Dem Mohrenkaiman auf der Spur

Reisebericht

Dem Mohrenkaiman auf der Spur

Reisebericht: Dem Mohrenkaiman auf der Spur

Bolivien, wo es keinen Reiseführer mehr gibt.
Eine Rucksacktour im tropischen Tiefland meiner zweiten Heimat, nahe der Backpackerhochburg Rurrenabaque und trotzdem total unberührt.
Der Weg war das Ziel, trotzdem wollte ich (als studierter Biologe) die vom Aussterben bedrohten Mohrenkaimane in freier Wildbahn beobachten.

Liebhaber von Wildtieren zu sein ist ein schönes Hobby, vor allem, wenn man sich seinen Lieblingen im Gelände nähern will. Ist das Objekt der Begierde aber selten oder vielleicht sogar vom Aussterben bedroht, lebt in einem Moskito verseuchten Gebiet in den Tropen mit Temperaturen, die jedem Mitteleuropäer lebensbedrohlich erscheinen und mit noch viel lebensbedrohlicheren Krankheiten wie Leishmaniose, dann hofft man doch sehr inbrünstig, dass die Strapazen nicht umsonst waren und sich das begehrte Wildtier zumindest einige Momente zeigt.
Solche eher pessimistischen Gedanken also zermartern mein Gehirn, was soll das, nur wegen dieser dämlichen Mohrenkaimane hier, in der Estacion Biologico del Beni, ein Naturreservat praktisch ohne touristischer Infrastruktur im Herzen Südamerikas in Bolivien. Denn beim Warten auf den indianischen Führer, in der Hängematte liegend und einen Wälzer über die Krokodile der Welt, ausgeliehen von der Bibliothek der biologischen Station bewundere ich Fotos von allen möglichen noch so exotischen Krokodilen und Kaimanen, und je mehr ich wälze, desto mehr beunruhigt mich, dass bei hunderten Fotos kein einziges des Mohrenkaimans existiert. Er soll ja fast ausgestorben sein, aber hier, in der Laguna Normandia, gibt es angeblich noch 400 Exemplare. Wahrscheinlich kam der Autor des Buches halt ausgerechnet hier zufälliger Weise nicht vorbei, versuche ich mich zu beruhigen.

