Reisebericht

Reisebericht: Graz - alles gegen Aufpreis: Der etwas andere Reisebericht.

 
 
 
 
 
Reisebericht: Graz - alles gegen Aufpreis: Der etwas andere Reisebericht.

Graz, die Landeshauptstadt der Steiermark in Österreich, nahe der Slowenischen Grenze, wurde mit seiner Altstadt 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Die damit verbundenen Annehmlichkeiten sind natürlich auch mit Verpflichtungen zum Erhalt des Städtchens beiderseits der Mur verbunden. Und diese Verpflichtungen kosten natürlich.

Braucht Graz keine Fernreisenden?

Den ersten Eindruck von Graz erhalte ich bei der Ankunft mit dem Billigflieger auf dem relativ kleinen Flughafen Thalerhof außerhalb der Stadt. Um zum Zentrum zu gelangen gibt es nun mehrere Möglichkeiten: Der Postbus, die Bahn oder das Taxi. Der Bus verkehrt im Pendelverkehr zwischen Flughafen und äußerer Innenstadt im 20-Minuten-Takt. Ich möchte zum Hauptbahnhof und muss direkt feststellen: Dorthin fährt der Bus nur jede Stunde einmal.
Also mache ich mich zur etwa 300 Meter entfernten Bahnstation auf. Welch ein Erstaunen: Auch die Bahn kommt hier nur stündlich einmal vorbei. Da ich mir das Taxi als teuerste Variante ersparen will, wähle ich die Bahn und warte nun etwa 45 Minuten. Währenddessen sinniere ich vor mich hin, was die UNESCO-Stadt Köln, aus der ich gerade komme, alles für seine auswärtigen Touristen für eine günstige Verkehrsverbindung tut und wie Graz mit seinen Gästen umgeht. "Braucht Graz keine Fernreisenden?" denke ich bei mir. Aber das UNESCO-Erbe muss ja auch irgendwie finanziert werden. Ich ziehe ein "Stunden-Ticket" für 2,80 Euro - nicht teuer. Aber was ist das? nach 20 Minuten Wartezeit kommt die Ansage, dass der Zug Verspätung hat - "wie in Deutschland", bemerke ich schmunzelnd gegenüber dem einzigen, mit mir wartenden Fahrgast auf dem Bahnsteig. Nur noch eine Spur frecher füge ich in Gedanken etwas später hinzu. Denn als der Zug nach weiteren 40 Minuten noch immer nicht da ist - tja, da ist das "Stunden-Ticket" für den Zug verfallen und ein neues muss gekauft werden. So geht das also, preiswerte Tickets zweimal verkaufen - klasse der erste Eindruck von der Stadt.. Das kann noch interessant werden in den nächsten 2 Tagen meines Aufenthalts.



Graz - "gegen Aufpreis"

Endlich 2 Stunden nach meiner Landung in Graz erreiche ich das Hotel direkt am Bahnhof, es waren nur 10 Kilometer Distanz vom Flughafen, die ich angesichts der Wartezeiten vielleicht auch hätte laufen können, wäre es mit 28 Grad Anfang September nicht so heiß gewesen.
Freundlich begrüßt mich die Dame an der Rezeption des großen Geschäfts-Hotels gegenüber dem Bahnhof. Direkt erfahre ich, dass mein Zimmer sogar Internet hat - natürlich gegen Aufpreis. Internet ist eigentlich Standard in Businesshotels, aber wie war das? Geschäftshotel nennt man sich? Naja, das Geschäft macht hier ein anderer, kennen wir ja schon vom Flughafen.
Nun aber schnell in die Innenstadt bevor der Tag mit Wartezeiten und Verwunderungen im Hotel vergangen ist. Just treffe ich dort auf eine Kundgebung, es ist gerade Wahlkampf in Österreich. Laut tönen mir die Parolen des Kandidaten einer inzwischen auch außerhalb Österreichs für ihre Ansichten bekannten Partei entgegen, die irgendwie wenig einladend für Gäste aus dem Ausland klingen. Jaja, denke ich bei mir, aber unser Geld dürfen wir gern noch hier lassen und verdrücke mich lieber in die Seitenstrasse, um doch mal etwas schönes von der Stadt zu sehen.
Die Grazer Altstadt ist zweifellos malerisch, ein Blick hinab vom Schlossberg sicherlich ein Erlebnis, wie auch der Bummel durch die engen Gassen. Auch das Kunstmuseum hat als futuristisch anmutendes Gebilde seinen Reiz, vielleicht gerade deshalb, weil es wie ein Ufo mitten die Stadt platziert so gar nicht dorthin passt.

