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Mount Everest Der Weg auf das Dach der Welt führt über Müllberge und Leichen

Mount Everest und Nuptse
Wenn das letzte Sonnenlicht des Tages auf die Gipfel des Mount Everest und des Nuptse scheint, zeigt das Panorama des Himalaya-Gebirges seine ganze Schönheit - vom nepalesichen Kala Patthar aus ist der Blick besonders gut
© mauritius images / Alamy / Martin Gillespie
Mehr als 300 Menschen haben ihr Leben bei dem Versuch gelassen, einmal auf dem Mount Everest zu stehen. Dass das so ist, hat mit den vielen Mythen rund um den Gipfel, vor allem aber mit seiner Kommerzialisierung zu tun

Er ist der höchste Ort, auf dem ein Mensch dieser Erde stehen kann. Lange war der Mount Everest ein sagenumwobener Mythos. Erst Mitte der 1950er Jahre schafften es die ersten Bergsteiger auf seinem 8849 Meter hohen Gipfel. (Bis zu einer gemeinsamen Erklärung nepalesischer und chinesischer Behörden im Dezember 2020 galten 8848 Meter als offizielle Höhe.)

Schleichend wurde der Berg nach seiner Erstbesteigung für eine breitere Community geöffnet, in den 80er und 90er Jahren folgte ein regelrechter Boom auf den Mount Everest. Eine Tour auf das Dach der Erde, das im Norden nach Tibet, im Süden nach Nepal hinabfällt, wurde zum erschwinglichen Vergnügen für die Abenteuerlustige.

Das hat fatale Folgen: Der Anstieg zum höchsten Punkt der Erde ist gepflastert mit Müll und Leichen.

Edmund Hillary und Tenzing Norgay sind die ersten Menschen auf dem Gipfel

Edmund Hillary ist 33, als er auf dem Gipfel des Mount Everest steht. Er ist Imker von Beruf und Bergsteiger aus Leidenschaft. Im Frühjahr 1953 ruhen auf den breiten Schultern des 1,92 Meter großen, im neuseeländischen Auckland geborenen Hünen die Hoffnungen der britischen Nation. Um die Besteigung des Mount Everest ist unter den führenden Staaten der Welt ein regelrechter Wettlauf entbrannt. Seitdem Menschen am Nord- und Südpol standen, gilt der höchste Gipfel der Welt als letztes großes Ziel, das Abenteurer noch "bezwingen" können. Der Ruhm gehört der Nation, die es als Erstes nach oben auf den Mount Everest schafft.

Auch deshalb ist der Expeditionsleiter John Hunt kein erfahrener Bergsteiger aus Leidenschaft, sondern militärischer Oberst. Er hat gewaltige Ressourcen mobilisiert, sogar einen Granatwerfer schleppen seine Leute ins Himalaya-Gebirge - um Lawinen auszulösen, bevor sie dem Team gefährlich werden können.

Sherpa Tensing und Edmund Hillary
Das breite Lächeln verrät: Tenzing Norgay (links) und Edmund Hillary sind überglücklich - nicht nur weil sie auf dem Mount Everest, dem höchsten Berg der Erde standen, sondern weil sie mit dem Leben davongekommen sind. Das Foto wurde am 20. Juni 1953 im Expeditionscamp in Thyangboche aufgenommen
© mauritius images / TopFoto

Zum Team der Briten gehört auch Tenzing Norgay. Für ihn ist das Himalaya-Gebirge nicht nur die Kulisse für Abenteuer in einer fernen Welt oder das Vehikel für Ruhm und Ehre in der Heimat. Tenzing Norgay ist unter dem Dach der Welt aufgewachsen, er gehört zum kleinen Volk der Sherpa, das am Fuße des Everest lebt. Früh hat er gelernt, wie man Yak-Herden zu Almweiden auf 5000 Metern Höhe navigiert.

Seitdem es sich Bergsteiger-Helden aus aller Welt in den 1920er Jahren in den Kopf gesetzt haben, möglichst bald auf dem Mount Everest zu stehen, machen sie sich die Fähigkeiten des kleinen Volkes zu nutze. Zelte, Trinkwasser, Lebensmittel, Karabiner, Seile, Steigeisen - alles muss über Schneefelder und Eis nach oben transportiert werden, die größte Last tragen meist die Sherpa.

Dabei waren es erst die Expeditionen aus dem Westen, die den Sherpa ins Bewusstsein riefen, dass ihre Heimat am höchsten Berg der Erde liegt. Chomolungma ist ihr alter Name für den sagenumwobenen Gipfel des Mount Everest - so heißt auch die Göttinmutter der Erde, die auf ihm wohnen soll.

