Eine ganz blöde Geschichte..........................................................................

Reisebericht

Eine ganz blöde Geschichte..........................................................................

Reisebericht: Eine ganz blöde Geschichte..........................................................................

Es gibt gefährliche Reisen, die glimpflich enden. Es gibt gefährliche Reisen, die katastrophal enden. Es gibt harmlose Sonntagsausflüge, die tödlich enden....

Von lezterer Geschmacksrichtung, liebe Leserin, lieber Leser, präsentiere ich ihnen die beste, von der ich je gehört habe! Von den harmlosen Geschichten. Ausdrucken! Gute Kloleckture!

EinWunderSchönesBildVonSandy

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"Spring schon, Mario!

Oder traust du dich nicht mehr mit fünfzig?" rief Antonio von unten. "Ist das Wasser kalt? Es sieht so dunkel aus!" "Herrlich, absolut HERRLICH bei dieser Hitze!” versicherte ihm Antonio, der zuerst ins Wasser gesprungen war. “Also, Mario....!".
"Uno..., due..." begann Joseppe, der neben Antonio im Wasser schwamm.
Aber bevor er bis drei zählen konnte, sprang Mario mit zugehaltener Nase von seiner Motorjacht ins tiefblaue Meer. Ein stilles, unbewegtes, uraltes Meer, mitten zwischen Italien und Korsika.
"Happy birthday dear Mario...!" sangen Angela und Gabriela von oben. Sie lehnten am lackierten Handlauf der Reling und hielten ihm perlende Sektgläser entgegen. Mario schaute hoch: "Und ihr, was ist los? Trinkt aus und kommt auch!"

"Könnt ihr überhaupt schwimmen?" rief Antonio lachend und spritzte hoch.

"Nicht dass ich euch retten muss!" prustete Joseppe, den alle Rambo nannten. Er fasste sich vieldeutig an die Brust, während er auf dem Rücken trieb und hämisch lachte.
"Du Dummkopf!" krähte Angela und sprang Kopf voran neben Mario ins Meer, dicht gefolgt von Gabriela, die einen gefleckten Raubtierbikini trug. Marios Kopf wurde von ihren Wellen kurz zugedeckt. Er konnte nicht sonderlich gut schwimmen. Aber er war dafür bekannt, immer oben zu bleiben. "Was für ein grandioses Schiff, Mario!" flüsterte Angela in sein nasses Ohr.
“Wie hoch es ist...” wunderte sich Gabriela.
“Damit die Wellen im Sturm nicht an Deck kommen!” lachte Mario, “noch etwas Champagner, meine Lieben?”
„Hier...? Du kannst wohl nie genug kriegen!“ sagte Angela.
Gabriela hauchte bloss „Claro!“ und rieb im Wasser ihre straffen Lenden an Marios kurzen Beinen.

“Claudio, komm doch auch, das Wasser ist wirklich herrlich!” rief Mario zu seinem Anwalt hoch, der auf der Reling sass und seine dicht behaarten Beine über Bord baumeln liess. “Und bringe noch eine Flasche Dom Pérignon mit, wir brauchen Auftrieb!”

Claudio zeigte den erhobenen Daumen, ging zur Bar, drückte die Zigarre in den Aschenbecher aus Marmor und zog eine Flasche aus dem Krug mit Eiswürfeln.
Mit beiden Händen die Flasche an die Brust drückend, sprang er - laut “JHUUUIII!!!!” rufend - über Bord.

"Was gibt's?" fragte von oben Julia, die eben aus der Küche zur Reling geeilt war, weil sie glaubte, ihren Namen gehört zu haben.
“Nichts..., aber komm doch auch!" rief Mario ihr vom Meer aus zu. "Du hast doch Zeit...”
"Ich muss hinter den Hirsch!“ antwortete Julia. „Ich muss noch die Sauce vorbereiten, dann die Füllung, das Dessert muss auch....”

“Ich glaub dir ja! Aber zuerst eine kleine Ehrenrunde um mein Boot schwimmen, und der Hirsch wird doppelt so gut, garantiert!“

Hinter Julia tauchte Gregorio auf, der Bordmechaniker, und lachte: "Ich finde das ist eine gute Idee, die Mario hat! Du bist ja ganz verschwitzt, Julia!" und nach unten gewandt rief er: "Wir kommen BEIDE! Ist das OK?"

"Ich geh schnell den Badeanzug anziehen." sagte Julia und zupfte sich im Laufen das Gummi aus ihren langen, schwarzen Haaren.
Als sie aus ihrer Kabine zurück war, stieg Gregorio die Wendeltreppe zur klimatisierten Kommandobrücke hoch, öffnete die linke Aussentür und kletterte auf den schmalen Rand neben der roten Positionslampe. Dann sprang er mit einem doppelten Salto ins Meer.

“Bravo, Bravissimo!" rief Mario begeistert, nachdem Gregorio wieder aufgetaucht war. Aber der spuckte nur ins Wasser und blickte mit glänzenden Augen zu Julia hoch. So wie er jeden Sonntag zur heiligen Maria hochsah, in der kleinen Kirche im Dorf, aus dem er kam. Julia stand auf der breiten, spiegelblank lackierten Handleiste, bereit zu springen – aber doch nicht wirklich.

"Komm, Julia, komm schon!" rief Gregorio ihr zu. "Brauchst keine Angst zu haben!"
"Ich weiss..." sagte Julia leise. Jeder konnte es hören, denn das Meer war still wie ein Weiher an einem windlosen Sonntag.
"Ich habe ein komisches Gefühl! Mitten im Meer, wir sehen ja nicht mal Land!"
“Aber du warst doch Miss Rimini im Turmspringen...., komm zeig ihnen, was du kannst!” redete Gregorio ihr zu.

