Algerien 1990

Reisebericht

Algerien 1990

Reisebericht: Algerien 1990

Die erste mutige, eher leichtsinnige Reise nach ein paar Europa-Trips war im März 1990, als ich mit meinem damaligen Studienfreund Dirk nach Algerien flog, um das Land zwar individuell, aber zusammen mit meinem algerischen Bekannten Hamid zu bereisen, den ich halbes Jahr vorher in Schweden kennen gelernt hatte.
Die beiden ereignisreichen Wochen waren zwar interessant, aber dennoch strapaziös.

Algerien, Sahara, März 1990

Tee und Datteln in einer Oase...

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Die beiden ereignisreichen Wochen waren zwar interessant, aber wir hatten immerhin 2 Raubüberfälle überstehen müssen, wobei einer davon unter Einsatz vom Tränengas mitten in einer Wohnsiedlung bei helllichtem Tag in Algier passierte. Ich war damals schon 21 Jahre alt und die illusorische Vorstellung von einer vertrauenswürdigen Welt war mir stets ein Wunschdenken gewesen, das danach zurecht gänzlich schwand.
Ich hatte jahrelang nach diesem Vorfall, der am ersten Tag nach unserer Ankunft passierte, immer wieder Angst, wenn ich schnelle Schritte hinter mir gehört hatte.

Die Tränengassubstanzreste verblieben 2-3 Tage trotz intensiver Wäsche an den Haaren, so dass sie nach dem ausgiebigen Duschen nicht gleich weggingen, sondern jedes Mal beim Waschen in die Augen gelangten.
Die minderjährigen Diebe hatten Hamid und Dirk ziemlich zugerichtet. Beide waren überall durch Schläge und Hinfallen verletzt.
Ich wollte nach diesem Schock gleich heimfahren, Hamid versprach aber, dass es im Süden viel ruhiger und sicherer sei und ich mir keine Sorgen mehr machen müßte.

Meine Französischkenntnisse waren damals beschämend und bescheidend, aber Dirk beherrschte ganz gut Französisch und ich konnte dafür um so stolzer die arabischen Schilder entziffern, da ich im Iran bis zu unserer Flucht 7 Jahre Arabischunterricht als Fremdsprache in der Schule hatte.
Die lustigsten Ereignisse bezogen sich überwiegend auf mein Französisch-Arabisch-Kauderwelsch und Versprecher. Ich habe mal Essen ohne Knoblauch (sans ail) bestellen wollen, was ich wie die Pest hasse, und es kam die Antwort: Unser Essen besitzt keine Flügel ( sans aile)!!!!

Wir fuhren mit dem Bus Richtung Süden; die Ziele waren Ghardaya, El Golea und Timimun, wo wir außer historischen Sehenswürdigkeiten in den Genuß schöner Oasen und eines guten Hauches Sahara kamen.
Ich hatte damals keine Geflügel aber schon Vierbeiner gegessen, so probierte ich den Couscous (Weizengrieß) mit einem Kamel-Gulasch-Schmorgericht.
Drei Jahre später habe ich auch keine Vierbeiner mehr gegessen und esse seitdem nur noch ab und zu Fisch.

Einmal gönnten wir uns ein 4-Sterne-Wüstenhotel in Ghardaya, da der Kurs durch den inoffiziellen Umtausch für uns sparsame Bauingenieurstudenten sehr günstig war.
Im Foyer saß mir ein Ekelpaket gegenüber, wahrscheinlich aus Saudi Arabien, im Kaftan mit Kopfbedeckung, gaffte mich gierig an und leckte seine Lippen, wo eine Pracht von gelben Zähnen zum Vorschein kam. Er knabberte an Kardamomkernen und nahm eine pseudo-erotische Lehn-Haltung auf dem Hotelsofa ein, während er mit seiner Gebetskette unzweideutig streichelnd spielte.
Ich bekam Muffensausen und rutschte zu Hamid.
Daraufhin fing der vermutlich wohlhabende Kameltreiber ein Gespräch mit Hamid an, über dessen Inhalt mich Hamid bis heute im Unklaren ließ.
Selbst Hamid hatte Schwierigkeiten, seinen unverständlichen Arabisch-Dialekt nachzuvollziehen.
Er deutete nun an, dass der er sehr interessiert sei und eine ganze Suite gemietet hätte.
Ihr könnt vorstellen, wie es mir nachts erging. Laute Albträume von einer behaarten Wampe, die nach orientalischen süßlichen abartigen Männerölen stank! So ein Eidechsenfresser aber auch!

