Mit der Freundschaftsgesellschaft in Vietnam

Reisebericht

Mit der Freundschaftsgesellschaft in Vietnam

Reisebericht: Mit der Freundschaftsgesellschaft in Vietnam

Vom 24. Dezember 2010 bis zum 15 Januar 2011 reise ich mit der Freundschaftsgesellschaft vom Norden nach Süden durch Vietnam und anschließend nach Kambodscha. Dabei werden wir diese mir bisher noch so fremde Kultur näher kennenlernen und auch Spenden für einige Projekte übergeben. (Informationen zur diesjährigen Reise, einschließlich Anmeldemöglichkeit, findest Du unter www.fg-vietnam.de

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1000 Mark für Onkel Ho

Sommer 2010 - Ein Blick zurück

Vor über 40 Jahren tobte in Vietnam ein barbarischer Krieg und die Sympathien der Welt galten meist dem kleinen, tapferen Volk der Vietnamesen, die sich gegen die gewaltige Militärmaschinerie der Amerikaner erfolgreich verteidigten. Nicht nur John Lennon und die vielen demonstrierenden jungen und alten Menschen in der alten Bundesrepublik setzten sich für einen Frieden ein, auch wir Jungen Pioniere aus der DDR übten damals Solidarität, indem wir Altstoffe (ja, damals nannte man Papier und leere Flaschen noch so) sammelten und die daraus erzielten Erlöse spendeten.
Am 22. April 1969 gehörte ich zu einer Delegation unserer Schule, die anlässlich des bevorstehenden Geburtstages von Ho Chi Minh in die vietnamesische Botschaft nach Berlin Karlshorst fuhr, um 1000 Mark zu übergeben. An die offiziellen Reden kann ich mich nicht mehr erinnern, aber daran, dass ich dort zum ersten Mal Grünen Tee trank.

Genau daran musste ich denken, als ich vor einigen Monaten mal wieder im Internet blätterte und wie der Link-gesteuerte Zufall so spielt, bei einem Text über die Opfer von Agent Orange landete. Von dort aus war es dann nicht mehr weit zu den anderen Informationen der Freundschaftsgesellschaft Deutschland – Vietnam (www.fg-vietnam.de) und als ich die Beschreibung der letzten Studienreise gelesen hatte, stand mein Entschluss fest: Ich schau mal nach, was aus den 1000 Mark von damals inzwischen geworden ist.

Wenn ich eine weitere und auch längere Reise plane, sind für mich Sandstrände, Sonnenuntergänge und Teller voller deutscher Delikatessen eher unwichtig. Mich begeistert mehr, wenn ich Orte entdecken kann, in denen noch Kultur und Geschichte zu erleben sind, wie es sie in einigen Jahren dort vermutlich nicht mehr gibt, weil dann auch dort die Ferienflieger ihre lüsterne Last abwerfen und Pommesbuden die so ‚unzivilisierten‘ Straßenhändler verdrängt und gegen reingewaschene Versionen ausgetauscht haben. Vielleicht ist es Nostalgie, vielleicht Neugier, vielleicht auch die Lust auf Abenteuer, die mich ständig dazu treibt, die faszinierende Welt des Anderen zu suchen.



Schneechaos und Flugausfälle

Montag, 20. Dezember 2010

Mittlerweile bin ich Mitglied der deutsch-vietnamesischen Freundschaftsgesellschaft, habe bei einem Treffen in Marburg die anderen Mitglieder unserer Delegation kennengelernt und warte gespannt darauf, dass der Flieger in Richtung Hanoi abhebt.

Das Wetter der letzten Tage ist leider etwas beunruhigend – hunderte Flüge wurden wegen der Schneemassen gestrichen.

Dienstag, 21. Dezember 2010, 8:05 Uhr

In den Nachrichten kam die Meldung, dass der Frankfurter Flughafen den Flugverkehr komplett eingestellt hat. Glücklicherweise ist noch etwas Zeit bis zu meinem Abflug am Freitag. Am Donnerstag fahr ich erst einmal mit dem Zug nach Weimar und Freitag dann weiter nach Frankfurt.



24.12.2010

Start?

