Bärige Begegnung am Chilkoottrail in Kanada

Reisebericht

Bärige Begegnung am Chilkoottrail in Kanada

Reisebericht: Bärige Begegnung am Chilkoottrail in Kanada

Der Chilkoottrail ist heute eine einzigartige Wanderstrecke. Der Kontrast zwischen der grandiosen Szenerie des Küstengebirges, der ständigen Erinnerung an die Zeit vor mehr als 100 Jahren durch zurückgelassene Reliquien und einem gemanagetem Wanderweg machen diesen Trail zu einem einmaligen Erlebnis. Hinzu kam für uns die direkte Begegnung mit einem ausgewachsenem Bären.

Bärige Begegnung am Chilkoottrail Teil 1

In Dyea ist ein Campingplatz, welcher als Ausgangspunkt für die Wanderung ideal ist. Von hier aus ist es eine halbe Meile bis zum Beginn des Trails. Wir schlafen an diesem Morgen etwas länger und sind die letzten, welche das Camp verlassen. An diesem Tag geht es vorwiegend am Taiya River entlang. Das Gepäck ist wieder einmal schwer, doch Sonnenschein erleichtert etwas die Last. Bei gemäßigtem Tempo geht es innerhalb von 5 Stunden die 12,5 km weit bei einem Höhenunterschied von 200 m. Wir entdecken erste Relikte aus der Zeit vor über 100 Jahren (Behälter, Töpfe, Schaufeln, einen Karren zum ziehen, der sich wahrscheinlich als unpraktisch erwiesen hat in dem felsigen Gelände) und eine alte Hütte. Der Fluss ist glasklar und der dichte pazifische Nadelwald mildert die Hitze. Die erste Station, Finnegans Point mit einem Shelter für schlechtes Wetter, war einst ein großes Camp, aufgebaut von Vater Finnegans mit seinen 2 Söhnen. Sie betätigten sich als Fuhrunternehmer und Gastwirte. Von dort haben wir einen phantastischen Blick auf einen blau schimmernden Gletscher. Mit dieser Aussicht weichen wir vom Pfad ab und machen Pause auf einer Steinbank direkt im Fluß. Baden, relaxen, Sonne tanken und Lunch machen ist angesagt. Wir haben keine Eile. Das Etappenziel, Canyon City, ist nur 3 Kilometer entfernt und der Trail ist gut ausgebaut. Holzstege und Brücken führen über beinahe alle nassen Stellen. Vor Canyon City beginnt der gleichmäßige Anstieg in die subalpine Zone. Relikte aus der Goldrauschzeit säumen den Weg: Ofentüren, Kistenbeschläge, Schuhe und Stahlseile liegen hier seit über 100 Jahren. Tragische Szenen spielten sich hier ab: Verzweifelte Menschen, die alles investiert hatten, um bis hierher zu kommen, mußten einsehen, daß sie der Gewalttour nicht gewachsen waren, resignierten, kehrten um und ließen ihre Habseligkeiten zurück.
Ich genieße die urige Blockhütte auf dem Camp mit ihrem Ofen, dem einzigen Platz hier, wo ein Feuer erlaubt ist. Das Nachtlicht (Mitternachtssonne) gibt genügend Helligkeit zum Lesen und die Musik des Flusses spielt dazu. Alle anderen Wanderer sind um 22 Uhr bereits in ihren Zelten und die Essenssachen, Kosmetika sowie der Spiritus für unseren Kocher hängen bärensicher an einem Gestell in luftiger Höhe. Es ist ein buntes Einerlei von Beuteln, Rucksäcken und Tüten. Am darauffolgenden Morgen müssen einige Wanderer erkennen, daß ihre Tüten zwar bärensicher aufgehängt waren, jedoch Squirrels (kleine Hörnchen) und Waschbären geschickte Kletterer sind und Tüten für sie eine leichte Beute darstellen. An wasserdichte Säcke und Rucksäcke trauen sie sich (noch) nicht heran.
04. Juli 2000 - Unabhängigkeitstag der USA
Gold, Gold - Andreas hat Gold gefunden am Frozen River. Er wusch die Steine mit der Pfanne unseres Kochgeschirrs und fand 4 Plätchen Gold. Nichts, um reich zu werden, aber ein schönes Andenken.
Sehenswert ist gleich hinter dem Camp Canyon City, das eigentliche Canyon City auf der linken Seite des Flusses. Eine Hängebrücke führt über den Fluss. Canyon City war einst eine große Siedlung mit bis zu 40 festen Holzhäusern und über 100 Zeltunterkünften. Von hier aus wurde sogar eine Seilbahn über den Summit gebaut, um das Gepäck zum Pass zu bringen. Sie nahm jedoch erst in den letzten Monaten des Goldrausches ihren Betrieb auf. Für 7,5 Cents pro Pfund konnte man seine Sachen nach oben fahren lassen. Zuviel für arme Leute auf der Suche nach dem Gold (Glück) ihres Lebens.
