Reisebericht

Reisebericht: Die Sehnsucht eines Backpackers

 
 
 
 
 
Reisebericht: Die Sehnsucht eines Backpackers

Ein kleiner Versuch, das Lebensgefühl eines Backpackers einzufangen.

Die Khaosan Road taucht ein in ihr übertrieben lautes Nachtleben. Wie eine zu stark geschminkte Nutte präsentiert sie sich den Freiern, den Spaßhungrigen, denen, die das Besondere suchen, nachdem sie zu oft THE Beach gesehen haben. Anfang und Ende einer Reise.
Die Neonbeleuchtung blinkt und erleuchtet, wirft Schatten auf die Gesichter der Besucher. Sie lächeln, schauen erwartungsvoll - ängstlich gar, was sie erwartet. Neugierige Blicke, verstohlene Augenschläge zu denen, die aussehen, als wüssten sie, was hier alles auf sie wartet.



 
 
 
 
 

(2 Stimmen)

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Händler rufen, schreien, verhandeln, necken und scherzen. Herrenlose Hunde furzen, gähnen, zwicken sich Flöhe aus dem Fell. Schweiß von Backpackern glitzert auf feuchten Stirnen, Armen und durchtränkten T-Shirts.
Vor 4 Wochen war ich schon einmal hier, Anfang und Ende.
Ich betrachte die Menschen, die Reisenden, Urlauber, Backpacker, nun anders.



 
 
 
 
 

(1 Stimme)

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Die, die braungebrannt, unrasiert (wie ich), in gefälschten Billabongs und Quicksilver T-Shirts mit ihren Flipp Flopps herumschluppen, sehen müde aus.
Müde vom Fliegen, Boot und Fähre fahren, Hütten suchen, Rucksack ein- und auspacken, vom ankommen und wieder weiterreisen, um wieder anzukommen, irgendwo. An einem perfekten Ort, einem Strand, den alle finden wollen.
Jeder von uns will das. Das, oder den besonderen Ort oder Strand finden: darum reisen wir um die Welt.
Um dann dort, nicht den Ort oder den Strand zu finden, sondern uns.
Runterzukommen, zu sich. Der Spruch: der Weg ist das Ziel, ist für mich wichtig geworden. Wieso bin ich hier? Was und wer hat mich hierher begleitet?
Und wenn ich hier so sitze: Was und wer ist mir wichtig?
Und dieser Ort, dieser Strand macht es meinen Gedanken möglich eine besondere Kulisse zu bauen, wie in einem Film oder einem Theaterstück. Der Ort ist nur Fassade für den Film der in mir spielt.



 
 
 
 
 

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1974 kam der Erfinder des Lonely Planet zum ersten Mal hierher nach Thailand, um von einem unentdeckten, wundervollen, unberührtem Land zu berichten. Jahrzehnte später hat sich dieses Land in ein Tourismusland verwandelt, das an einigen Stränden an Spanien, Teneriffa oder Griechenland erinnern lässt. Rentner, Familien und junge, spaßorientierte Teenager, wollen diesen einen besonderen Stempel in ihrem Pass: Thailand. Wollen dieses „AH!“- Erlebnis auf einer schlecht ausgerichteten Party, wenn sie erzählen, „ich war in Thailand.“
„Ah! Und? Wie war´s?“
„PARTYYYYY!!!“



 
 
 
 
 

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Auch wenn dieses wundervolle Land versucht von diesem Klischee des Sextourismus, dem Partyimage loszukommen, habe ich noch immer zu viele junge, hübsche Thaifrauen mit nicht vermittlungsfähigen, älteren Männern aus Westeuropa gesehen und bin Teenagern aus dem Weg gegangen, die sich heftig alkoholisiert im Rinnstein erbrachen, ob der vielen unbekannten und heftigen Partydrinks, die sie konsumierten.



