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Umweltpolitik: Woran die Energiewende scheitern könnte

Professor Ortwin Renn, Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung an der Universität Stuttgart, über die aktuellen Probleme der Energiewende und die daraus resultierenden Folgen


 (Foto von: Andreas Heddergott)
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Professor Ortwin Renn ist Direktor des Zentrums für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung an der Universität Stuttgart. Mit Gedanken zur Energiewende war er auch einer der Referenten bei den 12. Münchner Wissenschaftstagen vom 20. bis 23. Oktober. Für GEO 11/2012 schrieb er seine Gedanken zur Energiewende nieder.


Warum die Energiewende an zu viel unbedachtem Enthusiasmus scheitern könnte

Spätestens seit Fukushima steht Deutschland vor drei großen Veränderungen seines Energiesystems: Zunächst müssen wir eine Reduktion der fossilen Energieversorgung von heute 80 Prozent auf unter 20 Prozent bis zum Jahr 2050 herbeiführen - eine enorme Herausforderung. Dabei ist es politisch gewollt, zweitens, dass wir die fossile Energie durch regenerative Energieträger ersetzen, also nicht durch Kernenergie. Im Klartext: Die unbeständigen Energieträger Sonne und Wind sollen die Hauptlast übernehmen, flankiert durch Wasserkraft, Geothermie und Biomasse. Da sind neue, intelligente Lösungen für die Stromnetze nötig - denn der Ertrag von Wind und Sonne lässt sich nicht vorausplanen. Dazu kommt, drittens, ein Faktor, der oft vergessen wird: Um die erklärten Ziele der Regierung zu erreichen, müssten die Bürger bis zum Jahr 2050 zusätzlich noch etwa 40 Prozent ihres Primärenergiebedarf einsparen. Zum Großteil wird diese Einsparung aus besserer Energieeffizienz kommen müssen.


Das alles wird nicht ohne Folgen im sozialen und politischen Kontext bleiben: Wir werden komplexere Systeme und Netze benötigen - und die sind viel leichter verwundbar. Etwa durch Hacker, die in "Smart Grid-Systemen" (d. h. durch computergesteuerte Stromnetze) zum Beispiel alle dort vernetzten Waschmaschinen der deutschen Haushalte zum gleichen Zeitpunkt einschalten könnten, um das Netz zusammenbrechen zu lassen. Dazu kommen weitere Probleme, die aus der Vernetzung unserer Versorgungsleistungen entstehen: Wenn wir auf regenerative Energie umsteigen, dann ist es notwendig, dass wir Strom verbrauchen, wenn die Sonne scheint und der Wind weht, und dann weniger Strom nachfragen, wenn es bewölkt und windstill ist. Das kann man aber nur mit entsprechenden Steuerungseingriffen über Computer und Internet sicherstellen. Beispielweise können alle Gefriertruhen auf maximale Leistung getrimmt werden, wenn es gerade viel Strom gibt, und mit einem Minimalprogramm laufen, wenn es entsprechend wenig Strom gibt.


