Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben.
Reisebericht: Istanbuler Männerträume
Istanbuler Männer träumen von schnellem Autofahren, natürlich von Fussball, Angeln auf der Galatabrücke und vermutlich auch manchmal ein wenig bei der Verschnaufpause.
Vor allem schnell
Die beste Partnerin von allen und ich haben auf unserer Wohnmobilreise einen Motorroller dabei, den wir in grösseren Städten gerne benutzen: Zum einen ist das wesentlich unauffälliger als das knapp acht Meter lange Reisemobil, zum anderen können wir so auch ausserhalb einer Stadt parken und diese trotzdem bequem erreichen. In Istanbul «wohnen» wir zwar sehr zentral an der Sultanahmet-Moschee, doch auch hier ermöglicht die kleine Piaggio, die Stadt hautnah zu erleben. Manchmal sehr hautnah, wenn unsere Beine an den Autos entlangschrammen …
Am Marmarameer entlang bis zum Goldenen Horn führt die Strasse Kennedy Caddesi um die Halbinsel der Altstadt von Istanbul herum. Will man vom südlichen Teil schnell in den nördlichen, so ist es sehr sinnvoll, diese Umgehung zu benutzen. Über die wesentlich kürzeren, aber oft engen und verwinkelten alten Gassen ist der Weg meist zeitaufwändiger.
Wir «schwimmen» also auf der Kennedy mit dem Verkehr mit — und das bedeutet hier, dass wir knapp 70 km/h auf der zwar vierspurigen, aber schlecht beleuchteten und mit einigen Schlaglöchern versehenen Strasse vorlegen müssen. Erlaubt sind 50.
Fussgängern gestattet man grosszügig, diese Schneise auf einigen Überwegen zu queren. Der Verkehr wird an diesen Stellen durch Schilder auf 30 km/h abgebremst — theoretisch. Kein echter Istanbuler Autofahrer würde auch nur entfernt daran denken, hier einen Zehntelmillimeter vom Gas zu gehen. Um nicht von nachfolgenden Fahrzeugen versehentlich gerammt zu werden, bleibt nichts anderes übrig, als diese Fahrweise zu adaptieren. Nun hat ein Istanbuler Autofahrer aber nicht nur den Wunsch, möglichst schnell voran zu kommen — er ist auch ehrgeizig. So einen kleinen Roller muss man doch wohl überholen können! Und so spurtet immer mal wieder jemand mit deutlich höherer Geschwindigkeit als unseren 70 km/h an uns vorbei — rechts oder links, das ist völlig egal. Hupen kann hierbei das männliche Selbstwertgefühl offenbar noch ein wenig mehr heben.
Natürlich zählt die westliche Türkei zu den südeuropäischen Landstrichen und dort sehen wir solche Verhaltensweisen mit einem gewissen romantisierenden Blick — doch wehe dem, der hier ein Unfallopfer wird. Respekt und Rücksicht, das sind im Istanbuler Strassenverkehr Fremdwörter.
Der ADAC weist auf seinen Internetseiten zur Türkei darauf hin, dass Fahrradfahren dort nur mit einem Helm gestattet ist. Vorschriften für das Führen von motorisierten Zweirädern gibt der ADAC nicht — aber irgendwie zu Recht: Solche Dinge sind in der Türkei von heute einfach egal. Die beste Partnerin und ich fahren auf unserem Motorroller natürlich immer mit Helm. Ein Istanbuler macht das nur selten: Kaum einmal fällt uns ein so geschützter Motorradfahrer auf. Ich habe sogar einen Polizisten auf seiner schweren Maschine gesehen, der statt eines Helms eine Baseball-Kappe trug.
Fussball geht immer
Auch wenn die Türkei die Qualifikation zur WM in Südafrika nicht geschafft hat, so ist die Begeisterung ungebrochen für 22 Beine, die hinter dem runden Ball herjagen (die anderen 28 Beine auf dem Platz werden mit weniger Wohlwollen bedacht). Über das Thema Fussball lässt sich auch in Istanbul fast immer ein Gespräch führen.
In den Basaren hilft das manchmal sogar, nicht in der üblichen plumpen Weise angesprochen zu werden: Dieser nette, junge Teppichhändler will uns weder mit Tee, noch mit guten Worten in seinen Laden locken, der bestimmt unwiderstehliche Ware enthält.
Statt dessen fachsimpeln wir über die türkischen Spieler in der Bundesliga, das bevorstehende Champions-League-Spiel Wolfsburg gegen Istanbul und warum türkische Mannschaften oft klasse spielen, dann aber letztendlich doch noch verlieren. Ach, liebe Türken, guckt euch bloss nichts von unserem erfolgreichen Rumpelfussball ab, sondern kickt weiter mit Spielwitz und Begeisterung. Unterhaltsamer ist das allemal.
-
So habe ich es auch erlebt und eingeschätzt bei einer Mountainbike-Tour durch Istanbul.
( mit Schutzhelm)
LG Rolf -
Sehr amüsanter Bericht, aber noch besser gefallen mir Deine Fotos! Sind alle sehr, sehr ausdrucksstark!
LG Susi -
unterhaltsam, locker geschrieben und mit guten fotos illustriert
bin gespannt, wie wir es in ein paar tagen erleben werden
lg gabi
Lesezeichen für diesen Reisebericht setzen bei ...
-
Mister Wong
-
Google Bookmarks
-
YiGG
-
del.icio.us
-
Digg
-
StumbleUpon
-
Magnolia
-
Webnews
Bookmark in Ihrem Browser speichern Schließen