Richtlinien Mehr als DIN A4: Kuriose Normen von Wein bis Ton

Eine Frau gießt zuhause Wein in ein Glas
Die ursprünglich 1977 eingeführte und dieses Jahr bestätigte ISO-Norm 3591 legt die Spezifikationen für die Herstellung eines Glases zur Weinverkostung fest
© Finn Winkler/dpa
Ein Tee ist im Alltag schnell gekocht. Jedoch nicht, wenn es nach ISO-Norm 3103 geht. Hier wird der Vorgang auf sechs Seiten detailverliebt erklärt. Diese und andere merkwürdige Richtlinien lesen Sie hier

Normen machen das Leben einfacher: Durch sie passen Bankkarten etwa weltweit in die vorgesehenen Schlitze. Am bekanntesten ist wohl das DIN A4-Format. Das gibt es jetzt seit genau 100 Jahren. Im Jahr 1922 veröffentlichte das Deutsche Institut für Normung (DIN) die Norm 476 für Papierformate.

Diese Richtlinie existiert längst nicht mehr, sehr wohl aber das System: Durch die Internationale Organisation für Normung (ISO) sind die DIN-Formate heute als ISO 216 fast überall auf der Welt adaptiert. Mittlerweile gibt es mehr als 24 500 ISO- und rund 34 000 DIN-Normen. Darunter lassen sich Kuriositäten finden. Hier einige Beispiele zum Weltnormentag (14. Oktober):

Dauerbrenner: Die älteste noch gültige DIN-Norm ist die Richtlinie 1289 mit dem Titel "Feuergeschränk für Kachelöfen; Fülltür für Füllfeuerung". Sie wurde vor 94 Jahren veröffentlicht. Das war im Jahr 1928. Darin geht es um den Aufbau und Verschluss der Tür bei Kachelöfen. Übrigens: Als erste Norm überhaupt wurde im März 1918 die DIN 1 veröffentlicht. Diese legte die Maße von Kegelstiften fest, die im Maschinenbau verwendet werden. Sie war mehr als 84 Jahre lang gültig und wurde im Oktober 1992 durch die Europäische Norm DIN EN 22339 ersetzt.

Aufgebrüht: Eine der ungewöhnlichsten Normen ist die ISO 3103. Sie befasst sich mit der Frage, wie eine perfekte Tasse Tee zubereitet wird. Auf sechs Seiten werden Größe, Material und Form der Teekanne, Anteil des Wassers, Ziehzeit und das Einschenken der Milch definiert. Die erstmals 1980 veröffentlichte und 2019 überarbeitete ISO-Norm wurde 1999 mit einem "Ig-Nobelpreis" ausgezeichnet - gesprochen "ignoble", was übersetzt etwa "unehrenhaft" heißt. Damit wird jährlich an der Harvard-Universität kuriose Forschung geehrt.

Genormte Pizza: Die Europäische Union hat sogar die klassische Pizza genormt – genauer: die „Pizza Napoletana“ beziehungsweise die Pizza Margherita. Festgelegt sind unter anderem der Durchmesser (rund 35 Zentimeter), die Dicke des Bodens in der Mitte (etwa 0,4 Zentimeter, mit geringfügiger Toleranz) und die Höhe des Randes, der deutlich höher ausfallen darf als der Belagbereich. Auch Teigführung und Zutaten sind genau beschrieben: Ein einfacher Hefeteig aus Weizenmehl, Wasser, Salz und Hefe, lange Gehzeiten, dazu Tomaten, Mozzarella, etwas Olivenöl und Basilikum – alles möglichst originalgetreu neapolitanisch. So soll sichergestellt werden, dass eine „Pizza Napoletana“ überall in Europa ähnlich aussieht, schmeckt und sich in Konsistenz und Bräunung wiedererkennen lässt – ein Versuch, kulinarische Tradition mit recht trockener Normensprache einzufangen.

Wenn ein Tor fällt: Ausgerechnet an einem 1. April sollte ein Tor fallen, bevor das Fußballspiel startete. Bei Real Madrid gegen Borussia Dortmund in der Champions League brach das Eckige zusammen, obwohl das Runde noch gar nicht im Spiel war. Das war am 1. April 1998 um 20.44 Uhr, etwa 60 Sekunden vor dem eigentlichen Anpfiff. 76 Minuten lang dauerte es, bis ein Ersatztor installiert war. Der Vorfall bedeutete für Günther Jauch und Marcel Reif eine Sternstunde der Moderation, aber auch einen klaren Regelverstoß gegen die DIN EN 748. Denn diese europaweite Norm legt Anforderungen an die Standfestigkeit der Tore, die Stabilität der Querlatten, die Festigkeit der Fundamente und die Reißfestigkeit des Tornetzes fest.

Kondome nach Maß: Auch Kondome sind in Europa genau definiert, denn bei einem Medizinprodukt, das vor Schwangerschaft und sexuell übertragbaren Krankheiten schützen soll, darf nichts dem Zufall überlassen werden. Eine entsprechende Norm legt etwa eine Mindestlänge von rund 16 Zentimetern, bestimmte Durchmesser- und Wandstärkenbereiche sowie strenge Anforderungen an Reißfestigkeit und Dichtigkeit fest. Dahinter steckt ein klarer Sicherheitsgedanke: Das Material muss Belastungen im Alltagseinsatz standhalten, ohne zu reißen oder zu porös zu werden, zugleich darf es nicht so dick sein, dass es praktisch unbrauchbar wird. Interessant ist, dass viele handelsübliche Kondome diese Mindestmaße deutlich übertreffen – die Norm definiert also eher die Untergrenze dessen, was gerade noch als sicher gilt.