“Also, wenn ICH das geschafft habe, dann schaffst du es auch!” hämte Mario nicht ohne Stolz.
Da sprang Julia in elegantem Bogen über Mario hinweg ins Meer.

"Bravo, Bravo, gut gelandet, Julia!" lobte Mario, der auf dem Rücken im Wasser trieb. "Hier, nimm noch den letzten Schluck!" Er streckte Julia den Champagner entgegen und genoss den Anblick, wie sie im Wasser strampelnd die Flasche leer trank.

Es war bald eine halbe Stunde vergangen, seit Antonio als erster ins Wasser gesprungen war. Alle erwarteten, dass Mario es sein würde, der zum Rückzug auf die Yacht pfiff. Dann würden auch sie kommen und sich auf dem Achterdeck in der Sonne räkeln, bis gegen Abend der Hirsch in den Salon getragen würde.

Statt müde zu werden, genoss es Mario, wie ein Fettauge auf dem Wasser zu liegen, leicht unterstützt von Angela und Gabriela, den zwei sportlichen Miezen, die er vor ein paar Nächten in einer Disco aufgerissen hatte. Und am Tag danach mit Diamantohrringen ausstaffiert hatte.

Rambo, Marios Bodyguard, umschwamm die Yacht kraulend. Er wollte den Damen zeigen, dass seine Bizeps nicht bloss Dekoration waren.

Claudio trieb mit ausgebreiteten Armen im warmen Meer und erinnerte sich an früher, als er Mario das erste Mal verteidigt hatte. In diesem lächerlichen Prozess, wo man ihm einen Mord anhängen wollte - dabei war es Notwehr. Er war sein Geld wert, das wusste Claudio und er lächelte zufrieden in die hochstehende Sonne.

"Va bene Claudio?" meinte Mario, der ihn lächeln gesehen hatte.
"Va bene, amigo!" antwortete dieser und streckte die Hand mit dem erhobenen Daumen hoch. Wie immer, wenn kein Wölkchen eines Zweifels auf ihn fiel. Der Himmel war tiefblau und die Yacht sah aus wie ein utopisches, weisses Märchenschloss, hoch aufragend und voller Schätze. Menschenleer für die Dauer einer Badepause.

"Julia!" sagte Mario ein paar Minuten später "Hat es noch Kaviar?"
"Ja, Monsignore, aber nur ein oder zwei Dosen!"
"Was sollen wir denn bloss essen, bis heute Abend? Wir werden Hunger haben nach diesem Bad!"
"Wie wär's mit Räucherlachs oder Wachteleiern?"
"Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen! Steig auf das Boot zurück, Julia, und richte gleich etwas an! Wir kommen bald!" Mario sah in die Runde seiner schwimmenden, treibenden, Wasser tretenden Freunde und konnte nur Zustimmung erkennen für seinen Vorschlag. Aber das war er gewohnt.

Ohne Hast drehte Julia sich um, schwamm in ein paar kurzen Zügen zur Bordwand der Yacht und schaute hoch.
"Wo ist eigentlich die Badeleiter?" sagte sie und blickte der Wasserlinie des Bootes entlang nach vorne und nach hinten.
"Die BADELEITER...." wiederholte sie, da die anderen sie nicht gehört hatten, da sie dämlich lachten, über Marios dummen Witz. Ausser Gregorio, der finster zu ihr blickte und leise durch die Zähne pfiff.

"Die.....Badeleiter." sagte Mario und das Grinsen in seinem feuchten Gesicht verebbte.
"Die Badeleiter?" fragte Claudio "Wo ist die Badeleiter?"
"Auf der anderen Seite, oder?" sagte Mario und blickte fragend zu Rambo. Sofort kraulte dieser los und verschwand hinter dem Heck der Yacht.
"Ihm nach, Julia!" kommandierte Mario. Er hatte Hunger und ihm kam das Wasser plötzlich kühl vor. Also schwamm auch er zur anderen Seite seiner Yacht, und alle folgten ihm. Aber auf der anderen Seite der Yacht hing keine Badeleiter.

"Wo ist die Leiter?" fragte Mario und sah nach oben. Niemand antwortete.
"Wo ist die verdammte Leiter?" wiederholte er sich und schlug mit der flachen Hand aufs Wasser und blickte sich um. Seine Freunde hatten einen leeren Gesichtsausdruck und schwiegen. Antonio, mit dem er als Junge die Katzen der Nachbarn ersäuft hatte, verdrehte vielsagend die Augen. Claudio, sein Saufkumpel mit dem geölten Mundwerk, trat auf der Stelle, seine zusammengekniffenen Augen zur Reling des Bootes gerichtet.

"Was ist los?" keifte Angela. "Ich will aufs Boot! SUBITO! Ich habe kalt! Wo ist die Leiter?"
"Auf dem Boot!" sagte Gregorio.
"Könntest du dann bitte so freundlich sein, und die Leiter holen?" fragte Angela und lächelte angestrengt. Sie umschwamm die sieben anderen in langsamen Zügen.

Plötzlich scherte Rambo aus und schwamm auf die Bordwand zu. Er betatschte das Boot, suchte einen Vorsprung, den er aber nicht fand. Dann schwamm er auf dem Rücken einmal um die Yacht und suchte dabei die Bordwand nach einem Halt ab. Einem Tau vielleicht, das man vergessen hatte hochzuziehen. Das es aber nicht gab.

