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Waldzustand: Mein Ex-Freund, der Baum

Das Jahr der Wälder 2011 ruft Erinnerungen wach. Was ist aus den schwarzen Prognosen zum Waldsterben der Achtziger Jahre geworden? Die Geschichte einer unausgeglichenen Freundschaft

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Kennengelernt haben wir uns vor knapp 25 Jahren. So lange dauert diese Beziehung nun schon. Sie hatte ihre Höhen und Tiefen – wie jede Freundschaft – doch so ganz trennen wollten wir uns eigentlich nie. Irgendwann auf der Strecke scheinen wir uns allerdings etwas aus den Augen verloren zu haben.
Bemerkenswert ist, dass meine Freundschaft mit dem Baum in einer Phase begonnen hat, als es ihm gar nicht gut ging. Er kränkelte, mir wurde beigebracht ihm zu helfen. Bis zu einem gewissen Grad habe ich mich sogar für seine Krankheit verantwortlich gefühlt. In diesem Sinne ist unsere Bindung also aus einem schlechten Gewissen heraus entstanden. Eigentlich kein guter Start für eine Beziehung.


Mein Freund, der Baum (Foto von: Radius Images/Corbis)
© Radius Images/Corbis
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Mein Freund, der Baum

Eine einseitige Freundschaft

Ich bin mit dem Waldsterben aufgewachsen. Von der Grundschule bis zum frühen Teenageralter fanden regelmäßig Lehr-Ausflüge in und um den Wald herum statt. Saurer Regen, der Wald als Ökosystem und Lebensraum, Luftverschmutzung und Rettung des Waldes waren alltägliche Schlagworte. Sie wurden erklärt und analysiert. Der Bodenforscher Bernhard Ulrich hatte vorhergesagt, dass bereits 1986 die ersten Wälder abgestorben sein würden. Höchste Zeit also, eine enge Bindung mit dem Wald, den Bäumen anzustreben. Denn Freunde helfen sich ja bekanntlich gegenseitig. Und spätestens jetzt war es an der Zeit, etwas zurückzugeben. Denn problematisch wird eine Freundschaft dann, wenn einer den anderen konsequent ausnutzt und als selbstverständlich hinnimmt.


Neuartige Waldschäden wurden entdeckt

Ohne dass es mir bewusst war, konnte ich dank der Wälder ein sehr bequemes, katastrophenarmes Leben führen. Nicht nur, dass Bäume für ein ausgeglichenes Klima sorgen, oder das für uns lebenswichtige Wasser speichern und reinigen. Sie produzieren außerdem Sauerstoff, schützen vor Bodenerosion und fungieren als Schadstofffilter.

In den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts standen Wissenschaftler dann vor einem neuen, unbekannten Problem. Schon vor 1900 waren Waldschäden in der Nähe von Industrieanlagen, verursacht durch deren Abgase, zu beobachten. Seit 1975 wurden diese Schäden allerdings auch an Bäumen in emittentenfernen Gebieten entdeckt. Schadstoffe aus der Luft drangen durch Niederschläge in den Boden ein und zerstörten dort das Feinwurzelsystem der Bäume. Die Folge: die Wasser- und Nährstoffaufnahme der Wälder wurde stark beschädigt. Bäume verhungerten und verdursteten. Die Schuld am Desaster wurde vor allen Dingen den Emissionen aus Autoverkehr, Industrie und Landwirtschaft zugesprochen.


Einige Jahre lang hatte ich riesige Angst, dass ich meinen Freund verlieren könnte. Und damit die Möglichkeit, auf diesem Planeten zu leben. Mit der Zeit nahm diese Angst ab. Unter anderem auch, weil ich schlicht und einfach nicht mehr mit dem Thema Waldsterben konfrontiert wurde. In den Medien wurde es ruhiger und auch pädagogisch stand anderes auf dem Lehrplan. Es schien, als sei die Gefahr gebannt und sei es wieder Zeit, dass mein Freund etwas für mich tut. Das normale Wechselspiel einer Beziehung eben. Außerdem erklärte die damalige Bundesumweltministerin Renate Künast das Waldsterben 2003 offiziell für beendet. Ich brauchte mir also keine Sorgen mehr zu machen.



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