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Reisebericht: Tessin - Lebensfreude und südliches Flair am Lago Maggiore
Tessin - Lebensfreude und südliches Flair am Lago Maggiore
Der frühe Tag jetzt im Frühling ist klar und der Himmel stahlblau mit einigen weißen Wolkentupfern. Da stehe ich nun am Ende des engen Val Bavona, einem hohen Seitental des Valle Maggio, atme die frische klare Bergluft tief ein und lasse die weltferne Ruhe auf mich einwirken. Mit einem Bus bin ich von Locarno aus gestartet, in Bignasco umgestiegen in einen kleinen Postbus und nun angekommen im Weiler San Carlo.
Und während die Augen von den Schneegipfeln der grandiosen Granit- und Gneislandschaft hinunterwandern zu den einfachen, unverputzten Natursteinhütten mit ihren schweren Steindächern und den daneben stehenden Getreidespeichern auf Stelzen gegen Mäuse und andere Schädlinge, muss ich an die Bergbauern denken, die hier ihre Bergwelt aus finanzieller Not verlassen mussten.
Ausgewandert sind viele von ihnen im 19. Jahrhundert nach Australien und Kalifornien, wo sie dem Ruf des Goldes folgten. Und so stecken diese entvölkerten Bergtäler voller Geschichten über Entbehrungen und Konflikten der vergangenen Jahrhunderte.
Und während ich weiter talabwärts marschiere, vorbei an den tobenden Schmelzwassern der Bavona, die ihre mächtigen Steinblöcke in jahrtausenden rund geschliffen haben, fällt mir wieder die herrliche Ruhe auf.
Jäh wird sie jedoch am tobenden Wasserfall beim Weiler Foroglio unterbrochen. Hier stürzt das Schmelzwasser mit ungeheurer Gewalt achtzig Meter in die Tiefe und hüllt alles Umliegende in einen Wassernebel ein.
Später, viele stramme Wanderstunden abwärts später, freuen sich dann auch die inzwischen müden Füße auf den Bus, der zurück ins pulsierende Leben von Locarno fährt.
Und dort geht’s dann mit Christian, meinem aufgeweckten Stadtführer, mit einer Standseilbahn steil hinauf zum Felssporn Sacro Monte, auf dem in eindrucksvoller Pracht der Wallfahrtsort Madonna del Sacco mit seinen Kapellen thront. Seine Gründung geht auf das Ende des 15. Jahrhunderts zurück, als Fra Bartolomeo vom Kloster in Locarno nach einer wundersamen Marienerscheinung beschlossen hat, ein Eremitenleben zu führen und diesen weithin sichtbaren Felssporn der Madonna zu widmen. Noch heute ist der Gebäudekomplex des Sacro Monte eines der wichtigsten Pilgerziele im Kanton Tessin.
Auf einer in Glas gebauten, modernen Aussichtsplattform, die mutig weit über dem Fels hinaus frei hängt, genieße ich den klaren Blick weit über Locarno am Nordufer des Lago Maggiores mit seiner mächtigen Piazza Grande, die der größte Platz des Tessins und eingerahmt ist von hübschen Altstadthäusern aus dem 19. Jahrhundert.
Von dort wandern die Augen hinüber zu den noch tief verschneiten mächtigen Bergen. Dabei erfahre ich von Christian, dass tief unter dieser herrlichen Bergwelt die Afrikanische Platte gegen die Europäische Platte stößt. Mit lachenden Augen verrät er mir dann auch, dass wir hier auf der Afrikanischen Seite stehen.
Einige Tage später, ich habe vergeblich nach Afrikanern Ausschau gehalten, stehe ich hoch über Ascona auf dem Monte Verità und erfahre von seltsamen Menschen, die im Jahre 1900 aus dem Norden kommend mit langen Haaren und dicken Bärten hier eingefallen sind. Verfrühte Hippies ohne Drogen waren es, die mit offenem Geist bereit waren, revolutionär neue Ideen und Lebensformen zu verwirklichen. Die Kolonie in der Sonne des Südens zog Künstler, Denker, Anarchisten,
Tänzer und Vegetarier von überall her an, was den einfachen Menschen des kleinen Fischerdorfes Ascona gar nicht gefiel.
