden kritisch. Denn die nun entdeckten Lebensgemeinschaften sind auf Halme angewiesen, die auch den Winter über stehenbleiben. Sie fordern darum "ungemähte Langzeit-Refugien" für Insekten, die auf Gräsern leben. "Die Grünlandbewirtschaftung sollte der vernachlässigten Gemeinschaft spezialisierter Grashalm-Insekten viel mehr Aufmerksamkeit schenken", fordert Tscharntke.