Siebenbürgen, Burghüter in Deutsch-Weißkirch

Reisebericht

Siebenbürgen, Burghüter in Deutsch-Weißkirch

Reisebericht: Siebenbürgen, Burghüter in Deutsch-Weißkirch

Als Gastarbeiter in Siebenbürgen, Rumänien.
Ein Land lernt man am besten kennen, wenn man in ihm arbeitet.

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Kirchenburg Deutsch-Weißkirch



Das Engagement

Es war ein kühler Vorfrühlingstag. Meine Frau und ich streiften durch die Kirchenburglandschaft Siebenbürgens. Die Gegebenheiten des Landes hatten schon längst den Zeitplan über den Haufen geworfen, als wir auf die fünf Kilometer lange Straße von der Nationalstraße nach Deutsch-Weißkirch abbogen und oft im Schritttempo den Leihwagen durch die Schlaglöcher steuerten. Die Burghüterin war nicht zu erreichen, ihre Tochter gerade in ihrem Bauernhof beschäftigt. Sie teilte uns nur knapp mit, dass um 15Uhr jemand auf der Kirchenburg sein werde. Die zwei Stunden vertrieben wir uns mit einem Rundgang im Dorf und der Einkehr in einem zum Cafe umfunktionierten Bauernhof. Das warme Essen war schon aus, es gab Brotzeitteller. Ein streunender Hund, der nach der zweiten Wurstscheibe uns als seine Leute akzeptiert hatte, war die einzige freundliche Seele im Ort. Besser, man vergisst hier die Zeit, betrachtet die Pferdefuhrwerke, die Störche in ihrem Nest, nimmt das Parfum der blühenden Obstbäume auf. Wir erfuhren, dass der Hund Babi heißt, sein Herrchen vor einem Jahr nach Deutschland ging und kurz danach starb. Nun wird er von den Nachbarn oder vom ganzen Dorf durchgefüttert, im Sommer von den Touristen.
Vor 15 Uhr liefen wir zur Kirchenburg um einige Aufnahmen zu machen.
Die über siebzigjährige Burghüterin kam überpünktlich den Berg herauf. Sie redete uns an wie alte Bekannte, ihre Art zu zeigen, dass man interessiert und neugierig gegenüber den Gästen ist. Sie erzählte vom Leben im Dorf und mit der Burg, und dass sie gerne komme, auch wenn es immer beschwerlicher werde. Vielleicht um meinerseits etwas Verbindliches zu sagen meinte ich, dass ich pensioniert sei und wir bei den Führungen in der Burg helfen könnten, wenn wir nur in der Nähe wohnen würden. Sie schaute uns nur kurz an. Nur Frauen haben die Gabe binnen einer Sekunde zu entscheiden, an welcher Stelle in ihrem Umfeld neu aufgetauchte Mitmenschen einzugliedern seien. Sie meinte nur, dann kommen Sie halt, wir werden Sie hier schon unterbringen. Mit weichen Knien stiegen wir über Treppen der Kirchenburg. Überrascht von der Besichtigung unseres unverhofften Arbeitsplatzes und gleichzeitig dem Gefühl, in den alten Mauern eine sehr glückliche Zeit erfahren zu dürfen, absolvierten wir unsere denkwürdigste Burgbesichtigung. Vereinbart wurde eine Viertagewoche, während dem ganzen August. Es war für uns Ehrensache, ohne Gegenleistung tätig zu werden und für den Aufenthalt aufzukommen. Nach ein paar Wochen stand in einer e-mail : „Wir werden Sie im Predigerhaus unterbringen. Das passt zu Ihnen“.



Dorfanger



Wir kommen wieder

Dorfstraße (Nebenstraße)

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Drei Monate vergingen und wir konnten es kaum fassen, dass wir die schönste der Kirchenburgen vermarkten dürfen. Siebenbürgen ist uns nicht fremd. In den Studentenunruhen Ende der sechziger Jahre war die Welt der Siebenbürger Sachsen ein Raum, in dem man gerade als Wertekonservativer Deutschland und das Deutschtum aushalten konnte. Ich lernte meine Frau kennen, die zum ungarischsprachlichen Volk der Székler gehört. Beim Sonntagsgottesdienst in einem sächsischen Dorf wurden uns feste Plätze zugewiesen, ein Zeichen, dass wir in der Gemeinschaft langfristig aufgenommen waren, das prägt sich ein. Sehr enttäuschend war nach dem Umbruch von 1989 ein Besuch im entleerten Dorf. Daher erfüllte es uns jetzt mit Begeisterung, in einem Stück lebendiger sächsischen Welt zu arbeiten und sich für diese einsetzen zu dürfen.



