Simbabwe: Victoria-Gefälle

Reisebericht

Simbabwe: Victoria-Gefälle

Reisebericht: Simbabwe: Victoria-Gefälle

Luxus und Elend am größten Wasserfall Afrikas -
Die Victoriafälle gehören zu den größten Naturschauspielen im südlichen Afrika. Am Dreiländereck Simbabwe/Sambia/Namibia stürzen die Wassermassen des Sambesi-Flusses auf einer Breite von 1,7 Kilometern in eine mehr als 100 Meter tiefe Schlucht. Es ist der größte Wasserfall Afrikas und zumindest der breiteste der Welt. Erst Mitte des ...

... 19. Jahrhunderts vom britischen Forschungsreisenden David Livingstone entdeckt und nach seiner Königin benannt, sind die Victoriafälle heute die Touristenattraktion Nummer eins in der Region. Das Städtchen Victoria Falls in Simbabwe etwa ist voll und ganz auf den Besucherstrom aus aller Welt eingestellt. Viele wollen an dem Naturschauspiel mitverdienen. Aber kaum irgendwo sonst im Land liegen Luxus und Elend so dicht beieinander, ist das Gefälle zwischen Reich und Arm so groß.



Simbabwe: Regenbogen über den Victoria-Fällen



Simbabwe: Souvenirhändler John...

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„Hello, how are you today?“ Höflich, fast schon zurückhaltend, spricht Souvenirhändler John ein amerikanisches Touristenpaar an, das gerade durch den Torbogen des noblen Victoria Falls Hotels getreten ist. Aus seiner Hosentasche kramt John fünf kleine Tierfiguren: „You want Big Five?“ Die „Großen Fünf“ der afrikanischen Wildnis – Löwe, Leopard, Elefant, Nashorn und Büffel – aus dunklem Holz. Sein Cousin habe sie geschnitzt, alles feinste Handarbeit, sagt er. Die Touristen werfen nur einen flüchtigen Blick darauf und gehen weiter. Aber John weicht ihnen nicht von der Seite. „Only 20 dollars.“ Ein wenig Verzweiflung klingt darin mit, denn er spürt schon, dass es wohl nichts wird mit dem Verkaufserfolg. Und er soll Recht behalten. Wieder einmal.



Simbabwe: "Big Five"...

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Das Leben in Victoria Falls ist hart für Männer wie John. Es gibt einfach zu viele Souvenirhändler und sogar etliche Konkurrenten, die ebenfalls solche hölzernen Big Five unters Touristenvolk bringen wollen. Deshalb sind auch Zweifel angebracht, dass wirklich Johns Cousin die Figürchen von Hand geschnitzt hat. Wahrscheinlicher ist, dass sie industriell gefertigt wurden. Vielleicht sogar "made in China"? Trotzdem nimmt man einem wie John die Geschichte noch am ehesten ab. Auch alles andere, was er erst auf Nachfrage erzählt. Denn John ist irgendwie anders als viele seiner Kollegen. Kein jugendlicher Rotzbengel. Nicht so aufdringlich. Würdevoller. Auch deutlich älter als die meisten. Schon 32. Sein halbes bisheriges Leben hat er nach eigenen Worten mit dem Souvenirhandel verbracht. Dafür ist er vor Jahren von seinem Dorf, 260 Kilometer entfernt, nach Victoria Falls gekommen. Hierher, wo die potenziellen Käufer sind, wo das Leben aber auch teurer ist als anderswo in Simbabwe. Von seinen Einnahmen muss John nicht nur sich selbst durchbringen, er hat auch eine Frau und zwei Kinder zu ernähren. Und die Einnahmen sprudeln bei weitem nicht so üppig wie der nahe Wasserfall. Im Schnitt findet John nur einmal in drei Tagen einen Abnehmer für seine Big Five. Und meist wird der Preis heruntergehandelt. Auf deutlich weniger als 20 Dollar.



Simbabwe: Blick vom Victoria...

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Dabei ist die Einfahrt zum Victoria Falls Hotel der vermeintlich lukrativste Standort für Souvenirhändler wie John. Die Fünf-Sterne-Herberge gehört zu den „Leading Hotels Of The World“ und gilt als erstes Haus am Platz. Gerade mal einen Kilometer Luftlinie liegt sie von den Fällen entfernt. Wer auf der Terrasse gepflegt den Fünf-Uhr-Tee einnimmt, hat den schönsten Blick auf die Brücke über den Sambesi-Fluss, die Simbabwe mit dem Nachbarland Sambia verbindet. Im Hintergrund wabert eine Wolke aus feinsten Wassertröpfchen, die von der Wucht der Victoriafälle mehrere hundert Meter hoch aufgewirbelt werden. Kein anderes Hotel in Victoria Falls kann dieses Panorama bieten – und das seit mehr als hundert Jahren!