Als er wieder am Ausgangspunkt seiner Suche angekommen war, tauchte er neben der Bordwand kurz unter, um sich gleich darauf mit einem gellen Karateschrei in die Luft zu stemmen. Mit der Kraft seiner Beine und seiner Arme schaffte er es, sich so weit über die Wasseroberfläche zu erheben, dass seine roten Boxershorts gut zu sehen waren. Aber durch das schnelle Hochstemmen seiner muskelbepackten Arme, drückte er sich gleichzeitig wieder ins Wasser zurück. Er versuchte es nochmals und nochmals, aber wie ein Spielzeug, dem langsam die Batterien ausgingen, erhob er sich immer weniger weit aus dem Wasser, bis er aufgab und schnaubend zu den Anderen zurückkehrte.

"Gut gemacht, Rambo!" lobte ihn Mario, "Du bist bis fast einen Meter an den Spalt gekommen!" Er meinte den Spalt in Deckhöhe, wo das Wasser abfliesst, wenn Wellen an Deck kommen. Darüber war aber noch die Aluminiumverkleidung, die gut einen Meter hoch war, mit der lackierten Handleiste als Abschluss. Darauf standen noch die zwei leeren Sektgläser von Angela und Gabriela. Denn das Meer war immer noch still.

"Merda!" fluchte Gregorio, "Molto Merda!"
"Was tun wir nun?" fragte Claudio und biss auf seinem Daumennagel herum. "Wie weit ist das nächste Land?"

Stille. Ein leises Plätschern von Wasser tretenden Körpern, sonst nichts.
"Wie weit?" wiederholte sich Claudio.
Mario dachte nach. "vierzig Kilometer, fünfzig, ich weiss nicht! Wir sind etwa eine Stunde gefahren...”
"Madonna!"

Wieder Schweigen. Mario hatte nasse Augen. Die Yacht, die er erst vor zwei Wochen an einer Auktion gekauft hatte, strahlte im klaren Licht des Mittelmeers. Eine riesige Yacht, die unübersehbar sein musste.

"Hat es hier Schiffe?" wollte Angela von Mario wissen.
"Ich weiss nicht, vielleicht..."
"Die Fähre!" rief Antonio entzückt. "Die Fähre von Genua nach Olbia."
"Richtig, die kommt sicher hier durch!" schnaubte Mario begeistert.
"Wird die Fähre halten?" fragte Angela und nieste.
"Wir müssen Zeichen geben, winken..., rufen!" sagte Mario.
"Porco Dio, wenn ich das gewusst hätte..." sagte Gabriela. Ihre Augen waren von verwischter Schminke umrahmt. Sie schnupfte. "Ich habe kalt! Ich will raus! Können wir nicht unsere Badehosen aneinander knoten und daran hochklettern?”

Julia verdrehte die Augen. Mario grinste und zerrte unter Wasser an seinen Shorts. Alle folgten seinem Beispiel und fummelten mit ruckartigen Bewegungen an ihren Badehosen und Oberteilen.

“Und jetzt?” fragte Claudio und wedelte mit seiner nassen Hawaiihose.
“Ich bin gut im knoten, gib her!” sagte Gregorio und begann seine Badehose an die von Claudio zu binden. Es folgte das Tigerbikini von Angela, die Boxershorts von Rambo, die karierten, halblangen Shorts von Mario, der grüne Badeanzug von Julia, bis jeder Textilfetzen der acht Leute aneinander gebunden war. Eine bunte Wurst, die Claudio und Gregorio auseinander zogen.

“Kann sein, dass es reicht!” sagte Claudio nach einem schätzenden Blick der Bordwand hoch.
“Und jetzt?” fragte Gabriela, deren weisser Po für Rambo gut sichtbar im Wasser schimmerte.
“Ich werfe das hoch!” sagte Rambo, packte das Ende und schwamm Richtung Anker. Er warf den nassen Klumpen hoch und traf die Bordwand darunter. Er versuchte es wieder und ein Ende berührte eine Fluke des Ankers, bevor die Stoffwurst ins Wasser fiel. Mehrere Versuche zeigten, dass der Anker nichts brachte, da er viel zu gross und stumpf war, als dass sich eine Badehose daran verhaken konnte. Er war aus poliertem Chromstahl und hing in unerreichbarer Höhe über Wasser.
Ein weiterer Versuch am hinteren Teil der Yacht, wo sie nicht gar so hoch war, brachte die Stoffwurst zwar halb über die Reling, aber sie war vom Wasser her kaum zu fassen. Als er das untere Ende endlich packen konnte und daran zog, fiel es schlapp ins Wasser zurück und begann zu sinken.

“Merda, verdammte Scheisse, gibt es irgend etwas, wo es sich dahinter verhaken könnte?” fragte Rambo und blickte gespannt zu Mario. Der schaute Gregorio an. Gregorio sagte zuerst nichts, dann fiel ihm ein: “Versuchs an der Ecke hinten, neben den Festmachern!” Die Löcher, wo man beim festmachen die Leinen durchführt, waren von innen mit Klappen dicht verriegelt.

Wieder warf Rambo unter grösster Anstrengung die Stoffwurst über sich, bis sie im Gleichgewicht über der Reling hing. Als er daran zog, war kein Widerstand zu spüren und die Wurst aus Badehosen plumpste wie eine tote Krake zurück ins Meer.

“Das ist ja lächerlich, total lächerlich!” sagte Mario und ruderte hektisch mit den Armen.

Rambo warf wütend und voller Verzweiflung die nasse Stoffwurst so hoch, dass sie in ihrer ganzen Länge hinter der Reling verschwand. Mit dem hatte niemand gerechnet.

„Was für ein Affentheater!“ schimpfte plötzlich Antonio, „Wie gut, dass uns niemand sieht!“

„Ich wäre FROH, uns würde jemand sehen, dann könnte er uns die Badeleiter hin hängen!“ feixte Claudio bitter.

„Was machen wir hier überhaupt? Ich dachte, wir gehen bloss schnell baden!“ rief Julia dazwischen.