Wir lasen uns ein in die siebenbürgische und Deutsch-Weißkirchener Geschichte einschließlich der Umstände der Ansiedlung durch die ungarischen Könige und des Baus der Kirche. Hilfreich war auch das sehr lesenswerte Buch mit den Lebenserinnerungen der Burghüterin Sara Dootz: „ Mit der Sonne steh ich auf.“ Unsere Kinder und befreundete Siebenbürger Sachsen versorgten uns mit Büchern, die Diakonin mit Meditationstexten, alle Freunde und Bekannte mit besten Wünschen zu unserem Experiment.
Die Fahrt sollte dem Weg der Sachsen vor 850 Jahren folgen. Umleitung durch Wien und Stau wegen einem brennenden Reisebus, dann die Gluthitze der ungarischen Puszta mit knapp unter 40°C beendete die romantische Vorstellung. Das Ziel war jetzt, möglichst direkt nach Weißkirch, 550 m hoch gelegenen in den Vorkarpaten, zu kommen.



Auf dem Weg der 20 Burgen: Von jedem Hügel ein ...



Ausziehbares Bett für vier...

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Dort war das Predigerhaus sehr fürsorglich vorbereitet, die notwendigsten Lebensmittel in der Sommerküche im Gewölbekeller. Die Räume waren im großzügigen K. und K. Format. Das Schlafzimmer mit Siebenbürger Bauernmöbel, nur der Bettkasten war für mich zu kurz. Das Musikzimmer war mit einem Flügel eines Wiener Hoflieferanten und Erzherzoglichen Kammerlieferanten ausgestattet. Eine Terrasse bot einen herrlichen Blick über den Predigergarten auf die weite Landschaft. In vielen Orten wurden Gästehäuser für ehemalige Dorfbewohner gut ausgebaut. Aber etliche kauften das Gehöft der Eltern zurück, andere wollten nicht mehr zurückkommen. So kann man sich auch als Tourist in vielen Siebenbürgischen Orten in den komfortablen Gästehäusern einmieten. Link:
( http://www.kirchenburgen.eu/?n=churchcastle-info&lang=de )



Musikzimmer im Predigerhaus



Predigerkeller

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Die zweitägige Anfahrt fand sein geruhsames Ende vor der Dorfkneipe. Abendessen erst ab 8 Uhr. Nur ein Menu zur Auswahl: Suppe, ein Krug Wein, Lammbraten. Vorerst wurde uns aber nur ein weiterer wichtiger Bestandteil der Speisefolge des rumänischen Wirtes serviert, nämlich eine Bier-Bügelflasche voll mit Zwetschgenschnaps, sicher 65prozentig, gefühlt 80prozentig, ein halber Liter. Erste Erfahrung: Das Leben trifft einen ungefiltert. Zweitens: Den Takt im Dorf geben die alten Gewohnheiten vor. Der Stundenschlag dazu kommt von dem Geläute der einrückenden Kuh- Ziegen- und Schafherden, die abends vor der Kneipe auf den Dorfanger kommen, die Tränke umlagern, und sich dann alleine auf die heimatlichen Bauernhöfe verteilen. Am Morgen um Viertel vor sechs rücken sie wieder aus und wecken dabei das Dorf. Der Sommer kennt keinen Ruhetag, außer den kirchlichen Feiertagen. Am Tag nach der Ankunft begann die Einweisung, dann die Teilnahme an einer Führung, und schon waren wir für den Betrieb auf der Kirchenburg verantwortlich.



Dienst auf der Kirchenburg

Blick vom Frühstückstisch

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Die Tage, an denen wir die Besucher der Kirchenburg betreuen, beginnen mit einem üppigen Frühstück auf der Terrasse des Predigerhauses. Die Eier vom Bauernhof nebenan sind kleiner als die aus dem Supermarkt, schmecken aber köstlich, eine Delikatesse der Käse vom örtlichen Schäfer.