Leider nicht! Zwar hat die Zugfahrt von Weimar nach Frankfurt wunderbar geklappt und die Bahn mich mit Pünktlichkeit überrascht, aber wir können nicht abheben weil es einen Schaden am Fahrwerk gab. Erst sitzen wir stundenlang in unserem Flieger am Rande des Rollfeldes fest und dann bringen uns Busse zum Marriott Hotel in Frankfurt. Natürlich ist es ärgerlich, aber wenn alle sich nach besten Kräften bemühen, eine Lösung zu finden, hilft es auch nicht, wenn einige Mitreisende sich lautstark darüber aufregen, dass es so langsam geht. Wenn fast 350 Leute gleichzeitig und unangemeldet einchecken wollen, kann es schon einmal etwas länger dauern. Und dass das Hotel uns Allen um 22 Uhr auch noch ein großes, warmes Buffet aufbaut, ist auch eine gute organisatorische Leistung.



25.12.2010

Der Sonne entgegen

Unter mir die Wattewolken und vor mir der Tag. Endlich, wenn auch fast einen ganzen Tag verspätet, sind wir auf dem Weg nach Vietnam und Ungewissheit, Anspannung und Sorgen der letzten Tage sind vergessen. Ich sehe nur noch nach vorn und freue mich darauf, dieses Land zu entdecken. Dass wir gestern bei der Fahrt zur Startbahn eine Reifenpanne hatten, kann ja mal vorkommen. Dafür habe ich den Weihnachtsabend dann erst im Flieger und anschließend im Marriott Hotel Frankfurt verbracht. Sicher eine Variante, wie man sie in seinem Leben nicht allzu oft erlebt. Übrigens: nach vorn blicken kann ich dank Monitor und der Cockpitkamera recht gut.

Die Gespräche um mich herum sind gedämpft, meine Nachbarn lesen in Zeitungen und Reiseführern oder geben sich mit Kopfhörern dem Videoprogramm hin. Ruhige Normalität zieht ein. Ich stelle meine Uhr sechs Stunden vor und lausche auf das gleichmäßige, schläfrig machende Brummen der Turbinen.

Der Vietnamese an sich, so wie man ihn ja auch gelegentlich in Deutschland trifft, ist eher etwas kleiner und meist auch zierlicher als der Durchschnittsdeutsche. Vielleicht kommt daher das Gefühl, Vietnam wäre klein und es gäbe auch nicht allzu viele Einwohner. Aber dieser Eindruck täuscht, es ist etwa genau so groß wie Deutschland und auch die Bevölkerungszahl ist nahezu gleich. Und trotzdem ist es so anders: schon das Klima, welches mich in Hanoi mit etwa 20 und später dann in Ho Chi Minh Stadt mit fast 30 Grad erwarten wird. Aber noch spannender ist diese Kultur, die durch so viele Einflüsse geprägt wurde – Buddhismus, Hinduismus und auch das starke Wirken des nördlichen Nachbarn China mit seinem konfuzianisch geprägtem Verwaltungswesen haben ihre Spuren hier hinterlassen. Alles zusammen ergibt eine Mischung, wie ich sie mir interessanter kaum vorstellen kann. Und die Menschen erst. Durch unseren unfreiwilligen Aufenthalt in Frankfurt kam ich während des Wartens mehrmals mit deutsch sprechenden Vietnamesen aus unserem Flugzeug ins Gespräch und war immer wieder über ihre Offenheit überrascht. Besonders gern haben sie von ihren Kindern erzählt, aber genauso gern auch von ihrer sonstigen Familie und auch der Arbeit. Diese Erfahrung bestätigen mir auch die vielen Beschreibungen, die ich in den letzten Wochen über Vietnam gelesen habe. Immer ein Lächeln im Gesicht…

Ich öffne die Augen und Blicke in das Lächeln der Stewardess. Sie weckt mich sanft und mit dieser Freundlichkeit im Gesicht fragt sie nach meinem Getränkewunsch. Meine Muskeln schlafen noch und während ich mich munter-rekle sehe ich, dass es draußen inzwischen schon dunkel ist, wir also bald unser Ziel erreichen werden. In Deutschland ist es Zeit für das Abendessen und in Hanoi ist gerade der neue Tag angebrochen.

Durch die Panne geht uns jetzt leider ein ganzer Tag unseres Programmes verloren – Literaturtempel, Cyclo- und Stadtrund-Fahrt werden wohl genauso gestrichen, wie der Besuch im Ho-Chi-Minh-Mausoleum. Die geplante Visite bei der Einbaumpagode werden wir aber sicher irgendwie nachholen, denn dieses originelle Bauwerk ist das Logo der Vietnamesischen Freundschaftsgesellschaft und somit Pflicht im Besuchsprogramm.