„Welcher Trottel hat eigentlich vergessen, die Leiter raus zu tun ?“ fragte Rambo, der immer noch ausser Atem war.

„Hätte ja Antonio dran denken können, als er die geniale Idee hatte, über Bord zu springen!“ sagte Gregorio und spuckte laut.

„Wieso ICH, IHR seid alle NACH mir gesprungen!“ verteidigte sich Antonio.

„Wer ist hier eigentlich der Kapitän?“ fragte Angela und blickte sich um.
„Ja, wer ist der Kapitän?“ hakte Gabriela nach.

„Ich!“ meldete sich Mario zögernd und ein feines Zittern war in seinem fetten Gesicht erkennbar.

Gregorio schwamm mit drohender Mine auf Mario zu und schrie ihm von nahem ins Gesicht: „Du Schuft! Hast immer so getan, als wüsstest du alles..., als seist du DER Kapitän... UND JETZT?“

"Warum ICH? Ich habe doch gar nichts getan! Ich wollte bloss baden...” antwortete Mario und drehte seinen Rücken zum Boot.

"Du Bastard, ich werde dir den Hals umdrehen!" brüllte Gregorio.

"Lass ihn!” warnte Rambo und schwamm schützend vor Mario auf und ab, „Es ist nicht seine Schuld!“

"Wessen Schuld soll es denn sein?" schrie Gregorio mit hochrotem Kopf.

"Deine!" zischte Mario hinter Rambo hervor, “Warum hast nicht DU die Badeleiter rausgehängt, als Antonio ins Wasser gesprungen war?”

“Warum ich? Ich bin für den Motor zuständig! Ich bin nicht der Kapitän!”

Mario strampelte hektisch: “Ich höre dich noch, Gregorio, wie du am Steg gesagt hast: ‘Monsignore Carluscone, ich werde mich um alles kümmern! Ich bin ein guter Bootsmann, sie können sich beruhigt aufs Steuern konzentrieren... Wo ist die Badeleiter, Gregorio?”

“...auf dem Vordeck!”

“Also...”

Gregorio hatte zum Platzen geschwollene Augen. „Ich habe gefragt, bevor ich rein gesprungen bin!“ sagte er, Dann spuckte er laut und vernehmlich und entfernte sich von der Yacht. Er schwamm zu Julia und legte schützend den Arm um sie. Sie weinte. "Ich war's!” wimmerte sie, “Ich bin als... LETZTE ins Wasser gesprungen!"

“Weil dich Monsignore Carlusconi ins Wasser gewinkt hat!”

“Warum musstest dann auch DU kommen?” wimmerte sie.

“Fang jetzt nicht so an..., BITTE!”

“Ich will raus!”

Gregorio streckte seine geballte Faust aus dem Wasser und schwamm wütend zur anderen Seite der Yacht, wo ihn niemand mehr sehen konnte.

"Wir müssen es nochmals probieren!" sagte Claudio mit fester Stimme in Richtung Julia. “Das wäre ja gelacht, wenn wir nicht..., wenn wir...”
"Wenn wir WAS?" sagte Gabriela, die nervös um die anderen schwamm.
"Wenn wir... jetzt die Nerven verlieren! Wir müssen irgendwie hochkommen, uns hochziehen, solange wir noch die Kraft dazu haben. Egal wie! Wenn es Nacht wird, geht nichts mehr!" Er schaute auf seine Rolex, deren Diamanten in der Sonne wild funkelten. "Es ist schon vier!"

"Ich habe eine Idee!" sagte Antonio. Wenn Claudio und Rambo sich aneinander festhalten und eine Art Brücke bilden, kann ich darauf stehen und komme mit meinen Händen sicher bis zum Spalt."

Schnell formierte sich neben der Bordwand eine Brücke aus zwei Männern, die sich umarmten und gegenseitig an ihren Nacken festkrallten, wie Skorpione in einem Kampf auf Leben und Tod. Das Wasser schäumte, während Antonio sich auf die Rücken zog und versuchte aufzustehen. Er wankte zuerst wie ein Besoffener und musste sich immer wieder bücken und sich an den Köpfen festhalten. Trotzdem schaffte er, nach mehreren Versuchen, sich zu erheben und seine starken Hände in den Spalt über seinem Kopf zu stecken. Mit letzter Kraft zog er sich hoch und konnte kurz durch den schmalen Spalt das breite Deck der Yacht sehen. Dann verliess ihn seine Kraft und Arme fuchtelnd fiel er ins Wasser zurück.

"Bravo, Bravissimo!" heulte Mario und hielt seine gefalteten Hände in die Höhe. "Das wird EINE Geschichte! Wenn ich DIE Luciano erzähle..."

"Nochmals!" ermunterte Gabriela die drei Männer. "Keine Müdigkeit!"
Ein weiteres Mal gelang es dem grossen, schlanken Antonio, seine Hände in den Spalt zu stecken, die Hände nach oben zu drehen und sich darin zu verkeilen.
"Bene, Molto Bene!“ schrie Mario „Und jetzt musst du dein Bein über die Reling kriegen...!"

Antonio stöhnte laut. Er hing an wie ein Sack an der Bordwand und kam keinen Meter höher. Ein tätowierter Adler glänzte auf seinem nassen Rücken.

"Angela, klettere an ihm hoch!" kommandierte Mario, "Du bist stark und leicht!"
Sie zögerte zuerst, aber da alle Augen auf sie gerichtet waren, schwamm sie auf die Bordwand zu. Dann zog sie ihren nackten, braungebrannten Körper an den dunkel behaarten Männerrücken hoch. Mario und Rambo hielten ihre Schenkel über Wasser und sie klammerte sich an Antonios Füsse. Dann erhob sie sich in eine kniende Position und umarmte wie eine Kletterpflanze Antonios Oberschenkel. Antonios Hüfte war so schlank, dass sie mit einem Arm herum fassen konnte und mit dem anderen Arm auf seine Schultern fassen konnte. Dann umarmte sie mit der anderen Hand seinen Hals und zog sich daran hoch, worauf Antonios Körper wie ein morscher Ast abknickte und sie zusammen auf die Rücken von Claudio und Rambo fielen. Alle versanken kurz im aufgewühlten Meer.

