Weinberge, Wälder, Wehrburgen: Auf dem Rheinsteig von Rüdesheim nach Koblenz

Reisebericht

Weinberge, Wälder, Wehrburgen: Auf dem Rheinsteig von Rüdesheim nach Koblenz

Reisebericht: Weinberge, Wälder, Wehrburgen: Auf dem Rheinsteig von Rüdesheim nach Koblenz

Der Rhein - irgendwo zwischen romantischen Mythen und weinseliger Biederkeit vermuteten wir diesen größten deutschen Fluss. Da wir mal ausprobieren wollten, wie es ist, einfach mal mehrere Tage zu Fuß loszuziehen, beschlossen wir, diese bedeutsame Gegend Deutschlands (immerhin UNESCO-Weltkulturerbe!) mal selbst in Augenschein zu nehmen und auf dem Rheinsteig zu durchwandern.

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Tag 1: Aus Touristen- und Kulissendörfern in die Wildnis

Als wir nach 7 Stunden in diversen Bummelbahnen von Ulm aus endlich in Rüdesheim angekommen waren, schienen sich unsere heimlichen Befürchtungen erstmal zu bestätigen: dass wir in einer etwas biederen Urlaubsgegend für gutbetuchte Rentner gelandet sein könnten, die gute und teure Hotels und Restaurants zu bieten hat, wo wir als junge Wanderer (19 und 24) auf der Suche nach Natur und etwas Abenteuer aber ziemlich allein und völlig deplatziert wären. In Rüdesheim und dem durch eine Seilbahn angebundenen Niederwalddenkmal begegneten wir Scharen von Touristen, unter denen neben einigen Japanern und ein paar Familien auf Wochenendausflug vor allem ältere Semester jenseits der 60 zu finden waren, jedenfalls außer uns weit und breit kein Mensch mit Wanderstiefeln und turmhohen Rucksäcken. Diese Rucksäcke lasteten obendrein ziemlich schwer auf unseren Schultern...
Auch Assmannshausen, der erste Ort nach Rüdesheim, durch den wir nach einigen Kilometern auf dem Rheinsteig kamen, erschien uns mehr als (zu schön) herausgeputzte Kulisse für einen Heimatfilm denn als lebendiges Dorf.

Etwas ernüchtert durchquerten (oder vielmehr erklommen) wir den nächsten Weinberg, um uns kurze Zeit später auf einem schmalen Trampelpfad in einem lichten, mediterran anmutenden Bergwald wiederzufinden. Die Weinberge hatten wir erwartet, ebenso die traumhaften Ausblicke auf den Rhein und die vielen Burgen auf den Anhöhen entlang des Rhein, aber italienische Macchia? Die abwechslungsreiche Landschaft und die oft sehr plötzlichen Wechsel zwischen verschiedenen Landschaftstypen sollten uns den Rest der Woche noch oft erfreuen.
Nun schon wesentlich besser gestimmt, wenn auch von den ungewohnt schweren Rucksäcken recht erschöpft, erreichten wir unseren ersten Campingplatz (Camping Suleika) zwischen Assmannshausen und Lorch. Dieser liegt auf dem Gebiet des "Freistaat Flaschenhals", einem Gebiet von einigen Quadratkilometern, das in den Wirren nach dem 1. Weltkrieg einige Jahre seine Unabhängigkeit genoss. Immer noch die einzigen Weitwanderer auf einem Campingplatz, der ansonsten von einem lokalen Oldtimer-Club in Beschlag genommen wurde, beschlossen wir, unsere Vagabunden-Romantik eben für uns allein zu genießen, und zogen am nächsten Morgen weiter, mit schweren Gliedern, aber neuem Mut.





