VG-Wort Pixel

Infektionswelle bei Kindern RS-Virus: Antworten auf die häufigsten Fragen

Mutter mit Kind im Kinderkrankenhaus
Bis zu seinem zweiten Geburtstag hat beinahe jedes Kind in Deutschland eine erste RSV-Infektion durchgemacht
© AnnaStills - Adobe Stock
Das Respiratorische Syncytial-Virus, kurz RS-Virus, sorgt bei Säuglingen und Kindern für Erkrankungen der Atemwege. Die Fallzahlen sind aktuell hoch, in Nordrhein-Westfalen melden Kinderkliniken bereits Platzprobleme. Wir geben Antworten auf häufig gestellte Fragen zum RS-Virus und klären über Risiken auf

Inhaltsverzeichnis

Mehrere Infekte pro Jahr - bei Kindern ist das erstmal nichts Ungewöhnliches. Doch in der Pandemie mit Homeschooling und zeitweise geschlossenen Kitas, mit Masken, Kontaktbeschränkungen und Abstandsregelungen wurde nicht nur das Coronavirus zurückgedrängt: Auch eine Reihe anderer Krankheiten trat seltener auf als üblich. Das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin verzeichnete etwa sehr niedrige Zahlen anderer akuter Atemwegsinfektionen.

Mit weitgehenden Lockerungen der Corona-Maßnahmen und einer Aufhebung der Kontaktbeschränkungen hat sich die Situation in Deutschland nun geändert. Nach Zahlen des RKI wurden bereits Mitte September doppelt so viele Babys und Kleinkinder mit schweren Atemwegsinfektionen ins Krankenhaus eingeliefert wie zum gleichen Zeitpunkt vor der Pandemie.

Zuletzt gingen zwei Drittel der Fälle auf das Respiratorische Synzytial-Virus, kurz RS-Virus oder RSV, zurück. Betroffen seien vor allem Säuglinge und Kleinkinder, die unter schweren bronchialen Infekten leiden. Kinderkliniken aus Nordrhein-Westfalen melden infolge der Infektionswelle bereits Platz- und Personalprobleme.

Im Osten Deutschlands ist die Lage ähnlich. "Wir haben innerhalb von wenigen Tagen mehr Kinder mit RS-Virus aufgenommen, als in 18 Monaten Pandemie Kinder mit Covid-19-Erkrankung", sagte der Kinder- und Jugendmediziner Professor Reinhard Berner vom Uniklinikum Dresden gegenüber der Deutschen Presseagentur. Kinderärztinnen und Kinderärzte hatten dieses Szenario vor einigen Monaten vorhergesagt.

Dass momentan außerordentlich viele Babys und Kleinkinder erkranken, liegt aber nicht daran, dass das Immunsystem von Kindern während der Coronapandemie allgemein schlechter geworden ist. Vielmehr liegt die aktuelle Infektionswelle wohl an einer Art Nachholeffekt. Die Geburtenjahrgänge der Jahre 2020 und 2021 scheinen gleichzeitig ihre erste RSV-Infektion durchzumachen. Gerade der erste Infekt mit dem RS-Virus ist meist der schwerste, weshalb viele erkrankte Kinder stationär aufgenommen werden müssen.

Hinzu kommt, dass das Immunsystem vieler Menschen sich aktuell in einer Art Trainingsrückstand befindet, weil der Körper während der langen Kontaktbeschränkungen schlicht keine Möglichkeit hatte, die eigenen Abwehrkräfte durch den Kontakt mit verschiedenen Erregern zu trainieren.

Was ist das Respiratorische Syncytial-Virus?

Das Respiratorische Synzytial-Virus, kurz RS-Virus oder RSV, ist ein weltweit verbreiteter Erreger von akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege. Es äußert sich meist durch typische Erkältungsysmptome wie Husten, Schnupfen, Halsschmerzen und Fieber.

Das RS-Virus ist einer der bedeutendsten Erreger von Atemwegsinfektionen bei Säuglingen, insbesondere Frühgeborenen und Kleinkindern. Bis zum Ende des zweiten Lebensjahres hat sich nahezu jedes Kind in Deutschland einmal mit RSV infiziert.

Wie wird das RS-Virus übertragen?

Das Respiratorische Syncytial-Virus wird meist durch Tröpfcheninfektion, also wenn eine erkrankte Person beispielsweise niest oder hustet,  oder über kontaminierte  Hände und die Berührung mit dem Erreger verunreinigter Oberflächen übertragen. Nach Angaben des RKI kann das RS-Virus auf Kunststoffoberflächen mehrere Stunden lang überleben, auf Papierhandtüchern etwa eine Dreiviertelstunde und auf Händen gut 20 Minuten.

Wie ansteckend ist das RS-Virus?

In der Regel treten RSV-Infektionen zyklisch auf, die Inzidenz ist in Mitteleuropa zwischen November und April am höchsten. Humanes RSV vermehrt sich nur im Menschen und kann auch nur von Mensch zu Mensch übertragen werden.

Die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen der Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit, beträgt zwei bis acht, im Durchschnitt fünf Tage. Allerdings können Betroffene schon einen Tag nach der Infektion und noch vor Beginn der ersten Symptome Viren ausscheiden und damit andere anstecken.

