Ein Traum wird wahr

Reisebericht

Ein Traum wird wahr

Reisebericht: Ein Traum wird wahr

Wie ein grüner Schmetterling mit ausgebreiteten Flügeln liegt Guadeloupe im blauen Meer. Ich habe Schmetterlinge im Bauch, wenn ich an Guadeloupe denke.

Ein Traum wird wahr

So gut es geht richte ich mich auf dem Fensterplatz ein. Immerhin wird der Flug acht Stunden dauern, aber was sind schon acht Stunden gegen ein halbes Leben.

Erinnerungen kommen hoch und ich sehe mich als Zehnjährige zusammen mit meiner Freundin Carola über dem Atlas sitzen. Mit Rotstift zeichneten wir damals unsere zukünftigen Reiserouten auf die Weltkarte. Wir wollten Weltreisende werden und übten schon mal unseren Empfang beim König von Tonga oder dem Häuptling der Dakota. Wir versuchten auf Bäumen zu schlafen ohne herunterzufallen, wegen der wilden Tiere in Indiens Dschungel und knüpften Hängematten, um bei den Amazonasbewohnern nicht allzu dumm dazustehen. Wir bastelten Baströcke und Blumenkronen für unsere Puppen und ließen sie nach dem Schlager „Steig in das Traumboot der Liebe und fahre mit mir nach Hawaii“ tanzen. Oder wir fühlten uns als Seemänner und grölten von unseren Bäumen herunter: „Seemann, lass das Träumen, denk nicht an zu Haus... Deine Heimat ist das Meer, deine Sehnsucht ist die Ferne, zwischen Rio und Hawaii zwischen Java und Shanghai...“ oder so ähnlich. Mit elf Jahren kannte ich alle Länder der Erde und deren Hauptstätte auswendig und konnte im Familienbrockhaus einen Massai von einem Papua unterscheiden. Mit zwölf Jahren eröffnete ich meiner leicht geschockten Mutter, dass ich den Elefantenführer aus meinem Indienbildband heiraten werde. Als ich dreizehn Jahre alt war, wurde am dreizehnten August die Mauer gebaut, mein Land mit Stacheldraht umzäunt und mit einem verminten Todesstreifen umgeben. Aus der Traum.

Ausbildung und Familie verdrängten das Fernweh für eine Weile. Aber es lauerte in jedem Winkel des Völkerkundemuseums, in dem ich aus und ein ging, grinste mich aus bestimmten Regalen der Bibliothek an, in der ich meinen Wissenshunger zu stillen versuchte und brach plötzlich während der Vorstellung eines karibischen Folkloreballetts mit aller Macht über mich herein. Jeder Trommelschlag schien mich zu rufen und ließ mich körperlich spüren, was Fern-Weh heißt. Ich hätte mich am liebsten auf die Bühne gestellt und geschrieen: nehmt mich mit, ich will hier raus. Aber das tat ich nicht, denn ich wollte ja nicht in ein noch kleineres Gefängnis, sonders raus in die Freiheit. Wie besessen kämpfte ich um meine Ausreise – und bekam sie. Nach fünf Jahren durfte ich in den Westen.

Meine erste große Reise brachte mich nach Guadeloupe in die Karibik. Linda, meine Gastgeberin holte mich am Flughafen ab. Ich würde bei ihr in dem kleinen Städtchen Moule wohnen. Es war schon dunkel, als wir an der Uferpromenade von Moule vorbeifuhren. Linda sog die salzige Luft ein und sagte: „Riechst du das Meer? Immer wenn ich hier vorbeifahre, weiß ich, dass ich gleich zu Hause bin“.

Ich verbrachte vier traumhafte Wochen auf der Schmetterlingsinsel, probierte alle Strände aus, kletterte auf den Vulkan, streifte durch den Regenwald, badete in Wasserfällen, tanzte beim Karneval zu Trommelklängen und stellte hinterher mit Entsetzen fest, dass sich das Fernweh nach irgendwo nun in eine verzehrende Sehnsucht nach Guadeloupe umgewandelt hatte, was keineswegs besser war und sich auch nach dem dritten Urlaub nicht änderte. Nun, ich hatte bereits eine Mauer überwunden, warum nicht einen Ozean. Wozu hatte ich schließlich im Westen endlich doch noch Ethnologie studiert? Ich beantragte ein Forschungsstipendium für einen Jahresaufenthalt in Guadeloupe - das dauerte diesmal nicht fünf Jahre – und nun sitze ich im Flugzeug.

Ich habe alle wichtigen Sachen im Gepäck, denn ich glaube nicht, dass ein Jahr reicht, um ein halbes Leben Fernweh zu lindern - und Trommel spielen zu lernen. Wie beim ersten Mal holt Linda mich vom Flughafen ab. Als wir an der Uferpromenade in Moule vorbeifahren, atme ich tief ein und sage: „Riechst du das Meer? Immer wenn wir hier vorbeifahren, hab ich das Gefühl, ich bin endlich angekommen“.


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Kommentare

  • venus

    sehr interessant, vielen Dank...

  • Claus_Wagner

    Wirklich nett geschrieben und wie ich sehen konnte gibt es sogar noch weitere Berichte über Guadeloupe. Träume sind nicht nur zum Träumen da, man muss sie leben!
    Gut gemacht. Gruß
    Claus

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