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Reisebericht: Tianjin & ich – Ein etwas anderer Bericht aus Nordchina

 
 
 
 
 
Reisebericht: Tianjin & ich – Ein etwas anderer Bericht aus Nordchina

Ich komme aus Shanghai. Nein, eigentlich aus Hamburg. Aber ich hatte die letzten drei Jahre in Shanghai gelebt. Mein Beruf hatte mich hier her verschlagen. Mein Büro hatte ein neues, großes Projekt in Tianjin. Daher war ich mit meiner chinesischen Frau hierher gezogen. Irgendwie war diese an Beijing grenzende Stadt mit 10 Millionen Einwohnern eine Enttäuschung ...

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Lage der Stadt

Tianjin ist schön, ist aufregend und spannend, eine lebendige und bunte Stadt. Hatte ich jedenfalls bis vor ein paar Monaten gedacht.
Schon bei meinem ersten Besuch wurde ich misstrauisch. Aber meine neue Arbeitsstelle in der Nähe des Flughafens lag, hatte ich mir nichts dabei gedacht. Flughäfen lagen stets außerhalb in einer Art Industrie-Nirvana. Kein Mensch war zu sehen gewesen, alles war grau und staubig. Als ich bei meinem nächsten Besuch länger blieb und mir auch die Stadt ansah, war ich erschrocken, dass es dort ebenso aussah. Wenig einladend.
Ich hatte schon viele Städte in China gesehen, auch hässlichere. Aber. Im Gegensatz zu Tianjin hatten diese meist ein gewisses Flair zu bieten. Charisma. Hier nicht.
Dabei ist Tianjin sogar eine von vier regierungsummittelbaren Städten Chinas. Somit hatte es quasi Provinz-Status. Mit 10 Millionen Einwohnern gehörte Tianjin auch zu den größeren chinesischen Städten. Immer wieder las man in der – zumindest chinesischen – Presse über diese „großartige“ Stadt.
Tatsächlich verliefen sich die meisten der 10 Millionen Einwohner irgendwo in den Vororten - Tianjin hatte eine Reihe angegliederter Landkreise, die zur Provinz gehörten. Man musste sich etwa vorstellen, Niedersachsen würde plötzlich nur noch „Stadt Hannover“ genannt. Dann stünde man am Maschsee und würde die 8 Millionen Einwohner suchen. Die Menschen, die in Göttingen lebten, bekam man dann auch nicht zu Gesicht, sie würden noch immer in ihrer Heimatstadt einkaufen und nicht täglich durch Hannover laufen.
Geographisch war Tianjin dagegen günstig gelegen. Von hier erreichte man recht schnell und unkompliziert deutliche schönere Städte – Qingdao im Süden, Beijing im Westen sowie Dalian im Norden.



 
 
 
 
 

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Beijing



 
 
 
 
 

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Qingdao



 
 
 
 
 

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Dalian



 
 
 
 
 

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Verkehr

Reisende per Flugzeug erreichten Tianjin noch auf dem alten Flughafen. Dieser würde innerhalb des nächsten Jahres außer Betrieb gehen. Kein großer Verlust. Er versprühte einen gewissen Charme, der etwa Besucher aus Wanne-Eickel heimatliche Gefühle entwickeln ließ.
Der Reisende hatte bei seiner Ankunft am Flughafen verschiedene Möglichkeiten:

1.) Schnell wieder ins Flugzeug springen und zurück zu fliegen, wo immer man gerade her kam. Dies war mit Abstand die beste Lösung. Sollte dies jedoch aus persönlichen oder geschäftlichen Abhängigkeiten nicht möglich sein, so blieb noch

2.) Sein Entsetzen verbergen. Die Zähne zusammen beißen und hoffen, dass es schnell vorüber ginge.

3.) Über eine dritte Möglichkeit hatte ich mir noch keine ausführlichen Gedanken gemacht. Eine spontane Idee wäre, einen Herzanfall zu simulieren und auf eine Fahrt mit dem Krankenwagen in ein innerstädtisches Krankenhaus zu bestehen. Würde man erst einmal im Krankenwagen liegen, war man zumindest nicht gezwungen, aus dem Fenster zu schauen.

Die Abreise vom Tianjiner Flughafen konnte einige Zeit in Anspruch nehmen. Manchmal musste man der Putzkolonne helfen, die Müllsäcke aus dem Flugzeug heraus zu tragen, bevor man einsteigen konnte. Naja, zumindest konnte man ihnen dabei zusehen. Denn die Kontrollen waren häufig lausig und man kam oft schneller zum Flugzeug vor, als man sollte.
Natürlich konnte man Tianjin auch mit dem Zug erreichen. Die „Temporary Tianjin Railway Station“ weckte bei dem Reisenden Assoziationen mit Playmobil Gebäuden der frühen 80er Jahre. Alles schien aus - blauen - Platten zusammen gesteckt.
Die neue Eisenbahnstrecke nach Beijing und der entsprechende Bahnhof waren noch nicht fertig gestellt. Über 300 Km/h würden die Züge hier bald fahren können. Somit würde die Fahrt zwischen beiden Innenstädten also bald nur noch eine halbe Stunde dauern. Dem Wochenend-Shopping in Beijing stand also nichts mehr im Wege.