Nach so vielen Erlebnissen begebe ich mich gegen Abend in eines der zahlreichen und meist romantisch-stimmungsvoll gestalteten Restaurants am "Bermudadreieck", neben dem "Kapuzinerhof" sicherlich eines der schönsten Gegenden in der Innenstadt zum Speisen.
Sogleich komme ich auch in den Genuss der nächsten Geschäftsidee zur Erleichterung des Touristen-Geldbeutels: Nach Vollendung meiner Speisung staune ich nicht schlecht, als mich die Bedienung fragt, wie viele Scheiben des zum Essen gereichten Brotes sie mir den abrechnen dürfe. Habe ich das richtig verstanden? Das Brot - eigentlich eine Service-Zugabe jeden Restaurants vor oder zum Essen - wird hier nach Scheiben abgerechnet? Und wenn, auf wie vielen Tischen waren dann schon die restlichen Scheiben, die nicht verzehrt wurden? Bei 50 Cent pro Scheibe ist mir die Lust auf ein weiteres Bier in dieser Lokalität sogleich vergangen. Kein Einzelfall, diese Abrechnungsmethode, wie ich in der Folgezeit meines Aufenthalts noch mehrmals feststellen muss. Offenbar eine lokale Gepflogenheit.



Ist Graz eine Reise Wert?

Nach 2 Tagen bin ich zum ersten Mal froh, eine Stadt auch wieder verlassen zu dürfen. Mit reichlich geschmälerter Urlaubskasse für lauter fragwürdige Servicegebühren, begebe ich mich zurück zum Flughafen, um meinen Abflug zu erwarten. Ein Blick von der Besucherterasse ist - welch Wunder - hier kostenlos.
Mein Fazit: Graz ist eine wunderschöne Stadt. Es gibt jedoch viele UNESCO-Städte, die man vielleicht besser zuerst besuchen sollte, bevor man sich in die Kulturhauptstadt an der Mur begibt und als Tourist nach allen Regeln der Kunst ausgenommen wird. Fest steht: Wer Graz besucht, sollte nicht nur über einen prallen Geldbeutel, sondern auch über ein dickes Fell verfügen.



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • Gerd-Krauskopf (RP) 30.09.2008 | 09:03 Uhr

    Sehr gut, dass man auch mal auf diese Weise als Reisender die Augen geöffnet bekommt.

    Vielleicht lesen ja die Verantwortlichen in Graz einmal diesen Bericht und denken über ihre Strategie neu nach. Nur Geld kassieren bringt es auf Dauer nicht, liebe Herrschaften!

    In diesem Sinne weiter so, verehrter philduck!!!

  • inka 24.11.2008 | 18:44 Uhr

    Sehr geehrter Herr „Philduck“,

    ich bin selbst nur „Zugereiste“ aber dafür seit vielen Jahren hier lebende, bekennende Grazerin und muss heute erstmals einen Leserbrief schreiben, denn das, was Sie hier über Graz geschrieben haben ist zum Teil schlicht und einfach falsch!

    Zum ersten Punkt: wie Sie ja selbst sagen, sind Sie mit dem Billigflieger angereist und diese sind, wie jeder weiß, deshalb so billig, weil sie eben außerhalb der Stadt liegen. Ein Taxi in die Innenstadt kostet rund 20€, ist also durchaus leistbar, was in Städten wie London, wenn man in Stansted landet, ja nicht der Fall ist (ein Taxi in die Innenstadt kostet hier rund 100 Pfund). Es ist nicht ok, wenn Sie für ein Ticket zweimal bezahlen müssen, aber das hätte ich ja auch nicht gemacht sondern mich vor Ort und Stelle beschwert.

    Graz ist meines Wissens ja auch ein „wenig kleiner“ als Köln, also hinkt der Vergleich in Bezug auf die in Ihrer Heimatstadt so tollen öffentlichen Verkehrsmittel ebenso.

    Zum zweiten Punkt - Internet: ich bin selber beruflich sehr viel unterwegs, sowohl innerhalb von Europa als auch in Asien und bisher war ich in einem einzigen Hotel, in dem ich nicht extra fürs Internet bezahlen musste, dies ist nämlich (ohne Aufpreis) keinesfalls Standard in Businesshotels. Vergleich von der Vorwoche, ganz aktuell: Venedig, Businesshotel: 1 Stunde Internet kosten 5€, 2 Stunden sind um 9€ zu haben, weitere Preisbeispiele in Europa und außerhalb kann ich Ihnen bei Bedarf gerne nennen.