Ausgangspunkt zur Kaimanexkursion ist Rurrenabaque, von dort aus dann erst einmal sechs Stunden in einem überfüllten Minibus über Sandpisten. Dass der Zeitplan nicht eingehalten wird, ist sowieso klar. Aber so viel man in der sogenannten Dritten Welt auch unterwegs ist, nie werde ich begreifen wie man sich 50 geschlagene Minuten darüber streiten kann, welches Gepäckstück welchen Platz auf dem Dach des Busses bekommt, wer welchen Sitzplatz, obwohl sowohl Sitze als auch Tickets doch nummeriert sind und vor allem: Wer muss sein Gepäck neben die tropfende Tüte mit, olfaktorisch eindeutig definiertem, nicht mehr ganz frischem Flussfisch stellen? Der extrem präpotentete Mitfahrer, Typ alternder Marlboromann, stellt dann noch Sonderwünsche für die Unterbringung seines Gewehres: Erst auf dem Dach, doch als dann zwei Patronen noch während des Beladens des Busses auf den Boden fallen, doch eher im Kofferraum. Doch da tropft dann wieder das geschmolzene Eis aus der Fischtüte, also doch auf seinem Sitz. Naja, wenigstens gibt es so einen Schutz gegen mögliche Straßenräuber. Seine keifende und dauermosernde Ehefrau, vom Typ her proletarische Landbewohnerin, was ja noch nicht so schlimm wäre, aber sich dann auch noch neureich zu verhalten, jedenfalls dieses Drachen ähnliche Wesen beschimpft den Fahrer auf das Übelste: Wir haben die schlechtesten Sitze, das Dach ist überladen, die Reifen abgefahren und außerdem erreichen wir mit so wenig Luft im Reifen niemals San Borja. Eine Mitarbeiterin der Busagentur verspricht, das Luftproblem lösen zu lassen. Doch an der Ortsausfahrt von Rurrenabaque sind von sage und schreibe von acht „llanterias“, also Reifenflickerwerkstätten tatsächlich alle acht geschlossen, Montag morgen um 11 Uhr. Die Reifenbedenken verflüchtigten sich aber, als der offensichtlich kurzsichtige Fahrer nach wenigen Kilometern mit voller Wucht auf einen großen Stein mitten in der Staubstraße auffährt: Wir haben ein viel größeres Problem als zu wenig Luft im Reifen. Die Helferin der Agentur an seiner Seite warnt ihn von nun an vor Hindernissen.
Mitten im Nichts steht ein alter Mann am Straßenrand, die Passagiere wollen nicht noch einen Mitfahrer mit hineinquetschen, aber, die Helferin besteht darauf, 'hay que ayudar a los viejitos', man muss den Alten helfen. So selbstlos, dass die Gute ihm nach wenigen Kilometern, als er wieder aussteigt, einen überhöhten Fahrpreis abknöpft, ohne Quittung natürlich, also illegal in die eigene Tasche gewirtschaftet. Als ich über die ach so soziale Ader dann noch meine Witze mache, starrt sie mich entgeistert an, vielleicht hat sie auch den Zynismus einfach nicht verstanden. Latinos und Witz, Ironie und Zynismus, das ist ja eh so eine Sache: Witze sind nur gut, wenn die Pointe deftig ist, Ironie wird nur erkannt, wenn sie unfein mit der Holzhammermethode vorgetragen wird, aber Zynismus? Im spanischsprachigen Wörterbuch taucht der Begriff durchaus auf, aber sein tieferer Sinn oder gar sein möglicher Einsatz als Stilmittel der Kritik? Fehlanzeige.
Wie zur Strafe nimmt die Helferin nochmals Passagiere mit, zwei etwa siebenjährige Jungs mit jeder Menge Agrargütern, Gummistiefeln und einem Huhn. Wieder das gleiche Spiel, man muss den Kids helfen, als die dann ausstiegen, haben sie kein Geld. Der etwas größere zeigt auf eine Hütte in zweihundert Metern Entfernung, 'ich hole gleich Geld'. Dieses Mal, Señora, werden sie wohl kein Geld in die eigene Tasche wirtschaften können. Nein, korrigiert sie mich, die Landbevölkerung ist immer dankbar für Hilfe, der Junge kommt bestimmt gleich wieder. Fünf Minuten später kommt er tatsächlich, es täte ihm ja so leid, aber im Moment ist niemand zu Hause und er könne nicht bezahlen. Ein kleiner Treppenwitz?

Irgendwann geht auch die unterhaltsamste Busfahrt zu Ende, und so stehen wir am 'Terminal de Buses de San Borja'. Sehr hochtrabender Name für ein in der Mittagshitze vor sich hingammelndes Gebäude, das im sandigen Nichts weit vom Ortskern entfernt steht. Kein einziges weiteres Fahrzeug, fast keine Menschen. Eine vor Schmutz erstarrende Indigena verkauft ein paar Süßigkeiten, drei Hunde halten Siesta im Sand. Die Sonne brennt unerbittlich auf ein Hüttchen auf der anderen Straßenseite, oder besser gesagt Erdwegseite. Keine Fenster, keine Türe, und doch verspricht ein Schild Unterkunft und Verpflegung.
Dann, wie ein Schwarm aufgescheuchter Wespen, tauchen aus dem Nichts etwa zehn knatternde Mopeds auf, Mototaxis, und es bleibt unergründlich, woher sie bei einem Bus ohne Fahrplan von seiner Ankunft wussten. „Los bolivianos somos expertos en organisar la desorganisación”, so die Selbstauskunft frustrierter Bolivianer: Wir Bolivianer taugen ja nur, um das Chaos zu organisieren. Aber ganz kann man dem nicht zustimmen, sobald es ein paar Bolivianos zu verdienen gibt, klappt die Sache schon besser. Und täglicher Umgang mit dem Chaos sorgt zugleich auch für eine wesentlich größere Flexibilität.
Da ich mit sperrigem Rucksack und Daypack zusammen auf ein Kampfgewicht von 105 Kilos komme, erscheint die Benutzung eines Mototaxis gefährlich, aber der Chauffeur hat viel Erfahrung, locker und unspektakulär geht es zur Plaza.