Infizierte Personen mit einem gesundem Immunsystem sind in der Regel zwischen drei und acht Tage lang ansteckend. Früh- und Neugeborene sowie Patienten mit geschwächtem oder unterdrücktem Immunsystem können das Virus über mehrere Wochen ausscheiden. Eine einmal überstandene Infektion schützt Genesene nicht automatisch vor weiteren Infektionen. Der Körper baut also keine langfristige Immunität auf, meldet das Uniklinikum Heidelberg.

Ist das RS-Virus gefährlich?

Während ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei einer Infektion mit dem RS-Virus in den meisten Fällen nur allgemeine Erkältungssymptome oder gar keine Symptome zeigen, kommt es bei Säuglingen und Kleinkindern häufig zu einer akuten Bronchitis, teilweise auch zu einer Lungenentzündung. Bei frühgeborenen oder vorerkrankten Kindern können schwerwiegende Krankheitsverläufe Fieber und Atemnot auslösen. In schlimmen Fällen müssen Kinder sogar beatmet werden.

Allgemein gilt: Je jünger das Kind, desto eher kann die Erkrankung einen schweren Verlauf annehmen. Jakob Maske, Bundespressesprecher vom Berufsverband der Kinderärzte, erklärt: "Bei Säuglingen in den ersten drei Lebensmonaten sind die Atemwege noch so klein, dass die entstehende Entzündung der auch sehr kleinen Bronchen, die sogenannte Bronchiolitis, schneller zu einer Ateminsuffizienz führt."

Ist das RS-Virus für Babys und Kleinkinder gefährlicher als das Coronavirus?

Diese Frage ist nicht einfach zu lösen. Jakob Maske, Bundespressesprecher vom Berufsverband der Kinderärzte, erklärt es so: "Das ist schwierig zu beantworten. Ich würde aber eher mit "ja" antworten. Denn das RS-Virus führt direkt wohl zu mehr Todesfällen und schweren Verläufen als das Coronavirus. Allerdings sehen wir weniger sekundäre Folgen. Hier meine ich vor allem die Schäden, die durch Lockdown-Maßnahmen bei den Kindern entstehen."

Welche Risikogruppen gibt es?

Risikogruppen, die schwer an einer RSV-Infektion erkranken können, sind Frühgeborene, Kinder mit pulmonalen Vorerkrankungen (z.B. neurologische und muskuläre Erkrankungen) und Kinder mit Herzfehlern mit vermehrter Lungendurchblutung. Außerdem Erwachsene mit kardialen oder pulmonalen Vorerkrankungen.

Besonders gefährdet sind auch Empfänger hämapoetischer Zelltransplantate, Empfänger von Organtransplantaten sowie Personen mit einem stark geschwächtem Immunsystem.

Lässt sich eine Infektion mit dem RS-Virus von einer Infektion mit dem Coronavirus unterscheiden?

Eine durch das RS-Virus ausgelöste Erkrankung lässt sich nicht einfach von anderen viralen Erkrankungen der Atemwege unterscheiden - auch nicht von Corona. RS-Viren ähneln in Saisonalität und Symptomatik der Influenza. Gewissheit kann daher nur ein spezieller Test geben.

Wie lässt sich einer Infektion vorbeugen?

Die beste Vorsorge gegen RS-Viren ist eine sorgfältige Hygiene. Eltern sollten Babys unter sechs Monaten außerdem von erkälteten Personen fernhalten, empfiehlt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

Gibt es ein Mittel gegen das Virus?

Da es sich um eine Viruserkrankung handelt, helfen keine Antibiotika. Einen Impfstoff gegen RS-Viren gibt es derzeit nicht. Für Kinder mit Risikofaktoren gibt es allerdings eine passive Impfung, die fertige Antikörper gegen das RS-Virus enthält.

Eine Erkrankung lässt sich daher nur symptomatisch behandeln. Erkrankte sollten reichlich trinken. Nasensprays, Hustensaft und schleimlösende Mittel können ebenfalls hilfreich sein. Auch Fiebersenker können Symptome lindern. Beim Schlafen kann ein erhöhtes Kissen das Atmen erleichtern. In der Regel klingt die Infektion dann von selbst wieder ab.

Ab wann sollten Eltern mit ihren Kindern eine Arztpraxis oder Klinik aufsuchen?

Für die klassischen Kita- und Schulkinder löst der RS-Virus in der Regel einen harmlosen Erkältungsinfekt aus. Hier lässt sich eine Infektion gut mit den üblichen Mitteln behandeln. Anders sieht es bei Säuglingen aus. Kinderarzt Jakob Maske rät: "Gerade in den ersten drei Lebensmonaten sollten Eltern ihre Kinder bei zunehmendem Husten, Atemnot, Fieber, Schlappheit oder Trinkunlust umgehend vorstellen."

Auch wenn die Kinder Probleme mit dem Atmen haben und aufgrund der Luftnot panisch oder sehr unruhig werden, sollten Eltern mit ihnen in die Arztpraxis fahren. Oder "wenn die Atmung die Babys beispielsweise so sehr anstrengt, dass sie nicht mehr richtig trinken", ergänzt Kinder- und Jugendmediziner Reinhard Berner vom Uniklinikum Dresden.

mit dpa

Neu in Wissen