Im Schwertboot durch die grosse Lagune

Reisebericht

Im Schwertboot durch die grosse Lagune

Reisebericht: Im Schwertboot durch die grosse Lagune

Als ein Buckelwal unsere „Liberty“ begleitete, während am Horizont die Insel mit den riesigen Pinien auftauchte, wusste ich, warum ich unbedingt im Boot hierher kommen wollte. In die grösste Lagune der Welt.



„Vous allez a Kuto?“ ruft mir die Frau zu, die mit ihrem hellblauen Peugeot angehalten hat. Ich laufe etwas schneller, bis ich neben ihrem Auto bin. Sie wartet in einer Kurve im Schatten eines Mangobaumes.
„Merci beaucup, Madame, mais j’aime marché a pied!“ antworte ich ihr durch die offene Scheibe der Beifahrertüre. (Ich laufe lieber zu Fuss)
„Mais il va pleuvoir!“ gibt mir die Frau zu bedenken. Es wird regnen!
„Merci, mais ca fait rien!“ Ich liebe etwas Regen, das erfrischt, erkläre ich der Frau mit dem bunten Kleid.
„Et le petit?“ bohrt sie weiter und lächelt meinen Sohn an, der auf meinen Schultern sitzt und sich mit mir in ihr Auto lehnt.
„Pas de problem, Madame!“ beruhige ich sie, worauf sie freundlich winkend Gas gibt.



Jeder will uns hier mitnehmen. Das war das schon dritte Auto. Dabei ist es so friedlich hier, die Luft riecht nach Blumen, Vögel zwitschern, das Meer schillert türkis. Ich gehe gerne zu Fuss, auf der kleinen Strasse zwischen Vao, wo frische Baguetts verkauft werden und Kuto, wo wir geankert haben. Und wenn es regnet, dann duften die Plumerias noch intensiver und die Blätter sehen aus wie frisch lackiert. Aber natürlich könnte das Brot nass werden, das ich unter dem Arm trage. Das sehen die Einheimischen, wenn sie an einem vorbeifahren und sich am Himmel eine dunkle Wolke zusammenbraut. Dann haben sie wieder einen guten Grund anzuhalten und den Fremden für ein paar Kilometer mitzunehmen. Um zu erfahren, wie es ihm hier gefällt. Und wenn sie sich mit einem Handschlag verabschieden, fahren sie danach lächelnd und nicht ohne Stolz weiter.





Je mehr Inseln ich gesehen hatte, desto weniger konnte ich mit der Frage etwas anfangen, welche die Schönste ist. Das hat sich geändert, seit ich mit unserem Segelboot in die Kutobucht der Ile des Pins eingelaufen bin. Ein kleiner, erloschener Vulkan, um den sich ein Plateau aus Eisenerz geformt hat, um den sich ein Kranz aus Riffen gelegt hat, eine Lagune, ein Traum. Seit 7000 Jahren wohnen hier Menschen, ohne dass der Traum kaputt gegangen ist. Die heutigen Bewohner nennen die Insel Kunie, die Sonneninsel. Sie unterscheiden sich in acht Tribes. Jeder kennt hier jeden, was bei 1600 Einwohnern auf einer 18 mal 14 Kilometer grossen Insel kein Wunder ist. Umgeben ist die Ile des Pines, wie sie offiziell heisst, von etwa zwei Dutzend kleineren Inseln, die mit Ausnahme der Isle Koutomo, unbewohnt sind. Die Küste ist verschnörkelt von Buchten, deren grösste, die Baie Upi ist. Diese Bucht ist wiederum von kleinen Inseln gespickt, die wie grüne Pilze aus dem türkis Meer ragen.






Während den Monaten, die wir in Noumea verbracht hatten, blätterten wir immer wieder in Bildbänden über diese sagenhafte Insel am Rand der Tropen. Aber da der Wind nie aus der richtigen Himmelsrichtung kam, verschoben wir unsere Reise dorthin immer wieder. Die grosse Lagune, die Neukaledonien umgibt, einschliesslich der Pinieninsel im Süden, ist ebenso schön wie berüchtigt. Immerhin ist diese Lagune etwa halb so gross wie die Schweiz. Riffe lauern knapp unter Wasser, Strömungen bringen einem vom Kurs ab, das Wetter ändert rasant. Regen kann dazu führen, dass man keine hundert Meter weit sieht.



Als wir von Noumea lossegeln, hat der Wind endlich auf Westen gedreht. Wir steuern in Richtung der Insel Porc Epic, übersetzt, die Stachelschweininsel. Genauso sieht sie aus. Die Stachel sind schlanke Pinien. Wie immer, wenn wir an ihr vorbeifahren, begleitet uns kurz eine Delphinfamilie. Piran und Sandy sitzen vorne und jauchzen vor Freude. Ich bin damit beschäftigt, den neuen Film in die Kamera einzulegen... Als ich endlich bereit bin, verschwinden die Delfine. Es waren sicher nicht die letzten, sage ich mir und steuere weiter in Richtung der Baie Ouié, wo wir für die Nacht ankern.