Nach dem Einchecken im Hotel die verdiente Dusche, und ich frage mich noch, was die süße kleine Schildkröte in meiner Dusche will. Bis ich feststelle: Es ist eine tropische Schabe, die Monsterkakerlake. Ihre Größe bringen ihr einen Nachteil und einen Vorteil: Sie entkommt nicht durch den Duschabfluss, aber ihr Panzer schützt sie gegen meinen heftigen Schuhhieb. Erst beim dritten Mal mit dem Wanderschuh drauftreten dann das heftige Knacken, ihr passiver Widerstand also doch nur ein Pyrrussieg. Eine Faustregel besagt, dass pro Kakerlake die man sieht, etwa einhundert irgendwo versteckt lauern, aber es stellte sich heraus, dass sie die Coils, jene grünen, spiralförmigen Anti-Insekten-Räucherstäbchen absolut nicht ausstehen können.
San Borja ist eigentlich ganz nett, die Menschen sehr freundlich. Auch wenn sie den ungefähr zwei Kopf größeren Gringo so anstarren, als ob gerade ein UFO vorbeifliegt. Oder ein rosa Elefant. Naja, viele Ausländer kommen nicht hier her. Vielleicht mal für eine Nacht ein gestrandeter, der den Anschlussbus nach Trinidad verpasst hat. Aber mal ganz ehrlich: Was sollte man an so einem Ort auch als Tourist machen? Ich bin noch keine halbe Stunde im Ort, da spricht mich Luis, ein 20-jähriger an. Ob er ein Internetcafe kennt, frage ich ihn, klar, eines gibt es, er begeleitet mich hin. Da es aber erst in einer Stunde wieder Netzzugang gibt, zeigt er mir den Ort, leiht sich ein Moped aus. Wir fahren an den Fluss. Bei seiner Tante muss er mich
unbedingt als seinen Amigo aus Alemania vorstellen. Das geht hier ja schnell, oft weiß man noch nicht einmal den Namen eines Menschen, aber schon ist er ein „amigo“.Die Señora lädt uns dann auf frittiertes Reisbrot ein, selbstgemacht. Ihr Anwesen ist ein Holzhaus, groß, gemütliche überdachte Terassen, im Garten stehen einige Palmen. Dahinter ein Holzofen, Hühner scharren und picken im Sand, sauber ist es wirklich nicht. Und hier sind also die Reisfladen entstanden, die ich gerade vergustiere. Nichttourismus, eine Zumutung für einen
Reisenden? Oder doch eher die Möglichkeit,
unverfälscht Land und Leute kennen zu lernen?
Die Nationalparksverwaltung in San Borja ist dann sehr nett, der Chef nimmt sich persönlich Zeit für mich, gibt mir Infos, die so gar nicht mit denen im Reiseführer übereinstimmen. Und das Beste, neben seinem Schreibtisch an der Wand hängt der gigantische Schädel eines Mohrenkaimans. Angeblich an Altersschwäche gestorben. Aber mal ganz ehrlich: Welche natürlichen Feinde, abgesehen von menschlichen Kugeln, sollte solch ein Monster haben?
Der vorletzte Schritt dann auf dem Weg zum heiß ersehnten rendez-vous mit dem Kaiman, einen Tag später, 90 Minuten mit dem lokalen Bus Richtung El Porvenir, einer von der Estacion Biologico del Beni verwalteten Hacienda. Mitten im Nichts wirft mich der Busfahrer raus, erst muss man noch 300 Meter in die Farm hineingehen. All die Informationen bezüglich Unterkunft, Verpflegung, Preise und Organisation von Touren, die ich bei der Nationalparkverwaltung in San Borja erhielt, waren falsch. Und jedes einzelne Wort im Lonely Planet Guidebook, meiner Bibel, war richtig. Also: Billige und einfache Unterkunft inklusive dreier Mahlzeiten, die gemeinsam mit den Verwaltern der Hacienda eingenommen werden, und um 16 Uhr kommt pünktlich ein Indigena aus dem nächsten Ort vorbei, um mögliche Touristen zu den Kaimanen zu bringen.