 
 
 
 
 

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Eine „Light Rail“ hatte Tianjin auch. Sie startete Mitten in der städtischen Einöde Tianjin´s und führte fast 50 Kilometer in die Retortenstadt TEDA am Hafen von Tianjin. Eigentlich hieß der Ort hier Tanggu. Aber mit dem Entschluss, die Gegend wirtschaftlich zu entwickelt und zu pushen, wurde der Bereich in Tianjin Economic Development Area genannt. Suizidgefährdete sollten diese Strecke auf keinen Fall entlang fahren. Die Industriebrachen links und rechts der Strecke machten mehr als depressiv.
In Tianjin gab es aber auch eine richtige U-Bahn. Nach Beijing war Tianjin die erste Stadt gewesen, hatte jedoch viele Jahre nur wenige Stationen. Erst nach dem Jahr 2000 wurde die Metro stillgelegt und die ausgebaut.
Neben Bussen bildeten Taxis das Rückgrat des Öffentlichen Personennahverkehrs. Die Taxifahrer waren einfach zu beeindrucken – sagte man seinen gewünschten Zielort auch nur halbwegs verständlich auf Chinesisch, verfielen sie in Bewunderung. Ehrfürchtig stellten sie fest, was für ein tolles Chinesisch man doch spreche. Antwortete man dann brüchig, es sei doch gar nicht so toll, kamen sie aus ihrer Bewunderungsbekundungen gar nicht mehr heraus. So übertrieben es einem vorkam, war es doch angenehmer, als die arroganten Shanghaier Taxifahrer, die stets herum motzen „Ah? WO hin?“ Hatte man die Adresse einigermaßen verständlich heraus gebracht, hatten sie meist doch etwas auszusetzen. Etwas hab es stets die Diskussion „Welche Querstraße?“ Oft weigerten diese sich, loszufahren, auch wenn man ihnen erklärte man müsse dann eben kucken ...
Das Gros der Taxi-Flotte bestand aus klapprigen Daihatsu Cuore, der mittlerweile von „Xiali“ genannt und von chinesischen Firmen hergestellt wurde. Meine Eltern hätten zu solch einem Auto in ihrer Jugend so etwas lustiges wie „Knutschkugel“ gesagt. Ein Typ Auto eben, bei dem beim Sitzen auf der Rückwand fast die Ihren zwischen den Knien hingen und man beim Aussteigen besser die Tür abschrauben sollte, wenn man übe Schuhgröße 40 hatte. Wie bei einem amerikanischen Streifenwagen waren in den meisten Taxis – wie in China üblich – ein Gitter zwischen Fahrer- / Beifahrersitz und der Rückwand eingebaut. Viele Taxis hatten an diesem Gitter eine alte Konservendose als Aschenbecher für den Fahrgast montiert. In einer Höhe, dass er einem dann vor der Nase hing. Für Raucher sicherlich angenehm, ab Aschen zu können, ohne die Hände benutzen zu müssen. Für alle anderen eine Folter der Geruchswege.
Immerhin waren die Taxifahrer stets freundlich. Im Gegensatz zu Shanghai, fingen sie häufig ein Gespräch mit dem Fahrgast an. Mich als Ausländer fragten sie meist, wo ich herkommen würde. Deutschland stieß meist auf Zustimmung – wahrscheinlich würden sie bei jedem genannten Land aber sagen, wie toll dies doch sei. Fußball und Autos wurden meist aus Deutschland gelobt. Problem war jedoch, wenn ich auch nur ein wenig antwortete – so viel Chinesische sprach ich ja nicht – so hörten die Fahrer selten auf, sondern fingen eine Unterhaltung an, der ich weder folgen konnte, noch etwas zu beitragen konnte.
Nein, es war keine Leidenschaft die Tianjin und mich verband. Wir würden viel Zeit brauchen, uns nahe zu kommen. Tianjin und ich.



 
 
 
 
 

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Übersicht China


Stadt: Tianjin

Kommentare
  • 238EWT 09.04.2010 | 12:22 Uhr

    "Humor ist, wenn man trotzdem lacht". Vielen Dank für die einfühlsame Schilderung einer Suburbia ohne jeden Charme.

    LG Eberhard

  • Dennis.Deng 11.04.2010 | 08:29 Uhr

    Hallo Eberhard,
    es freut mich, dass Dir meine beiden Berichte gefallen haben.
    Ist nicht einfach gewesen in China, auch nciht immer mit der Familie. Aber, das habe ich mir ja alles selber ausgesucht :)
    Dennis

  • charbonnier 20.10.2011 | 14:42 Uhr

    Hallo Dennis,
    mit Tianjin verbinde ich einen Eindruck: ich liege in einem Schlafwagen, der von weit suedoestlich kam, wache auf, schaue aus dem Fenster und sehe einen riesigen Bahnhof. Geschaetzt mindestens 20 Gleise in der wahnsinnig grossen Halle. Allerdings war das im Maerz 2010, also deutlich nach Deinem Bericht. Ansonsten: China ist nicht nur Grosse Mauer und Terrakotta-Krieger. Die von Dir sehr plastisch geschilderte Atmosphaere kann ich gut nachempfinden!
    Herzliche Gruesse aus einem Land, wo es keine Umlaute auf der Tastatur gibt (in dem Fall Korea) - Ulrich

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