Kurz vor dem Ziel wird der Sauerstoff der Zweier-Expedition knapp

Expeditionsleiter Hunt hat Edmund Hillary und Tenzing Norgay zu einer Seilschaft erklärt, die beiden sind eine gut harmonierende Zweckgemeinschaft. Am 28. Mai 1953 schlagen sie ihr Zelt am Mount Everest auf 8500 Metern Höhe auf. Sie sind auf sich allein gestellt - so nah kam dem Gipfel des Mount Everest bisher niemand, der danach noch im Tal davon hätte erzählen können.

Doch: Der Sauerstoff ist knapp, ein fehlender Adapter macht eine große Sauerstoffflasche der beiden unbrauchbar. In der Nacht schlafen sie mit weniger Sauerstoff als geplant, als der Wind bei minus 40 Grad um ihr Zelt pfeift.

Hillarys Stiefel sind eingefroren, eine Stunde lang müssen sie das Leder über dem Kocher kneten, ein herber Zeitverlust.

Dann geht es los, nur noch knapp 350 Höhenmeter trennen die beiden vom höchsten Punkt der Erde. Statt der geplanten vier Liter Sauerstoff pro Minute dürfen sie nur drei verbrauchen. Noch kann alles scheitern, erst müssen die beiden über Bruchharsch, tiefen Pulverschnee, der sich unter einer gefrorenen Schneekruste versteckt. Um neun Uhr stehen sie auf dem Südgipfel des Mount Everest, auf 8751 Metern Höhe.

Dann ist der Schnee fester, Hillary und Tenzing können Stufen in seine Decke schlagen, schaffen die letzten Meter auf den Mount Everest in anderthalb Stunden. Die beiden umarmen sich, Hillary macht Bilder, die die Seilschaft weltberühmt machen: Ein Neuseeländer und ein Sherpa stehen auf dem Dach der Welt überblicken das heute wohl berühmteste Panorama einer Gebirgskette.

Nach einer Viertelstunde machen sie sich an den Abstieg, schaffen es heil zurück ins Tal. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer um die Erde, gerade noch rechtzeitig vor der Krönung von Queen Elisabeth erreicht sie den Buckingham Palace. Tenzing und Hillary - in der westlichen Welt lange vor allem Hillary - werden zu Ikonen des Bergsteigens.

Jedoch ist es auch ihr Vorbild, das Streben, die Erde unter sich zu sehen, Gipfel und die eigenen Grenzen zu „bezwingen“, wie es lange im Vokabular der Bergsteiger verbreitet war, das bis heute jedes Jahr Bergsteiger und solche, die es gerne wären, in den Tod treibt.

Der Weg am Mount Everest, den sich Tenzing und Hillary noch durch beinahe unberührtes Eis geschlagen haben, ist heute gepflastert mit Leichen.

Die Kommerzialisierung eines Heiligtums: Wie viel kostet es, den Mount Everest zu besteigen?

Die ersten Berichte einer Expedition auf den Mount Everest datieren zurück ins Jahr 1921. Im Folgejahr riss eine Lawine die ersten Seilschaften in die Tiefe, die einen Gipfelsturm wagen wollten - 17 Menschen starben.

In den darauffolgenden Jahrzehnten versuchten Expeditionsteams aus aller Welt, den Mount Everest zu erklimmen. Bis 1980 hatten schafften es 99 weitere Menschen auf den Gipfel. Dann lösten Bergsteigergrößen wie Reinhold Messner in den 1980er Jahren einen regelrechten Boom der Berge aus, erzählten sie doch erneut Geschichten von waghalsigen Bergsteigern, die Abenteuer in Fels und Eis suchten. So schafften es Reinhold Messner und Peter Habeler am 8. Mai 1978 als erste Menschen ohne Sauerstoff auf den Gipfel des Mount Everest.

Der Everest-Traum wurde populär, wer nur das nötige Kleingeld und die nötige Fitness mitbrachte, der könne sich den Traum irgendwann im Leben erfüllen - so der Gedanke vieler einkommenstarker Hobby-Bergsteiger. Ab 40.000 Euro ist der Trip auf den höchsten Gipfel der Erde zu kaufen.

So bieten manche Organisationen zum Beispiel „Höhentrainingssystem inkl. Höhengenerator und -zelt inklusive Akklimatisationsplan zur aktiven und passiven Vorakklimatisation 6 Wochen vor Abreise“ an. Zwar weisen die Veranstalter auf die Risiken und hohen Anforderungen an die Bergsteiger hin - gebucht werden kann eine Tour auf den Mount Everest aber unkompliziert online.