In der ersten Morgendämmerung tuckern wir unter Motor durch den Canal Woodin, der Meerenge zwischen der Insel Ouen und der Südspitze von Grand Terre. Danach ändern wir unseren Kurs in Richtung Ile des Pins. Als uns die Sonne in den Nacken brennt, können wir den Pic Nga, den 262 Meter hohen Vulkankegel der noch 50 Kilometer enfernten Pinieninsel am Horizont erkennen. Als Wind aus Westen kommt, ziehe ich die Segel hoch. Ein rechter Zickzack Kurs steht auf dem Programm, denn immer wieder müssen Riffe umrundet werden, auf denen riesige Wellen brechen. Je weiter man in den Südteil der Lagune kommt, desto mehr wird das Saumriff von einzelnen, verstreuten Riffen abgelöst und die Wellen dringen kaum behindert in diesen Teil der Lagune vor. Aber nicht bloss die Wellen...




„WALE! Schnell!“ rufe ich ins Boot hinein, wo Sandy mit Piran am malen ist. Wie ein Delfin springt sie aus der Luke, gefolgt von Piran. Eine Meile neben unserem Boot sehen wir immer wieder Fontänen schnaubender Buckelwale. Wir ändern unseren Kurs und nähern uns dem Rudel, der aber schnell Reissaus nimmt und verschwindet. Kaum sind wir auf dem alten Kurs, tauchen die Wale hinter uns auf. Leider aber zu weit weg, als dass Piran sich gross beeindrucken liesse. Dabei ist das Wichtigste an unserer Reise, ihm die Natur zu zeigen; die dreidimensionale Welt in ihren bunten Facetten. Er ist bald vier. Höchste Zeit, endlich einen richtigen Walfisch zu sehen! Ich lege eine CD auf, mit spiritueller Flötenmusik, stelle den Stereo unter die Koje und drehe voll auf...



Wir segeln weiter in Richtung Pinieninsel, die ganz sachte anfängt eine grüne Farbe zu bekommen. Piran sitzt an seinem Lieblingsplatz, direkt vor dem Mast. Die Sonne hat den Zenit überschritten und das Meer ist tintenblau. Am östlichen Horizont ist eine Linie weisser Brecher, die sich über ein weiteres Riff wirft. Es heisst Récif Napomindia. Cook, der erste Europäer, der die Pinieninsel besucht hat, brauchte mehrere Tage, bis er die Passage durch diese Riffe gefunden hat und seinen berühmten Fuss an Land setzen konnte. Da er aber von weitem diese riesigen, geraden Pinien sah (Genau-genommen sind es Fichten), mit denen man ideal Masten bauen kann, liess er nicht locker, bis sein Schiff „Resolution“ in der Kutobucht vor Anker lag.





Plötzlich verfärbt sich die Wasseroberfläche vor uns türkis, Schaum wirbelt hoch und es taucht der graue Rücken eines Wales auf. Zufällig haben wir ihn alle zusammen gesehen. Piran steht vor dem Mast und ruft begeistert „Da, ein Wal, ein Wal!“ Direkt bevor wir mit ihm kollidieren, taucht der Wal mit dem Schlag seiner riesigen Flosse ab. Einerseits bin ich fasziniert, andererseits nervös, denn unser Boot ist nur ein Spielzeug im Vergleich zu diesem Leviathan. Sandys Vergnügen an diesem Spektakel ist aber ungetrübt. Ich übergebe ihr das Steuer und stehe mit schussbereiter Kamera vorne am Boot.






„DA!“ schreit sie und zeigt rechts ins Meer. Ich reisse die Kamera in die Richtung, in der das Meer zu schäumen beginnt und hätte fast abgedrückt. Aber durch den Sucher sehe ich, wie der Wal zum ganz grossen Sprung ansetzt. Nach seinem Kopf kommen seine Flossen aus dem Wasser, gross wie Surfbretter, dann sein ganzer Körper, dann seine Schwanzflosse, so breit wie ein Segel - und fliegt keine fünfzig Meter neben unserem Boot, mit viel Schaum und Getöse, durch die Luft. Dazu läuft eine Scheibe von Vollenweider. „WAU!“ rufen wir im Chor und mit einem Gefühl der Wonne drücke ich auf den Auslöser meiner Olympus, kurz bevor der Walfisch seitlich im Wasser landet.





