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Reisebericht: Turkmenistan - Wo die Seidenstraße die Wüste kreuzte
Turkmenistan Teil 1
Dieser Bericht möchte ein wenig mit einem Land vertraut machen, das relativ abseits der ausgetretenen Touristenpfade liegt, aber mit Weltkulturerbe-Schätzen und einer skurrilen Hauptstadt aufwarten kann.
Teil 2: "Ashgabat: Cäsarenwahn in der Wüste"
Einreise
Wie gut, dass man heutzutage Koffer auf Rollen hinter sich herziehen kann! Unser Reiseveranstalter hatte uns bereits im Vorfeld wohlweislich auf ein kleines Problem hingewiesen. Jetzt war es also so weit. Etwas über eine Stunde hatte es gedauert, bis wir die Grenzformalitäten am Übergang von Usbekistan nach Turkmenistan südlich Buchara hinter uns gebracht hatten. Nicht etwa wegen eines großen Stromes Grenzübertrittswilliger. Mitnichten! Einzig und allein wegen einer Fülle von Formalitäten. Nun standen wir also da, unser kleines Grüppchen von fünf Personen - ohne die sprachliche Unterstützung unseres kompetenten jungen Reiseleiters, der auf usbekischem Boden zurückbleiben musste. Wir schauten das Asphaltband hinunter, das sich durch die Halbwüste nach Südwesten zog. 800 Meter Niemandsland lagen vor uns. 800 Meter Koffer tragen - oder aber, wohl dem, der ... Siehe oben!
Zum Glück war es jetzt Mitte September nicht mehr so heiß. "Nur" 32 Grad bei geringer Luftfeuchtigkeit. Wüstenhaft eben. Da kann man schon mal 800 Meter den Koffer ziehen! Nach etwa 200 Metern mussten wir Platz machen für einen türkischen Tieflader, der seine Last wohl in Usbekistan oder sonst irgendwo in den Weiten Mittelasiens abgesetzt hatte und nun auf dem langen Rückweg in die Heimat war. Er hielt. Der Fahrer gestikulierte mit den Armen. "Der will uns mitnehmen," sagte jemand. "Aber doch bestimmt nur gegen Bakschisch", meinte jemand anders. Egal, dachte ich und wuchtete meinen Koffer auf die Ladefläche. Alle folgten meinem Beispiel und im Nu hockten oder standen wir alle oben.
Der Laster rumpelte los. Na ja, immer noch besser als 600 Meter Koffer ziehen! Wir hatten gerade weitere 200 Meter Niemandsland hinter uns gelassen, als wir vorne eine schier endlose LKW-Schlange erblickten. War's das etwa schon?! Tatsächlich, unser Fahrer schloss sich an die Wartenden an. Absitzen! Und so "durften" wir uns dann doch noch sportlich betätigen. Wir liefen die gesamte Kolonne ab und bei mir kam Mitleid mit den Fahrern auf, die sicherlich noch stundenlang in der prallen Sonne ausharren müssten. Schatten boten ihre Fahrzeuge kaum.
Würde uns unser turkmenischer Reiseleiter erwarten? Unsere Ankunft war telefonisch nur ganz grob mitgeteilt worden. Erster Schlagbaum. Pässe zeigen. Warum müssen Grenzbeamte eigentlich immer so mürrisch dreinblicken?! Weiter. Gittertor. Pässe zeigen. Weiter. Endlich kommen wir an dem kleinen Grenzabfertigungsgebäude an. Und da winkt er uns auch schon zu: Alexander, ehemaliger Deutschlehrer, der uns die nächsten vier Tage in die Schönheiten und Besonderheiten seines Landes einführen soll. Wir füllen die Zollerklärungen aus und Alexander sammelt die Pässe und 55 US-Dollar ein. Nach und nach tröpfeln ein paar Usbeken - oder sind es Turkmenen? - ein, denen als grenznah wohnende Minderheiten aufgrund von Sonderregelungen der Übertritt erleichtert ist.
Wir warten geduldig. Der eine sitzt auf seinem Koffer, der andere hockt sich auf einen Zaununterbau. Andere Sitzgelegenheiten - Fehlanzeige. Alexander kommt. Fertig? Nix da! Jeder möge 1 Dollar für eine Quittung locker machen. Herumnesteln in Geldbeuteln. Alexander geht. Zehn Minuten später. Alexander kommt. Fertig? Nix da! Jeder möge 1.50 Dollar für Stempelgebühr rausrücken. Herumnesteln in Geldbeuteln. "Hast du mir mal...?", "Kannst du mir...?" Alexander geht. Warten. Zehn bis fünfzehn Minuten später. Alexander kommt. Ah, jetzt geht's endlich los! Pustekuchen! Alexander möchte 10 Dollar für "Sonstiges". Selbst er weiß nicht wofür. Wir zahlen. Irgendwann kommt Alexander wieder. Er lächelt! Es ist geschafft! Nach 90 Minuten dürfen wir turkmenischen Boden betreten!
