Weimar Goethe als Gärtner: Wo der Dichterfürst Rosen, Astern und Spargel anbaute

Gelbe Blumen vor Goethes Wohnhaus
In Goethes Gärten blühen im Frühling Tulpen und Narzissen, im Frühsommer Malven und Pfingstrosen, im Hochsommer Astern und im Spätsommer Dahlien und Cosmeen. Der Garten vor Goethes Wohnhaus soll bis zur geplanten Wiedereröffnung im Jahr 2030 neu angelegt werden
© Daniela David/dpa-tmn
Herzog Carl August lockte Goethe nach Weimar und schenkte ihm ein Gartenhaus. Dort verewigte er sich nicht nur dichtend, sondern auch gärtnerisch

Steht er nicht da, umrankt von Rosen? Sitzt er nicht auf der Bank in der Gartennische, beugt er sich dort nicht zur Hauswand, um den rankenden Wein nach neu erprobten Schnitttechniken zu kontrollieren?

Man möchte meinen, die Dichterikone lauere allerorts, wenn man die Blicke über der fulminanten Blütenpracht im Garten des Goethehauses am Frauenplan schweifen lässt. Nun gut, das Wissen, dass Johann Wolfgang von Goethe hier wohnte, sich nicht nur um Reime und Versmaß kümmerte, sondern sich auch beim Gärtnern betätigte, gehört dazu, um die Fantasie in diese Richtung zu lenken.

Rund 40 Jahre lebte Goethe in seinem Anwesen mitten in Weimar, das heute ein Museum ist. Und wer noch in dieser Gartensaison kommt, kann es bestaunen, bevor es für Jahre geschlossen wird. Ab November 2026 wird Goethes Wohnhaus saniert und der zugehörige Garten, dessen Grundstruktur bis heute erhalten ist, neu angelegt.

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Zu des Dichters Lebzeiten spross hier reichlich das Gemüse, vor allem Spargel als seine Leibspeise. "In der Neukonzeption wird es neben dem bisherigen Ziergarten auch wieder einen Nutzgarten geben", sagt Michael Sperber von der Klassik Stiftung Weimar (KSW). "Wir wollen damit authentischer an die Goethezeit heranrücken. Ebenso zeigen wir den Dichter als Naturwissenschaftler, der er war."

Wohnhaus öffnet erst 2030 wieder

So forschte der Pflanzenenthusiast nach dem Vorbild des französischen Botanikers Antoine-Laurent de Jussieu zu einheimischen und ausländischen Gewächsen. Diese botanischen Aktivitäten des Geheimrats werden künftig in einem der barocken Gartenpavillons dargestellt.

Ein regulärer Besuch von Goethes Domizil am Frauenplan ist nach der Saison 2026 erst ab 2030 wieder möglich. So viel Geduld hätte der Dichter vermutlich nicht besessen. "Bei Goethe musste immer alles sofort passieren, gerade im Garten", sagt Stephan Herbarth, der Leiter der Gartenabteilung in der KSW.

Auch Weimar-Besucher mit dem Faible für Goethe und Gärten zugleich müssen sich nicht in Geduld üben, also warten, bis das Wohnhaus samt neuem Grün wiedereröffnet. Denn es ist längst nicht der einzige Ort, an dem der Dichter gärtnerisch wirkte. Da wäre etwa das Weinberghaus an der Ilm, das nur einen kurzen Spazierweg von Weimars Zentrum entfernt liegt. Zehn Minuten zu Fuß, und schon erreicht man das auch Goethes Gartenhaus genannte Gebäude. 

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Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach hatte den Autor des Skandalromans "Die Leiden des jungen Werthers" erfolgreich nach Weimar gelockt und ihm das hübsche Häuschen geschenkt, das er 1776 als seinen ersten eigenen Wohnsitz in der Stadt bezog.

Goethes erster eigener Garten

Sogleich plante und zeichnete Goethe auch seinen ersten eigenen Garten und drängte die Hofgärtner zur unverzüglichen Umsetzung. "Zwischendurch gärtnerte Goethe auch selbst", sagt Stephan Herbarth, "jedoch schleppte er sicherlich keine schweren Steine."