Prösterchen: Die ISO-Norm 3591 definiert seit 1977 die Herstellung eines Glases zur Weinverkostung. Die Norm definiert ein solches Weinglas als einen Becher, der als "längliches Ei" beschrieben wird. Dieses wird "von einem Stiel getragen, der auf einem Sockel ruht". Weiter heißt es, die Öffnung des Bechers sei "schmaler als der konvexe Teil, um das Bouquet zu konzentrieren". Daneben werden in der Norm weitere Eigenschaften beschrieben und Empfehlungen für die Verwendung gegeben.

Grillroste im Check: Selbst der Grillabend im Garten ist normiert: Eine europäische Norm für Holzkohlegrills legt unter anderem fest, wie weit die Stäbe des Grillrosts maximal auseinanderliegen dürfen. Der lichte Abstand ist so gewählt, dass Würstchen, Gemüsespieße oder kleinere Fleischstücke nicht einfach durchrutschen und in der Glut landen können. Darüber hinaus enthält die Norm Vorgaben zur Stabilität und Hitzebeständigkeit bestimmter Bauteile, damit Grills nicht umkippen oder Teile sich verformen. Was nach Bürokratie klingt, ist letztlich Verbraucherschutz: Normierte Maße sollen Unfälle verhindern – vom verbrannten Finger bis zum umstürzenden Grill.

Gut gebürstet: Wer dem Rat seines Zahnarztes folgt, profitiert mindestens zwei Mal täglich von ihr. Die Büschelauszugsprüfung sorgt dafür, dass jeder einzelne kleine Büschel einer Zahnbürste nach der internationalen Norm DIN EN ISO 20126 mindestens einer Kraft von 15 Newton widersteht. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Druckkraft in der gesamten Hand eines Mannes beträgt etwa 500 Newton. Dank der Norm sollen die Büschel im Bürstenkopf bleiben und nicht verschluckt werden. In der Praxis funktioniere das gut, heißt es beim Deutschen Institut für Normung. Denn bevor Borsten ausfallen, seien sie meist so verbogen, dass der Nutzer lieber zu einer neuen Zahnbürste greife.

Schnürsenkel auf dem Prüfstand: Dass auch Schnürsenkel genormt sind, wirkt zunächst wie ein Detail aus einer Satire – tatsächlich steckt dahinter die Frage nach Haltbarkeit und Sicherheit. Eine entsprechende Norm beschreibt Tests zur Scheuerbeständigkeit: Schnürsenkel werden definierten Reib- und Biegezyklen ausgesetzt, um sicherzustellen, dass sie nicht schon nach wenigen Schleifen reißen. Auch Materialeigenschaften, Verarbeitungsqualität und teilweise Farbbeständigkeit können darin eine Rolle spielen, je nach Anwendungsfall – vom Kinderschuh bis zum Arbeitsschutzstiefel. So sorgt eine eher unsichtbare Norm dafür, dass wir am Ende nicht mit gerissenen Senkeln vor einer Treppe oder auf der Baustelle stehen.

Im Gleichklang: Nicht alle Normen drehen sich um greifbare Dinge. Dank der ISO-Norm 16 wird der Besuch in einem Orchester in den meisten Fällen zu einer Wohltat für die Ohren. Wenn das jedoch nicht der Fall sein sollte, hat eventuell die Violinistin eine internationale Richtlinie nicht eingehalten. Die ISO-Norm 16 legt nämlich die Tonhöhe der Note A auf 440 Hertz fest. Stimmgabeln und elektronische Stimmgeräte werden auf diese Tonhöhe eingestellt.

Zeit in Ordnung: Die Norm ISO 8601 regelt, wie wir Daten und Zeiten international einheitlich schreiben – ein unscheinbarer Standard mit großer Wirkung. Sie legt etwa fest, dass ein Datum im Format Jahr‑Monat‑Tag dargestellt werden kann, also zum Beispiel „2026‑02‑08“, und definiert, dass eine Woche ein Zeitraum von sieben Tagen ist, der am Montag beginnt. Gerade im globalen Datenaustausch – von Flugbuchungen über wissenschaftliche Publikationen bis zur Softwareentwicklung – verhindert diese einheitliche Schreibweise Verwechslungen zwischen 02.08. und 08.02. Die Norm zeigt, wie tief solche Festlegungen in unseren Alltag hineinwirken, ohne dass wir es bewusst bemerken.

Die Norm der Normen: Auch für die Normen selbst gibt es eine Norm. Bei rund 34 000 DIN-Normen ist das keine Überraschung mehr. Die Richtlinie DIN 820-1 besagt, welche Kriterien bei der Normen-Vergabe eingehalten werden müssen. Unter "Allgemeine Grundsätze" heißt es: Die Normung soll der "Sicherheit von Menschen und Sachen sowie der Qualitätsverbesserung in allen Lebensbereichen" dienen und dürfe "nicht zu einem wirtschaftlichen Sondervorteil Einzelner führen".

sho / Marc Fleischmann, dpa