Im großen und ganzen beschloss ich, dass ich vorerst, falls ich in Zukunft überwiegend alleine auf Reisen gehe, mich doch lieber in christlichen und buddhistischen Regionen aufzuhalten.
Für die Algerier war ich eine Art Exotin, die die arabische Schrift entziffern konnte, gebrochen und dürftig Arabisch sprach, nicht wie eine Deutsche aussah, aber trotzdem aus Deutschland kam.
Irgendwie genoss ich die allgemeine Aufmerksamkeit, da mich fast alle Männer anglotzten, die teilweise auch ziemlich gut aussahen. Algerien ist kein typisch arabisches Land; denn dort haben sich mehrere Rassen, u.a. die Berber und Kabyllen und bisschen auch das französische Blut vermischt, so dementsprechend die unterschiedlichen Gesichtszüge und Farbgebungen: Von mitteleuropäisch aussehenden bis zu Schwarzafrikanern.
Im Süden haben wir keinerlei negative Erfahrungen mit den Einheimischen gemacht. Es handelte sich um pazifistische gläubige Sahara-Bewohner, die sehr gastfreundlich und hilfsbereit waren.
In El Golea gönnten wir uns eine Fahrt bis vor den Dünen; der Fahrer lud uns danach zu sich nach Hause ein, wo das Essen erst zubereitet werden musste.
Dabei war er erstaunt, dass sich die beiden Jungs an die Arbeit machten und Kartoffel und rote Bete schälten, während ich mich ausruhte. Er war ziemlich enttäuscht und beschwerte sich bei Hamid, dass ich doch keine geeignete Frau für ihn sei!!!!
Wir waren ebenfalls erstaunt, da wir den Sinn dieser Einladung und Ehetauglichkeitsprüfung erst jetzt begriffen.

Trotzdem haben wir gemeinsam gegessen und dem Fahrer ein paar Kugelschreiber aus Deutschland als Dankeschön da gelassen.

Die Reiseroute ging bis nach Timimun in den Süden.
In der Nähe Timimun haben wir Nomaden besuchten, bei denen man Kamele ausleihen konnte. Den Preis hat Hamid im Nomadenzelt ausgehandelt, wonach er rot angelaufen aus dem Zelt an die frische Luft trat: Der Nomade und Kamelbesitzer hatte ihm seine Älteste zum Heiraten und ein Wohnzelt angeboten!
Die wackelige Angelegenheit, auf dem Kamel zu reiten, war mir und Dirk nicht ganz geheuer, zumal zu dieser Zeit ein schwacher Sandsturm begann, so dass wir uns schlecht hörten und Mund, Ohren, Augen, Haare und sonst alles voll mit Sand hatten.
Nach dem Süden ging es mit einem eintägigen Zwischenstopp in Ghardaya in den regenreichen Norden zur Küstenstadt Annaba.
Unterwegs im Bus nach Annaba saßen im Bus ziemlich viele Soldaten hinten. Ahnungslos, dass Hamid unser Begleiter ist, planten drei von ihnen meine Entführung und Vergewaltigung in Annaba, da es dort nur ein Hotel gab, wo Backpackers in der Regel unterkamen. Und dieses Hotel einschließlich seiner Umgebung waren den Soldaten sehr vertraut, so dass sie dort eventuell sehr leicht ihre Beute entführen könnten.
Während einer Fahrtpause teilte uns Hamid ganz blass mit, dass wir nicht bis Annaba fahren, sondern vorher in der Stadt Constantin aussteigen, die auch sehr sehenswert ist und von dort aus per Zug in die Kabyllei nach Tizi Ouzu weiterreisen werden.
Eine Erklärung gab er uns vorerst nicht. Ich denke, ich verdanke Hamid bis heute eine Menge und möchte mir nicht ausmalen, was damals ohne seine Wachsamkeit passiert wäre.
Der Busfahrer war sehr verständnisvoll und setzte uns im Zentrum von Constantin ab.
Die Soldaten haben ziemlich verdutzt geschaut, als wir außerplanmäßig ausstiegen; mir saß die Angst noch tagelang in den Knochen, als Hamid uns von seinen Befürchtungen berichtet hatte.
Wir stiegen im „Grand Hotel“ ab, und teilten mit einigen Kakerlaken und Ungeziefern unsere Behausung.
Die Stadt war umso interessanter, insbesondere eine mit Seil gespannter Brücke über eine tiefe Schlucht mitten in der Stadt, die nichts für Weicheier mit Höhenangst war, aber dafür sehr aufschlussreich für angehende Bauleute.
In der Einkaufsmeile merkten wir, dass uns 4-5 Jugendliche im Visier hatten und verfolgten.
Ganz geschickt haben wir uns blitzschnell in ein Taxi gesetzt und konnten die Verfolger abwimmeln.
Ich war schon wieder überfordert mit dieser Art von Reisestrapazen.
Es sollte aber nicht die letzte gewesen sein.

