Ich mache jetzt mein Testament,
Es geht nun bald mit mir zu End.
Nur wundre ich mich, dass nicht schon längstens
Mein Herz gebrochen vor Gram und Ängsten.
So beginnt Heinrich Heines Gedicht "Vermächtnis".
Es war im Mai 1848, er war 50 Jahre alt, als er, schmal und mager, zum letzten Mal auf seinen eigenen Beinen die Wohnung in der Rue d’Amsterdam in Paris verließ und sich mit letzten Kräften in den Louvre schleppte. Danach verschlimmerten sich seine Lähmungen und die unerträglichen Kopf- und Gliederschmerzen. Die folgenden Jahre, es waren fast acht, verbrachte der Dichter eingeschlossen in seiner Wohnung, bettlägerig, gelähmt und am Ende fast blind.
Das Leiden
Vermutlich hatte er sich schon als junger Mann bei einer seiner zahlreichen Liebschaften mit der Syphilis infiziert, die Geschlechtskrankheit war damals noch kaum therapierbar. Die Symptome verschlimmerten sich über die Jahre. Einmal schrieb Heine einem Freund, er habe sich bei "bei der neuen Putzhändlerin ein halbes Dutzend Gondons anmessen lassen, und zwar von veilchenblauer Seide" – leider konnten solche damals üblichen Präservative aus Seide eine Ansteckung kaum zuverlässig verhindern.
Heines Schmerzen wurden jahrelang mit hochdosiertem Morphium behandelt, auch das trug sehr wahrscheinlich zu dem kläglichen Zustand des Dichters bei: "Dieser lebendige Tod, dieses Unleben … es ist nicht zu ertragen."
Die neue Heimat
1831 hatte Heinrich Heine Deutschland verlassen und war nach Paris gegangen. Dort hatte die Juli-Revolution von 1830 Demokraten und Libertären in ganz Europa Auftrieb gegeben. Heine genoss seine neue Freiheit, unbehelligt von Zensur und Verfolgung durch die Behörden. "Fragt Sie jemand, wie ich mich hier befinde", schrieb er einem Bekannten, "so sagen Sie: Wie ein Fisch im Wasser, oder vielmehr sagen Sie den Leuten, dass, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: Ich befinde mich wie Heine in Paris."
Der Dichter berichtete nun als Korrespondent aus der französischen Hauptstadt, eine illustre Aufgabe, zudem sah Heine gut aus. Er besuchte regelmäßig Cafés und Theater, traf sich gerne mit jungen Frauen. 1834 fiel ihm eine 18-jährige Schuhverkäuferin auf, in die er sich verliebte.
Als die beiden 1841 heirateten, hatte er schon erste Anfälle seiner Erkrankung hinter sich. Das Paar liebte und stritt sich leidenschaftlich, Heinrich Heine neigte zur Eifersucht und vergnügte sich gleichzeitig auch mit anderen Frauen. Einmal kam es nach einer Szene in einer Kneipe, in der sich ein Verehrer zu sehr für seine Frau interessiert hatte, fast zu einem Duell. Nach einem Streit mit seiner Gefährtin vergiftete Heinrich Heine ihren Lieblingspapagei – und kaufte ihr schnell einen neuen.
Ab 1848 lag Heinrich Heine von Schmerzen und Lähmungen gepeinigt in seiner Pariser Wohnung, die er "Matratzengruft" nannte. Hier schrieb er 1851 das Gedicht "Vermächtnis". Die zweite Strophe thematisiert wohl sein ambivalentes Verhältnis zu seiner Frau:
Du aller Frauen Huld und Zier,
Luise! ich vermache dir
Zwölf alte Hemde und hundert Flöhe,
Und dreimalhundert tausend Flüche.
Das Ende
Auch sein richtiges Testament verfasste Heine im selben Jahr. Am 13. November ließ er zwei Notare und zwei Zeugen (einen Bäcker und einen Gewürzhändler) in sein Schlafzimmer kommen und diktierte seinen letzten Willen. Seine Frau Augustine Crescence Mirat, er nannte sie Mathilde, setzte er als Universalerbin ein. Er hätte ihr, die sie ihn all die Jahre versorgt hatte, gern mehr als "zwölf alte Hemden" hinterlassen. Dass die lange Krankheit seine Mittel stark geschmälert hatte, machte ihm Sorgen: "Ich empfinde gegenwärtig das tiefste Bedauern, nicht besser für das gute Auskommen meiner Frau nach meinem Tode gesorgt zu haben," ließ er niederschreiben.
Sein Vermächtnis war nun geregelt, doch der Tod ließ auf sich warten. Heine lag in seinem Bett, fast blind, eine Schreibfeder konnte er nicht mehr halten. Aber er diktierte letzte Gedanken und Verse. Seine Gedichte aus dieser Zeit tragen Titel wie "Der Scheidende", "Lebewohl" oder "Ganz entsetzlich ungesund":
O wie klug sind doch die Sterne!
Halten sich in sichrer Ferne.
Von dem bösen Erdenrund,
Das so tödlich ungesund.
In einem seiner letzten Gedichte mit dem Titel "Morphine" steht das lyrische Ich zwischen dem betäubenden Schlaf durch Morphium und dem Tod: "Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser – freilich das beste wäre, nie geboren zu sein." Am 17. Februar 1856 starb Heine, einer der witzigsten, funkelsten, klügsten Poeten deutscher Sprache. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: "Gott wird mir verzeihen – es ist sein Metier."