    Zum Wahlkampf: auch in Deutschland geht man ja nicht gerade zimperlich mit Ausländern um und ich verwehre mich dagegen, dass wieder mal die ausländerfeindliche Stimmung in Österreich zitiert wird, die es (leider) auch in anderen Ländern und auch in Deutschland gibt. Das als typisch für Österreich hinzustellen, ist einfach frech.

    Zur Extra-Bezahlung des Brotes: seien Sie doch froh, wenn Sie nur für das bezahlen müssen, was Sie tatsächlich konsumiert haben, denn in Italien, Kroatien, etc. zahlen Sie automatisch rund 2€ oder mehr für das Gedeck und wenn Sie die Landessprache nicht beherrschen, kann es schon passieren, das Sie dafür (rein zufällig hat man darauf „vergessen“) kein Brot und keine Grissini bekommen. Dass Brot in diesen Ländern gratis wäre, höre ich zum ersten Mal….

    Fazit meinerseits: über Graz als Stadt erfährt man in ihrem Bericht ja leider herzlich wenig, dafür umso mehr „Halbwahrheiten“ über eine wunderschöne Stadt.

  • philduck72 (RP) 24.11.2008 | 19:09 Uhr

    irgendwie fühle ich mich durch o.g. Kommentar in meinem Bericht bestätigt. Aber das war sicherlich nicht die Absicht der Stellungnahme...

  • RELDATS 16.04.2010 | 11:36 Uhr

    Ganz interessant, dieser Bericht aus Graz.
    Ich muß nämlch bald dorthin reisen.
    Nette Grüße von Josef

  • trollbaby 17.06.2010 | 17:50 Uhr

    Hallo Phil!
    Ich bin auch Grazerin und so war es für mich interessant zu erfahren, wie ein Tourist meine Heimatstadt sieht. Ich habe etliche Brieffreundinnen, wovon einige auch schon in Graz gewesen sind und weshalb ich es auch nur unterstreichen kann, dass Graz nicht wirklich touristenfreundlich ist. Erst seit einigen Wochen gibt es z.B. in den öffentlichen Verkehrsmittel in der Innenstadt englischsprachige Durchsagen. Auch die Öffnungszeiten sind alles andere als touristenfreundlich (ich denke nur an die Suche nach geöffneten Restaurants in der Innenstadt an Sonntagen - viel Glück!). Was bei Touristen auch nicht sehr gut ankommt, sind die überall verstreut sitzenden Bettler. Erst letztes Jahr meinte meine neuseeländische Brieffreundin, dass Graz die einzige Stadt auf ihrer Europatour war, in der sie sich nicht sicher fühlte nach Anbruch der Dunkelheit. Wie dem auch sei, Graz sieht wahrscheinlich jeder anders, aber meiner Meinung nach müsste unsere Stadtregierung diesen Bericht auch mal lesen!
    LG Susi

  • fevi27 (RP) 04.11.2011 | 10:59 Uhr

    Hallo Phil,
    danke für deinen Bericht, ich werde deinen Bericht an die Verantwortlichen Damen und Herren in Graz weiterleiten damit sich da was tut.
    Ich hoffe, dass du dein Graz Desaster schon verarbeitet hast und der Steiermark vielleicht noch die eine oder andere Chance gibst, denn da gibt es wirklich wunderbare Ecken und Winkeln die es wert sind entdeckt zu werden. Die Steiermark besteht bekanntlich nicht aus Graz allein. Alles liebe und mit sonnigen Grüßen aus Graz
    fevi

  • fevi27 (RP) 29.12.2011 | 09:34 Uhr

    Hallo Phil,
    unter dem Link gibt es einen aktuellen Artikel zum Thema Graz Genusshauptstadt.
    Da dein Aufenthalt ja auch schon ein paar Jährchen her ist, kann man sagen, dass sich da einiges getan hat. Gott sei Dank, dein Bericht und dein Feedback haben da sicherlich auch ihren Beitrag geleistet.

    http://www.gourmetreise.com/index.php/Sektionen/Reisen/Reisereportagen/Stadt-der-Genussinseln

    Ich wünsche dir und deinen Lieben ein wunderschönes Jahr 2012 voller kleiner und großer Wunder, Herausforderungen und Veränderungen, die das Leben so einzigartig und wertvoll machen.
    Mit sonnigen Jahreswechsel Grüßen aus Graz
    fevi

    PS: Beim nächsten Graz-Aufenthalt einfach melden, dann gibt's eine geführte Tour. :-)

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