 
 
 
 
 

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Richard aus THE BEACH bekommt am Anfang des Films eine Karte von Duffy, the Duck zugesteckt, auf dem der perfekte Strand eingezeichnet ist. Richard darf diese Karte niemandem zeigen, hält sich später aber nicht daran und wird an diesem Strand zerbrechen. (Duffy, the Duck bringt sich wegen diesem Ort, diesem Strand um).
Viel später erkennt Richard, dass er einen hohen Preis dafür bezahlt hat Schönheit zu entdecken, Einzigartigkeit, das Besondere.
Doch die Sehnsucht stirbt in dem Augenblick, in dem sie wahr wird. Erloschen, weil erträumt, ersehnt und wahrgeworden und nun erledigt, abgeheftet, ausgeträumt.
Und dann? Was kommt dann?



 
 
 
 
 

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Dann kommt die neue Suche, nach einer neuen Sehnsucht. Es hört nicht auf. Es geht immer weiter.
Deshalb packt man immer wieder seinen Rucksack, weil man auf der Suche ist, der Hatz, dem Verlangen, einem Trieb in einem, der Neugierde, dem Unbekannten, den Geschichten und den Begegnungen und dem Hinterherrennen der alleinigen, nazistischen Sehnsucht irgendwo anzukommen...
...und, wie komisch es sich anhört: um wieder weiter zu gehen.



 
 
 
 
 

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Es ist nicht kongruent, was ich hier schreibe: einen Backpacker macht aus, irgendwo anzukommen, um dann weiter zu reisen. Aber es ist so...



 
 
 
 
 

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Einen Backpacker interessieren die Geschichten der Menschen, die er trifft. Auf Menschen zugehen, ihnen zuhören, ihnen etwas entlocken, lauschen, lächeln, teilhaben.
Wir können nur verstehen, lieben und schützen, weitergeben und vermitteln, was wir versuchen ansatzweise zu verstehen.
Wenn wir zuhören und uns interessieren, sind diese Geschichten, diese Menschen, in dieser fremden, uns zuerst vollkommen anderen, nicht bekannten Kultur, dann nicht mehr anonym (nicht wie im Fernsehen).
Es sind plötzlich Geschichten von Menschen die uns gegenübersitzen, die einen mitnehmen und berühren. Die uns begleiten in eine Welt, die zuerst so fremd erschien. Und dann, nach wenigen Momenten des Zuhörens, ist da das große Wort Liebe (die nie erwiderte, die lange vermisste, die lang herbei gesehnte). Da ist Trauer (um einen geliebten Menschen). Da ist Bangen (um das Glück und die Gesundheit geliebter Menschen). Da ist Hoffnung (auf Träume, die irgendwann wahr werden sollen). Da ist all das, was auch ich (wir) in Westeuropa fühlen, wünschen und träumen.
Nur ganz anders, nur ganz gleich.



 
 
 
 
 

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Die Khaosan Road riecht nach Urin, Schnaps und Schweiß. Ich möchte nach Hause. Die Eindrücke von Thailand in meinem Kopf wollen verarbeitet werden. Ich brauche mein zu Hause. Ich drehe meinen Kopf und sehe die Verkäufer, die die Holzfrösche verkaufen, über die man mit einem Holzstab streicht und Froschquarklaute erzeugt. Ich drehe meinen Kopf und sehe Thaimänner, die Armüberzüge verkaufen, die ein Ganzarmtatoo verkörpern.
Schnell reiße ich ein Blatt aus meinem Tagebuch heraus und schreibe darauf „NO – THANK YOU“ und stelle es vor mir auf.
Es wirkt. Niemand spricht mich an. Ich trinke weiter Bier vor dem 7 Eleven und höre Thai Pop zu, der aus einer Box direkt hinter mir dröhnt. Was singen die nur? Und von was? Liebe? Frostschutzmitteln? Ich versteh so gar kein Wort...ist so ziemlich ergebnislos wie das Zählen von Vokalen in einer chinesischen Unterhaltung...



