Tierschutz "Unfälle mit Tiertransporten passieren fast jede Woche"

Im vergangenen Jahr starben bei Unfällen mit Tiertransportern Tausende Tiere, sagen Tierschützer. Wir sprachen mit Jan Peifer, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Tierschutzbüros
Tiertransport

Schweine werden in der Regel vom Zucht- zum Mastbetrieb und von dort zum Schlachthof gefahren - auch über Ländergrenzen hinweg

GEO.de: Von Unfällen mit Tiertransporten liest man hin und wieder in der Presse. Sind das tragische Einzelfälle?

Jan Peifer: Nein, das passiert fast jede Woche. Wir haben für das Jahr 2019 insgesamt 46 schwerwiegende Unfälle auf deutschen Straßen gezählt.

Wie viele Tiere starben dabei?

In der Regel werden bei jedem Unfall Tiere getötet oder verletzt. Wenn Tiere schwer verletzt überleben, müssen Veterinäre oder auch Polizisten mit Bolzenschussgerät oder Pistole vor Ort nottöten. Viele Tiere kommen auch bei Bränden um, weil sie nicht flüchten können. Insgesamt gehen wir von mehreren tausend getöteten Tieren im Jahr 2019 aus. Nur leicht verletzte oder gesunde Tiere werden oft einfach umgeladen und landen dann doch noch im Schlachthof.

Woher stammen Ihre Informationen?

Eine offizielle Statistik dazu gibt es nicht – was eigentlich eine Katastrophe ist, denn es geht ja nicht nur um Tausende Tiere, sondern auch um Menschenleben, 2019 waren es mindestens zwölf Todesopfer. Wir mussten also die regionale Berichterstattung auswerten. Wahrscheinlich liegt die Dunkelziffer aber höher, schätzungsweise zwischen 30 und 50 Prozent. Denn nicht jeder Unfall wird gemeldet oder von der Lokalpresse aufgegriffen.

Geht es nur um Schlachttransporte?

Nein. Tiere werden nicht nur zum Schlachthof transportiert, sondern auch innerhalb verschiedener Haltungssysteme. Schweine zum Beispiel werden meist von der Zuchtanlage in die Mästerei transportiert, manchmal sogar noch in einen weiteren Mastbetrieb, und von da zum Schlachthof. Alle diese Betriebe können weit voneinander entfernt liegen, etwa, weil ein Schlachthof in Bayern für ein Schwein aus Niedersachsen ein paar Cent mehr zahlt, als ein anderer. Wir wissen, dass jeden Tag etwa 3,7 Millionen Tiere auf deutschen Straßen unterwegs sind.

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Welche Rolle spielen die Fahrer solcher Transporte?

Das ganze System Massentierhaltung steht unter einem wahnsinnigen Druck. Es wird wenig gezahlt, und der Kostendruck wird auch an die Fahrer der Transporte weitergegeben, die darauf achten müssen, ihre Liefer-, Lenk- und Ruhezeiten einzuhalten. Im Grunde ist es ein ausbeuterisches System.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und der Zahl der Unfälle?

Das konnten wir konkret nicht feststellen. Die meisten Unfälle sind allerdings auf menschliches Versagen zurückzuführen. Die Fahrer waren übermüdet oder abgelenkt, hatten sich verfahren und mussten auf engem Raum wenden.

Was sind Ihre Forderungen?

Wir sind der Meinung: Lebendtiertransporte dürfen nicht mehr stattfinden. Das ist zwar eine radikale Forderung, aber nur so können wie die Missstände effektiv beenden. Forderungen nach mehr Kontrollen oder einem zweiten Fahrer oder was auch immer, werden das Problem unter dem Strich nicht lösen. Ich mache diese Arbeit seit 20 Jahren, und am System hat sich grundsätzlich nichts geändert.