Melanosuchus niger oder Caiman negro oder eben Mohrenkaiman. Hauptsächlich schwarz gefärbt, die Bauchseite blaß-gelblich, relativ breiter Kopf, Schnauze eher spitz zulaufend und mit braunen Flecken.
In den Biotopen, in denen er zu Krokohandtaschen und Schuhen verarbeitet wurde, fehlt er heute am Ende der Nahrungskette, was in den jeweiligen Regionen zu einer Massenvermehrung der Capihuaras, Wasserschweinen, die eigentlich zu groß geratene Nager sind, führte. Das Fehlen der offensichtlich großen Mengen von Kaimankots wiederum geht den Wasseralgen, die am Beginn der Nahrungskette stehen, als Dünger ab, weniger Plankton aber bedeutet, dass jegliche Fischbrut wieder weniger Nahrung hat. Also positive Rückkopplung auf die Capihuarapopulationen, negative Rückkopplung auf die Fischbestände. Aber, Ökologie ist ja bekanntlich immer etwas komplizierter als der Mensch auf Anhieb denkt, die Piranhapopulationen, Piranha als Hauptmahlzeit der Kaimane, können sich in den jeweiligen Gewässern stark vermehren.
Nach 45 Minuten Fußmarsch durch die Pampa, mal fliegt ein Tukan, mal zwei Aras, mal ein Storch und mehrfach Adler vorbei, rudern wir vom Bootsanleger der Laguna Normandia aus schon über zwei Stunden in einem wackeligen und deshalb in angeblich Kaiman verseuchtem Gewässer unsicher wirkenden Boot herum. Ein kapitaler Benihirsch, ziemlich-sehr-viel-Ender, grast friedlich zwischen ein paar Rindern. Die armen Tiere mit den gigantischen Hörnern sehe ich hier nur als Rinderfiletsteak auf vier Beinen, so grandios und billig wie das Fleisch hier ist. 14 Tage im Beni, und 16 Mal genoss ich in diesen Tagen Rinderfiletsteak, so ist das, wenn man aus einem Land kommt, in dem das Fleisch nach Wasser schmeckt. Im wunderbaren Sonnenuntergang landen Dutzende weiße Reiher auf einer kleinen Waldinsel am Rande der Lagune. Alles recht und schön, aber deshalb bin ich nun wirklich nicht hier. Der Goldgräber interessiert sich ja auch nicht für wunderbar scheinende Kieselsteine, oder bin ich vom Touristen-Safarisyndrom befallen, dass sich in Blindheit gegenüber allen anderem Schönen äußert? Und darin, dass man nur das Großwild sehen will? Die Nacht senkt sich, die Zikaden lärmen, ein paar zu groß geratene Fledermäuse huschen über die Wasseroberfläche und wir rudern zum Anleger zurück.