Museum in der Kirchenburg

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Um neun Uhr dreißig, eine halbe Stunde vor der Öffnung der Burg machte ich mich auf den Weg, um die Weidenkörbe auszuleeren, die als Abfalleimer dienen. Die Einheimischen legen Wert darauf, dass ihr Ort mustergültig sauber und herausgeputzt ist. Vor dem Burgtor schlendern schon die ersten Touristen. Ich versuche möglichst unauffällig in die Burg zu kommen. Schließlich muss ich noch alle Türen öffnen und die Vitrinenabdeckungen abnehmen. Die Fledermäuse sind schon ausgeflogen, aber ihre Hinterlassenschaften müssen noch zusammengekehrt werden. Pünktlich um Zehn Uhr öffnet sich das Tor, die ersten Besucher haben meist schon die Nacht im Dorf verbracht. Ihre Gastgeber haben ihnen einiges erzählt und nach ein paar freundlichen Worten begeben sie sich selbst auf die Erkundung. Ich habe Zeit um die Blumen zu gießen, Dinge zu ordnen und ein bisschen die Morgenstille zu genießen. Die Eidechsen kommen aus der Trockenmauer, sonnen sich, und huschen an den Tellerchen mit frischem Wasser vorbei, die in die Erde der Blumenbeete eingelassen sind.



Bald werden die ersten Besucher von auswärts kommen, vielleicht eine Reisegruppe aus Irkutsk, oder Japaner. Vielleicht sind es Französische Harleyfahrer, die ihr Biking mit Kultur garnieren wollen. Vielleicht sind es aufgeschlossene polnische oder Luxemburger Studenten, die einen wie ihren Professor umlagern werden. Mal schauen, was der Tag bereit hält. Es kann sein, dass deutschstämmige, die seit über vierzig Jahren nicht mehr im Lande ihrer Ahnen waren, den Burghof betreten, gerührt über das bunte Leben im Dorf, erschreckt darüber, dass nun stammesmäßig Fremde im Dorf und in der Burg sich glücklich fühlen. Sie bedurften einfühlsame Worte. Ein Freund, der den Jakobsweg mitmachte, erzählte einmal, dass nach den Wochen der Strapazen vielen Pilgern beim ersten Anblick der Kathedrale von Sankt Jago de Compostella die Tränen herunterliefen. So gravierend war es an der Kirchenburg nicht, obwohl die Besucher mindestens einen halben Reisetag und eine lange mörderische Schlaglochpiste hinter sich hatten. Eine erstaunliche Offenheit uns Zutraulichkeit stellte sich aber ein und wir hatten an einem Tag mehr gute und tiefgründige Gespräche als in Deutschland in einem ganzen Monat. Die Herzlichkeit der Besucher war oft überwältigend. Wir hatten die Verantwortung für die Anlage und wurden von den Besuchern als die temporären Burgherren angesehen, als Repräsentanten der örtlichen Bewohner. Das verpflichtete uns gute Gastgeber zu sein, und auf die vielen Besucher, die das erwarteten, persönlich einzugehen. Gegen elf Uhr nahm der Besucherstrom zu und meine Frau kam zur Unterstützung. Wir wechselten uns mit Kasse und Führungen ab, so wie es sich ergab. Wenn ich mich einmal ausklinken konnte, spielte ich für eine Viertelstunde auf der Orgel. Das Mittagsläuten wurde gerne von einheimischen Kindern oder Besuchern übernommen. Um 13 Uhr begann die Mittagspause, erst um Viertel vor zwei verließ der letzte Besucher die Burg. In der Sommerküche des Predigerhauses hatte meine Frau das Mittagessen schon vorbereitet. Wir kochten selbst und es machte uns auch sonst Freude, das Einfache Leben unserer ordinierten Vorgänger in dem stattlichen Haus nachzuvollziehen. Vielleicht reichte die Zeit um für ein Viertelstündchen die Beine hoch zu legen.



