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Ökologie: Wald aus dem Rhythmus
Trockene Frühlinge, regenreiche Sommer, milde Winter: Der Klimawandel bringt den Biorhythmus deutscher Wälder durcheinander
Einer der heißesten Aprilmonate seit Beginn der Wetteraufzeichnungen liegt hinter uns. Millionen Deutsche strömten ins Freie, besetzten Cafés, kühlten die Füße an Seen und Flüssen oder spazierten im Wald. Letzteren hat die plötzliche Hitze ganz ähnlich überrascht wie die Menschen. Doch wie so oft ist was dem Menschen gefällt nicht wirklich im Sinne der Natur. Für den Wald bedeuten die verfrühten Sonnentage die Umstellung eines uralten Rhythmus, dem Pflanzen und Tiere folgen. Durch diesen Rhythmus können Blütezeiten von Pflanzen oder auch Paarungszeiten von kleineren Tieren bestimmt werden. In einem komplexen Ökosystem bedeuten kleine Veränderungen an einem Bestandteil unter Umständen große Veränderungen für andere Bestandteile. Alle Puzzleteile des Ökosystems sind miteinander verzahnt. Veränderungen treffen jeden.
Durch die hohen Temperaturen im April 2011 traten in den Wäldern massive Verschiebungen im Rhythmus des Ökosystems Wald ein. Bäume wie die Eiche, deren Blütezeit eigentlich erst Mitte Mai ist, trieben schon einen vollen Monat früher aus. Der starke Blattwuchs in den Baumkronen beschattet den Waldboden und nimmt Bodenpflanzen das Licht. Aus ihrem Rhythmus heraus brauchen diese Pflanzen die ersten Sonnenstrahlen im Jahr zum Überleben, bevor sich das Blätterdach im Frühsommer schließt. Auch andere Pflanzen wurden durch die warmen Temperaturen dazu animiert, Blätter und Blüten auszutreiben. Doch weder Fressfeinde wie bestimmte Schmetterlingsarten, die sich von jungen Blättern ernähren bis sie sich verpuppen, noch Bienen oder Hummeln waren darauf gefasst. Sie bauen noch ihre Nester oder sind noch gar nicht geschlüpft. Neben Nahrungsengpässen, die auf die verspäteten Insekten zukommen, werden auch viele Blüten nicht ausreichend bestäubt.
Ein massives Problem ist auch das Ausbleiben der sprichwörtlichen Wechselhaftigkeit des Aprils. Statt wechselnder Sonnen- und Regentage bot er diesmal fast ausschließlich sonniges Wetter. Mit 22 Litern Regen pro Quadratmeter im bundesweiten Durchschnitt fiel nur ein gutes Drittel des Solls. Der Monat zählt damit nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zu den zehn trockensten Aprilmonaten seit 130 Jahren - vielleicht eine Ausprägung des Klimawandels.
Für die Bäume ein Dilemma: Zum einen verleitet die warme Sonne sie zu einem frühen Blattaustrieb, zum anderen fällt nicht genug Regen um all die Blätter zu versorgen. Wasser ist wichtig für die Photosynthese und die gewonnenen Photosynthese-Produkte können ohne Flüssigkeit auch nicht in die Wurzel geleitet werden. Die Bäume trocknen aus, ihr Immunsystem wird geschwächt - sie sind ihren Feinden schutzlos ausgeliefert. Borkenkäfer, die von einem gesunden Baum nach dem Anstich mit auslaufendem Harz oder Pflanzensaft abgewehrt werden, fallen über ihre geschwächten Opfer her, die nicht genug Flüssigkeit in sich haben um ausreichend Harz oder Saft zu bilden. Die Wirkung ist ähnlich der einer Grippe auf einen HIV-infizierten Menschen. Die Insekten überleben in Massen, wo sie sonst dezimiert wurden und nisten sich in den angegriffenen Bäumen ein. Durch die ausbleibende Auslese existieren bald mehrere Generationen parallel. Längere Sommer geben ihnen zudem Gelegenheit, deutlich öfter zu brüten als in kürzeren. Die Zahl der Käfer steigt sprunghaft an.
"Wir verabschieden uns hier schon von der Fichte"
Besonders hart trifft das ungewöhnlich warme Wetter Monokulturen und damit auch die deutschen "Brotbäume" wie Fichte und Kiefer. Beide waren ursprünglich eher im Bergland heimisch, wurden wegen ihres schnellen Wuchses und ihren verhältnismäßig geringen Ansprüchen im 19. und 20. Jahrhundert in ganz Deutschland gepflanzt und ihr Holz seither geerntet. Die entstandenen Monokulturen sind den Veränderungen nahezu schutzlos ausgeliefert. Wo Borken- oder Prachtkäfer in Mischwäldern nach ihren bevorzugten Opfern suchen müssen, haben sie in Monokulturen die freie Auswahl. Ein großes Problem, denn der Wassermangel schwächt auch das Immunsystem des genügsamsten Baumes. In Monokulturen aus Nadelhölzern ist die Regeninterzeption, also die Menge des in der Baumkrone aufgefangenen Wassers, das den Boden nicht erreicht, besonders groß. Der Regen verdampft nutzlos in den dichten Nadeln.
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