Simbabwe: Victoria Falls Hotel

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1904 bereits wurde das Gebäude errichtet. Anfangs diente es als Bahnhof. Der britische Kolonialpolitiker Cecil Rhodes hatte den Eisenbahnbau im südlichen Afrika kräftig vorangetrieben. Sein Traum war eine durchgehende Schienenverbindung von Kapstadt bis nach Kairo. Das Projekt wurde zwar nie ganz verwirklicht, wohl aber die Teilstrecke bis zu den Victoriafällen und weiter über das heutige Sambia bis nach Daressalam in Tansania. Auf diesem Abschnitt liegt auch die Sambesi-Brücke, die 1905 fertig gestellt wurde. Bei der Überquerung des Flusses, so die Idee von Rhodes, sollten die Fahrgäste vom Zugabteil aus den nahen Wasserfall nicht nur sehen, sondern die aufsteigende Feuchtigkeit förmlich spüren!



Simbabwe: Queen Mum zu Gast im...

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Der Plan ging auf. Mit der Eisenbahn kamen die ersten Touristen zu den Victoriafällen, reiche Engländer, die selbst hier, mitten im afrikanischen Busch, auf ihren gewohnten Lebensstil nicht verzichten wollten. Und so wurde das Bahnhofsgebäude schon bald zu einem Nobelhotel umgebaut, das bis heute betuchte Gäste aus aller Welt beherbergt. Hollywood-Größen, internationale Staatsmänner und gekrönte Häupter sind im altehrwürdigen Victoria Falls Hotel abgestiegen. Queen Mum zum Beispiel, die inzwischen verstorbene Mutter von Englands Königin Elizabeth II. Mit großem Gefolge reiste sie an und bezog einen ganzen Flügel des Hotels. Für sie selbst war die so genannte Royal Suite reserviert – nicht nur besonders geräumig und luxuriös ausgestattet, sondern auch mit der schönsten Aussicht aller 161 Zimmer des Hotels. Ihren Aufenthalt hat Queen Mum offenbar sehr genossen. Auf den Fotos vom Besuch der alten Dame, die noch heute die Wände im Foyer schmücken, lächelt sie jedenfalls huldvoll.



Simbabwe: Royal Suite im...

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Aber es muss ja nicht unbedingt die Royal Suite sein. Ab umgerechnet rund 250 Euro pro Nacht gönnen sich auch manche Normalsterbliche ein mit Fünf-Sterne-Komfort ausgestattetes Zimmer in dem Traditionshotel. Der englische Kolonialstil, der elegante Speisesaal, wo afrikanische und internationale Spezialitäten serviert werden, der gepflegte Garten, der große Swimming-Pool – all das sind gute Gründe, um auch mal etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Und nicht zuletzt die Aussichtsterrasse mit dem einzigartigen Panorama!



Simbabwe: Einfahrt zum Victoria...

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Der einheimische Souvenirhändler John allerdings hat diesen Blick noch nie genießen können. Für seinesgleichen ist das Hotelgelände Sperrgebiet. Der uniformierte Wächter vor dem Torbogen sorgt dafür, dass kein Unbefugter das Allerheiligste betritt. Sollte es einer dennoch versuchen, würde er die Polizei rufen. Und die geht mit Leuten wie John nicht gerade zimperlich um. Schon mehrfach musste er vor der Polizei fliehen. Einmal stürzte er dabei und schlug sich die beiden oberen Schneidezähne aus. Die breite Lücke in seinem Oberkiefer wird ihn ewig daran erinnern, denn an Zahnersatz ist gar nicht zu denken bei seinem schmalen Einkommen.



Simbabwe: Warzenschweine im...

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Auch an diesem Vormittag laufen die Geschäfte schlecht. Die nächsten Touristen, die er vor der Hoteleinfahrt anspricht, schütteln ebenfalls nur die Köpfe und gehen genervt weiter. Am Ende der Straße lauern schon Johns jugendliche Kollegen Stevie und Napoleon. John wickelt seine Big Five in ein Tuch und steckt sie wieder in die Hosentasche. Dann setzt er sich in den Schatten einer Akazie und wartet. Ein paar Warzenschweine schnüffeln um ihn herum, ohne wirklich Notiz von ihm zu nehmen. Ob er einen Traum hat? Seine Antwort zeugt von Resignation, aber auch von einem gesunden Realitätssinn, und sie kommt ohne einen Moment des Zögerns: „No.“


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Kommentare

  • agezur

    Sehr gut geschrieben, berührend authentisch! Danke!
    LG Christina

  • Schili

    Tja. Das Verkaufsgebahren speziell in West- und Ostafrika ist allerdings (leider) oftmals von einer solchen Penetranz- verwoben mit zum Teil latenter bis offener Aggression- den Touristen gegenüber geprägt, dass eben diese Touristen keine Lust mehr verspüren, sich überhaupt mit Souvenirhändlern zu beschäftigen. Das ist schade und im - wie hier geschilderten- Einzelfall bedauerlich, aber halt oftmals in Eigenverantwortung geschehen.

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    Trotzdem natürlich ein inhaltlich und stilistisch schöner Bericht. Gruß aus Köln.