Durchgeschaukelt, sonnenverbrannt und voll von Eindrücken, erreichen wir die Riffpassage, durch die man zur Pinieninsel gelangt. Je näher wir kommen, je unwirklicher sieht sie aus. Wie ein surrealistisches Gemälde, eingerahmt von türkisfarbenen Riffen, an einer azurblauen Tapete aus Meer. Einerseits überquellend tropisch, fruchtbar bis an den äussersten Rand, andererseits wie eine Insel am Polarkreis, mit dichten, bemoosten Fichten-wäldern, in denen man Elche erwarten könnte. Mit der Polaroidbrille auf der Nase, stehe ich vorne auf dem Boot und achte auf Riffe. Meerschildkröten gehen vor unserem Boot auf Tauchstation, fliegende Fische ziehen Schleifen über die Wellenkämme, bevor sie von Thunfischen gefressen werden oder von den zwei Fischadlern, die hungrig am Himmel kreisen.





In der Kutobucht ankern wir. Als der Anker unten ist, taucht ein Delfin neben unserem Boot auf und schaut uns kurz traurig an. Kaum habe ich meine Olympus in der Hand, verschwindet er. Es kommt mir alles vor wie ein Traum.
Wir bringen unser Beiboot zu Wasser und rudern an den feinsten, weissesten Sandstrand, der uns je unter die Fussohlen gekommen ist. Sandy fängt gleich an, ein paar Muscheln zu sammeln. Es gibt hier eine Art, die wir noch nie gesehen haben. Wir nennen sie Adlerkopfmuscheln. Wenn wir wieder auf einer längeren Passage sind, machen wir Schmuck daraus und verkaufen ihn im nächsten Hafen.





Ile des pins. Unsere Herzen schlagen höher, als wir morgens aufwachen und uns erinnern, wo wir am Abend zuvor eingeschlafen sind. Es ist wie mit allen kleinen Inseln. Sie sind bunter, vielfältiger, grösser pro Quadratkilometer, als jeder Kontinent.
Von der Spitze des Pic Nga verschaffen wir uns eine Übersicht. Dann trampen wir los, zur Baie Upi. Ein römisches Pärchen, das auch dorthin will, nimmt uns im Mietwagen mit. Trotz Karte finden wir die Bucht nicht, sondern verfahren uns immer wieder im dichten Wald. Jede noch so holprige Waldstrasse probieren wir aus, aber obwohl die Richtung stimmt, enden alle bei kleinen Plantagen mitten im Wald, wo Gemüse angebaut wird. Dafür sind die Strassen gesäumt von Papayabäumen an denen reife Papayas darauf warten gepflückt zu werden. Mit klebrigen Fingern beenden wir unseren Versuch, zur Baie Upi zu kommen und fahren mit den Römern zurück nach Kuto. Auf dem Weg geraten wir an eine Hochzeit, die in der Kirche von Vao ihren Gang nimmt. Die Römer sind entzückt und schreiten mit ihrer Videocamera bis kurz vor den Altar. Dazu muss man aber Römer sein! Ich bleibe bescheiden und geniesse die fröhliche Angelegenheit mit Sandy und Piran von der hintersten Bank aus. Hinter uns hängt ein Portrait des Papstes. Die Pinieninsel ist kreuzkatholisch. Aber trotzdem ist offensichtlich und unüberhörbar, dass wir in der Südsee sind. Als abschliessend ein Chor auf „kuniesisch“ Lieder singt, begleitet von Gitarren, läuft mir ein warmer Schauer über den Rücken.





Als wir am nächsten Morgen bei Ebbe den Strand nach schönen Muscheln absuchen, finde ich einen komischen Zahn, etwa so gross wie eine Zündholzschachtel. Wahrscheinlich ein Zahn von einem Pilotwal, erklärt mir abends Marco, ein chilenischer Fischer, der neben uns ankert und uns auf sein Boot eingeladen hat. Während die Sonne rot neben der Insel Moro ins Meer sinkt, erzählt er uns über die Pinieninsel, wo er seit zehn Jahren zu Hause ist. Diese Insel nennt sich die Insel am nächsten vom Paradis. Das war der Titel eines japanischen Filmes, der hier gedreht wurde. Haha! Dabei sind hier viele Klans miteinander zerstritten. Die ganze Insel gehört zwar ihren Bewohnern, aber welcher Teil wem gehört, ist Grund für endlose Reibereien. Es gibt hier kein Kataster, die Aufteilung von Land erfolgt mündlich von den Alten zu den Jungen. Sobald die Alten tot sind, erfinden die Jungen neue Geschichten. Es ist hier alles sehr kompliziert!