Wir kauften in der Nähe unseres Hotels die Zugfahrkarten für die morgige Fahrt nach Tizi Ouzu und fuhren am nächsten Tag pünktlich ab.
Es handelte sich um eine Bummelbahn, die meiner Erinnerung nach nicht elektrifiziert war.

Ca. dreißzig Kilometer vor Tizi Ouzu gesellten sich drei junge Passagiere zu uns und baten Hamid um eine Zigarette. Als der Zug an einem Vorort von Tizi Ouzu zum Stillstand kam, schirmten uns zwei dieser Männer ab, während sich der Dritte Hamids Reisetasche schnappte, aus dem Zug sprang und die beiden anderen ihm hinterhereilten.
Hamid rannte hinter ihnen her; wir stiegen mit den restlichen Habseligkeiten aus und verständigten am Bahnhof die Polizei.
Hamid kehrte nach halber Stunde resigniert zurück und war fix und fertig.
Die Polizeiunterstützung ließ wirklich zu wünschen übrig und nachdem sie die Daten aufnahmen, bestellten wir uns ein Taxi, das uns nach Tizi Ouzu fuhr.
Dort gönnten wir uns ein schönes Hotel; Dirk packte seine Klamotten aus und schenkte Hamid die Hälfte seiner Hemden und Hosen, da der Ärmste nichts mehr als die Tüte besaß, in der sich die Geschenke aus dem Süden für seine Familie befanden.
Am Abend ist er aus Versehen im Hotel in eine Glasscheibe gelaufen und verletzte sich dabei seine Hand ziemlich heftig.
Die sozialistische Staatsform verlangte damals keinen Schadenersatz und die Nähte und Krankenhausbehandlung waren ebenfalls gratis, trotzdem der arme Pechvogel!

Wir waren einfach seelisch am Ende und wünschten, dass die letzten Ereignisse nur ein Albtraum wären.
Während Dirk in die Innenstadt ging, um paar Postkarten zu besorgen, legte Hamid seinen Kopf auf meinen Schoß und weinte eine Weile. Er beteuerte seine Verliebtheit und dass ihn alle vergangenen Ereignisse kalt ließen, wenn bloß seine Gefühle erwidert werden könnten.
Mein Französisch war in den letzten Tagen auf ein bescheidenes Umgangsprachenmaß gestiegen, so dass ich mich gut, jedoch nicht fehlerfrei, unterhalten konnte.
Ich versicherte ihm, dass es bei seinem Interesse an mir um einen Kinderkram handele und dass wir trotzdem viele Jahre gute Freunde sein könnten.
Danach kam Dirk zurück und wir versprachen Hamid, ihm seine Verluste an Gegenständen zu ersetzen, so bald wir in Berlin sind.
In Algier kamen wir eine Nacht vor unserem Abflug in der Jugendherberge vom ersten Tag unter, wo wir wieder herzlich empfangen wurden.