Der Frozen River wurde im Winter als Transportweg genutzt und über die Kaskaden baute man Ladeleitern. 1897/98 dauerte der Weg über den Pass Monate, denn bis zu 30 mal mußten die Goldsucher gehen (!), um die vorgeschriebene Tonne Nahrung und Ausstattung zum Lake Bennett zu transportieren und dies mit jeweils 50 kg auf dem Rücken, wo wir schon über 25 kg stöhnen. Zwischen Frozen Point und dem Pleasant Camp gibt es einen Einschnitt im Gebirge mit Blick in das Tal. Wir nehmen uns die Zeit, gehen den schmalen Nebenpfad und setzen uns auf den Felsen, um die grandiose Aussicht zu genießen. Traumhaft schön, wie auch die Wanderwege mit moosbedeckten Waldflächen, immer wieder rauschenden Bächen und verzauberten Bäumen. Wildtiere sehen wir heute nicht. Sie sind wahrscheinlich alle auf der Party zum Unabhängigkeitstag. Nur ein Eichhörnchen ist zurück geblieben. Endpunkt heute ist Shepp Camp, Kilometer 20,9 und zugleich Startpunkt der schwersten Etappe morgen. Im Shepp Camp gibt es eine Einweisung durch den Ranger zur Einstimmung auf die morgige Strecke. Er weist sowohl auf das Wetter, die Gefahren, die Schwierigkeiten hin, gibt jedoch gleichzeitig Einblicke in die Geschichte des Chilkoottrails durch Erzählungen und Fotos. Zum Abschluß rezitiert er sogar noch einige Poeme von Robert Service über die Golrauschzeit. Eine gelungene Einstimmung für den morgigen Tag.
05. 07. 2000 - Das ist Kanada, das Land meiner Träume
Die Helden liegen im Berggras im vollen Sonnenschein und umgeben von Schneefeldern und genießen den Rest des Tages, eines sehr langen Tages. Wir standen bereits um 04.30 Uhr auf, packten unsere Sachen, frühstückten und waren gegen 05.30 Uhr auf dem Weg, als erste aus unserm Lager. Es wurde der schönste aber auch anstrengenste Teil unserer Tour über den Chilkootpass. Es war taghell, als wir aufbrachen. Aber die Sonne versteckte sich noch hinter den Bergen. Überall rann Wasser von den Hängen in kleinen und großen Wasserfällen. Wir erklommen Stein- und Felswände sowie schneebedeckte Berge. Langsam stieg auch die Sonne empor, welche die Wolken auflöste. Bezaubernd sind die riesigen Schneefelder, über die der Pfad führt und unter denen die Flüsse lang laufen. Dazu die bizarren Figuren und Gestalten, die das Wasser im Schnee hinter läßt. Der schwierigste Teil ist etwa 1,2 km lang und 45 Grad steil. Dabei geht es nur über Felsen und anschließend durch Schneefelder, bevor man den Summit erreicht. Alle Mühe und Anstrengung und der Schweiß lohnt sich für das Gefühl, auf dem Summit zu stehen. Wir haben den Weg geschafft, den Männer und Frauen um 1897/98 zu Tausenden gingen! Hinzu kommt die phantastische Aussicht in das Tal, über die Berge und die problemlose Überquerung der kanadischen Grenze. Auf der kanadischen Seite erwarten uns phantastische Bergseen mit derart klarem Wasser, wie man es weder in der Karibik noch in Deutschland findet. Die letzten 4 Kilometer bis zum Happy Camp verlaufen wie im Trance, geblendet von der überwältigenden Schönheit dieser Gegend und dem Gefühl, die schwierigste Strecke geschafft zu haben.
Ein Bad im Fluß nach unserer Ankunft ist ein unbedingtes Muß, aber auch ein eiskaltes kurzes Vergnügen. Mann, war das Wasser kalt. Ich glaube, es war das kälteste, was ich je hatte.
06.07.2000 - Die Bärenattacke
Die Wanderung vom Happy Camp war wunderbar. Zwar hatten wir kalten Wind und wenig Sonne, doch die Landschaft faszinierte. Wer jedoch dachte, es ginge nur noch bergab, hatte sich mächtig getäuscht. Felsiges Gelände sowie ein ständiges Auf und Ab blieben uns erhalten. Deep Lake Camp, nach 4 km, ist phantastisch gelegen und eine Alternative zum Happy Camp. Der anschließende Fluß mit seinen Stromschnellen wurde von den Menschen um 1900 nur im Winter bezwungen. Ein paar Tollkühne verloren dabei im Frühjahr Boot, Fracht und schon mal ihr Leben. Ein Friedhof in Lindemann City beherbergt so manches dieser Opfer. Lindemann City, am Lindemann Lake gelegen, war in der Blüte der Goldrauschzeit der erste bedeutende Bootsbaustützpunkt mit über 1000 Zelten. Dort, wo heute wieder Wälder stehen, wuchs kein einziger Baum mehr. Alles Holz fiel dem Bootsbau zum Opfer. Aus Bauern und Fabrikarbeitern wurden hier Bootsbauer. Die gesamte Halbinsel ist voller Relikte aus der Goldrauschzeit. Doch nicht nur dies lädt zum Verweilen ein. Der See ist umgeben von hohen Bergen und diese Kulisse stellt jede Postkartenansicht von Kanada in den Schatten. Heute stehen im Lindemann Camp zwei Hütten zum Aufwärmen zur Verfügung, wobei nur die Lower Cabin über einen Ofen verfügt. Darin backen wir unser zweites Brot, welches wir mit Knoblauchdip und scharfen Senf verspeisen. Die Strecke vom Lindemann Camp führt wieder durch pazifische Nadelwälder. Es sind ungefähr 5 Kilometer bis zum Bare Loon Lake, das heutige Etappenziel.