Marco ist ein Geschichtenerzähler. Während der Mond hinter den Palmen hochkommt, sitzen wir eng beieinander auf seinem alten Fischerboot und trinken Rotwein zusammen. Ausser Sandy, die ein Kind im Bauch hat und sich daher mit Orangina zufriedengibt. Piran liegt zusammengekauert auf dem Fischernetz und schläft.
„Da, ein Delfin!“ ruft Sandy entzückt. Direkt neben ihren Füssen, die über Bord baumeln, ist er kurz aufgetaucht. Im Mondlicht sehen wir ihn noch ein paar Mal auftauchen.
„Der sucht seine Frau!“ meint Marco.
„Wieso weißt du das?“ fragt Sandy.
„Weil sie früher immer zusammen in die Bucht kamen. Jeden Abend zu Sonnenuntergang. Waren eine Art Touristenattraktion. An der Bucht nebenan war dann niemand mehr, weil alle hier die Delfine sehen wollten. Dann haben die von der Bucht nebenan einen abgeschossen und gegessen.“
„Machst du einen Scherz?“ frage ich Marco.
„Im Ernst, ich schwör’s dir bei der heiligen Maria! Es war das Weibchen. Es hatte sogar ein Baby im Bauch.“
„Wann war das?“
„Vor etwa zwei Monaten. Jetzt kommt jeden Abend das Männchen und sucht seine Frau. Aber er ist scheu geworden. Ich habe ihn nie mehr springen gesehen.“
„Kein Wunder..., aber stimmt das wirklich?“ frage ich ihn nochmals.
„Ja, sicher, ich habe selber gesehen, wie sie hinter der Hütte ihn gehäutet und ausgenommen haben! Jetzt bleiben die Touristen drüben und nehmen ihren Sunsetdrink wieder dort...“
„Aber dürfen sie denn das? Einfach so einen Delfin töten?“ bohre ich weiter.
„Nein, die ganze Pinieninsel ist ein Naturreservat. Aber sie ist eine Insel. Eine kleine Insel. Eine komplizierte Insel. Verstehst du was ich meine? “

Die Pinieninsel war früher ein Verbannungsort für unliebsame Franzosen. Hierher wurden die Mitglieder der Pariser Kommune gebracht, die letztes Jahrhundert erfolglos für mehr soziale Gerechtigkeit gekämpft hatten. Zuerst denke ich, was für ein schöner Ort, verbannt zu werden. Nach einer Besichtigung der Ruinen des Gefängnisses kehrt sich dieser Gedanke aber ins Gegenteil um. Auf einer so phantastischen Insel in einer Zelle schmoren zu müssen war sicher die Hölle. Mit singenden Vögeln auf Mangobäumen hinter den Gitterstäben, mit Ausblick auf die Lagune...Wä! Wieder so ein Ort, wo Frankreich sich von der düsteren Seite zeigt.

„Ca c’est une Cheremoia!“ sage ich zu einem Weissen, der am Markt von Vao neben mir steht und etwas ratlos diese köstlichste aller tropischen Früchte betatscht. Er schaut hoch, lächelt mich an, leckt sich den Mund.
„Je sais!“
Ich bin an den Falschen geraten. Ein Caldosch, der hier geboren ist, ein connaiseur dieser Frucht, der nur fühlen will, ob sie schon reif ist. Und dazu noch schwul.
„Tu est sur un bateau?“ fragt er mich neckisch. Da kommt schon Sandy mit Piran und hängt sich bei mir ein.
„Oui, sur un voilier!“
Aber ich bin auch an den richtigen geraten. Er kennt den Weg zu der Baie Upi. Dafür lade ich ihn auf unser Boot zum Nachtessen ein und es wird für den nächsten Tag ein Plan geschmiedet.





Pünktlich zu Sonnenaufgang kommt Henry in langen Zügen zu unserem Boot geschwommen. Wir essen gemeinsam ein Müsli mit Papayas und paddeln an den Strand. Die Baie Upi ist leider nicht mal mit unserem Segelboot erreichbar, da das Wasser dort nur einen halben bis einen Meter tief ist. Sonst wären wir schon längst dorthin gesegelt. Wir wandern der Strasse entlang Richtung Vao und werden vom ersten Auto eingeladen, mitzufahren. Hinten auf einem Pickup. Bis Vao. Wir marschieren weiter, duftenden Gärten entlang, an einen palmengesäumten Strand, vor dem ein Mann seinen Katameran ankert.
„Theophil! Theophil!“ ruft Henry und schwenkt begeistert die Arme.

