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Reisebericht: Fünf Tage in den Cinque Terre
Pastellfarbene Häuser, abenteuerlich verschachtelt auf den Fels gebaut. Winklige Gassen, Treppenwege und Torbögen. Terrassenförmig angelegte Weinberge, bunte Boote und jäh ins Meer stürzende Felsformationen. Viel gerühmte Wanderwege. Die mediterrane Bilderbuchlandschaft der Cinque Terre wartete in diesem Sommer darauf, von unserer fünfköpfigen Familie entdeckt zu werden.
Stufenweise Begegnung mit einer Bilderbuchlandschaft
Nach ausführlicher Lektüre im Vorfeld des geplanten fünftägigen Aufenthalts in Riomaggiore, dem von der Hafenstadt La Spezia aus betrachtet ersten der fünf pittoresken Küstendörfer an der ligurischen Riviera, starten wir die Reise mit durchaus gemischten Gefühlen: Im Jahr 1997 wurden die Cinque Terre von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, und die Beschreibungen lassen geschlossene, ästhetisch intakte und unverbaute alte Dorfsiedlungen erwarten. Andererseits sollen die malerischen Orte inzwischen touristisch ziemlich überlaufen sein. Nun, wir wollen uns unser eigenes Bild machen und lassen uns überraschen.
Wir parken das Auto auf einem kostenlosen Platz in La Spezia, marschieren mit unserem Gepäck zum Bahnhof und nehmen den ersten Zug in Richtung Levanto. Nur sieben Minuten dauert die Zugfahrt nach Riomaggiore, davon geht es circa fünf durch einen Tunnel. In unserem Waggon ist das Licht ausgefallen und es herrscht schwarze Nacht – bis plötzlich für Sekunden auf einer Seite das Meer zu sehen ist. Noch ein kurzes Stück weiter im Dunkeln, dann ist unser Ziel erreicht. Wir steigen aus und sind überwältigt. Einen Bahnhof in solcher Lage haben wir noch nicht gesehen: Direkt vom Bahnsteig aus könnte man etwa fünfzehn Meter tief ins glasklare, blaue Meer springen. Über den Tunnels auf beiden Seiten des Bahnhofs erheben sich steile Felshänge, darüber blühende Gärten und Häuser. Nach diesem grandiosen ersten Eindruck rumpeln wir mit unseren Trolley-Koffern durch den Fußgängertunnel zum Ortskern von Riomaggiore. Nun gilt es, sich zu orientieren und die Ferienwohnung zu finden. Wir laufen ein Stück die Hauptstraße hoch, und während der Gatte noch mit dem Navigationsgerät im Fußgänger-Betrieb hantiert, entdecke ich an einer Hausecke ein Straßenschild mit der Aufschrift „Via Sant‘ Antonio“. Von hier führt eine schmale, steile Treppe nach oben. Etwas skeptisch schleppen wir das Gepäck hinauf, biegen nach links in ein Gässchen, gehen in dessen Verlauf wieder einige Stufen runter und, plumps, sitzt der Familienvater auf dem Hosenboden. Noch ein paar Meter weiter, dann sind wir am Ziel. Unsere Vermieterin führt uns ins Haus und – wie könnte es anders sein – eine Treppe hinauf. Und noch eine Treppe und noch eine. Etage um Etage hieven wir unsere Rucksäcke, Koffer und eine Kühltasche durch das enge Treppenhaus des fast 500 Jahre alten Gebäudes und beziehen schließlich das vierte (Schlafzimmer der Kinder), fünfte (Elternschlafzimmer und Bad) und sechste Stockwerk (Küche/Esszimmer). Hier oben, in herrlicher Lage, befindet sich auch ein Balkon, der in den nächsten Tagen unseren Lebensmittelpunkt darstellen wird.
Aussichtsreich: der Blick vom Balkon
Drei „Fernseh“-Programme haben wir vom Balkon unserer Ferienwohnung in Riomaggiore: Das erste zeigt rechterhand das Mittelmeer, wo sich der Blick wahlweise am weiten Horizont verliert und man buchstäblich die Erdkrümmung wahrzunehmen vermeint. Oder – deutlich näher – die Ausflugsboote, die tagsüber in regelmäßigen Abständen amerikanische oder chinesische Touristengruppen an Land spülen. Alternativ kann man auch einfach die Brandung beobachten, die sich an einem unserer Urlaubstage gewaltig an dem zum Schutz des kleinen Hafens errichteten Felsendamm bricht.
Schauen wir nach links, bietet sich ein malerisches Panorama in den Ort mit seinen abenteuerlich verschachtelten Häusern, die sich in verwitterten Pastellfarben auf beiden Seiten des engen Tales als Gesamtkunstwerk präsentieren. Oberhalb des Dorfes erahnt man die kurvenreiche Landstraße, und im Hintergrund erheben sich bis zu 800 Meter hoch die Berge des Apennin.
Beim Blick geradeaus - auf die gegenüberliegende Seite des Ortes - können wir die einheimischen Dorfbewohner bei der Pflege ihrer liebevoll angelegten, mediterranen Gärten beobachten sowie das Leben, das sich hier offenbar vorwiegend auf den Balkonen abspielt: Auf dem einen hängt eine italienische Mama die Wäsche auf, auf dem nächsten verkauft jemand seine frisch geernteten Tomaten vermutlich an die Nachbarn, und auf dem dritten haben sich vier junge Frauen – offensichtlich Touristinnen – zu einem romantischen Abendessen bei Kerzenschein zusammengefunden. Mit dem Teleobjektiv können wir sogar sehen, was es zu essen gibt. Als ich auf einem weiteren Balkon zwei halbwüchsige Jungs Fußball spielen sehe, denke ich gerade noch, „wenn jetzt der Ball übers Geländer fliegt, müssen die aber weit laufen“, und schon ist es passiert: Wie der Blitz stürzen die Ragazzi ins Haus. Nun sehen wir sie nicht mehr, können uns aber bildhaft vorstellen, wie sie die vielen Treppen hinunterflitzen und auf der abschüssigen Gasse nach dem Ball suchen. Ob sie ihn wiedergefunden haben, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber wir wünschen es ihnen von Herzen!
