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Naturschutz: Brasilien: Die Entdeckung von Grün und REDD

In Brasilien liegt die größte Waldfläche der Erde: Der Regenwald des Amazonas. Für seinen Schutz soll eine neue internationale Strategie namens REDD sorgen. Ob sie wirksam sein kann, ist allerdings umstritten

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Nicht aufzuhalten: Marina Silva, Kandidatin der brasilianischen Grünen (Foto von: Alexandre Guzanshe/FotoArena/LatinContent/Getty Images)
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Nicht aufzuhalten: Marina Silva, Kandidatin der brasilianischen Grünen

Der Regenwald des Amazonas liegt auf brasilianischem Territorium, doch seine Bedeutung geht weit über nationale Grenzen hinaus. Für seinen Schutz setzt sich eine globale Allianz von Industriestaaten und Schwellen- sowie Entwicklungsländern ein. Die Initiative zu REDD (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation) stammt von der UN und sieht einen Emissionshandel des Waldes vor. Durch REDD sollen Rodungen und Waldschäden eingedämmt werden. Seine genaue Ausgestaltung wird seit dem Klimagipfel in Kopenhagen 2009 heiß diskutiert. Wie es um die Zukunft des Regenwaldes im Amazonasgebiet bestellt ist, hängt unter anderem von der Politik der neuen brasilianischen Regierung ab, die im November 2010 antritt.

Von unter 10 Prozent auf 19,3 schnellten die Grünen bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen im Oktober 2010. Marina Silva, die Präsidentschaftskandidatin der Grünen, war erst vor einem Jahr aus Protest gegen die industriefreundliche Umweltpolitik der Regierung aus der Arbeiterpartei von Präsident Luíz Inácio Lula da Silva ausgetreten. Die Stimmen für die Grünen haben Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff um einen Sieg im ersten Wahlgang gebracht. Die Wähler haben Dilma Rousseff einen ökologischen Denkzettel verpasst. Wird die neue Regierung ihre Forstpolitik überdenken?


Der Wald als Gut von Wert

Die Wähler haben ihren Unmut geäußert über eine Politik des schnellen Wachstums, bei der in den letzten Jahren riesige Flächen für den Anbau von Biotreibstoffen geschaffen wurden. Dem Wirtschaftswachstum musste Regenwald weichen, denn ein gesunder Wald schlägt sich nicht im BIP nieder. Gerodeter Wald, auf dessen Fläche Weideland für Rinder und Ackerbaufläche für Biotreibstoffe und Soja geschaffen wird, tritt hingegen sehr prominent in der Wachstumsbilanz eines Schwellenlandes wie Brasilien hervor. Da Verbote in den letzten Jahrzehnten nicht verhindern konnten, dass immer mehr Waldfläche verloren ging, will die UN mit REDD in Zukunft positive Anreize für Waldschutz geben. Seit dem Kyoto-Protokoll 1997 sind die Weichen für REDD gestellt, mit dem das Abholzen und Schädigen des weltweiten Waldbestands durch Ausgleichszahlungen eingedämmt werden soll. Brasilien gestaltet die Verhandlungen grundlegend mit, ist es doch neben kleinen Staaten wie Papua Neu Guinea oder Angola das politische Schwergewicht unter den Schwellen- und Entwicklungsländern mit großen Waldvorkommen.

Der Grundgedanke von REDD ist, dem Wald einen Wert als Kohlenstoffspeicher beizumessen. In Europa erkannte man den Wert des Ökosystems Wald erst, nachdem es schon zerstört war. Böden waren unfruchtbar geworden, Arten ausgestorben, Luftverschmutzung konnte nicht mehr ausgeglichen werden. Für Wiederaufforstung geben europäische Länder seit den 80er Jahren viel Geld aus. Spätestens mit dem Wissen um die Klimaerwärmung ist die Wichtigkeit des Erhalts der letzten intakten Wälder über nationale Grenzen hinaus klargeworden. Auch vielen Regierungen von Entwicklungs- und Schwellenländern leuchtet ein, dass ihnen auf lange Sicht Waldgebiete mehr Vorteile bringen als das schnelle Geld, dass die Industrie mit der Abholzung verdient. Doch wenn große Waldflächen Farmern gehören, müssen für sie Anreize geschaffen werden, den Wald nicht zu roden. Als Entschädigung für die ausfallenden Einnahmen sind Industrienationen bereit, Ländern wie Brasilien, Indonesien oder Malaysia Ausgleichszahlungen zu gewähren.


Aufzuhalten: Die Abholzung des brasilianischen Regenwaldes (Foto von: Rodrigo Baleia/LatinContent/Getty Images)
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Aufzuhalten: Die Abholzung des brasilianischen Regenwaldes

Bedingte Rettung durch REDD

REDD stützt sich auf eine Partnerschaft zwischen Industriestaaten und Entwicklungs- und Schwellenländern, die bisher 58 Nationen umfasst. Reiche Länder verpflichten sich, Gelder in einen Fond einzuzahlen. Bis 2012 beispielsweise haben Norwegen und Großbritannien Zahlungen in Höhe von gut drei Milliarden Euro zugesichert. Die Summe ergibt sich aus Emissionszertifikaten. Diese zu errechnen, ist allerdings keine leichte Aufgabe. Um Mittelwerte festzulegen, müssen Emissionen bis in die 80er Jahre zurück geschätzt werden. Und wie viel eine Tonne Kohlenstoff wert ist, wird je nach Interesse des Schätzenden auf einer Skala von zwei bis zwanzig Euro angesiedelt. Die Initiative der UN allein wird keinen Wald retten. Wie REDD genau ausgestaltet wird, wohin die Gelder fließen und wie hart die Kontrollen sind, wird über den Erfolg der Initiative entscheiden. Nichtregierungsorganisationen weisen darauf hin, dass der Erfolg von REDD auch vom offiziellen Wald-Begriff abhängt. In der aktuellen Definition der UN ist nicht festgelegt, dass ein Wald sich durch Biodiversität auszeichnet. So kann ein Farmer Wald roden, eine Plantage anlegen und diese als Wald deklarieren. Das lässt sich nur verhindern, wenn monokulturelle Pflanzungen nicht mehr als Wald gelten. Eine weitere Missbrauchsgefahr liegt in der Tatsache, dass weite Teile des brasilianischen Regenwaldes keinen privaten Eigentümer haben. Ohne Eigentümer ist mit REDD kein Schutz gewährleistet. Farmer können die Waldstücke, die nicht ihnen gehören, illegal roden und gleichzeitig Geld aus dem REDD-Fond bekommen, wenn sie ihren eigenen Wald nicht anrühren. Gegen Wildrodungen Kontrollen einzurichten ist fast unmöglich in einem Land, das 24 Mal so groß wie Deutschland ist und zudem aus über 50 Prozent Wald besteht.

Um REDD wirksam umzusetzen braucht die Initiative Regierungen in Entwicklungsländern, die ehrliches Interesse am Erhalt der Wälder haben. Bei halbherziger Umsetzung können europäische Gelder für Umweltschutz in den Händen der Agrarindustrie landen. Die brasilianische Zivilgesellschaft hat bei den Wahlen gezeigt, dass in Schwellenländern ökologisches Denken möglich ist. Es bleibt nun an der neuen Regierung, nach Jahren der zweistelligen Wachstumsraten an der nachhaltigen Sicherung des größten Reichtums Brasiliens zu arbeiten: dem Regenwald.



Mehr zu den Themen: Regenwald, Brasilien, Wald

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