Hauptspalte:
Apropos Verantwortung: Immer wieder wird die Frage diskutiert, ob wir mit unseren Altkleider-Exporten in die Dritte Welt die Textilindustrie dort schädigen. Wie stehen Sie dazu?
Diese Diskussion begann in Deutschland etwa 1993. Damals war eine Studie erschienen, die zum ersten Mal aufzeigte, dass ein erheblicher Anteil der gesammelten Altkleider in Afrika landet.
Man hat dann den Zusammenhang zwischen dem Niedergang der Textilindustrie in vielen afrikanischen Ländern und den Second-Hand-Kleiderimporten aus Europa hergestellt. Auf diesem Kenntnisstand haben wir FairWertung gegründet und eine Zehn-Prozent-Exportquote nach Afrika beschlossen. Später mehrten sich die Rückfragen - auch aus Afrika selbst - ob diese Sicht wirklich richtig ist. In den Jahren 2004, 2005 haben wir dann ein zweijähriges Programm durchgeführt mit Partnern in über 20 afrikanischen Ländern, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Mit welchem Ergebnis?
Die Rückmeldungen waren erstaunlich eindeutig: Second-Hand-Kleidung ist nicht per se schlecht. Sie ist sogar ohne Alternative, insbesondere zur Versorgung von Menschen mit wenig Geld. Die wahren Gründe für den Niedergang der Textilindustrie waren vielfältig. Dass es in Afrika ohne die europäischen Second-Hand-Exporte blühende Textilindustrien und lokale Warenkreisläufe gäbe, - das ist jedenfalls eine Fiktion, die mit der Realität dort nichts zu tun hat.
Und woran lag es in Wirklichkeit?
In Tansania, einem der Schwerpunktländer unseres Programms, erwies sich die Textilindustrie als nicht wettbewerbsfähig in dem Moment, als der Schutz vor Importen und die Unterstützung durch Subventionen und Entwicklungshilfegelder wegfiel. Zweitens hatten die Betriebe schon lange mit Stromausfällen zu kämpfen, die Wasserversorgung hat nicht geklappt, es gab keine Devisen, um Ersatzteile für Maschinen zu kaufen. Einen Massenmarkt konnte die Textilindustrie so nie bedienen. Und die bestehenden Fabriken stellten Kleidung her, die für die meisten Menschen dort sowieso unerschwinglich teuer war. In vielen Regionen verbesserte sich die Bekleidungssituation erst mit der Second-Hand-Kleidung - das wurde uns immer wieder in den Interviews berichtet.
Das heißt, die Importe haben keine Arbeitsplätze gefährdet?
Ohne Frage sind Arbeitsplätze in Textilbetrieben verschwunden - aber nicht hauptsächlich durch die Second-Hand-Kleidung. Inzwischen leben viele Menschen dort vom Handel und der Weiterverarbeitung von Second-Hand-Ware. Der Anteil der Gebrauchtkleidung am afrikanischen Kleidungsmarkt wird inzwischen auf 60 bis 70 Prozent geschätzt.
Welche Konsequenz haben Sie aus diesen Erkenntnissen gezogen?
Wir haben die Exportbeschränkung 2003 gekippt. Wir achten aber weiterhin sehr darauf, dass die Ware in Betrieben mit Sortierstandards sortiert wird, dass also auch keine schlechten Qualitäten exportiert werden. Außerdem muss die Ware korrekt ausgewiesen und verzollt werden. Uns wurde aus Afrika immer wieder berichtet, dass für den gewerblichen Verkauf bestimmte Kleidung als Hilfslieferung deklariert war - um Zölle und Steuern zu sparen.
Also ist es doch gut, dass wir Altkleider nach Afrika exportieren?
Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Einerseits wächst der Überschuss an Gebrauchtkleidung in den Wohlstandsländern, weil für uns Textilien immer billiger geworden sind, und andererseits gibt es eine wachsende Nachfrage nach Gebrauchttextilien, etwa in Afrika. Wir sollten es uns aber trotzdem nicht ersparen, unser eigenes Konsumverhalten zu hinterfragen. Müssen wir Kleidung, deren Produktion wertvolle Ressourcen verschlingt und die wir eigentlich noch tragen könnten, wirklich so schnell wieder entsorgen, wie wir es heute tun?
Interview: Peter Carstens

Der Dachverband FairWertung e.V. ist ein bundesweiter Zusammenschluss von gemeinnützigen Organisationen und Einrichtungen, die Kleidersammlungen durchführen und sich dabei auf verbindliche Standards verpflichtet haben. Dazu gehören ein transparentes Sammeln und Verwerten der Gebrauchttexilien und eine ehrliche Information über die Verwendung der Kleidung. Die Sammlungen der angeschlossenen Organisationen sind am Zeichen "FairWertung - bewusst handeln" auf Sammelzetteln und Containern zu erkennen. Weitere Informationen unter www.fairwertung.de.
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