Reinhold Messner
Reinhold Messner auf dem Mount Everest im Jahr 1978. Mit Peter Habeler schaffte er den waghalsigen Aufstieg ohne Sauerstoff
© Reinhold Messner/picture alliance / dpa

Das Unglück vom 11. Mai 1996 löst Bedenken aus - und festigt den Mythos Mount Everest

Im Jahr 1993 wagten erstmals mehr als hundert Menschen in einem Jahr den Aufstieg zum Mount Everest, die Zahlen stiegen. Am 10. Und 11. Mai 1996 werden dann mehrere Teams bei ihrem Aufstieg von einem Wetterumschwung erfasst. Die 30 Todesopfer am Mount Everest, vor allem aber eindrückliche Berichte der Überlebenden, lösen eine Debatte aus: Die kommerziell operierenden Organisationen am Mount Everest werden infrage gestellt.

Doch auch die - gut vermarkteten - Bücher und Filme über das Unglück vom Mai 1996 trüben die Abenteuerlust der Massen weniger, als sie den Mythos um den Mount Everest weiter festigen. In der Rekordsaison 2007 schaffen es 604 Menschen auf den Gipfel des Mount Everest.

Die meisten von ihnen scheinen auszublenden, was es wirklich bedeutet, auf dem Mount Everest zu sterben. Viele Leichen werden nie geborgen, sind der tiefgefrorene menschliche Tribut an den Berg - dass sie direkt neben den Hauptbesteigungsrouten liegen, ist zur obskuren Normalität geworden.

Manche bekommen sogar Namen: „Green Boots“ wurde eine Leiche genannt, die wegen ihrer neongrünen Stiefel als Art Wegweiser am Mount Everest fungierte - bis sie aus ungeklärten Ursachen verschwand. Schätzungen zufolge starben bis heute rund 300 Menschen beim Versuch, den Gipfel zu erklimmen.

Mount Evrest, Müll
Auf 8000 Metern Höhe sammelt ein nepalesischer Sherpa Müll ein, den Bergsteiger zurückgelassen haben - mit dem Ansturm der Massen auf den Mount Everest kam nicht nur das große Geld nach Nepal
© NAMGYAL SHERPA/AFP via Getty Images

Die Bevölkerung Nepals steckt in einem Dilemma: Die Bergsteiger bringen Geld, aber auch Unmengen an Müll

Zwar ist für große Teile der Bevölkerung Nepals der Mount Everest und das ihn umgebende Himalaya-Panorama die Haupteinnahmequelle. Jedoch bringen die Touristen nicht nur Geld nach Nepal, sondern auch Unmengen an Müll. Und besonders diejenigen, die den höchsten Berg der Welt besteigen, wollen und können vieles ihrer Ausrüstung und Verpflegung vom Mount Everest gar nicht wieder mit zurück ins Tal bringen.

Eine Organisation tibetischer Bergsteiger versucht, zumindest das Ausmaß des Mülls am Mount Everest einzudämmen: 2018 holten sie fast zehn Tonnen Müll vom Berg. Kaputte Zelte, Gaskartuschen, menschliche Exkremente – was unnütz geworden ist, wird zurückgelassen, jedes Gramm im Rucksack wird am Mount Everest zum Kilo. Ein Problem, mit dem der höchste Berg der Welt nicht alleine dasteht und von dem auch die Alpen betroffen sind.

Mittlerweile haben auch die Behörden reagiert: Das Basiscamp am Mount Everest, in dem auch mancher bergsteigende Tourist landet, der dem Gipfel nur besonders nah kommen will, wurde aus ökologischen Gründen um einige Kilometer verlegt, die Zahl der genehmigten Gipfelbesteigungen auf 300 begrenzt. Und: Bereits seit einigen Jahren müssen Bergsteiger am Mount Everest ihren Müll mitnehmen. Kommen sie heil am Fuße des Berges an, müssen sie mindestens acht Kilogramm Müll mit sich tragen – sonst droht eine Geldstrafe. Neu ist auch die Müllgebühr von 1.500 Dollar pro Abenteurer, der den Mount Everest besteigen möchte.

Welche Motivation hinter den Maßnahmen steckt - ob es wirklich um den Schutz des Berges geht oder darum, die abschreckenden Bilder von langen Schlangen an den letzten Metern vor dem Gipfel zu vermeiden - ist dem Mount Everest selbst und allen Lebewesen, die ihn seine Heimat nennen, wohl herzlich egal. Wie auch die Göttinmutter Chomolungma sind sie wohl nur froh über jeden Bergsteiger, der davon absieht, das Dach der Welt als Projektionsfläche für die eigenen Träume und Sehnsüchte zu instrumentalisieren.


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