In den langen Blumenrabatten von Goethes Gartenhaus an der Ilm wird – heute wie damals – monatelang durchgeblüht: Rosen, bunte Stauden, dazu Astern, zu denen Goethe forschte, und eine geradlinige "Allee aus Malven". Dagegen folgen die geschwungenen Wege im oberen Obstgarten den Prinzipien des damals neuen Englischen Landschaftsgartens.

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Goethes Gartendenkmal "Stein des guten Glücks" mit einer Kugel auf einem Kubus rief 1777 Entrüstung hervor, da es sich abstrakt und nicht wie bis dahin figürlich darstellte. Das Genie war eben zumeist seiner Zeit voraus.

Ein Leben lang kehrte Goethe immer wieder in sein Gartenhaus zurück. Ein Besuch dort lohnt sich immer. Innen sind originale Einrichtungsstücke, wie sein legendäres Stehpult, zu bestaunen. Und draußen, auf des Dichters Gartenbank sitzend, blickt man auf den weitläufigen Park an der Ilm, der als Teil des Ensembles "Klassisches Weimar" zum Welterbe der Unesco gehört.

Von einer sumpfigen Wiese zum idyllischen Park

Goethe und Herzog Carl August verwandelten dieses einst sumpfige Wiesenareal in eine idyllische Parklandschaft. Die beiden durch eine Männerfreundschaft verbundenen Gartenliebhaber schufen dabei markante Parkdenkmäler wie das Römische Haus. Als wäre man in Italien – so wirkt es noch heute.

"In dem dann öffentlichen Park pflegten die Bürger ein neues Ritual: sich von einer Gartenszene zur anderen zu bewegen", erläutert Franziska Rieland, die sich bei der KSW um die Gartendenkmalpflege kümmert: "Der Spaziergang im Grünen war erfunden."

Heutzutage dient der Park eher als Erlebniswelt, durch die flott hindurchgeradelt wird. Die Ruhe wie wohl einst findet man am frühen Morgen, wenn der Tau an den Grashalmen hängt und die Sonnenstrahlen langsam das Laub der mächtigen Bäume erwärmen.

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Wie eine Reise in der Zeitmaschine direkt in die Epoche Goethes mutet auch ein Besuch in Großkochberg an. Die 15 Kilometer lange Strecke zu seiner angebeteten Frau von Stein nahm der verliebte Dichter viele Male. Beim Schlendern durch das Schloss Kochberg entdeckt man unter anderem einen Schreibsekretär, den der Dichter nutzte.

Noch mehr Goethe-Feeling flammt in dem angeschlossenen Liebhabertheater von Schloss Kochberg auf. "Mit unseren Vorstellungen in historischer Aufführungspraxis von Werken aus der Goethezeit wollen wir das Lebensgefühl der Weimarer Klassik aufleben lassen", sagt Silke Gablenz-Kolakovic, die künstlerische Leiterin des Privattheaters von 1800.

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Für Goethe waren Kunst und Natur eng miteinander verbunden. So ist es nur schlüssig, dass wissende Theaterbesucher durch den Schlosspark wandeln. Über verschlungene Wege gelangen sie zu künstlichen Ruinen, Teichen und einem aufwendigen Blumentheater. Ja, Goethe hatte auch in diesem Landschaftsgarten seinen grünen Daumen im Spiel.

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Zurück in Weimar: Wie ein Bürgergarten zu Goethes Zeiten aussah, lässt sich am Kirms-Krackow-Haus nachvollziehen. Bunt wie ein Biedermeiersträußchen ziehen sich Blumenbeete bis zum zugehörigen Gartenhaus, wo zwei zu Pyramiden geschnittene Rosmarin-Apfelbäume den Zugang säumen. 

"Oftmals kam Goethe im Garten von Franz Kirms zu Besuch", erklärt Christian Hill, der Kurator des Museums. "Der Beamte Kirms war so etwas wie ein Pflanzen-Nerd, verrückt nach Nelken und Primeln, die Modeblumen der Goethezeit."

Im Haus nebenan wuchs Christiane Vulpius auf. Die spätere Ehefrau von Goethe kümmerte sich maßgeblich um seine Privatgärten. Ebenso wie die Gärtner, natürlich stets unter des Meisters Aufsicht. Neben Goethes Totenbett fand man To-do-Listen mit präzisen Anweisungen für den Garten. Seine Leidenschaft fürs Grüne beseelte ihn bis zuletzt.