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Parabelflug: Forschung im freien Fall
Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an? 30 Studenten aus ganz Europa fanden es heraus - auf einem Parabelflug mit einem umgebauten Airbus 300. GEO.de-Redakteur Peter Carstens begleitete sie bei der 9. Studentenkampagne der Europäischen Weltraumorganisation ESA
"First parabola in two minutes!", meldet sich der Flugkapitän über die Lautsprecheranlage aus dem Cockpit. Zwei Minuten? Das reicht gerade, um die Sitzplätze im vorderen oder im hinteren Teil der Maschine zu erreichen und sich anzuschnallen.
Wir befinden uns sechs Kilometer über dem Atlantik, südwestlich der Bretagne. Gerade mal 20 Minuten sind vergangen, seit der Airbus 300 "Zero-G" vom Flughafen Bordeaux-Mérignac abgehoben hat. Rund dreißig Studenten aus zehn Nationen nehmen auf Einladung der Europäischen Weltraumorganisation ESA an diesem Parabelflug teil. Die Zeit bis zum ersten Parabelmanöver haben sie genutzt, um an ihren Experimenten letzte Einstellungsänderungen und Checks vorzunehmen. Die Atmosphäre ist nervös-gespannt. Doch jetzt kommt Unruhe auf. Zwei Minuten? Erleichterung, als der Pilot sich korrigiert: "Sorry - ten minutes!"
Die Theorie eines Parabelmanövers hat jeder der Teilnehmer seit dem Safety briefing am Vortag parat: Die Maschine steigt mit Vollgas aus der Waagerechten bis zu einem Winkel von 47 Grad und gleitet dann mit gedrosselten Motoren, nur vom Schwung der eigenen Masse bewegt, noch fast einen Kilometer nach oben. Sie beschreibt eine parabelförmige Bahn und stürzt im freien Fall wieder zur Erde: 22 Sekunden Schwerelosigkeit. Der Pilot fängt den Sturzflug ab - wieder mit Vollgas. 1,8g wirken während des Aufstiegs und des Abfangens auf Mensch und Material. Alles scheint fast doppelt so schwer wie im normalen Leben.
Kopf still halten!
In diesen Phasen der so genannten Hypergravitation sind die Anforderungen an den Orientierungs- und Gleichgewichtssinn der Passagiere enorm. "Kopf still halten und einen Punkt mit den Augen fixieren!", hatte deshalb der Bordmediziner geraten. Wer sich nicht an die Regel hält, ist raus: Motion sickness, bis der Arzt kommt - um neue Tüten zu bringen. 31 Parabelmanöver gehören zu jedem ordentlichen Parabelflug. Insgesamt dauert der Trip bis zu vier Stunden. Eine Toilette gibt es nicht.
Zu meiner Verwunderung bin ich - zumindest im hinteren Teil des Flugzeugs - der Einzige, der den Halt des Sitzgurtes sucht. Auf der Experimentierfläche vor mir, durch Netze abgetrennt, legen sich die Studenten auf den gepolsterten Boden und schlüpfen mit den Füßen unter die roten Gurte, die überall am Boden der Fahrgastkabine gespannt sind. Die Maschine fliegt jetzt ihre Höchstgeschwindigkeit, 825 Kilometer pro Stunde. "One minute!" Meine Handflächen werden feucht. Ich suche mir einen Punkt aus, den ich während des Aufstiegs zur Parabel anstarren werde.
Zu hören ist jetzt nur noch das Brummen der beiden General-Electric-Turbinen. "Thirty seconds!" Ich denke an nichts mehr, die Sekunden schmelzen wie im Zeitraffer dahin. "Twenty ... ten ... five … three - two - one - PULL UP!" Innerhalb von Sekundenbruchteilen wird mein Körper zu Blei. Die Arme auf der Lehne lassen sich nur noch mit Mühe heben. Das Blut sackt in die unteren Gliedmaßen. Das Atmen fällt schwer. Aus den Augenwinkeln sehe ich durch das Kabinenfenster, wie der Horizont nach hinten wegkippt. Besser nicht hinsehen.
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