Auf einmal, die Taschenlampe huscht nur noch routinemäßig über das Wasser, leuchten aus etwa zehn Metern Entfernung zwei winzige, intensive rote Äuglein zurück. Mit zwei, drei leichten Ruderbewegungen ist das Boot an der Stelle, und es ist wirklich ein absolut knuddeliger Kuschelkaiman, sein etwa 25 Zentimeter langer, auf der Wasseroberfläche liegende Kopf lässt auf eine Gesamtlänge von unter einem Meter schließen. Eine Art lateinamerikanischer Widergänger des Nil-Schni-Schna-Schnappis aus den deutschen Radiohitparaden. Der zweite Mohrenkaiman ist unwesentlich größer, bleibt aber dankenswerter Weise an der linken vorderen Spitze des Ruderbootes so lange liegen, bis die Kamera auslösebereit ist. Doch bevor der Auslöser gedrückt wird, knallt es mit einer Wucht an die Plastikunterseite des Bootes, dass sowohl Miguel und ich einen Moment das Kentern des Bootes befürchten. Das war der praktisch nur aus Muskeln bestehende Schwanz eines Mohrenkaimans, mit dem ich keinesfalls kuscheln möchte, zwei Meter lang, wild und ungehalten über die Störung seiner Abendruhe. Da von den Kaimanen in der Dunkelheit nur die Augen zu sehen sind, haben wir diesen Kapitalen einfach übersehen und wahrscheinlich leicht mit dem Boot gerammt. Miguel hat keinerlei Angst vor diesen schwarzgrünen Panzerechsen. Nicht einmal gehörigen Respekt. Er würde hier sogar schwimmen, wenn, ja wenn es da nicht die Geschichte mit der Anakonda gäbe. Dieses mythische Tier existiert ja immer noch in ganz Südamerika, aber die „primera dama“ der Reptilien in der Laguna Normandia soll kapitale acht Meter messen. Der Onkel meines Guides hat sie einmal aus mehreren hundert Metern Entfernung gesehen. Mag ja viel Jägerlatein mit dabei sein an solchen Geschichten. Aber es gibt sie. Man schreite im beschaulichen Andenort Sorata in der „Casa Günther“ nur mal die an die Wand genagelte Haut einer Megaanakonda ab. Acht Schritte reichen dafür nicht. Und da gab es dann vor wenigen Jahren noch den ausführlich dokumentierten Vorfall in der Nähe von San Borja, wo die Reste eines siebenjährigen Jungen, der über Tage verschwunden war, im angedauten Zustand aus dem aufgeschlitzten Bauch einer Siebenmeteranakonda geholt wurden. Erinnerungen werden wach, vor Kurzem habe ich selbst mit der Kraft einer Babyanakonda zu kämpfen gehabt.