 
 
 
 
 

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Ich sehe müde, erschöpft und Heinecken beseelt auf gefälschte Snickers, die im Takt wippen. Windige Händler gaukeln Exklusivität vor. Flipp Flopps werden beim Gehen verloren, Plastiktüten mit gekauften Klopapier getragen, zurechtgeföhnte Haare verwehen im Sommerwind; ein Arm wird getätschelt, eine Zigarette angezündet, ein Bier ausgeschenkt, eine SMS gesendet, jemand himmelt seine Geliebte an, ein Tischbein wackelt, ein Tuk Tuk springt nicht an, ein Eiswürfel wird über den Nacken gezogen, eine Brille geputzt. Eine Wasserflasche fällt auf den Boden und entleert sich dort. Eine Frau zeigt ihr glänzendes Kleid. Fingernagelfarbe platzt ab. Eine Frage: „Und? Wie sitzt mein Haar?“ – „Nee, gar nicht“, macht die folgende Unterhaltung zu einer Phrase. (Da nutzt auch der verlängerte Lidstich nichts mehr...)
Alles in einem Moment, alles am Nebentisch, auf der Straße und daran vorbei. Alles wie geträumt, doch so real.



 
 
 
 
 

(7 Stimmen)

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Ich sehe die Neuankömmlinge an, die sich zu den müden Backpackern setzen. Träge schauen die Backpacker hoch und beginnen langsam zu erzählen. Ich sehe, wie die Neuankömmlinge begierig alles in ihre Notizblöcke kritzeln, Fragen stellen, Hosteladressen notieren, Inselnamen, die man unbedingt besuchen, Personen, die schon längst kontaktiert werden sollten.
Die „Neuen“ kleben an den Lippen des Erzählers, sie lechzen förmlich davon zu hören, wie sie DAS eine Abenteuer für sich aus dem Erzählten herausfiltern können (ich war nicht anders).



 
 
 
 
 

(2 Stimmen)

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Nur können die Backpacker das nicht. Die Geschichten gehören dem Erzähler. Die Erinnerungen an diese Momente sind wie ein Geschwür, etwas, was zu einem gehört, ob gutartig oder böse.
Diese Reise gehört dem Einen, nur ihm – für immer.
Es sind seine Worte, seine Geschichte, seine Reise, sein Geschwür, seine Sehnsucht.



 
 
 
 
 

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Los! Backpacker, los! Klebt nicht an den fremden Lippen! LOS! Macht Euch auf, Ihr müsst irgendwo ankommen – um dann weiter zu gehen!
Los! Backpacker, los! Findet Eure eigenen Geschichten! Wartet´s ab, Ihr werdet mich verstehen, wenn Ihr es zum ersten Mal spürt!



 
 
 
 
 

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Der besondere Ort, der besondere Strand ist man selber, irgendwann erkennt man es, ein Schauer durchläuft einen, ein Lächeln wird geboren, eine Träne lugt hervor, eine Gänsehaut stellt sich wie Soldaten auf. Man schließt die Augen und ist bei sich, an dem perfekten Strand!

Los! Backpacker, los! Die Sehnsucht wartet!

Ahoi, Phillip



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Kommentare
  • krissi6481 13.09.2008 | 19:42 Uhr

    Ja genau.
    Mehr bleibt nicht zu sagen.
    Genau so ist es.
    :)
    LG, Krissi

  • sayangku 15.09.2008 | 10:38 Uhr

    Alles gesagt, was gesagt werden muss!
    Zuhören, sich interessieren, auf die eigene Reise begeben. Die andere, nicht bekannte Kultur erfahren, erleben. Die eigenen Geschichten finden, die, wie so treffend beschrieben, wie ein Geschwür an einem haften und nur einem selbst gehören.
    Und im besten Fall natürlich einen persönlichen Gewinn daraus ziehen.
    Ankommen, zu sich kommen und dann wieder aufbrechen zu neuen Abenteuern. Ein schöner Gedanke.
    Und so ein "No - Thank you-Schild" werd ich mir auf jeden Fall für meine Indienreise im Dezember basteln!
    Besten Gruß,
    Christoph

  • freeneck-farmer 15.09.2008 | 21:06 Uhr

    So ist es genau, auch nach viele, viele Reisen und Jahre. Es ändert sich nicht, Jeder macht seine eigene Erfahrungen und kommt jedes mal reicher wieder nach Hause. Freue mich schon auf meine nächste Tour, wohin mal sehen.