"Ohhh, das war hart!" prustete Claudio als er wieder hoch kam.
"Merda, Merda, MERDA!“ rief Rambo mit verzerrtem Mund „Ich hab den Krampf... Ohh, die Schulter!" Er hielt sich seine linke Achsel und schien im Wasser zu humpeln. In kurzen Abständen versank er und tauchte auf.
„Komm schon, das wird gleich!“ redete ihm Claudio atemlos zu und packte Rambo von hinten und hielt ihn über Wasser, bis er stumm nickte.

“Schwimm! Du musst schwimmen, ganz ruhig und in langen Zügen!” forderte Antonio ihn auf. Rambo befolgte den Ratschlag und schwamm davon.
“Nicht zu weit!” rief Claudio hinterher. Wasser tretend, mit den Armen rudernd, schauten ihm alle hinterher.

“Das ist bald OK, ich kenne das!” sagte Claudio und lächelte gequält.
“Die Anabolika...” sagte Mario, “er hat oft Krämpfe!”

Ein paar Minuten vergingen. Alle versuchten unter möglichst wenig Anstrengung auf dem Rücken zu treiben. Ausser Rambo, der in einem weiten Kreis um die Yacht kraulte. Es schien ihm gut zu gehen, dachte Mario, und versprach sich von ihm die grösste Hilfe, wieder an Bord zu kommen. Wenn nicht Rambo, dann...

“Wo bleibt Rambo so lange?” fragte plötzlich Claudio. Alle erwarteten, dass er hinter dem Heck wieder hervorkam. Mario schaute begeistert die Bordwand hoch. “Vielleicht ist er schon oben... RAMBO! RAMBO!” Und er schüttelte sich wie ein junger Hund.

“Schnell! Zur anderen Seite!” kommandierte Claudio, als keine Antwort kam. Alle schwammen los. An der anderen Seite der Yacht lehnte Gregorio sich mit den flachen Händen gegen die Bordwand und nahm von den anderen kaum Notiz.
„Wo ist Rambo?“ rief Claudio ihm zu. Doch dann sah er ihn zwei Bootslängen entfernt im Wasser treiben. Regungslos und mit dem Gesicht nach unten. Seine nassen Locken schimmerten wie Algen.

“RAMBO!” schrie Mario hysterisch. “RAMBO, was ist los?”
Claudio schwamm so schnell er konnte zu Rambo, drehte ihn um, wischte ihm die Locken aus dem Gesicht, damit er die Augen sehen konnte.
“Er ist tot!” sagte er zu den anderen, als sie bei ihm waren.
“Madonna!” seufzte Mario.
“Schwaches Herz oder was!” rätselte Antonio.
“Wir müssen hoch!” flehte Gabriela, und ihr Gesicht war weiss wie Marmor. Julia übergab sich. Claudio kam und hielt ihren Kopf über Wasser. Und das Meer war immer noch still.

“Wird uns jemand vermissen?” fragte Angela Mario nach Minuten des Schweigens. Mario schaute ins Wasser. “Ich habe mit Luciano abgemacht, am Hafen”.
“Wann?”
“...............morgen Abend.”

“Und ich muss Mittwoch zum Zahnarzt!” spottete Claudio.
Angelas volle Lippen zitterten und ihre Augen mit der verschmierten Schminke waren riesig, hatten etwas totenkopfhaftes. Ihre Zähne klapperten. Gabriela packte sie am Oberarm: “Wir kommen hoch... irgendwie! Vergiss die Männer!”
Zusammen schwammen sie langsam um die Yacht und musterten gründlich die Bordwand, suchten sie nach kleinen Vorsprüngen ab, Löchern, in die man sich verkrallen konnte, Seilen, irgendwas. Aber nichts dergleichen fand sich. Die Yacht hatte keine Bullaugen und war frisch gewachst. Grosse Tropfen perlten an ihr ab, wenn sie gegen die Bordwand spritzten.

Hinten inspizierte Claudio nachdenklich das Heck. Es hatte zwei schenkeldicke Auspuffrohre, aber sie waren mit vertikalen Lamellen verschlossen, durch die keine Hand ging. Sicher, damit keine Ratten in den Auspuff gelangen konnten, überlegte Claudio. Hoch über seinem Kopf prangte der Name der Yacht in grossen, schweren Messinglettern:

”ARROGANZA CINQUE”


“Hier müssen wir hoch!” weckte Claudio plötzlich die Anderen aus der beginnenden Lethargie, “Ich habe eine Idee!”

Wieder entstand eine Brücke aus Männerrücken, diesmal Claudio und Antonio. Gregorio sah zuerst mit stumpfem Blick zu, bevor er sich der Ernsthaftigkeit der Situation wieder bewusst wurde und beschloss, den anderen zu helfen. Schnell hielt er sich an ihren Nacken ebenso fest, wie sie sich an seinem.

“Fertig?” fragte Angela die Männer. Claudio streckte den erhobenen Daumen aus dem Wasser. Dann zog Angela sich hoch und kniete auf die drei Männerköpfe und auch Julia zerrte sich an den spuckenden Männern aus dem Wasser und schmiegte sich an Angelas muskulösen Körper. Nach mehreren Versuchen schaffte sie es, sich auf Angelas Schultern zu schwingen und zitternd gelang es Angela, mit Julia aufzustehen und sie in die Höhe zu hieven, sodass Julia sich mit den Fingern ihrer linken Hand am handtellergrossen “G” festkrallen konnte.