Als sich dann auch noch bei ihnen herum sprach, dass dort oben Menschen nackt herum tanzen und Gartenarbeit im Adamskostüm verrichtet wird, bauten sie einen hohen Holzzaun um diese illustere Gesellschaft. Allerdings lugte so mancher Fischer oder Bauer durch die vorhandenen Astlöcher und unten im Dorf liefen die Kinder hinter den Frauen mit ihren luftig weißen Kleidern her und schlugen ihnen mit langen Brennnesseln vor ihre nackten Fußknöchel.
Später, so erzählt mir die lustig alte Dame Hetty Rogantini-De Beauclair, die auf diesem Hügel aufgewachsen ist und deren Vater als Maler und Verwalter auf dem Monte Verità von Anfang an dabei war, wurde dann aus ihrer speziellen Idee heraus ein Sanatorium im Bauhausstiel an dieser Stelle gebaut.
Das Geld dazu lieferte der Wuppertaler Bankier und Kunstsammler, Baron Eduard von der Heydt. Allerdings waren es jetzt andere wichtige Gäste mit dicken Brieftaschen aus Industrie und Politik, die diesen inspirierenden Ort aufsuchten, was dem kleinen Fischerdorf Ascona einen ungeahnten Touristischen Aufschwung bescherte.
Heute haben das ehemalige Fischerdorf Ascona und das nur einen „Steinwurf“ entfernte urbane Locarno in der südlichen Schweizer Sonnenstube für jeden Geldbeutel eine Menge zu bieten.
Und so habe ich mir an einem weiteren erholsamen Urlaubstag
– der Zauber des Südens hat mich eingefangen -
die kleinen Brissago-Inseln vorgenommen. Sie erreiche ich von meiner autofreien Seepromenade in Ascona aus nach einem entspannten Altstadtgassen-Bummel vorbei an interessanten Galerien und hübschen Boutiquen mit einem kleinen Linienboot in einer viertel Stunde. Die größere von ihnen, die betreten werden kann, ist die
Insel St. Pankratius. Ein interessanter botanischer Garten, der sich vor allem wegen seiner exotischen Pflanzenwelt rühmt. Auf 2,5 Hektar, so
Guido Maspoli, der Direktor dieses kleinen Eilands, haben er und seine Vorgänger 1600 Pflanzenarten angesiedelt aus dem Mittelmeerraum, Asien, Südafrika, Zentral- und Südamerika, Australien und einigen Südseeinseln.
In der alten Geschichte, so erklärt Maspoli, haben vermutlich schon die Römer eine Rolle gespielt. Angefangen aber hat es mit der extravaganten Baronin Antonietta Saint Leger (1856-1948), einer mutmaßlich unehelichen Tochter von Zar Alexander II.
Sie ließ eine Villa darauf bauen und verwandelte die Insel in einen üppigen Park, der schon damals für seine vielen exotischen botanischen Raritäten berühmt war.
Und so wurde auch dieser Ort ebenfalls ein Treffpunkt für Künstler, Dichter, Schriftsteller und Musiker mit vielen ausschweifenden Festen, die dann allerdings schnell das finanzielle Ende der Baronin brachten.
So gehen dann auch schöne Urlaubstage viel zu schnell zu Ende. An diesem Abschiedsmorgen weint dann auch der Himmel für ein kurzes Intermezzo Freudentränen. Ciao, bella Ticino!