  • mariadegala 16.09.2008 | 20:07 Uhr

    Besser hätte ich es nicht sagen können und denke beim Lesen an dem Moment als ich vor 3 Wochen am fin do mundo stand, im allerdicksten Nebel, und allein, und nichts anderes gespürt habe.

  • Singh 06.10.2008 | 13:48 Uhr

    Da gibt es nichts hinzuzufügen!

  • Curly 28.10.2008 | 16:32 Uhr

    Da schließ ich mich meinen Vorrednern an: es gibt wirklich nichts mehr hinzuzufügen!
    "...einen Backpacker macht aus, irgendwo anzukommen, um dann weiter zu reisen" - ich glaube, das trifft es so ziemlich genau.
    Lieber Gruß,
    Maren

  • janinajohn 11.12.2008 | 19:58 Uhr

    ich weiß garnicht wo ich anfangen soll...
    wie gebannt habe ich den bericht gelesen und bin total von den socken wissbegierig wie alle anderen backpaker folge ich den worten aber du hasst recht ... ich bin erst 17 trotzdem schon seit jahren von den geschichten aller backpaker beiindruckt .... und ich hoffe ich bin auf dem besten weg dorthin diesen monat war ich bereits in frankreich österreich und für einen monat in china aber bin immer noch der meinung das es nicht annähernd genug war .... ich plane nach dem abi zu verreisen wohin und wie lange ist nicht geplant eine entscheidung des schicksaals... nur habe ich angst vor versagen oder falschen entscheidungen ich hoffe ich kann hier noch einiges lernen
    lg janina

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  • janinajohn 11.12.2008 | 19:59 Uhr

    ich weiß garnicht wo ich anfangen soll...
    wie gebannt habe ich den bericht gelesen und bin total von den socken wissbegierig wie alle anderen backpaker folge ich den worten aber du hasst recht ... ich bin erst 17 trotzdem schon seit jahren von den geschichten aller backpaker beiindruckt .... und ich hoffe ich bin auf dem besten weg dorthin diesen monat war ich bereits in frankreich österreich und für einen monat in china aber bin immer noch der meinung das es nicht annähernd genug war .... ich plane nach dem abi zu verreisen wohin und wie lange ist nicht geplant eine entscheidung des schicksaals... nur habe ich angst vor versagen oder falschen entscheidungen ich hoffe ich kann hier noch einiges lernen
    lg janina

  • danimedl 17.12.2008 | 21:32 Uhr

    Perfekt - genau so ist es! Danke!

  • nepalgoods (RP) 08.01.2009 | 09:02 Uhr

    "Der besondere Ort, der besondere Strand ist man selber" - Schöne, wahre Erkenntnis! Das größte Abenteuer ist die Reise zu sich selbst.

    Ich bin schon gespannt ua fden nächsten Bericht
    Ulrike

  • stefka 22.01.2009 | 00:43 Uhr

    danke!
    du sprichst aus vielen seelen und findest tolle worte dafür.
    ...und zum schluss ein kurzer schauer, überwältigende stille und eine winzige träne für die schreckliche sehnsucht nach weiter ferne und meinem inneren.
    lieben gruß, steffi

  • Jette (RP) 17.02.2009 | 22:19 Uhr

    Klasse geschrieben und dazu super Fotos - Kompliment! Gruß, Jette

  • moho 05.03.2011 | 14:42 Uhr

    auch 2011 immernoch brandaktuell.
    großes Lob für den treffenden Text.
    LG Moni, frisch zurück aus Thailand

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