Eine ernstgemeinte Energiewende bringt zwangsläufig Probleme mit sich

So eine Vernetzung bringt viele Vorteile, denn sie gleicht die Schwankungen in der Nachfrage nach Strom aus. Sie ist aber auch mit neuen Problemen verbunden. So kann es sein, dass jemand gerade bei einem geringen Angebot an Strom die Kühltruhe mit frischem Fleisch füllen will, wofür eine maximale Leistung zum Einfrieren gebraucht würde. Noch problematischer sind Fragen des Datenschutzes: Will man wirklich Informationen über die eigenen Gewohnheiten mit dem lokalen Energieanbieter teilen? Will man nur dann seine Wäsche waschen, wenn gerade viel Strom verfügbar ist? Die Gesellschaft wird sich außerdem einigen müssen auf ein möglichst effizientes Miteinander von zentralen und dezentralen Energieversorgungseinheiten. Was zu erheblichen Debatten führen wird, weil dezentrale Anlagen zwar populär sind, aber im Notfall die Versorgungssicherheit nicht garantieren können. Und auch das Verhältnis von Stromproduzent und Stromverbraucher wird sich wandeln: Mit einer ernstgemeinten Energiewende wird es zwangsläufig immer mehr "Zwitter"-Modelle geben, in denen diese Rollen nicht mehr klar verteilt sind. Schon heute ist es bei Fotovoltaik-Anlagen so, dass derjenige, der die Anlage auf dem Dach hat, gleichzeitig Produzent und Konsument (oder: "Prosument") ist. Das führt schon jetzt, im kleinen Rahmen, zu Verwicklungen bei der Preisgestaltung, weil die Marktmechanismen von Angebot und Nachfrage nicht mehr wie im Lehrbuch funktionieren. Ein Problem, das sich mit der Energiewende vervielfachen dürfte.



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Kommentare zu "Woran die Energiewende scheitern könnte"

nachtigallfan | 18.01.2013 01:06

@ Schröder Z:
Warum unbedingt ein Auto? Wenn man nur im Umkreis von 10 km tätig wird, reicht doch auch ein (Lasten-)Fahrrad. Damit ist man doch gut mobil und mit dem Lastenfahrrad lassen sich auch Güter von insgesamt 100 oder 200 kg transportieren. In hügeliger oder bergiger Gegend ist auch eine Elektromotorunterstützung a la Pedelec/E-Bike möglich.

Ja, in unserer zur Zeit noch Bequemlichkeitsgesellschaft ist das erst ein Schock, der überwunden werden muß.
Ich habe mich überwunden und bin innerhalb der Kleinstadt nur noch mit dem Rad unterwegs, für alle Erledigungen und Einkäufe - auch bei Wind und (Regen-)Wetter. Und wenn man, wie hier üblich, auch bei Eis und Schnee nicht nur die Straßen, sondern auch die Radwege streut, kann man/die SchülerInnen auch bei solchem Wetter noch mit dem Rad unterwegs sein. Beitrag melden!

schröder z | 17.11.2012 11:31

Ökologisch dürfte es nur öffentliche verkehrsmittel geben?!
Ich bekomme als fliesenleger kein Job ohne auto!!! Die Menschen haben keine Fantasie,es dauert Generationen bis wir umweltfreundlich leben werden.ich hoffe es klappt. Beitrag melden!

Peter Türr | 15.11.2012 16:56

Teil2 Haben Sie Herr Professor schon mal vor einem trockenen mechanischen Perpetuum Mobile gestanden? Ich jedenfalls ja, und ich werde es für meine Zwecke anwenden. Desweiteren, warum sollte diese Person eine funktionierende Maschine wieder zerstören?
Vielleicht wegen dem Volksverblödungsvirus? Das Gegenmittel habe ich bewusst durch ein Amt prüfen lassen. Genauso wie die fliegende gepanzerte Wollmilchsau. Wenn weiterhin soviel erzählt wird, ist es verständlich, dass Deutschland weitere Personen den Rücken zuwenden. Wissen Sie überhaupt wieviel Dreck ich dafür in den letzten 6 Jahren durchleben musste, um mein kleines minderbemitteltes Wissen in Anwendung zu bringen?
Viele von Ihnen wären in der Klapper gelandet.
Mit freundlichen Grüssen, Peter Türr aus Rorschach. Ich könnte die ganzen Wiedersacher am liebsten zum Mond schiessen. Beitrag melden!