Da keines der vielen Touristenrestaurants eine so großartige Aussicht bietet wie unser Balkon und wir, nebenbei bemerkt, nicht bereit sind, für eine Portion Spaghetti mit Pesto Genovese zehn Euro zu bezahlen, essen wir nicht à la carte, sondern „a la casa“. In den kleinen Dorfläden kaufen wir frische Pasta, Pesto, Tomaten, Fenchel, Pecorino und Prosciutto sowie allerlei andere italienische Köstlichkeiten, die uns das einzigartige Panorama auch noch kulinarisch versüßen. Dazu ein trockener Cinque Terre Weißwein und zum Abschluss ein Gläschen Limoncino, das wir beim Anblick der Zitronenbäume am gegenüberliegenden Hang doppelt genießen. Wir fühlen uns wie Gott in … Italien. Da in Riomaggiore – wie auch weitgehend in den anderen Orten der Cinque Terre - keine Autos oder Mopeds fahren und es keine Hotels oder Bars mit dröhnender Disco-Musik gibt, beschränkt sich die Geräuschkulisse auf das Rauschen des Meeres, des Windes und das fröhliche Lärmen der bis spät am Abend auf den Gassen spielenden Kinder.
Erlebnisreich: ein Wandertag
Zum Pflichtprogramm des Cinque Terre Besuchers gehört natürlich der – kostenpflichtige – Spaziergang auf der Via dell‘ Amore, dem Weg der Liebenden, der die Orte Manarola und Riomaggiore verbindet. Von manchen despektierlich „Autobahn“ genannt, ist dieser bestens ausgebaute und gesicherte Weg dennoch sehr schön und romantisch. Natürlich ist man hier beileibe nicht allein unterwegs, aber man steht auch nicht „im Stau“. Gemeinsam mit Menschen vieler Nationalitäten genießen wir die herrliche Landschaft, den Ausblick aufs Meer, staunen über die unzähligen bunten Schlösser mit den eingravierten Namen von Liebespaaren und machen die obligatorischen Fotos.
In Manarola bewundern wir einige waghalsige Klippenspringer, die von einem über zehn Meter hohen Felsen in der Bucht zum Teil kunstvolle Sprünge ins Wasser zeigen. Mit offenen Mündern stehen etliche Passanten am Ufer, erwarten mit Spannung den nächsten Springer, applaudieren. Wenn das nur immer gut geht!
Da es um die Mittagszeit recht heiß ist und wir keine Hardcore-Wanderer sind, fahren wir mit dem Zug nach Vernazza, um von dort zu Fuß nach Monterosso zu gehen. Nachdem diese beiden Dörfer am 25. Oktober 2011 durch Überschwemmung und Erdrutsche schwer beschädigt wurden, sind die Aufräum- und Reparaturarbeiten im Sommer 2012 weitgehend abgeschlossen. Auf der Wanderung kommen wir allerdings an zwei Häusern vorbei, denen die verheerende Naturgewalt auf beklemmende Weise anzusehen ist: Sie wurden quasi in der Mitte auseinandergerissen, die eine Hälfte weggespült, der Rest steht wie ein Mahnmal samt Einrichtung direkt an dem beliebten Wanderweg.
Um die rund 250 Höhenmeter dieses landschaftlich wunderschönen Weges zu überwinden, geht es zunächst einmal schier endlos treppauf. Hat man diesen schweißtreibenden Aufstieg erst mal geschafft, wird man mit einem fantastischen Panorama belohnt. Weiter geht es dann in der Höhe relativ eben auf einem sehr schmalen Pfad, der von einer vielseitigen Flora gesäumt ist. Der Abstieg nach Monterosso führt – ebenfalls über Treppen - durch die terrassenförmig angelegten Weinberge.
Erfrischend: ein Bad in der Felsenbucht
Nach der Rückkehr mit dem Zug nach Riomaggiore freuen sich die Eltern ebenso wie die Teenies auf eine Erfrischung im Meer. An schroffen Felsen vorbei führt der Pfad vom Ortskern zu unserer kleinen Badebucht. Doch der Weg zum Wasser ist steinig: Vorsichtig balancieren wir über die großen, vom Meer rundgeschliffenen Kiesel. Zuletzt ein beherzter Sprung, dann wird der Schweiß des Tages endlich abgespült. Gründlich abgekühlt, legen wir uns anschließend auf die warmen, interessant geformten Felsen und genießen entspannt die Abendstimmung in der Bucht – bis wir schließlich wieder über die ungezählten Treppen zu unserer Ferienwohnung und zum wohl verdienten Abendessen auf unserem geliebten Balkon marschieren.
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Ich habe fast jede Ecke Italiens gesehen, jedoch die mediterrane Bilderbuchlandschaft der Cinque Terre bisher tatsächlich noch nicht. Auch deshalb habe ich mich gefreut, diesen schönen und anschaulichen Bericht von Dir lesen zu dürfen, der mir diesen Teil des Landes wieder ein Stück näher gebracht hat. Vielen Dank.
LG Ursula
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