Theophil macht solche Ausflüge nur ausnahmsweise und nur mit alten Freunden. Eigentlich ist er Fischer. Eigentlich ist er gerade heimgekehrt. Aber die Netze waren fast leer.
Wir waten ins Wasser, ziehen uns hoch und setzen uns auf die rauhe Holzplattform seiner Piroge. So heissen hier die traditionellen Katamerane, die aus einem ausgehöhlten Baumstamm, einem kleineren, vollen Baumstamm, ein paar kunstvoll mit Seil verknoteten Astgabeln, Holzstangen und Brettern bestehen. Am Mast sehe ich noch, wo früher die Äste wuchsen. Das Segel stammt von einer gestrandeten Yacht, erzählt Theophil. Er steuert die Piroge entlang dem Strand in Richtung einer Öffnung im Mangrovenwald, durch die wir endlich die Baie Upi erreichen. Eintauchen in eine andere Welt. Wo glücklicherweise keine Yachten ankern können und keine Mietwagen die Ufer säumen, da hierher keine Strasse führt. Eine gut versteckte Lagune mit pilzförmigen Inseln, die aus dem helltürkisfarbenen Wasser ragen. Bizarr, verspielt, üppig überwachsen von einer tropischen Pflanzenpracht, die von niemandem gestört wird. Nur das Rauschen des Windes in den Segeln und das Plätschern des Wassers. Theophil steht am Heck und lächelt sanft zu Piran. Wir sind mal wieder am Ziel unserer Reise. Das einzige was fehlt, ist mein Sonnenhut. Der wurde von einer Bö davongetragen.





Als wir den Anker hochziehen, um wieder zurückzusegeln Richtung Noumea, haben wir einen Passagier an Bord. Henry lässt lieber sein Fährenticket verfallen, als dass er unser Angebot zurückweisen würde. Auch wenn die Überfahrt zwei Tage statt zwei Stunden mit der 10000 PS Express- fähre dauert. Wir schauen mit einem Gefühl erfüllter Sehnsucht zurück, wie die Pinieninsel hinter dem Horizont versinkt. Nur die Spitze des Pic Nga ist abends noch sichtbar, als wir in die Baie de Prony, im Süden der Insel Neukaledonien einlaufen. Das Abendrot legt sich über die eh schon rote Bucht.





Schon ein gutes dutzend Mal sind wir hier eingelaufen und sind kaum mehr weggekommen. Wochen, Monate könnte man in dieser Bucht sein und hätte sie trotzdem noch nicht gesehen. Zuvieles liegt verborgen hier, entzieht sich dem flüchtigen Blick. Was von weitem grandios, aber auch etwas monoton wirkt, wird von näherem ein farbenprächtiges Labyrinth aus dem man vor lauter Faszination kaum den Ausweg findet. Wenn ich irgendwo auf unserer bisherigen Reise durch die Südsee mit vollster Absicht mein Boot auf ein Riff fahren könnte, um uns eine Hütte an Land zu bauen, dann wäre es hier. In der Baie de Carenage zum Beispiel, am hintersten Zipfel der unglaublich verästelten Baie de Prony. Am besten zwischen dem Wasserfall und der warmen Quelle an der Flussmündung.






Die Einfahrt in die Pronybucht ist keine vier Kilometer breit, die Küstenlinie innerhalb der Bucht aber siebzig Kilometer lang. Riffe säumen die Küste, phosphoreszierende Korallen wachsen empor, Muscheln wurden entdeckt, die es nur in dieser Bucht gibt, Unterwasserstalagmiten haben sich geformt, die aussehen wie die Türme von Kathedralen, besucht von Walen, die in der Baie de Prony ihre Jungen gebären und vor lauter Freude aus dem Wasser springen. Nie habe ich eine gekonntere Vermählung von Tiefsee und Hochland gesehen. Zwei komplementäre Puzzlesteine, die tief ineinander greifen und die Sinne verwirren.
Als wir vor zwei Jahren das erste Mal hier geankert haben, sind wir im Schlauchboot einen Arm der Bucht hochgerudert, von dem unmöglich zu sagen war, ob er noch Teil vom Meer ist, oder ob wir uns schon auf dem blauen Fluss befanden, der aus den roten Bergen kommt. Tief im Wald zogen wir unser Boot an Land. Direkt neben einem gestrandeten Tintenfisch. Er hatte Augen so gross wie Menschenaugen und schaute uns traurig an. Piran fing an zu heulen und war kaum mehr fortzubringen. Mit einem Stock versuchte ich, ihn ins Wasser zu zerren, aber er war mit seinen Fangarmen hoffnungslos in die Wurzeln eines Baumes verheddert.