Ich mache mir so meine Gedanken über die Studiosus-, Marco Polo- und Ikarus-Gruppen, die wir in Samarkand und Buchara gesehen hatten. Durchschnittlich 20 bis 24 Personen... Ist das der Grund, warum Turkmenistan-Abstecher kaum in den Programmen zu finden sind?
Steckbrief Turkmenistans
Was ist das für ein Land, bei dessen Namen man sogleich an Karl May denkt. Gibt's da nicht den Roman "Durchs wilde Turkistan"? Ach nein, der heißt doch "Durchs wilde Kurdistan"! Na ja, irgendwie verzeihlich, wenn man die vielen -"istan"-Länder durcheinander bringt...
Bis zu seiner Unabhängigkeit 1991 war Turkmenistan als Sozialistische Republik Teil der Sowjetunion. Das Land verfügt über eine Fläche von 488 000 qkm und ist damit so groß wie Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen! Auf diesem riesigen Staatsgebiet leben allerdings gerademal fünf Millionen Menschen. Kein Wunder, besteht doch das Land zu 85 % aus Wüste. Es ist die Karakum, was so viel wie "Schwarze Wüste" heißt. Diesen Namen trägt sie nicht wegen ihrer Farbe, sondern weil mit "schwarz" im hiesigen Sprachgebrauch "lebensfeindlich" gemeint ist. Menschliche Ansiedlungen findet man seit jeher demnach nur in Oasen, die vom Wasser des Amu-Darja und einiger kleinerer Flüsse gespeist werden.
Was der Nil für Ägypten, der Indus für Pakistan, das ist der Amu-Darja für Turkmenistan. Er hat seine Quellflüsse bei den Sieben- und Achttausendern des Hindukusch und Pamir und erreicht nach 2540 Kilometern den Aralsee. Fast sollte ich sagen "erreichte". Warum das?
Unter Stalin und Chruschtschow forcierte die UdSSR in Usbekistan und Turkmenistan den Anbau von Baumwolle. Dazu musste ungeheuer viel Brachland in Kultur genommen werden. Das aber hieß in dieser Wüstenlandschaft: künstliche Bewässerung. Kein Problem, man hatte ja den Amu-Darja - und in Usbekistan den Syr-Darja. Ab 1954 wurde der mit 1445 Kilometern längste Kanal der Welt, der Karakum-Kanal, gebaut, über den das Wasser des Amu-Darja zu Bewässerungszwecken weitergeleitet wird. Unausweichliche Folge: Der Fluss erreicht den Aralsee nur noch in sehr niederschlagsreichen Jahren - und die sind äußerst selten... So schrumpft der Aralsee zusehends. Einstmals der viertgrößte der Welt, hat er sich mittlerweile halbiert - und ein Ende ist nicht abzusehen. Eine Umweltsünde, wie es sie weltweit kaum ein zweites Mal gibt.
Nicht von ungefähr warnen daher Reiseführer davor, bei Gesprächen mit Usbeken und Turkmenen das Thema "Aralsee" anzusprechen.
(Wer sich über das geschilderte Problem näher informieren möchte, dem sei der Beitrag "Aralsee" bei Wikipedia ans Herz gelegt.)
Neben dem "Weißen Gold", der Baumwolle, verfügt das Land jedoch noch über einen weit größeren Schatz: ein Schatz, der ungleich höhere Deviseneinnahmen beschert: Erdöl und Erdgas! Die Erdgaslager werden als die zweit- oder drittgrößten der Welt eingestuft! Gemessen an den Möglichkeiten steckt deren Ausbeutung noch in den Kinderschuhen. Kein Wunder, dass sich die energieabhängigen Länder mit Turkmenistan gut stellen möchten. Dessen politische Ausrichtung ist dabei nebensächlich...
Noch interessanter wird dieses Land, wenn man es unter geopolitischen Gesichtspunkten betrachtet. Es hat gemeinsame Grenzen mit Afghanistan und dem Iran. Wer weiß, wie sich dort in den nächsten Jahren die politisch-strategische Lage darstellt. Turkmenistan könnte - wie es bei Usbekistan bereits der Fall ist - als Sprungbrett zu den Krisenherden fungieren.
Genug der Geographie und Politik! Beginnen wir jetzt unsere Reise!
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Lieber Hartmut, mit großem Interesse habe ich deinen wieder interessanten Bericht gelesen. Über ein Land, das mir völlig fremd ist. Aber trotzdem neugierig macht. Du hast in deinem ausführlichen Bericht das Land sehr gut beschrieben, ob politisch oder geschichtlich. Von mir bekommst du fünf Punkte für diesen klasse Beitrag. lg Romy
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Ein spannender Bericht gespickt mit interessanten Fotos!
Gruß Astrid -
Toller Bericht mit vielen klasse Fotos.
Respekt!
Nette Grüße von Josef -
Hallo Hartmut!