Der Abflugtag war bedrückend; Hamid war deprimiert und unter uns lagen zwei Wochen voller Eindrücke, Strapazen und Angstzustände.
Nach dem Einchecken am Interflug-Schalter hatten wir noch ca. drei gemeinsame Stunden mit Hamid.
Und dann geschah etwas vielleicht schon befürchtetes: Ich brach in der Haupthalle zusammen; ich kann mich absolut nicht daran erinnern, was mir wehtat oder was mich umgehauen hatte.
In der Krankenstation des Flughafens hat der Arzt extrem niedrigen Blutdruck und leichten Kreislaufkollaps diagnostiziert.

Ich kam allmählich zu mir und lehnte die Beruhigungsspritze sowie jegliche abgelaufene Medikamente ab. Wir gingen dann zum Cafeteria und bestellten das Mittagessen.
Dirk überließ Hamid unser Restgeld und erneut einen Teil seiner Reisekleidung.

Der Abschied war bitter und traurig.
In der Transithalle vor dem Einsteigen ging ich ein letztes Mal auf die Toilette und als ich zurückkam, waren alle Passagiere am Bord. Dirk wartete auf mich und flehte einen Wachmann an, uns zum Flugzeug zu lassen.
Er verwies, so wie sich für quasi-sozialistische Länder angehörte, auf die nächsthöhere Instanz.
Der Depp hörte genau so wie wir, dass unsere beiden Namen ständig aufgerufen wurden.
Der nächste Offizier hat ganz gleichgültig den Kopf geschüttelt und unseren Gang zum Flieger verboten, nachdem er sich an mir satt geguckt hatte: Wir sollten den Flieger in einer Woche nehmen!
Ich brach erneut zusammen, wo ich ohnehin schwach auf den Beinen war.
Allein die Vorstellung, in diesem unwirtlichen Land eine Woche länger verweilen zu müssen, war eine Qual.
Irgendwann mal haben sich der Co-Pilot und zwei Flugbegleiter von Interflug für unsere „Beförderung“ von fünfzig Metern zum Flieger eingesetzt, dass uns die bürokratische lächerliche Erlaubnis auf Grund meiner Hysterie erteilt wurde.

Als wir endlich am Bord waren, war dies für mich damals wie eine zweite Geburt.
Alle lächelten uns zu, haben sich nach meinem Wohlbefinden erkundigt und die nette Stewardess mit Sommersprossen und Brandenburger Akzent versorgte mich mit Wasser und DDR-Beruhigungstabletten, die ich diesmal dankend annahm.

Auf dem Schönefelder Flughafen in Ostberlin angekommen, wollte ich wie Christoph Kolumbus niederknien und die Erde küssen, wie er damals vor der Küste Mittelamerikas ans Land ging.



Haltung bewahren vor Kamel


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Kommentare

  • AlfredoDiaz

    Ein gefährliches, aber interessantes Land.
    Grüße

  • OlafNies

    Na, das war vielleicht eine mutige Unternehmung!
    Aber ziemlich lustig.

  • Elbahi

    Hab mitgezittert, weil ich zur Zeit auch auf einem Auslandseinsatz in Algier bin.

    Jetzt bin ich vorsichtiger.

    Greeting
    ElBahi

  • Nima_Jerzi

    Gratuliere zu Deiner Ausdauer!
    Nima_Jerzi

  • Bertram

    Hallo Azadeh,
    warum gerade Algerien ? Sicher ein unerforschter Fleck.
    Sehr bewundernswert, sich dahin zu trauen.

    Frohes Schaffen für die nächsten Beiträge!

    Bertram

  • Suhail

    Ich bin auch Orientale.
    Auch dieser Beitrag ist nett gemacht.
    Gratuliere!

  • BradPitt

    Sehr lustig und authentisch, viele Grüße

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  • TanjaMahr

    Hat man echt für dich Kamele geboten?!
    Da war Iran harmloser.
    Gruss

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