Blumengarten in der Kirchenburg



Besucher in der Kirchenburg

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Viertel vor Drei mussten wir wieder los, um die Besucher einzulassen. Wenn der Andrang zu groß wurde und die Besucher zu unruhig, kamen wir über das Verteilen der Handzettel über die Geschichte der Kirchenburg nicht hinaus. Meine Frau schickte mich dann auf die Orgel um zu spielen, das beruhigt die Leute, sagte sie. Froh waren wir über Gruppen, die wie wir die Kirchenburg als Lebensraum ansahen, nicht nur als Museum, die in der Kirche ihre Choräle sangen oder laut beteten. Andere sahen sich inspiriert einen musikalischen Beitrag anzubieten, Meditatives in der Kirche, Weltliches im Burghof. Qualitativ hochwertiges war immer willkommen. An einem Nachmittag hatten wir so im Burghof Musettemusik vom Feinsten auf dem Akkordeon. In den Pausen spielte ich Werke von Saint Saëns und César Franck auf der Orgel. So entstand spontan ein französischer Kulturnachmittag. Es war erstaunlich, wie viele Urlauber ihr Instrument auf die Reise mitnahmen. Das am meisten exotische Instrument war ein Didgeridoo. Sehr oft entstanden Gesprächsrunden im Burghof über die Geschichte und Zukunft der Sächsischen Welt. Gut in Erinnerung ist eine Runde, in der ein Teilnehmer detailliert schilderte, wie ein schon verlassenes Dorf in den Cevennen vor allem von jungen Leuten wiederbesiedelt und wirtschaftlich überlebensfähig gestaltet wurde. Touristen strömten zur Burg und es war schön, dass es den meisten gelang, als Menschen Beziehung zu der zu Stein gewordenen Standhaftigkeit, Glauben und Tradition aufzunehmen. Neben der, wie sich herausstellte, wichtigen emotionalen Begegnung mussten wir uns auf die intellektuellen Auseinandersetzung mit der Geschichte vorbereiten. Wir lasen mehrere Bücher, um bei jeder Diskussion, auch mit belesenen und kritischen Sommersachsen, mitreden zu können. Sehr informativ und wissenschaftlich hochwertig ist das Buch: „ Der vergessene Weg. Wie die Sachsen nach Siebenbürgen kamen“ von Wilhelm Baumgärtner, Schiller Verlag, Hermannstadt. Einmal in meinem Leben konnte ich so auch in die Rolle eines Geschichtslehrers schlüpfen. Es galt die Geschichte Siebenbürgens in die Geschichte Ungarns einzubetten, und damit die Ereignisse um die Kirchenburg zu erklären. Die Zuhörer waren immer sehr dankbar. Die fast immer rumänische Reisebegleiter der Gruppen hatten offensichtlich keinen Zugang zu den, vor allem ins Hochdeutsch übertragenen Quellen .



Besucher in der Kirchenburg

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Gelegentlich kamen auch Vertreter von Rundfunk und Presse, um sich umzuschauen. Da war es erlaubt auch darüber hinaus unsere Sicht von Siebenbürgen darzulegen, das bei einer Einigkeit der Nationalitäten eine Schweiz des Ostens sein könnte. Das rumänische Staatsvolk müsse die verschiedenen Kulturen in seinem Land jetzt als eigenes nationales kulturelles Erbe begreifen und Teil seiner geschichtlich entstandenen Identität annehmen. Sonst darf man sich nicht wundern, wenn die Siebenbürger Sachsen emigrieren und die Magyaren eine Autonomie ertrotzen. Ob die entstandenen Einsichten von nationalistischen Betonköpfen in den Redaktionssitzungen platt gemacht wurden, darüber kann man nur spekulieren.



Gegen Abend ebbte der Besucherstrom ab. Nach den Glockenschlägen um sechs Uhr war die Öffnungszeit zu Ende. Um Viertel vor Sieben verließ der letzte Besucher die Burg und die Abendstille breitete sich aus. Die Vitrinen wurden abgedeckt, um sie vor Staub und Fledermauskot zu schützen, mit Abfalleimer und Gummihandschuh eine Runde Endreinigung eingelegt, die Lichter gelöscht. Ein ermüdender aber auch erfüllter Tag ist zu Ende gegangen. Wir mussten nicht reisen, die ganze Welt kam zu uns. Wir erhielten Einblick in die Denkweise vieler Völker und erfuhren viel persönliches. Es war mir ein Bedürfnis noch vor dem Weggehen noch einige Momente in der stillen Kirche zu verbringen um mit dem Gedanken: „Der Herr sei mein Hirte und meine Festplatte, bei ihm ist alles gut aufgehoben“ erleichtert zum Predigerhaus hinabzusteigen.