Mitten in der Bucht ragt die Insel Casy aus dem Wasser empor. Wir legen unser Boot an eine Boje, direkt vor das Hotel. Ankern ist hier verboten, da die Insel von einem leuchtenden Riff umgeben ist und ein Naturschutzgebiet ist. Ein Schweizer ist hier emsig damit beschäftigt, seinen Traum zu leben. Ein Luxushotel inmitten luxuriösester Natur zu führen. Eine Insel in einer Bucht auf einer Insel. Nachts leuchtet das Meer wie ein Kometenschweif im Kielwasser unseres Beibootes, als wir an Land rudern, um an der Bar etwas zu trinken. Irgendwo zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos. Mit einem kalten Bier in der Hand und einem Mond, der die Bucht versilbert. An der Wand, neben dem Billiardtisch eine grosse Schweizerflagge.





„Et les suisses, il vient?“ will ich von Jean Paul wissen, der früher in Genf Computer programmiert hat.
„Jamais! Jamais un seul suisses.“ antwortet er. „Trop loin!“
„Aber Neuseeland ist doch voll von Schweizern, und das ist noch weiter. Und das Wetter dort, das ist doch schauerlich, und die sandflys erst...Hier gibt es ja kaum Moskitos.“
„Les noms!“
„Pourqui les noms?“ will ich wissen.
„Nomen est omen! Was sagt schon Neukaledonien? Wie tönt Pronybucht? Was für Gefühle kommen hoch, wenn du von der Insel Casy hörst, aber sonst nichts darüber weißt? Nichts! Die Leute wollen Whangarei hören, auch wenns dort ewig regnet. Oder Cocacabana oder Ko Pangan. Das tönt auf den Postkarten viel exotischer als Casy!“
„Wer kommt denn hierher, auf deine Insel...wie gross ist sie überhaupt?“
„Eineinhalb Quadratkilometer. Es kommen vor allem Wochenendgäste aus Noumea, ein paar Japaner, Taucher, Leute, die ausspannen wollen, gut essen, einen guten Fisch. Und Brautpaare, die das ganz Spezielle suchen.“
„Und wie kommt man hierher, wenn man kein Segelboot hat?“
„Im Wasserflugzeug!“
„Super! Ich erzähl’s weiter!“
„Ich freu mich speziell, wenn jemand aus der Schweiz Schokolade mitbringt!“
„Gibt’s einen Schatz auf deiner Insel?“
„Die ganze Insel ist ein Schatz!“
„Nenn sie doch einfach anders!“
„Schatzinsel?“
„Da kommen aber nur noch unrasierte Männer mit Schaufeln daher. Wie wär’s mit Waihanuiloa.“
„Was heisst das?“
„Palmen am weissen Sandstrand mit leuchtendem Korallenriff davor und kaltem Bier an der Bar, wo die Bedienung eine Hibiskusblüte hinter dem Ohr trägt und im Hintergrund leise Ukulele spielt.“
„C’est ca!“
„Encore deux bière si vous plait!“





Mit einem Schädel der mit dem Motor um die Wette brummt, steuere ich im ersten Tageslicht unsere „Liberty“ zum Leuchtturm am Ausgang der Bucht.
Mit dem Feldstecher begutachte ich die Fortschritte im östlichen Teil der Baie de Prony. Die Wälder sind sauber entfernt worden, Strassen sind durch die rauhe Landschaft gebaggert, eine Siedlung aus zweistöckgen Fertig-häusern leuchtet hell auf der roten Erde. Vorläufig von nur 120 Arbeitern wird hier in einem ersten Versuch Nickel abgebaut. Eine kanadische Firma hat die Schürfrechte erworben und plant eine Mine, die über tausend armen, arbeitslosen Melanesiern endlich die Möglichkeit bietet, ein sauberes Wellblechdach über dem Kopf zu haben und Sonntags mit der Familie im Mc Donald‘s in Noumea etwas anständiges essen zu können. Dass dabei die ganze Bucht rettungslos von giftigem Nickel verseucht wird und die quicklebendigen Riffe kaputtgehen, ist den Franzosen egal. Wie ein Teppich wird die oberste Schicht der Erde von riesigen Baggern zurückgerollt, zerkrümelt, ausgelutscht von einer der grössten Nickelschmelzen der Welt, die ein Konsortium Geisteskranker hier bauen lassen will. Damit Frachtschiffe von hier aus begehrte Nickel abtransportieren können, in die grosse weite Welt der globalen Notwendigkeit; auf dass eines Tages jeder Buschmann sein von einem Nickelcadmiumaccu gespiesenes Handy am Lendenschurz baumeln hat. Und die Börsenkurse für Gnufleisch abfragen kann, bevor er den Bogen spannt.