Peter Türr | 15.11.2012 16:56

Tchja, meine lieben kleinen und grossen Freunde, warum habe ich wohl bewusst bei der Erfinderbenenung meinen Namen Peter Türr angegeben? Richtig, um im 21. Jahrhundert, wo die ach so nicht geheimen Entwicklungen sehrwohl bekannt sind, und das kleine auslegbare Detail der Gestaltung eines Perpetuum Mobiles öffentlich sichtbar ist. Natürlich ist es eine Masken gesteuerte Widderkaskade. Selbsständig anlaufend wenn Wasser vorhanden, und auch wieder selbstständig abschaltend. Ach wie magisch, ich vergass das auch in Anwendung zu bringende ständige vorhandene Wasserreservouar. Teil1 Beitrag melden!

Freier Energiewende Babysitter | 10.11.2012 22:18

@ qrs 5020, danke für den Hinweis, wie es nett wäre! Doch meine Vorstellungen umfassen das Einzelheiten-Spektrum einer kompletten Energiewende und können auf diesem knappen Kommentar-Spielraum nicht im „alltagstauglichen Sprachverständnis“ entfaltet werden. Im Übrigen kann ich nicht in Klischeeordnungen und geltenden Konventionen vermitteln, wenn genau dort die Ursachen für den m. E. recht fragwürdigen Werdegang der Energiewende unbehelligt vorherrschen und das „alltagstaugliche Sprachverständnis“ stets „trendy“ mit dem Strom der stetig steigenden Symptomflut schwimmt. Dem hilft m. E. überhaupt kein Sprachverständnis ab.
Wer sich mit der Materie Energiewende und deren technische Belange tiefergehend befasst, sieht schon auf den ersten Blick, auf welche Basis ich meine Vorstellungen gesetzt habe. Falls Du nun einen zweiten ...dritten Blick oder viele Blicke auf meine Vorstellungen werfen möchtest, dann lasse bei Geo Deine Kontaktadresse an meine übermitteln. Mit erneuerbaren Grüßen ... Beitrag melden!

qrs5020 | 09.11.2012 19:09

Allein die Frage "Will man nur dann seine Wäsche waschen, wenn gerade viel Strom verfügbar ist?" zeigt auf, wie alltagsfern die hochbezahlten, sogenannten Experten ihr Verplanungs-Unwesen vorantreiben wollen!
Soll (und darf?) Hausfrau/-mann dann um 10 Uhr oder wann immer ihren/seinen Arbeitsplatz verlassen, weil gerade mehr Sonne scheint und daher nach Hause eilen muß, um zu kochen und Wäsche zu waschen?
Derartige neofaschistoide pseudo-Technik-Ideen sind nicht einmal mehr im kommunistischen China durchsetzbar!

@ Energiewende Babysitter: wäre nett, wenn du deine Vorstellungen in alltagstauglichem Sprachverständnis formulieren könntest . . . Beitrag melden!

Freier Energiewende Babysitter | 09.11.2012 15:30

Dass die Energiewende zu scheitern droht, liegt hauptsächlich an den kühnen Kalkülen jener relevanten Akteure, die als Großleistungsträger dominieren. Warum soll sich das Volk mit monströsen Kapitalanlagen seinen Lebensraum bedrängen lassen und das auch noch bezahlen, bloß weil ein paar Champions den Energiemarkt beherrschen wollen? Was ist denn eigentlich so schwer daran, dem Aufbegehren der Bevölkerung nachzugeben? Verlegt dezentrale Gleichstrom-Sammelnetze unter Terrain, speist dort die vor Ort verfügbaren EE ein, hängt jedes Sammelnetz an ein H2-(!!!bittePlusO2!!!)-Pufferkraftwerk, speist dessen Output ins Verbundnetz ein, entlastet so nachhaltig die AKW & Co.-fossil und schlagt die am somit klar erkennbaren Ende aus dem Felde! Die Smart Grids gehen gefälligst obsolet, ehe die den natürlichen Lebensalltag der Menschen infiltrieren, deren Sparbedürfnisse schnell völlig überfordern und daher meistens den teuersten Strom verbrauchen lassen. Mit erneuerbaren Empfehlungen ... Beitrag melden!

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