Der Rückweg, glücklich durch die dunkle Pampa hinter dem Guide herstolpernd, allerorten glaube ich Augen zu sehen, höre unheimlich Geräusche, denke an die um diese Uhrzeit aktive Giftschlangen, kommt mir bei drückender Luftfeuchte viel länger vor. Und nur wenig nach der Ankunft schlummere ich zufrieden in meiner Hängematte. Nicht ohne zuvor in den Open-Air-Duschen ohne Licht mit einem ziemlich großen Frosch zusammen zu stoßen. Also doch duschen im Kerzenschein.
Nach einem ausgiebigen Pamparitt am nächsten Morgen und einem chaotischen Wetterumschwung, ein eiskalter Surazo-Wind aus dem Süden lässt ein Gewitter über die Landschaft fegen, stehe ich im kalten Regen. Der so porentief in mich dringt und mir kälter als deutscher Novemberregen erscheint. Da der Bus so erheblich verspätet ist, will ich nach San Borja zurücktrampen. Hier in der Pampa nimmt einen ja jedes Fahrzeug mit. Aber über fast drei Stunden kommt kein einziges Fahrzeug auf dieser Hauptverbindungsstraße vorbei. Selbst der durch den knöcheltiefen Lehm schlitternde Schrottbus erscheint mir dann wie ein Geschenk des Himmels.
Und dieses himmelschreiende Kaff San Borja erscheint mir wie die Ausgeburt der Zivilisation.
In dieser Stunde zurück in den Ort lerne ich einen wahren Nomaden kennen. Jesus Moreno sitzt neben mir im Bus, er stellt sich als Peruaner aus Brasilien vor. Vielleicht fühlt er sich ja unwohl im Bus, jedenfalls spricht er ohne Unterlass. „Amigo, wo kommst du denn her?“ Ohne richtig die Antwort abzuwarten, geht es in einem Stakkatoerzählstil fort: „Ich habe eine Frau und zwei Kinder in Lima. Ich bin dort selbst als kleiner Junge mit meinen Eltern angekommen. Aber Arbeit zu finden ist dort schwer, so viele Peruaner aus der Sierra und der Selva kommen in die Stadt, um dort zu leben. Und dann noch zwei Kinder und eine Frau, das reicht doch nicht zum Leben“ „Fährst du denn jetzt nach Lima?“ „Nein Hombre, das ist zu weit und zu teuer.“ „Und wann warst du denn das letzte Mal zu Hause?“ „En casa? Zu Hause? Ich weiß nicht so genau, was du damit meinst. Die Straße ist mein Zuhause. In Lima war ich das letzte Mal vor fünf Jahren. Aber das ging nicht mehr. Also bin ich nach Iquitos gefahren. Von dort mit dem Boot den Amazonas bis zur Mündung hinunter. Nur mit meiner Hängematte auf einem Boot. Ich bin immer dort, wo ich Arbeit finde. Aber halt nie lange an einem Ort. In Belem, dort, wo der Amazonas zu Ende ist, habe ich es fast ein Jahr ausgehalten. Außerdem habe ich dort eine Novia.“ Novia heißt Verlobte. „Wie?“ „Pues, so ganz ohne Frau geht es ja auch nicht. Aber eine Frau zu haben bedeutet, immer arbeiten zu müssen. Frauen sind ja so fordernd, immer stellen sie neue Ansprüche. Andauernd fällt denen was Neues ein. Aber ich kann eh nie allzu lange an einem Ort bleiben. So bin ich in Bolivien gelandet.“ „Wovon lebst du jetzt?“ „Ich verkaufe Bücher!“ Das war jetzt echt eine richtig absurd wirkende Antwort, in einem Land, wo die meisten Menschen die Bibel als einziges Buch besitzen. „Das Geschäft geht ganz gut, genug Geld zum Essen habe ich immer. In Städten kaufe ich Schulbücher, Romane, kleine Enzyklopädien. Auf dem Land breite ich dann meine Waren auf der Plaza aus, da verkauft man immer was. Möchtest du in San Borja mal mein Angebot sehen? Ich bin jetzt fast 50. Irgendwann bleibe ich bestimmt irgendwo hängen. Vielleicht ziehe ich nach Lima zurück. Vielleicht bleibe ich hier hängen.
Ich denke oft an Jesus Moreno. Beneide ich ihn? Er hat keine Ahnung von Krankenkassen, Rentenversicherungsträgern, Pensionskassen. Was passiert, wenn er krank wird? Aber er ist frei, lebt ein nomadisches Leben auf der Straße. Ist er glücklich damit? Oder zumindest zufrieden? Fehlt ihm etwas? Eigentlich glaube ich eher, dass er sein Schicksal akzeptiert. Es ist o.k. für ihn, er macht das Beste daraus. Moderne Nomaden existieren, nicht vergleichbar mit der ursprünglichen nomadischen Lebensweise. Wieso sollten wir still sitzen, wenn wir uns doch bewegen können? Wir müssen doch wissen, was da draußen passiert. Irgendwie bewundere ich Jesus Moreno, beneiden tu ich ihn trotzdem nicht.

Anmerkung:
Da ich zur Zeit an einem Band mit Reiserzählungen arbeite, würde ich mich über konstruktive Kritik zu meinem Artikel freuen.
Am Besten zu erreichen über: hebele_stefan@yahoo.com






Laguna Normandia


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Kommentare

  • RdF54

    sehr amüsant geschrieben, den man gerne mit einem Schmunzeln liest.
    Die fehlenden Bilder entstehen unweigerlich im Kopf!

    LG Robert

  • mamatembo

    In der Tat "amüsant geschrieben", und auch ich habe den Bericht über den wohlbekannten "Umgang mit dem Chaos" in Südamerika mit Vergnügen gelesen. Aber ich hätte auch gerne ein paar Fotos gesehen, denn dass Du eine Kamera dabei hattest, das hast Du selbst geschrieben!
    :-) Beate

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