Bei der Insel Montravel, einer weiteren nichtssagend getauften Insel am Ausgang der Bucht, ändere ich den Kurs, setze die Segel und begrüsse meine Crew, die verschlafen in das Cockpit klettert, weil unser Boot plötzlich Schräglage hat.
Im Canal Woodin begleiten uns kurz Delfine. Linkerhand gleitet die Insel Ouen an uns vorbei. Dieser Name tut fast schon weh, wenn man in Betracht zieht, wie romantisch verspielt und bunt diese Insel ist. Mit verwinkelten Sandstränden und kühlen Bächen, die hie und da ins Meer fliessen. Mit Bergen voll Jade dahinter. Und keinem einzigen Menschen. Nicht mal jemand, der am graben ist.
Am westlichen Ausgang der Meerenge hänge ich die Windfahnensteuerung ein und überlasse dem Boot, sich für die nächsten Stunden selber zu steuern. In der Enfernung kommt die Stachelschweininsel über den Horizont gekrochen und kratzt an den Wolken. Henry sitzt vorne im Bugkorb und geniesst das Auf und Ab in den Wellen. Piran hockt vor dem Mast und sucht den Horizont nach weiteren Delfinen ab. Es hat aber nur Schildkröten, Mantarochen, fliegende Fische, Quallen und Seegras. Sandy liesst im Buch über Schwangerschaft.





Wo werden wir sein, wenn es soweit ist? Unsere Pläne für die Zukunft, die nähere als auch die weitere, drehen sich wie eine Windfahne. Piran ist in Hawaii zur Welt gekommen, mit dem Vorteil, dass er jetzt einen amerikanischen Pass hat. Vielleicht wäre Neuseeland nicht schlecht, überlegen wir uns, dann hätten wir einen kleinen Neuseeländerli. Und von dort zu viert weiter. Unser Boot ist gross genug. Vielleicht nach Tonga und von dort wieder nach Samoa, wo Niu lebt, der freundliche Schulbusfahrer auf der Insel Tutuila, den ich in einer meiner früheren Reiseberichte vorgestellt habe. Er hatte uns den Vorschlag gemacht, dass wir uns auf einem Stück Land, das ihm gehört, ein Haus bauen dürfen und dort bleiben können. Vorausgesetzt natürlich, wir werden brave Methodisten. All diese isten... Haben Jahre auf Hawaii gelebt, in diesem sagenhaften Tal Waipio, wo wir uns frei fühlten, weil es dort keine ...isten gab. Bis wir merkten, dass wir in einem Käfig aus Stacheldraht lebten, den jeder im Tal errichtete, um frei zu sein. Frei von streunenden Pferden, frei von Fremden, frei vom Rest der Welt. Frei nach innen.






Jetzt sind wir innen eingeschränkt, leben auf einer Fläche, die ein Schweizer sonst für seine Küche und sein Bad braucht. Dafür sind wir nach aussen frei, können die Umgebung ändern, den Horizont auswählen. Irgendetwas hat mich magnetisch wieder nach Neukaledonien gezogen, wo ich 1982 schon einmal war. Wo aus einem geplanten Stopover von zwei Stunden sechs ereignisreiche Wochen wurden, die mir die Augen geöffnet hatten. Ich war bis dort mit meiner Bibel, dem Reiseführer, unterwegs und war eine Art am „abhaken“. Sri Lanka (Kandy), Thailand (Phuket), Malaysia (Penang), China (Guilin), Singapur, Indonesien (Bali)... Erst hier wurde ich flügge, verliess die ausgetretenen Pfade, gab dem wirklich unbekannten eine Chance, trampte nach Hienghène, Pouembout, Kala Gomen, obwohl mir alles zuerst etwas komisch tönte.






Reisen tut man immer auch der Sprache nach, den Namen nach, die ein Bild erzeugen, Sehnsucht hervorrufen. Neukaledonien ist da ein Wolf im Schafspelz. Kaum ein Name hier, der ein Bild hervorruft, geschweige denn Sehnsucht. Das einzig Spannende hier ist die Realität. Der von der Rest der Welt unbeachtete Mikrokontinent Neukaledonien, mit seinen vielen Inseln, die aufzuzählen, eine Seite dieses Globetrottermagazins gut füllen würde. Aber alle mit den seltsamsten Namen. Ilot brosse, die Bürsteninsel. Ein Traum. Dasselbe Ilot Infernal, die Hölleninsel - Nomen est Omen – sie ist leer. Was natürlich sein gutes hat. Denn wenn alle anderen Südseeparadise verbaut sind, wird diese Insel vielleicht das letzte sein.