Bärige Begegnung am Chilkoottrail Teil 2

Blick ins Tal Chilkoot

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Bare Lone Lake Camp ist nichts weiter als ein Platz an einem wunderschönen kleinen See mit zwei Toilettenhäuschen, einer Hütte, bei der das Dach fehlt, einem Gestell zum Hochbinden der Sachen und vielen Felsen, zwischen denen wir ein Plätzchen suchen für unser Zelt. Mit uns sind noch 8 andere Wanderer (Kanadier und Amerikaner) hier. Wir haben etwas Zeit und erkunden die Umgebung des Sees. Dabei finden wir ein Kanu mit Paddeln. Das war es! Nach den Strapazen des Laufens mal eine andere Fortbewegungsart. Was für ein Gefühl, im Kanu zu sitzen und das Panorama zu genießen. Als wir mit dem Kanu wieder anlegen, probieren sich auch andere Wanderer an der neuen Art der Bewegung.
Manchmal sollte ich mehr auf meine innere Stimme hören, denn auf dem letzten Teil unserer Wanderung hatte ich das Gefühl, daß heute noch etwas passiert. Beim Kanufund dachte ich, dies wäre das Ereignis gewesen. Weit gefehlt!
Gegen 22 Uhr liegen Andreas und ich in unserem Zelt. Die Essenssachen hängen am Gestell und unsere Rucksäcke stehen im Vorzelt, damit sie bei Regen nicht naß werden. Plötzlich rufen einige Stimmen: "A Bear, a Blackbear!" Sie haben einen Schwarzbären gesichtet. Wir haben auf unserer Reise durch Kanada bereits viele Schwarzbären gesehen und die Stimmen entfernen sich bereits vom Lager, so daß es sich nicht lohnt aufzustehen. Sicherlich ist der Bär bis dahin längst über alle Berge.
Dann der Moment! Ein kleines Geräusch nahe am Zelt. Beim nächsten Geräusch wird die Zeltwand in Sekundenschnelle mit 2 Tatzen aufgeschlitzt. Dazu das Gesicht eines Schwarzbären. Alles findet auf Andreas´s Seite statt. Er rutscht zu mir und ruft:" Klaus tue was, hast du ein Messer?" Er will das Zelt hinten aufschlitzen und flüchten. Ich ergreife meine Trillerpfeife und pfeife so laut ich kann. Der Bär weicht zurück, schaut verdutzt aus einer Entfernung von 3 Metern zum Zelteingang, während wir aus dem Zelteingang gucken. Was für ein Koloß! Noch nie habe ich einen so großen Schwarzbären gesehen. Glücklicherweise zieht er sich nach einem zweiten Pfiff zurück und ist nicht aggressiv, aber er war nah genug. Wir springen aus dem Zelt, sehen dem Bären hinterher, um sicher zu gehen, daß er das Lager verläßt und besehen uns anschließend den Schaden. Eine Tatze hat einen breiten Schlitz im Vorderzelt und eine bei der Schlafkabine hinterlassen. Für uns zum Glück, wurde das Innenzelt nicht zerstört, doch die Krallen waren nur 10 cm von Andreas´s Schulter entfernt gewesen.
Die anderen Camper hatten einen zweiten kleineren Bären beobachtet und können unsere Geschichte gar nicht glauben. Erst die Risse am Zelt und die deutlichen Spuren der Krallen überzeugen sie eines besseren. Allen ist mulmig und unruhig zumute. Darum werden die Zelte dicht an dicht auf einem Felsen postiert und alle Sachen an die Bäume oder das Gestell gehängt. Alle Anwesenden sind angespannt und so wird die Stimmung begleitet von anschließenden Bärenwitzen. Es wird auch vereinbart, daß jeder beim Verlassen seines Zeltes seinen Namen ruft, damit die anderen wissen, daß es kein Bär ist, von dem die Geräusche ausgehen. Aus einer Gruppe unterschiedlicher Menschen unterschiedlicher Nationalitäten wird ein verschworener Haufen. Dennoch schläft niemand ruhig, der harte felsige Boden, das Erlebnis. Ich achte des nachts auf jedes kleine Geräusch, selbst, wenn im Nachbarzelt sich jemand umdreht.
