Rio de Janeiro Kunstprojekt Favela

Mit Kunst und Kultur haben sich die Bewohner der Favela Cantagalo gegen einen möglichen Abriss gewehrt. GEO.de-Redakteurin Julia Großmann besuchte das erste Favela-Freilichtmuseum der Welt
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Geschichte als Graffiti
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Der Favela-Komplex Cantagalo und Pavão-Pavãozinho liegt in der Südzone von Rio de Janeiro

Geschichte als Graffiti

Oberhalb der geschäftigen Straßen von Copacabana und Ipanema liegt ein Meer aus kleinen Hütten und Häusern, lediglich begrenzt vom Grün des Regenwaldes, der sich wie eine Mütze über die Kuppe des Morro do Cantagalo stülpt. Mit bestem Blick auf die beiden Traumbuchten Rios erstreckt sich hier der Favela-Komplex. Er besteht aus den Gemeinschaften Cantagalo und Pavão-Pavãozinho. Offiziell zählt die Favela rund 20.000 Menschen, inoffiziell leben hier fast doppelt so viele auf engstem Raum, die meisten schon seit Generationen. Die teils waghalsigen Konstruktionen haben sie selbst gebaut - ohne Infrastruktur, Staatshilfe und Erlaubnis. Wie fast jede Favela des Landes wurde auch Cantagalo von den Behörden lange Zeit ignoriert und als illegale Siedlung abgetan. In Cantagalo gab es weder Straßen, Strom noch Wasser. Hinzu kamen immer wieder Auseinandersetzungen über den Grund und Boden, auf dem die Menschen ihre Häuser errichtet hatten, denn der gehört nicht ihnen, sondern der Stadt. "Die Menschen haben mit der täglichen Angst vor der Abrissbirne gelebt", erklärt Isabell Erdmann. Die Deutsche hat selbst seit 3 Jahren ihren Hauptwohnsitz hier und kennt die Problematik. Doch die Bewohner von Cantagalo und Pavão-Pavãozinho wollten sich dieser allgegenwärtigen Angst nicht mehr aussetzen und machten ihre Favela kurzerhand zu einem Freilichtmuseum.

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Graffiti-Künstler "ACME" war nicht nur erster Präsident des "Museu de Favela" er verewigte sich auch gleich selbst

Wasser als Leitthema

Im Jahr 2008 gründeten sie die Nicht-Regierungs-Organisation "Museu de Favela", kurz MUF genannt, die sich als kollektives Gedächtnis der Gemeinschaft versteht und die die Entstehung und Vergangenheit der Favela erforscht. Hauptattraktion des MUF sind die sogenannten "Casa Telas" - 25 Graffiti-Bilder, die Geschichten aus dem Favela-Leben erzählen. Die Motive für die einzelnen Bilder sind gemeinschaftlich und generationsübergreifend entstanden. Die ältesten Bewohner der Favela haben ihre Erinnerungen an lokale und nationale Sprayer weitergegeben. Die Künstler rund um den bekannten Streetartisten "ACME", der selbst aus Pavão-Pavãozinho stammt, haben diese seit 2011 nach und nach in flächendeckende Kunst verwandelt. Es geht um Religion, Politik und Ausbeutung, aber auch um Samba und Karneval. Eine Hauswand nimmt uns beispielsweise mit in die Zeit, als es noch keine Wasserversorgung in der Favela gab. Die Bewohner mussten für jeden Tropfen Wasser den steilen Abhang zu Fuß hoch und wieder runter. "Seit Mitte der 80er Jahre fließt das Wasser. Wir haben eine große Zisterne bekommen, und abwechselnd hat immer ein Bereich der Favela Zugang", erklärt Isabell. Heute plätschert es im unteren Teil und alle hier sind damit beschäftigt den Tag des Wassers zu nutzen: Vor den Hauseingängen weicht in großen Bottichen die Wäsche ein, hier und da wird geduscht und vor allem die eigene kleine Zisterne gefüllt.