Tag 2: Gute Nachbarschaft

Weiter ging es bergauf und bergab nach Lorch. Für uns erstaunlich: über die ganze Strecke hat der Rheinsteig oft fast alpine Steigungen über 100 bis 250 Höhenmeter! Die steil ansteigenden Hochebenen entlang des Rheins sind nämlich durch kleine Seitentäler unterbrochen, die meist duchquert werden, statt auf gleicher Höhe umwandert, was meistens ebenfalls möglich wäre.
In Lorch angekommen fragten wir nach einer Einkaufsgelegenheit, dummerweise war Sonntag... Die befragte ältere Dame wusste aber sogleich Abhilfe: "Wenn ihr Hunger habt, da drüben ist grad ein Nachbarschaftsfest, da gibts gegrillte Steaks, Salate, ..."
Etwas unsicher über den öffentlichen Charakter dieses Festes setzten wir uns an einen freien Tisch, wurden aber sofort entdeckt: "Setzt euch doch zu uns, wir beißen nicht". Etwa eineinhalb Stunden später, nach netten Gesprächen und einem guten Mittagessen waren wir um die Erkenntnis reicher, dass man Wespen gut mit der bloßen Hand erschlagen kann (auch wenn ich es noch nicht ausprobiert habe). Auch hatten wir die (leider falsche) Auskunft erhalten, dass es im Zielort unserer Etappe (Kaub) entgegen unserer Informationen doch einen Campingplatz gäbe. Mit vollem Bauch ging es hinauf zur nächsten Burgruine (wie die meisten Burgen am Weg leider nicht zu besichtigen), und weiter durch trockene Heide/"Macchia"-Hänge, Weinberge und lichte Wälder zur Landesgrenze von Hessen und Reinland-Pfalz. Nach dem Abstieg in ein weiteres Tal gelangten wir kurz vor Kaub an einen abgelegenen Tennisplatz mit Vereinsheim, an dem wir noch einmal nach dem Weg zum Campingplatz fragen wollten. Schnell wurde klar, dass im Umkreis von 15 Kilometern kein offizieller Campingplatz existiert, dass Angebot, auf der Wiese vor dem Vereinsheim unser Zelt aufzuschlagen, nahmen wir dankend an und kamen so zu unserer ersten Nacht von faktischem Wildnis-Camping, da außer dem Vereinsheim und zwei weiteren offensichtlich leer stehenden Häusern weit und breit nur Wald zu sehen war. Dennoch wurden wir nicht von Wildschweinen belästigt, was die Kassiererin in einem kleinen Laden in Kaub am nächsten Morgen (im Scherz ?!) wissen wollte.




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Kommentare

  • raupenzwerg

    Hey, lucky-wanderer, bin zwar auch älteres Semester, wandere aber gern im Urlaub, wenn auch zumeist Tagestouren. Dein Bericht íst sehr unterhaltsam und hat mir viel Freude gemacht, zumal ich einige eurer Anlaufpunkte selbst kenne. Auch teile ich deine Auffassung, dass es hin und wieder direkt vor der Haustür wirklich schöne Fleckchen zu entdecken gibt.
    Vielen Dank!

  • Grossbi

    Salue lucky-wanderer! Was soll diese Wertung jenseits der 60?
    Seit fast 47 Jahren reise ich als Monteur durch Europa und arbeitet mit Kollegen
    jenseits der 20 problemlos zusammen.Also denkt noch mal nach.Gruss Grossbi!

  • lucky-wanderer

    Sorry, hier soll sich niemand persönlich angegriffen oder abgewertet fühlen!!! Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass bei den meisten jüngeren Leuten Urlaub am Rhein (unberechtigter Weise!) nicht grade hoch im Kurs steht und auf der anderen Seite die meisten (nicht alle) "älteren" Leute lieber einen ruhigeren/weniger anstrengenden Urlaub verbringen, als sich mit 20 kg Gepäck tagelang über irgendwelche Trampelpfade zu schleppen. Es ging mir also bloß darum zu sagen, dass uns bei der Tour v.a. am Anfang wenig Leute mit ähnlichen Reisevorstellungen begegnet sind (weder alte noch junge) und die Infrastruktur der Gegend (Unterkünfte usw.) nicht besonders gut auf Leute ausgerichtet ist, die möglichst billig, autark und ohne großen Luxus herumreisen wollen.

  • Kongo

    Sehr netter Bericht! Ostern letzten Jahres waren wir bei strahlendem Sonnenschein und unerwarteter Hitze ebenfalls im Mittelrheintal auf dem Rheinsteig unterwegs. Ebenfalls mit Trekkingrucksäcken und der Absicht zu zelten. In Dörscheid bekamen auch wir von Leuten ihre Wiese angeboten. Und unterwegs traf man zwar ständig Leute, was unsereins ja nicht unbedingt beabsichtigt, aber da waren wider Erwarten viele sehr nette Begegnungen dabei. Die zahlreichen und unendlich erscheinenden Aufstiege waren bei dem Wetter und mit dem Gepäck allerdings recht anstrengend. Zumal die Versorgung mit Wasser ab und an schwierig war. Trotzdem eine schöne Tour.

    Gruß Kongo

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