Mit geballten Segeln kratzen wir um die letzte Insel vor Nouma, an unseren bevorzugten Ankerplatz im Herzen der Stadt. Über Handy hat Henry bereits seinem Freund Bescheid gegeben, dass wir kommen. Er steht winkend an Land neben seinem klimatisierten Range Rover. Als wir an Land sind, knutscht er zuerst Henry ab, bevor er sich uns vorstellt. Wir werden von Philippe zu seinem Haus chauffiert. Er ist Direktor der Niederlassung einer französischen Bank.
Die meisten „oreilles“, wie hier die Franzosen genannt werden, kommen bloss wegen den deutlich besseren Verdienstmöglichkeiten. Die meisten wollen gar nicht wahrhaben, dass sie 20000 Kilometer von Paris entfernt sind. Sie ignorieren die Ureinwohner, kaufen im Casino ihren Camembert und ziehen eine Wolke Chanel No.5 hinter sich her, wenn sie die Rue Victor Hugo hochklettern. Auf dass klar ist, dass sie rein gar nichts mit dieser Insel am Diorhut haben. Aber es gibt Ausnahmen!
Ferngesteuert öffnet sich das Tor zu der weissen Villa. Philippe stellt die Alarmanlage ab und bittet uns hinein. Ich stolpere fast über die Spanten, die in gerader Linie quer durch den Gang aufgestellt sind. Die Piroge! Henry hatte uns vorgewarnt.
An den weissen Wänden hängen Karten des Pazifiks. Alte Karten, neue Karten, Strömungskarten, Windkarten, historische Karten mit den Migrationswegen der Südseevölker. Im Salon weitere Karten. Nautische Karten, Karten mit den verschiedenen Bootsformen jeder Südseeinsel, Detailkarten von Fiji, von Samoa, von Tuvalu, von Tokelau, von den Kiribatiinseln, von den Phönixinseln, von den Osterinseln...

„Tu aime le pacifique!“ stelle ich risikolos fest.
„J’adore!“ haucht Philippe und dreht eine halbe Piruette vor den Osterinseln.
„Il va construire cette pirogue!“ erklärt Henry und zeigt auf den Plan eines Fijianischen Katamerans, der an der Wand hängt. Ich betrachte ihn von nahem. Der Katameran sieht etwa zwanzig Meter lang aus, wenn man ihn mit den Menschen auf der Plattform vergleicht.
„Vingt metre?“
„Achtzehn Meter zweiundsechzig!“ präzisiert Philippe. Der Kama, der Ausleger, steht als Gerippe schon da und spannt sich quer durch sein Haus. Wenn er damit fertig ist, kommt der Hauptrumpf, dann die Plattform, dann der Mast, dann die Kündigung, dann die Abreise von Noumea unter Segeln, dann das Leben. Henry nickt schweigend. Das Leben! Dann stopft Sandy unsere dreckige Wäsche in die Waschmaschine und ist froh, dass sie das heute ausnahmsweise kann.





Weitere schöne Bilder aus Neukaledonien:




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Kommentare

  • bikerhans

    Grossartig! Wie alle deine Geschichten! Hans

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Danke, Hans! Eine alte Story von mir, wurde 2001 veröffentlicht im "Globetrotter Magazin", dem Schweizer "Pendant" zum GEO...
    Erlebt und aufgeschrieben 2000, als ich noch glücklicher Familienvater war und glücklicher Eigner eines kleinen extrem problemlosen Schiffes, mit dem ich davor und danach viele grosse Seereisen unternommen habe. Die Liberty haben wir 2008 in Neuseeland einem Norweger verkauft, der das hübsche Schwertboot, das offiziel ein Weekendracer ist (Baujahr 1959), von Neuseeland nach Norwegen gesegelt hat. Es liegt nun in einem Hafen an der Grenze zu Russland...

    Trän... Ich habe nie ein besseres Schiff gesegelt! Total 15000 Seemeilen hat dieses uralte PLASTIKboot uns nie nur annähernd im Stich gelassen, selbst unter widrigsten Bedingungen, die in Neuseeländischen Gewässern legendär sind. Klar aber, dass mir vor Allem meine Familie fehlt, die mich auf den Solomon Inseln, im grossen Nachfolger der "Liberty, stehen gelassen haben, Ende 2008, auch weil wir nicht mehr auf diesem fast kindlichen Traumboot unterwegs waren, das man hier auf den Fotos sieht.

    Es ist also etwas Nostalgie, die ich hier mit GEO-Lesern und Leserinnen teile..."

  • toronto

    super - da weiß ich wenigstens was ich im November zu erwarten habe....auch wenn es nur vier Tage auf der Ile de Pins sind und zwei Tage auf der Hauptinsel.....

  • karinchen

    Kann es sein, das über diese oder andere deiner Reisen was im Fernsehen zu sehen war?
    Die Fotos und der Bericht haben mich auf jeden Fall sehr an ähnlichen erinnert.
    Auf jeden Fall ein super Bericht mit tollen Fotos!
    Auch wenn die "Story" alt ist, NIEMAND kann dir diese Erinnerungen daran nehmen!!!
    Das Leben ist nicht immer Sonnenschein!!-)))
    LG Karin

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