VG-Wort Pixel

Analyse von 60 Städten Studie zeigt: Jede Stadt hat ihren eigenen Mikroben-Mix

Frau durchläuft eine Schrank der Metro
Ticket-Verkaufsstellen, Drehkreuze, Geländer und Sitze - an all diesen Orten sammelten Forschende Proben
© anarociogf - Shutterstock
Berlin, Kuala Lumpur oder Bogota - zwischen diesen Städten liegen in vielerlei Hinsicht Welten. Wissenschaftler fügen einen weiteren Aspekt hinzu: Sie können Städte allein anhand der dort vorkommenden Mikroben unterscheiden.

Städte in verschiedenen Ländern der Welt haben eine eigene, ziemlich charakteristische Zusammensetzung von Bakterien, Viren und anderen Mikroben. Das berichtet ein internationales Forscherteam nach der Analyse der mikrobiellen Signaturen von 60 Städten weltweit.

"Wenn Sie mir Ihren Schuh geben würden, könnte ich Ihnen mit 90-prozentiger Genauigkeit sagen, aus welcher Stadt der Welt Sie kommen", sagt Christopher Mason von Weill Cornell Medicine in New York. Die Forscher stellen ihre Untersuchung im Fachmagazin "Cell" vor.

Forscher werteten über 4700 Proben aus dem Nahverkehr aus

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten. Die Menschen kommen dort mit anderen Mikroben in Berührung als in ländlichen Gegenden, schreiben die Wissenschaftler. Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Mikroben beeinflusse auch die Gesundheit wie zum Beispiel die Zunahme von Allergien in modernen Gesellschaften nahelege. Trotzdem wisse man noch sehr wenig über die Zusammensetzung des urbanen Mikrobioms - der Gesamtheit der Mikroben in einer Stadt. Weitgehend unklar sei etwa, wodurch es beeinflusst werde und wie es andersherum die menschliche Gesundheit beeinflusse.

Um das zu ändern, sammelten die Wissenschaftler mehr als 4700 Proben aus dem öffentlichen Personennahverkehr in 60 Städten von sechs Kontinenten. Nach einem einheitlichen Verfahren wischten sie Oberflächen von Ticket-Verkaufsstellen, Drehkreuzen, Geländern oder Sitzen ab. Im Labor suchten die Forscher dann nach genetischen Kennzeichen von Mikroben, also von Bakterien, Viren und Archaea (bakterienähnliche Einzeller).

Insgesamt konnten sie 4246 Arten identifizieren. 31 davon tauchten in 97 Prozent der Proben auf, sie waren also quasi weltweit heimisch. Die Mikrobengemeinschaften einzelner Städte wiesen darüber hinaus charakteristische Merkmale auf. Die Unterschiede seien unter anderem auf das Klima oder geografische Besonderheiten wie die Höhenlage zurückzuführen, schreiben die Forscher. In der Nähe des Äquators war die Vielfalt in den Proben besonders groß. Die Forscher fanden Hinweise auf zahlreiche weitere Arten von Mikroben, die noch nicht wissenschaftlich beschrieben sind.

Bakteriengemeinschaften können Hinweise zu Krankheitsausbrüchen liefern

Etliche der identifizierten Bakterien stammten aus Bakteriengruppen, die im Zusammenhang mit Krankheiten des Menschen eine Rolle spielen, etwa Staphylokokken, Streptokokken und Enterobacter, schreiben die Wissenschaftler weiter. Hinweise darauf, dass das urbane Mikrobiom krankmachende Eigenschaften besitze, gebe es aber nicht.

Nichtsdestotrotz könnten regelmäßige Untersuchungen der Bakteriengemeinschaften in Städten dabei helfen, Krankheitsausbrüche zu erkennen, problematische Arten zu überwachen und Risiken abzuschätzen. Dies wiederum ermögliche datengesteuerte, politische und medizinische Entscheidungen in Städten auf der ganzen Welt. Künftige Untersuchungen sollten aus diesem Grund nicht nur DNA-, sondern auch RNA-Viren einbeziehen, zu denen etwas Sars-CoV-2 gehört.

In den gesammelten bakteriellen Gensequenzen suchten die Wissenschaftler auch nach Kennzeichen von Antibiotika-Resistenzen. Solche Resistenz-Gene waren verbreitet zu finden, unterschieden sich von Stadt zu Stadt allerdings erheblich. Am wenigsten Antibiotika-Resistenzen fanden sie in Proben aus Ozeanien und dem Mittleren Osten.

Anja Garms, dpa

Mehr zum Thema