Einen Monat lang konnten wir an der Kirchenburg unseren Dienst einbringen und es war eine sehr glückliche Zeit. Wir haben uns an die Spielregeln gehalten, die jeder einhalten sollte, der bei Cousins und Cousinen als Erntehelfer im Einsatz war, und nach eingebrachter Ernte wieder ins eigene Haus zurückfährt:
1) Nehmt keine Privilegien an, wobei man durchaus zeigen kann, dass man nicht unter einem
mangelndem Selbstwertgefühl leidet.
2) Kommentiere nichts und mache keine Verbesserungsvorschläge.

So waren wir von unserer Sippe und der Dorfgemeinschaft als ebenbürtige Verwandte aufgenommen, von liebevollen und wertvollen Menschen. Es war eine große Bereicherung einen Teil des Jahres mit ihnen teilen zu dürfen.



Saalkirche Deutsch-Weißkirch



Evangelischer Friedhof...

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Unter den Sachsen zu leben und angenommen zu sein heißt, seinen Platz in der Ordnung zugewiesen zu bekommen. Beim Einzug zum Gottesdienst in die Kirche hat jeder seinen Platz in der Reihe. Der Sitz des Burghüters ist direkt neben der Eingangstür. Diese wird während des Gottesdienstes verschlossen. Touristen haben keinen Zutritt. Es ist genau geregelt, wann man als Burghüter zu läuten hat, und wann er welches Tor öffnet. Sicher wird man auch zu den Festivitäten eingeladen und bekommt frohe und traurige Ereignisse hautnah mit. Auch die traurigen Ereignisse geben einen guten Einblick in das dörfliche Leben.
Beerdigt wurde eine alleinstehende 84 jährige Frau. Die Nachbarschaft, die jeden Tag die Milch bringt, hat sie gefunden. Die Nachbarn übernahmen auch die Beschaffung des Sarges und die Aufbahrung. Zur Totenwache kamen wir nicht, da sollten nach unserer Meinung bloß diejenigen kommen, die auch das Leben mit ihr geteilt hatten. Sie war lange mit einem Rumänen liiert, aber nicht verheiratet. Sie durfte nie die Frauentracht tragen und kam deshalb später auch nicht mehr zum Gottesdienst, war daher recht isoliert. Ihr zweijähriger Sohn starb unter tragischen Umständen. Sie pflegte noch ihre Eltern und lebte dann 27 Jahre allein. Auf der Kolchose und auf den eigenen Feldern verrichtete sie bevorzugt Männerarbeit um der hartherzigen Umwelt zu zeigen, dass sie auch ihren Mann stehen kann. Als man sie gefunden hatte, klebte an ihren Händen noch die Erde vom Ausgraben der Kartoffeln. Das Leben tritt einem ungefiltert entgegen. Als Burghüter waren wir in den Ablauf der Beerdigung eingebunden.



Der Kultschriftsteller meiner Gymnasialzeit, Albert Camus, schrieb einmal in „ La Peste à Oran“ den Satz: „ Eine angenehme Art, mit einer Stadt Bekanntschaft zu machen, ist es zu erkunden, wie man dort liebt, dort arbeitet , dort stirbt.“ Weniger prosaisch kann man sagen: Man lernt nur dann ein Land kennen, wenn man dort arbeitet und seinen Alltag bestreitet.
So haben wir Erfahrungen gemacht, die Erkenntnisse einer Studienreise um ein Vielfaches übertreffen.

Beim Abschied überkam uns keine Wehmut, ist doch sicher, dass wir demnächst wieder in die Rolle der Burghüter schlüpfen werden. Europa ist gut vernetzt. Billigflieger haben Plätze von Frankfurt-Hahn zum 75 km entfernten Airport von Targu-Mures für 10€ bis 30€, je nach Wochentag, und irgendwann wird auch die Autobahn von Deutschland nach Schässburg durchgehend befahrbar sein. Per e-mail sind wir seitdem gut verbunden, nie wirklich abgereist.


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Kommentare

  • Blula

    Ein sehr interessanter und fein geschriebener Reisebericht, auf den ich leider erst heute aufmerksam gemacht wurde. Er ist wirklich lesenswert. Danke.
    LG Ursula

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