Herzlichen Dank, dass Du Dich doch aufgerafft hast, diesen Bericht zu schreiben! Über Turkmenistan findet man ja nicht allzu viel, so ist jeder Beitrag über dieses Land eine Bereicherung. Und Deine Beiträge sind sowieso immer ein Genuss, vollgepackt mit Informationen, aber auch mit viel Humor. Auch Deine Fotos sind wieder einmal spitzenklasse!
LG Susi -
Es ist mir eine große Genugtuung, Eure positiven Rückmeldungen zu erhalten. Sind sie doch eine Belohnung für die unzweifelhaft mit der Erstellung eines Berichtes verbundenen Mühen. Aber die Mühe hilft auch, das Erlebte im Nachhinein nach ein wenig Abstand zu vertiefen. Ich muss gestehen, nach den unendlich vielen neuen Eindrücken - davor lagen ja schon 8 Tage Usbekistan - ist mit der nachträglichen Beschäftigung mehr Ordnung in meinen Kopf gekommen.
!000 Dank und liebe Grüße an Euch alle!
Hartmut -
Es war sehr interessant, mit Dir in diese relativ unbekannte Gegend zu reisen. Hab viel gelernt. Welche Sprache sprechen die Leute? Kann man sich mit Russisch verständigen?
LG Friederike -
Seit ihrer Unabhängigkeit 1991 haben sowohl Usbekistan als auch Turkmenistan ihre uralten eigenen Sprachen wieder zu ihren Nationalsprachen erhoben. Russisch wird ebenfalls noch gesprochen, entweder von vielen in diesen Ländern (noch) lebenden Muttersprachlern oder als lingua franca, d.h. als Verkehrssprache, insbesondere in Hotels, auf den Flughäfen, in Banken. Auf einer geführten Reise kommt man allerdings kaum in die Verlegenheit, seine - mehr oder minder guten - Russischkenntnisse zu bemühen. Beide Länder haben übrigens auch die kyrillische Schrift durch die lateinische ersetzt.
Vielen Dank für Dein Interesse und liebe Grüße!
Hartmut
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Bin nach Abfahren der Seidenstrasse von Ost nach West auch gerade aus Turkmenistan zurückgekehrt. Ein merkmürdiges Land. Sehr schöner Reisebericht, der genau die Stationen beschreibt, die ich auch abgefahren bin.
Neben der Einreise von Usbekistan nach Turkmenistan, haben wir während der Reise noch einige weitere Absurditäten in dem Land erlebt, die fast unvorstellbar waren und mit den politischen Verhältnissen zusammen hängen. Seitdem heißt das Land bei mir Absurdistan. Ich habe trotzdem wunderschöne Bilder machen können. Wen diese Erlebnisse und die Bilder interessieren oder das Land mal bereisen möchte, kann sich gerne mal bei mir melden.
Gruß Tucanos -
@tucanos: Danke für Dein Interesse und Deine Einschätzung des Berichts. Zur Abrundung und zur weiteren Abgleichung mit Deinen Eindrücken, erinnere ich Dich an meinen zweiten Bericht mit dem Titel:"Ashgabat: Cäsarenwahn in der Wüste". Vielleicht kannst Du ja auch dem dort Gesagten und Beschriebenen zustimmen.LG Hartmut
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Hallo Hartmut,
möchtest Du ein paar Bilder von meiner Reise in Turkmenistan (Absurdistan) sehen, schau mal bei www.tucanos.de hinein. Viele Grüße Ekkehard -
Ich kann nur sagen/schreiben: GEO RC bildet
und wie.
Danke dir fürs mitnehmen! Ich kann mich Romy s.o. anschließen.
LG Moni
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Herzlichen Dank, liebe Moni!
LG Hartmut -
Hallo Hartmut,
dein detailreicher und ausführlicher Bericht mit deinen sehr gut gemachten Bildern hat mir ausgesprochen gut gefallen und meinen Wusch, dieses Land sowie Usbekistan zu besuchen, noch bestärkt. Nur traue ich mir nicht zu, dies allein zu schaffen, zumal meine Frau kein Interesse hat an der Seidenstrasse. Hast du eine Empfehlung für mich, welchen Reiseveranstalter ich für eine ca. 4-5 wöchige Tour ansprechen könnte?
LG
Martin -
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Hallo Martin,
herzlichen Dank für dein Interesse und die positive Beurteilung meines Berichts; ein zweiter existiert über Turkmenistans Hauptstadt Ashgabat; den solltest du dir auch noch zu Gemüte führen. Ich war lediglich 16 Tage unterwegs. Für Usbekistan und Turkmenistan war das ausreichend. Meinen Veranstalter Chili-Reisen kann ich dir sehr empfehlen. Es sind bei denen fast ausschließlich Kleingruppen unter 10 Personen. Gute guides vor Ort.
LG Hartmut -
Heute Bericht des Tages!!
Stimmt, Hartmuts Berichte in Text und Bild sind immerwieder ein Genuß!
Ein Dank in die Redaktion von mir.
LG Moni -
Von mir ein dickes Dankeschön an dich, liebe Moni, und natürlich auch einen Dank an die Redaktion für die Wahl. Die "Belohnung" tut immer wieder gut.
LG Hartmut
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