Hanoi, 05:15 Uhr Ortszeit
Ich bin endlich in meinem Zimmer.
Der Rest verlief unproblematisch. Bei der Fahrt vom Flughafen zum Hotel begegnen mir die ersten Mopedfahrer mit Schweinen, 1000 Eiern und Wohnzimmereinrichtungen auf dem Gepäckträger.



26.12.2010

Ho Chi Minh und Wasser-Puppen

Jetzt gönne ich mir erst einmal zwei Stunden Schlaf und danach ein ausgiebiges Frühstück in aller Ruhe. Einige aus unserer Delegation nutzen auch die Gelegenheit zum Ausruhen, Andere gehen lieber etwas in der näheren Umgebung spazieren und schauen den älteren Damen im Park bei ihrem Frühsport zu.

Weil uns ja ein ganzer Tag fehlt wird nun unsere ganze Planung umdisponiert und wir versuchen so viele Teile wie möglich in dem neuen Plan unterzubringen. Entgegen meinen Erwartungen ist unsere erste Station das Mausoleum von Ho Chi Minh, dem Staatsgründer und charismatischen Führer im Kampf gegen fremde Besatzungsmächte. Er war ein sehr bescheidener Mensch und hatte sich immer gegen jegliche Art von Personenkult ausgesprochen, aber als er dann 1969 mitten im Krieg gegen die Amerikaner starb, setzten sich dann doch einige Hardliner durch und ließen ihm ein großes Mausoleum errichten, in dem er auch heute noch aufgebahrt die Verehrer aus der ganzen Welt an sich und den vielen paradeuniformierten und bewaffneten Wächtern vorbeiziehen sieht.
In welchem Kontrast steht dazu sein bescheidenes Wohnhaus, das er sich im Garten des Präsidentenpalastes errichten ließ: nicht Gigantomanie in Granit, sondern Schlichtheit und Offenheit in Glas und Holz.

Auch noch auf dem Gelände der Ho-Chi-Minh-Verehrung gelegen besuchen wir die Ein-Säulen-Pagode, ein buddhistisch geprägtes Heiligtum, welches auch zum Logo der Freundschaftsgesellschaft wurde. Dort stellen wir uns dann auch zum obligatorischen Gruppenfoto auf, werden dann aber auch gleich weiter getrieben zum nächsten Punkt auf unserer Liste, dem Literaturtempel.

Diese parkartige Tempelanlage ist ein Ruhepol im quirligen Treiben der Großstadt und war früher ein Zentrum der konfuzianischen Lehren. Hier wurden die Beamten geprüft und die besten Schüler geehrt. Ich konnte beobachten, dass diese Anlage und besonders die Altäre in den Tempeln auch heute noch von vielen Vietnamesen verehrt werden. Mehrmals sehe ich auch junge Leute sich vor einem der Altäre verneigen.

Während unseres Mittagessens unterhalten uns zwei junge Musiker mit vietnamesischen Instrumenten. Schade nur, dass auch sie der Meinung sind, uns mit irgendwelchen europäischen Schlagern oder auch klassischen Evergreens mehr zu erfreuen, als mit original vietnamesischer Musik.

Für das Ethnologische Museum gibt uns unser Reiseleiter nur eine halbe Stunde. Auch wenn das Museum selbst nicht sehr groß ist, reicht die Zeit mir nicht aus, auch noch die kurzen Beschreibungen zu den Exponaten zu lesen. Außerdem werde ich nach ein paar Minuten durch laute und diesmal echte vietnamesische Musik abgelenkt. Im am Haus gelegenen kleinen Park werde ich dann Zeuge einer Demonstration eines Wasser-Puppen-Theaters. Auch wenn ich keinen Text verstehe, sind diese an langen Holzstangen geführten Puppen doch eine sehr originelle Erscheinung.

Der Bus wartet schon und bringt uns in das Zentrum zum Thang Long Wasser-Puppen-Theater, wo wir eine Aufführung dieser einzigartigen Kunstform erleben.

Mit den traditionellen Cyclos, die heute fast nur noch von Touristen genutzt werden, fahren wir zurück zum Hotel. Dabei lernen wir die Innenstadt aus einer sehr interessanten Perspektive kennen - einerseits langsam und halbwegs bequem durch Straßen und Gassen vorbei an den unzähligen kleinen Geschäften und Straßenhändlern, andererseits mittendrin in dem scheinbar chaotischsten Verkehr, den ich je erlebt habe und der bei jedem Europäer einige Adrenalinschübe auslöst.