Was hatten wir nur falsch gemacht? Was hat der Bär gerochen? Bären haben eine feinere Nase als Hunde und alles, was irgendwie duftet, ist verlockend für sie. Unser Zelt jedoch stand in der Mitte und anhand der Spuren konnte ich sehen, daß der Bär an anderen Zelten achtlos vorbei gegangen war. Auf einer vorherigen gemeinsamen Yukontour hatten wir 4 Fixpunkte in der Gestalt eines Quadrats entwickelt im Umgang mit Bären. Da ist zum einen das Zelt. 50 bis 100 Meter davon entfernt die Koch- und Feuerstelle. An einem anderen Punkt des Quadrats wird die Verpflegung, Kosmetika und unser Spiritus in die Bäume gezogen (etwa 3 bis 4 Meter hoch). Den vierten Punkt des Quadrats bildet der Platz für unsere Ausrüstung (Rucksäcke) und Kleidung, denn man sollte andere Sachen im Zelt zum Schlafen tragen, als jene, die man zum Kochen trägt. Wir lösten das Problem, in dem wir nur mit Slip bekleidet in die Schlafsäcke krochen. Diese 4 Punkte hatten wir nicht ganz eingehalten, denn unsere Rucksäcke standen im Vorzelt. Da er auf Andreas´s Seite eingedrungen war, muß der Bär dort etwas gerochen haben. War es vielleicht unser Moskitospay, was wir beide benutzen?
Am nächsten Morgen gehen wir dieser Frage noch einmal nach und es stellt sich heraus, daß Andreas das Haarshampoo und sogar Brühwürfel in seinem Rucksack vergessen hatte. Das also war die Ursache unseres nächtlichen Besuches und zugleich eine überdeutliche Warnung für uns.
Beim Frühstück entschließen wir uns, den Cut Off Weg zu nehmen (eine Abkürzung zur Log Kabin, wo unser Auto steht) und nicht mehr zum Lake Bennett zu gehen. Das Zelt tapen wir größtenteils. Wir fühlen uns müde, geschafft und erledigt. Der Schreck von gestern steckt mächtig in den Knochen. Wir verabschieden die anderen Wanderer, gehen noch einmal mit dem Kanu auf den See und ziehen dann los. Unser Gepäck, obwohl seit dem Start leichter geworden, fühlt sich viel schwerer an und der Weg ist beschwerlich, denn zwei Drittel der Strecke geht es entlang der Eisenbahnlinie.
Wir sind froh, den Chilkoottrail bezwungen zu haben. Er ist interessant, abwechslungsreich, abenteuerlich, voller Goldrauschfeeling und einzigartig in seiner Landschaft. Ich traf eine 70 Jahre alte kanadische Frau, welche in diesem Jahr den Trail bereits zum 13. Mal gelaufen ist. Sie erzählte, daß sie jedes mal neue Seiten in sich und im Trail entdeckt.



Summit des Chilkoottrails

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Kommentare

  • reisefreudig

    ...Servus Klaus, nette Story und interessante Unternehmung von Dir, noch nie gehört davon. Ein kleines Ersuchen dazu, hast Du nicht noch einige Bilder von der "tollen" Landschaft ( oder Bären ), wie ich aus deinem Bericht entnehme,
    lg harald ( ich schau noch mal vorbei ).

  • cirrus

    Hey... das war ja eine tolle Erlebnistour.
    Mit den Schicksalen der "Goldjäger",
    mit wunderbarer Natur und natürlich dem
    spannenden Bäreneabenteuer.....
    Du hast es so schön geschrieben,
    daß ich richtig dabei war....
    Danke LG Christel

    UND : Herzlich Willkommen bei uns :-))))

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