Der Turm aus nackten Frauen schwankte vor und zurück, aber Julia hatte eine Art Halt, mit dem sie oben den Turm stabilisieren konnte. Genau wie es Claudio ihr erklärt hatte. Nun musste sie die rechte Hand nach oben strecken, um den Handlauf der Reling zu erreichen. Mit den Kuppen ihrer Finger berührte sie kurz von unten den lackierten Handlauf, während unter ihr das Wasser unter der rasenden Anstrengung der drei Männer schäumte, die in einem Akt blanker Verzweiflung ihre letzten Reserven anbrachen. Immer wieder sanken sie im Wasser ein und Julias Hand entfernte sich vom Handlauf, dann dreschten sie spuckend und keuchend wieder darauf los und Julia kam dem Handlauf langsam näher.

Drei Mal gelang es Angela, den Handlauf kurz zwischen ihre flehenden Finger zu kriegen, aber er war zu glatt und zu rund und zu breit, als dass nasse, zitternde Frauenhände sich daran hätten festhalten können. Dann stürzte das menschliche Kartenhaus schreiend ins Meer zurück. Es gab ein paar kleine Wellen, die Mario von hinten erreichten. Er schaute gar nicht hin. Dann war das Meer wieder still.

“Wo ist Gabriela?” röchelte Angela nachdem sie sich kurz ausgeruht hatte, indem sie auf dem Rücken trieb.
“Gabriela, GABRIELA! GABRIELA!” rief Claudio. Mario weinte und zeigte nach vorne. Wie ein Wettkämpfer schwamm Claudio auf Gabrielas Hand zu, die aus dem Wasser ragte und zuckte. Er zog Gabriela hoch und presste seinen Mund auf ihren. Er ruderte wild mit dem rechten Arm, denn den linken Arm brauchte er, um die schöne Sizilianerin an der Wasseroberfläche zu halten. Gabriela öffnete kurz ihre olivgrünen Augen, dann entglitt sie Claudios ermüdendem Arm. Das letzte was er von Gabriela sehen konnte, war ihr Haarschopf, der wie ein schwarzer Tintenfisch in die Tiefe entschwand.

Auf dem Rücken treibend hatte Claudio es nicht eilig, zu den Anderen zurückzukehren, die Wasser traten, Wasser spuckten oder wimmernd das Vaterunser beteten. Alle zitterten und hatten kalt, besonders an den Füssen.
Ein malerischer Sonnenuntergang bahnte sich an. Die Yacht lag da wie ein Märchenschloss, aber keiner hatte einen Schlüssel.

“Una Barca! Ein Schiff!” rief plötzlich Angela.
“Una BARCA, una BARCA, BARCA, MADONNA, UNA BARCA!” schrie Gregorio und warf die Hände über den Kopf. Er war wieder zu Julia zurück geschwommen.
“Una Barca!” sagte sie leise und lächelte.
Von Norden her näherte sich ein grosses Schiff, eine Fähre, die schnell näher kam.

“Wir müssen auf sie zu schwimmen!” rief Gregorio und schwamm in die Richtung, aus der das Schiff kam. “FERROVIA STRATO” stand gut lesbar an der sonnigen Bordwand. Es war eine riesige Eisenbahnfähre.

Mario kicherte und fuchtelte mit seinen weissen Armen vor der weissen Yacht. Claudio warf seine Arme in die Luft, wie bei einem Fussballspiel, wobei die Rolex über sein Handgelenk schlüpfte und versank.

Die Fähre kam schnell näher. Man konnte Reflexionen der untergehenden Sonne in den Scheiben sehen, den drehenden Radar, Menschen auf den Seitendecks, kleine Blitze dazwischen - während die Fähre in einem halben Kilometer Distanz an der Yacht vorbeizog. Einige Passagiere winkten. (Auch wenn sie nicht glaubten, dass jemand zurück winken würde. Sehen konnten sie es eh nicht, da nur der Umriss der Traumyacht im gleissenden Meer sichtbar war.)

“Merda!” rief Gregorio zwischen der Yacht und der Fähre und verwarf seine Hände. “MERDA, MERDA!”
Angela sprang wie ein gepeinigter Fisch immer wieder aus dem Wasser, bis sie nicht mehr konnte und schluchzend bis zur Unterlippe versank.
Mario schwieg. Mit der linken Hand versuchte er, Kontakt mit seiner Yacht zu halten, die er sich zum fünfzigsten Geburtstag gekauft hatte. Seine Augen waren hohl und ein dunkler Rand hatte sich gebildet. Er nieste und schaute der rauchenden Fähre nach. Dann schwappten die Wellen der Fähre an die Yacht und sie rollte majestätisch von einer Seite zur anderen.

“Wir brauchen Wellen!” fiel es Claudio ein und die Anderen schauten ihn an. “Wir könnten an Bord kommen, wenn es Wellen hätte! Als eben die Wellen kamen, hätten wir es sicher geschafft...., du vielleicht, Antonio!”

“Wir Idioten!” entrüstete sich Angela und peitschte mit der Faust aufs Wasser. „Wir totalen Versager, das ist die blödeste Story, die ich je gehört habe! Und die muss MIR passieren! O Gott, O Gott!“

Bald wurden die ersten Sterne im Osten sichtbar. Claudio schwamm auf die andere Seite der Yacht, wo ihm das Wasser wärmer schien. Die Anderen folgten ihm.