Das gemeinsame Abendessen im französischen Kulturzentrum beendet dann den offiziellen Teil dieses sehr, sehr langen Tages.

Bis zum Hotel sind es weniger als fünf Kilometer, so dass ich auf die Fahrt mit dem Bus verzichte und lieber einen kleinen Verdauungsspaziergang quer durch das Stadtzentrum unternehme. Einige Andere aus unserer Gruppe denken auch so und so spazieren wir gemeinsam los. Natürlich kennen wir den Weg nicht genau und haben nur einen schlecht kopierten Stadtplanauszug. Da ich mangels Sonne die Nordrichtung nicht so einfach bestimmen kann, müssen wir für eine erste Orientierung erst einmal jemanden fragen. Gern gibt uns der erste Uniformierte, dem wir begegnen, Auskunft. Aber nachdem wir einige hundert Meter in die vorgeschlagene Richtung gegangen sind, trauen wir dem nicht mehr und fragen den nächsten Uniformierten. Dieser ist wenigstens ehrlich und gibt zu, dass er den Weg nicht weiß. Glücklicherweise stehen aber noch mehrere junge Leute um ihn herum und eines der Mädchen beginnt eine lange wortreiche Beschreibung. Zumindest die von ihr gewiesene Richtung deckt sich mit unseren eigenen Vermutungen, so dass wir erst ein Stück zurück gehen und dann abbiegen.
Schon von Weitem erkennen wir den See, von wo aus der restliche Weg ganz einfach zu finden ist. Am Ufer ist fast jede Bank besetzt mit jungen Menschen, erst eine ganze Reihe Paare, dann einzelne junge Männer und am Ende des Sees dann die noch allein sitzenden jungen Mädchen. Wäre bestimmt spannend, dieses Spiel eine Zeitlang zu beobachten, aber wir ziehen weiter.
Unser Weg führte uns an der Japanischen Brücke vorbei, deren Zugang um diese Zeit leider schon geschlossen ist. Anders die vielen Stände in der nächsten Straße – pulsierendes Leben, bunte Farben und dampfende Garküchen. Normalerweise hätte ich bei den vielen Händlern erwartet, dass ich mich kaum vor deren Angeboten retten kann, aber in Vietnam wird ein Nein relativ schnell auch akzeptiert. Man hat verschiedene Möglichkeiten, auf die Offerten zu reagieren:
Erste Variante: Von Anfang an wegsehen. Dann wird man nicht behelligt.
Zweite Variante: Kurz hinsehen, der Verkäufer kommt näher und spricht dich an. Deutlich Nein sagen und intensiv den Kopf schütteln. Der Verkäufer zieht sich sehr schnell zurück.
Dritte Variante: Das Angebotene könnte eventuell interessant sein. Also fragt man nach dem Preis und nun muss man sich entscheiden – feilschen oder weg. Die Preise in Vietnam unterliegen keiner staatlichen Vorgabe mehr und so ist ein Verhandeln um den Preis durchaus üblich. Wenn man dann auch noch wie ein Ausländer aussieht, kann man damit rechnen, dass die genannte Zahl ungefähr dem Doppelten eines realistischen Preises entspricht. Wenn die Hälfte also akzeptabel ist, kann man sich auf das oftmals lustige Verhandlungsspiel einlassen. Vietnamesische Verkäufer verstehen dieses aber auch sehr gut und können sehr dramatisch ihre Bestürzung zum Ausdruck bringen, wenn man einen niedrigen Vorschlag macht. Normalerweise muss man später aber keinen schlechtes Gewissen haben, dass man damit eine vietnamesische Familie in den Ruin stürzt, denn wenn der endgültige Preis für den Verkäufer wirklich zu schlecht ist, dann heftet er sich solange an die Fersen, bis ein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt wurde. Notfalls bietet man die Rückabwicklung an und kann dann an der Reaktion erkennen, ob es nur ein Schauspiel seitens des Verkäufers ist.
Nebenbei bemerkt sind die meisten Preise in Vietnam so niedrig, dass man auch ruhig ab und zu einmal mehr zahlen kann als ortsüblich ist und damit trotzdem günstiger wegkommt als in Deutschland.


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Kommentare

  • rrobby

    Hallo!
    Ich habe Vietnam im Winter 1997/98 vier Wochen lang auf eigene Faust bereist. Es war eine tolle Reise, das Land war touristisch noch nicht erschlossen, noch sehr ursprünglich. Eine Reise, an die ich immer wieder gerne zurück denke.
    Ich wünsch Dir eine gute Reise
    LG Robert

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