  • Steffania

    Ein sehr gut geschilderter Augenblick im Leben eines Händlers in Simbabwe.
    Da ich selber gerade vor ein paar Wochen dort war, habe ich natürlich auch meine Erfahrungen mit den Souvenirhändlern gemacht. Wie bereits in meinem Reisebericht geschrieben, empfand ich die Händler in Simbabwe als viel respektvoller und im Allgemeinen freundlicher. Ich habe mit ihnen in Kenia ganz andere Erfahrungen gemacht, da wurde uns bis auf den Parkplatz mit Holzfiguren hinterhergerannt. Ein Nein wurde schwer akzeptiert. Ganz anderes habe ich es in Simbabwe erfahren.
    LG Steffi

  • matulr

    Ein beeindruckender Kurzbericht, der die Zerrissenheit der menschlichen Existenz exakt auf den Punkt bringt!

    Ich war im August 2012 auf der zambischen Seite der Fälle und weiss um die schwierige Existenz der Menschen auf der zimbabwischen Seite, da ich die Region seit mehr als 20 Jahren bereise. Auf der Victoria Falls Bridge begegneten mir auch Kunsthändler aus Zimbabwe. Sehr widerspenstig kaufte ich einen Kupferarmreifen, um dem Händler sein offensichtlich sehr schlechtes Geschäft etwas aufzubessern. Ich kaufe eigentlich seit vielen Jahren keinerlei Souvenir mehr und den Armreif brauche ich wirklich so dringend wie ein Loch im Kopf. Ich habe einem Mann (und damit seiner ganzen Familie) einen Tagesverdienst und damit einen vollen Kochtopf beschert.
    Leider gibt es allein in Zimbabwe mehrere Millionen Menschen in vergleichbar schwierigen Lebensumständen. Es handelt sich um ein prinzipiell unlösbares Problem. Bleiben die Touristen weg (und genauso war es in Zimbabwe vor nur drei Jahren!), sind sogar diese nur spärlich tröpfelnden Einnahmequellen weg.

    Gratulation zur Veröffentlichung auf der Titelleiste!
    Herzliche Grüsse aus Tübingen,
    ULI

    P.S. Mein Reisebericht über Zambia folgt - hoffentlich noch vor Ende des Jahres. Allerdings berichte ich nicht von Menschen...

  • mamaildi

    Wie kann man den Fokus der Leser besser auf ein Problem richten als durch Schilderung eines Einzelschicksals? Die Situation "genervter Tourist wimmelt aufdringlichen Souvenirverkäufer ab" hat wohl jeder der Leserschaft hier schon erlebt. Und so dürftest du auch jeden hier aufgerüttelt haben mit der Sichtweise von der anderen Seite, die ja das Schicksal Tausender beschreibt.
    Wer da nicht nachdenklich wird - well done!
    LG Ildiko

  • doubleegg

    Natürlich nervt es, wenn man im uns heiligen Urlaub immer wieder von Händlern und Bettlern belästigt wird. Doch wer in der Lage ist, 250 Euro pro Nacht ausgeben zu können, sollte auch mal grundsätzlich drüber nachdenken im Rahmen seiner Möglichkeiten zu helfen. Der Bericht macht den Leser zum Mitwisser, vielleich sogar MItfühlenden - und das ist gu so! Herzlich Elke

  • Schili

    Ich "helfe" niemandem, indem ich ihm maßlos überteuerten China-Kram abkaufe. Schon gar nicht, wenn zum Teil damit einhergehende aggressive Penetranz dadurch auszahlt, dass ich - nun um meine Ruhe zu haben und mein Gewissen ein wenig zu beruhigen - genervt aufgebe und halt NICHT ein Produkt zu einem fairen Preis erwerbe. Ich kaufe auch in Deutschland keinem aggressivem Bettler in Köln ne Plastikkuckucksuhr made in Taiwan ab....
    Ich bin weder geizig noch herzlos. Und während meiner Urlaubsaufenthalte verdient die Bevölkerung immer und grundsätzlich an mir. Aber ich weigere mich einfach ein falsches Zeichen zu setzen. Meine Auffassung von Hilfe sieht anders aus. Sorry, ich wollte hier keine Grundsatzdiskussion lostreten. Das steht mir nicht zu und das hat dieser tolle Bericht nicht verdient. Gruß aus Köln.

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  • sfintu (RP)

    Es freut mich, dass ich hier so eine rege Diskussion angeregt habe. Und ich finde, ihr habt alle irgendwo Recht. Ich persönlich kaufe grundsätzlich nichts, was ich absolut nicht gebrauchen kann. Höchstens mal ein T-Shirt oder so. Es ist auch keine Frage des Geldes, denn egal wieviel man hat, allen kann man sowieso nichts geben. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass man mit einem Kauf die Händler nicht loswird, sondern im Gegenteil noch mehr von ihnen anlockt. Trotzdem tat mir dieser John irgendwie Leid, weil ich ihn für eine ehrliche Haut hielt und er eben auch nur leben wollte. Alles hat eben seine zwei Seiten...

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