“Wie tief ist es hier?” wollte Claudio wissen.
“Wozu? Interessiert uns das?” zischte Angela.
“Hat es hier Haie?” fragte Antonio.
“Warum bist du überhaupt auf die besoffene Idee gekommen, hier zu baden, Antonio?” fragte Claudio verzweifelt gereizt.
“Du warst immerhin sofort dabei!” gab Antonio zurück. “Wenn bloss WIR ZWEI gesprungen wären, wäre es kein Problem gewesen...”
“Idioten, die zuletzt sprangen!” sagte Angela und blickte wütend zu Gregorio und Julia.

“Ich war’s, ich weiss...., Madonna!” wimmerte Julia leise. Dann übergab sie sich schluchzend. Die Reste einer halb verdauten Languste schwammen um sie herum.
“Lasst sie! Wer hat sie ins Wasser gerufen...?” sagte Gregorio und blickte mit verkniffenen Augen zu Mario rüber. Im letzten Licht des Tages wirkte Gregorio, als ob er schon immer im Wasser gelebt hatte. Seine krausen Haare hingen wie Seetang in sein unrasiertes Gesicht, das aufgequollen und fleckig war. “Ich geh Hilfe holen, irgendwie...!” brachte er stammelnd hervor, als die Anderen ihn mitleidig anstarrten. Dann schwamm er in Richtung des aufgehenden Vollmondes davon. Und das Meer war wieder still.


Der Mond stand schon hoch über der unbeleuchteten Yacht, als plötzlich ein Motor ansprang. Der Generator, der auf Automatik gestellt war, und der dafür sorgte, dass die Kühltruhe kalt blieb und jederzeit im Boot Wasser aus den vergoldeten Wasserhähnen kam, wenn jemand ein Bad nehmen wollte.

“Was ist das?” zischte Claudio.
“Ich weiss nicht...., der Generator vielleicht!” sagte Mario kraftlos. Hinter dem Heck bildete sich ein feiner Schleier aus Abgasen. Verblüfft beobachteten alle, wie die Yacht ihr Eigenleben führte. Sie war ein Wunderwerk der Technik. In ihr arbeiteten Aggregate, die dem Selbsterhalt des Schiffes dienten, Leitungen, die automatisch Kommandos übermittelten, Rohre, durch die Diesel gepumpt wurde, Ventile, die sich öffneten und wieder schlossen, wie ein Herz, das pochte. Ein eisernes Herz.

Plötzlich schien Claudio eine Idee zu haben. Er schwamm dem Loch entgegen, aus dem die Auspuffgase kamen.
“Was machst du da?” rief Mario und trat der Bordwand entlang nach hinten. “Claudio, was machst du da? CLAUDIO!”
Claudio antwortete nicht. Er hielt seine Hände wie ein Trichter über die Lamellen vom Auspuff und inhalierte tief.
“Claudio, CLAUDIO!” rief Mario verzweifelt und schüttelte seinen Anwalt. Aber der hatte seinen letzten Fall bereits gelöst. Im Licht des Mondes konnte Mario noch den erhobenen Daumen Claudios sehen, bevor dieser zur Seite kippte und nur seine Glatze fahl unter Wasser schimmerte.

Dann hörte der Generator auf zu Brummen. Mario schnupfte und schwamm zurück zu Angela und Julia und Antonio. “Wir müssen warten!” wimmerte er.

“Du Schuft, du verdammtes Schwein, warum musstest du gerade MICH als Köchin anheuern?” keifte Julia.
“Und ich..., ich wollte nur Italienisch lernen!” schimpfte Angela. “Ich wollte raus aus München..., wäre ich doch dort geblieben! O Gott, O Gott!”

“Madonna! MADONNA!” wimmerte Mario. Dann kotzte er zitternd und alle bewegten sich von der Stelle fort.

“Ich habe Durst, ich habe Kalt, ich will raus, verdammt noch mal!” hustete Angela, aber ohne einen Schimmer Hoffnung. Ihre Beine versagten immer öfter und Julia musste sie stützen, obwohl Julia selber kaum mehr Kraft dazu hatte. Als Julia an ihre letzte Grenze kam, ihre einzige Kraft nur noch die war, sich selbst über Wasser zu halten - gab sie Angela einen Kuss auf die Stirn. Angela spürte ihn wie einen Strahl Wärme, der ihren erlöschenden Geist tröstete. Sie drückte mit ihren schwachen Fingern ein letztes Mal die Schulter, an der sie sich halten durfte. Dann liess sie los und breitete ihre Arme aus, wie gebrochene Flügel, die sie nicht mehr trugen. Julia wendete sich ab und schwamm davon. Antonio hatte einen Krampf in beiden Waden und konnte sich selber kaum mehr über Wasser halten. „Julia..!“ rief er, aber sie hörte ihn nicht.

Julias Leben passierte vor ihrem inneren Auge Revue, während sie den Bug der Yacht umrundete. Wie sie in Rimini im Imbisswagen gearbeitet hatte und eigentlich glücklich war. Bis Guiseppe ihr ein Eis abkaufte und mit dem Auge zwinkerte, als sie ihm das Rückgeld gab. Der Schuft, der sie nach Mailand zerrte und in die Küche seines Restaurants sperrte. Wo es so viele Hinterzimmer gab, dass sie selber nicht mal alle kannte. Mit Männern drin, die sie vorwurfsvoll anstarrten, wenn sie aus Versehen die Türe öffnete. Bis Gregorio kam, der Nähmaschinen flickte. Mit dem sie nach Rapallo ausriss, um ein neues Leben anzufangen. Wo Gregorio Mario den Bauch voll schwatzte, was für ein guter Mechaniker er sei... Weiter kam sie nicht. Ihr Hirn schaltete auf ein weiches Blau, das langsam dunkel wurde. Blitze zuckten auf, die zu Sternen zersprangen, die schnell verblassten.