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Trotz des Erfolges von Casa Tela sind immer noch Häuser vom Abriss bedroht, laut Stadt gilt der obere Teil der Favelas als Risikogebiet

Verbesserung durch Kreativität

Andere Wände erzählen von der Drogenvergangenheit, als in Cantagalo noch das Comando Vermelho regierte, eine der ältesten und größten Drogenbanden des südamerikanischen Kontinents. Aufgrund ihrer exponierten Lage ist die Favela der perfekte Dreh- und Angelpunkt, um die reiche Kundschaft von Copacabana und Ipanema mit Drogen zu versorgen. Der Markt ist hart umkämpft das zeigen vereinzelte Einschusslöcher in den Hauswänden. Seit 2009 ist in jeder Favela eine Einheit der Militärpolizei permanent vor Ort. Die Unidades de Polícia Pacificadora (UPP) soll vor allem die Waffen aus dem Drogengeschäft nehmen. Auch wenn die UPP aufgrund eigener Delikte umstritten ist, scheint ihr das zu gelingen. "Seitdem die UPP hier stationiert ist, wird die Favela offiziell als sicher und friedvoll angesehen und man hört seltener Schüsse. Das hat zu einer merklichen Steigerung der Besucher geführt, von Ausländern, Brasilianern, und Cariocas", erzählt Isabell.

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Zu den meisten Bildern gibt es eine kurze Erklärung. Hier geht es um das Wasser, welches die Frauen bis Mitte der 80er Jahre auf dem Kopf in die Favela balanciert haben

Jeder Besucher ist willkommen

Von offensichtlicher Gewalt spüren wir auch heute nichts, ganz im Gegenteil: Alle Bewohner begrüßen uns mit einem offenen Lächeln, freuen sich über unseren Besuch und präsentieren stolz die Gemälde an ihren Hauswänden. Insbesondere die Kinder kennen keine Berührungsängste, sie nehmen uns an die Hand, laufen ein Stück mit und fragen nach unseren Namen. Der Austausch der Kulturen ist ein zentraler Punkt des Projekts. Dabei geht es nicht nur um ausländische Touristen, sondern im speziellen um die Bewohner von Rio selbst. Die wenigsten haben bisher eine Favela besucht, dabei leben sie meist nur wenige Blocks entfernt. Das Museu de Favela bietet neben einer Bücherei für die Favela-Bewohner auch kulturelle Veranstaltungen von Kino bis Konzert, zu denen ausdrücklich alle Bewohner der Millionenmetropole herzlich eingeladen sind. Für Favela-Neulinge bieten Bewohner wie Isabell Erdmann Führungen an. "Das Angebot wird angenommen, zum Papst-Besuch standen alle Veranstaltungen des MUF sogar auf der offiziellen Eventliste", freut sich Isabell. Und auch sonst bewegt sich etwas. Die "Casa Telas" wurden von den Behörden offiziell als Archiv des MUF und der gesamte Favela-Komplex somit als Freilichtmuseum anerkannt, ein erster Erfolg für die Resistenz der Bewohner gegen den Abriss ihrer Häuser. Seit 2010 ersetzt ein kostenloser Aufzug, der zwischen Cantagalo mit Ipanema pendelt, den mühsamen Aufstieg.

Touren und Informationen zu dem Projekt

Isabell Erdmann führt auf Anfrage durch Cantagalo und Pavão-Pavãozinho. Pro Person nimmt sie 80 Real, wovon sie einen Teil zugunsten der MUF-Projekte abgibt.

Die portugiesische Seite des Museu de Favela informiert über Neuigkeiten und Events.

Wer Cantagalo gar nicht mehr verlassen möchte, kann auch hier nächtigen. Die "Pousada Favela Cantagalo" bietet 10 Zimmer mit Frühstück.

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