Gerd Krauskopf
Infos:
Gut gewohnt habe ich in:
-Locarno im Hotel Millennium*** (gleich am See), Via Dogana Nuova 2, CH-6600 Locarno, Tel: +41 91 759 67 67, Fax: +41 91 759 67 68, info@millennium-hotel.ch, www.millennium.ch
-Ascona im Hotel Tamaro*** (an der autofreien Seepromenade), Piazza G. Motta 35, CH-6612 Ascona, Tel: +41 91 785 48 48, Fax: +41 91 791 29 28, info@hotel-tamaro.ch, www.hotel-tamaro.ch
Lecker gegessen habe ich in:
-Locarno in der Osteria del Centenario, Via Verbano 17, Tel: +41 91 743 82 22, www.osteriacentenario.ch
-Ascona im Restaurant Al Pontile, Piazza G. Motta 31, Tel: +41 91 791 46 04
Mein Stadtführer war Christian Wilhelm, Mobile: +41 76 565 43 50
Wanderparadies Tessin (südlichster Kanton der Schweiz): Meine Wanderung (ca. 4 bis 5 h, Länge 12 km, Kondition: mittel) ging bergabwärts von San Carlo (950m) nach Bignasco (443m) (SchweizMobil Route n. 59). Zwischenstopp mit guter Küche am großartigen Wasserfall (80m) in Foroglio. San Carlo ist mit öffentlichen Postbussen zu erreichen.
Botanischer Garten der Brissago-Inseln:
6614 Brissago-Inseln, Tel: +41 91 791 43 61, www.ticino.ch/webcode2636
Auf dem Monte Verità ist das Museum Casa Anatta seit kurzem leider geschlossen!
Literatur für unterwegs: Polyglott on tour Lago Maggiore mit flipmap. www.polyglott.de/lago-maggiore
Weitere Informationen: Schweiz Tourismus, 60070 Frankfurt/M., Postfach 16 07 54, Tel: 00800-100 200 30 (kostenlos) www.myswitzerland.com
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Sehr schön geschrieben - wunderbar zu lesen und der Phantasie freien Lauf zu lassen!
Man muss nicht (immer) in die Ferne schweifen, denn (manchmal) liegt das Gute so nah!
Sehr schön!
LG Robert -
Bella Ticino!
Wunderbar geschrieben und traumhaft gute Fotos mit phantastisch ausgesuchten Motiven, die diese südliche Schweiz hervorragend wiedergeben.
Da möchte ich meinen Koffer gleich packen....... -
Sehr gut geschiebener Bericht mit ansprechenden Bildern. besonders Bild 1 hat großartige Farben.
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Die Bilder sprechen einfach schon für sich. Wunderschöne, stimmungsvolle Aufnahmen, ein Bericht, der mich wehmütig stimmt, auch wenn mein halbes Herz Luganesi ist. Tessin bleibt eben Tessin.
Mir gefällt das (Panorama)Bild mit der Insel am besten. Es zeigt trotz Berge die Weite und das südliche Licht. Wasser hat für mich sowieso eine spezielle Aussstrahlung.
Madonna del Sasso (nicht Sacco) ist ein wundervoller Ort, am besten am frühen Morgen oder am Abend, kurz vor Schliessung. Dann gehört einem der Wallfahrtsort beinahe alleine (manchmal zumindest).
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Guter und interessanter Bericht mit schönen Fotos, und die Idee mit den Menü-Fotos finde ich echt gut!
LG Beate -
Lago Maggiore ist immer schön, war schon öfter dort, meistens mit unser Wohnmobil. (siehe Bericht)
Aber jetzt fahren wir mit Sohn, Frau und Enkelkinder über ChristiHimmelfahrt nach Locarno im Hotel Garni Milleniium.
Die Adresse von der Trattoria habe ich aufgeschrieben. Ich hoffe das Hotel ist gut, es soll ja nicht so gross sein.
LG Anneken -
Da wir dieses Jahr auch Urlaub am Lago Maggiore machen wollen, habe ich den Bericht mit Interesse gelesen und viele Anregungen in dem sehr interessant geschriebenen Bericht gefunden. Danke
LG Edeltraud -
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