ALS Mario mit Antonio alleine war, umspielte sein Gesicht der zarte Schein des Wahnsinns. Er drängte sich wieder an die Bordwand und blinzelte ins Mondlicht. Er wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war, seit er über Bord gesprungen war. Sein Leben ging auch ihm wie ein Film durch den Kopf. Wie er in der Schule gehänselt wurde, wegen den kurzen Beinen. Und wie er sich dann vom Bauernsohn zum Barbesitzer hoch gekämpft hatte. Wie er Casinowirt wurde, und bald darauf zum Händler mit allem, was die Kids so brauchten, um glücklich zu sein. Die Kids von Palermo, dann Neapel, dann Mailand, Rom und Turin. Er konnte gar nicht daran denken. Er war traurig, dass sein Leben es so schauerlich mit ihm meinte. Wo er sich doch so Mühe gegeben hatte, alle Hürden nach oben zu beseitigen. Damit er, Mario Carluscone, eines Tages seine stolze Yacht im Hafen von Palermo festmachen konnte.

Aber eigentlich hatte das Meer ihn immer geängstigt. Er hatte als Bub von den Bergen Siziliens zusehen müssen, wie unten am Meer die Fähre an der Küste zerschellte, auf der sein Vater zurück kam. Das Meer war der Schoss, der Ungeheuer gebar! hatte sein Onkel Roberto ihn scherzend gewarnt, als sie das erste Mal zusammen zum Fischmarkt in Palermo gingen.

Dann kam Mario wieder zu sich. Er trieb mit schlaff ausgebreiteten Armen neben seiner Yacht und schaute an ihr hoch. Wenn er doch wenigstens in einen Sturm geraten wäre! Er kam sich blöder vor, als der blödeste Hund Palermos. Denen er so gerne Steine nachgeschleudert hatte. Er wimmerte und fror. Immer schwerer fiel es ihm, seinen Mund, oder wenigstens seine Nase über Wasser zu halten. Immer öfter verschluckte er sich und Kotze kam hoch, die nach vergorenem, salzigem Champagner schmeckte.

„Antonio!“ seufzte er, aber seine Stimme war tonlos. Er drehte sich um und merkte, dass er alleine war.
Als er die Augen schloss, braute sich tief in seinem flackerndem Hirn ein Sturm zusammen. Er sah grosse, schäumende Wellen, die sein Schiff voran peitschen. Er war alleine an Bord. Am Steuerrad zerrend raste er vor den riesigen Wellen her, die gegen sein Heck brachen. Eine Zeitlang behielt er Kontrolle über das Schiff. Er glaubte schon, es zurück in den Schutz des Hafens zu schaffen, als eine gigantische Welle die Glastür zum Achtersalon eindrückte. Das Klirren ging ihm durch Mark und Bein und er krallte sich am Steuerrad fest, während sein Schiff zu sinken begann. Aber Angst verspürte Mario keine. Er hatte getan, was er konnte, doch dies war der Sturm seines Lebens.
Endlich war Mario bereit zu sterben, als die Holztür zur Kommandobrücke zersplitterte und blaues Wasser ihn in die Ecke warf. Da wachte er auf, wegen dem rasenden Schmerz im Bein und sein Bewusstsein tauchte wieder an die Oberfläche der Wirklichkeit. Und die Angst war wieder da!

Etwas zog an seinem linken Fuss, schüttelte ihn, zerrte ihn in die Tiefe. Mario fuchtelte mit den Armen, kickte mit den Beinen, atmete ein und hustete Blasen, die aus zunehmender Tiefe nach oben perlten.

Dann war das Meer wieder still.

(Diese Story beruht auf einem wahren Ereigniss.)


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Kommentare

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Ach ja, die Story schrieb ich 2001-2 in einer langen, heissen Hurrika Seaison in Savusavu auf Vanua Levu (Fiji), geankert neben der "Copra-Shed", der örtlichen Tränke der Wenigen, die sie sich leisten konnten. Dort, zwischen dem ehemaligen Pier der Kopraverladestelle mit integrierten Restaurants und einem schweineteuren Internetcaffe und unserem schon damals eng werdenden Segelschiff Liberty (1), die an dieser Pier lag, schrieb ich sie ENDLICH auf.

    Es ist eine insofern wahre Geschichte, als dass sie tatsächlich 8 Leuten den Tod brachte, trotz hirschledernen Sofas in Meterdistanz. Ich habe sie vielen Seglern erzählt, jeder hat daran weiter gesponnen. Stell dir vor....

    Wer die 8 waren, weiss ich nicht, nur dass ihre Motorjacht offensichtlich zu......

    PS: Dies ist die "extended Version" vieler Ideen Anderer, die sich zu obiger Situation Gedanken machten. Ich habe nur versucht, aus diesem Knäuel offensichtlicher Interpretationsfreiheit, das allerallerfiesteste Mövenpickeis herauszukratzen.

  • mamaildi

    Stark erzählt - hab schweissnasse Hände bekommen; gerate schon immer in Panik, wenn ich in mein Gummiboot zurück will und die sonnencremeglitschigen Finger abrutschen ...

  • Global

    Hallo Gerd
    Ganz unheimlich spannend geschrieben und absolut nachvollziehbar! Konnte nicht mehr aufhören zu lesen, obwohl der Backofen rief... War dann doch noch prima was raus kam. Lieben Gruss Anita

  • nicisch

    ... *gummel* und nun ist mein Essen verkocht! :-(
    DANKE für dies spannende Geschichte!
    Sie hat mich wirklich gefesselt, so das ich sogar mein Essen vergass .... *grummel*

  • u18y9s26

    Die blödeste Story, die ich je atemlos bis zum Ende gelesen habe. Glückwunsch!

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Eine ganz blöde Geschichte.......................................................................... 5.00 7

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